9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Kulturmarkt

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.08.2026 - Kulturmarkt

Gedruckte Bücher sind - außer es geht um "destruktives Scannen" - nicht mehr so en vogue. Aber Hörbücher boomen. Ja, das beinhaltet auch eine Komplexitätsreduktion, erläutert der Literaturwissenschaftler Günther Stocker im Gespräch mit Barbara Vorsamer von der SZ: "Ein schwedischer Kollege, Karl Berglund, hat dazu eine große Studie gemacht. Er verglich die Bestsellerlisten von Hörbüchern und gedruckten Büchern in Schweden - und sie überschnitten sich kaum. Nicht mal ein Viertel war identisch. Die Hörbuch-Bestseller hatten kürzere Texte, mehr direkte Rede, mehr Dialoge, sehr handlungsgetrieben. Die gedruckten Bestseller waren dagegen lexikalisch vielfältiger, syntaktisch komplexer, mit längeren Sätzen und komplexen Satzgefügen. Unsere Fokusgruppen-Interviews bestätigen das. Anspruchsvolle Literatur wird nicht so gerne gehört." Allzu einfach darf man es sich aber nicht machen, so Stocker, denn wer viele Hörbücher hört, liest in der Regel auch viel.
Stichwörter: Hörbücher

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 - Kulturmarkt

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Auf Zeit Online blickt der Literaturwissenschaftler Steffen Martus mit Hilfe von Buchwissenschaftlerin Laura McGraths Buch "Middlemen - Literary Agents and the Making of American Fiction" (bisher nicht auf Deutsch erhältlich, hier in Englisch) auf die Spezies der Literaturagenten. Sie sind es, die an zustandegekommenen Vertragsabschlüssen nochmal ordentlich mitverdienen. "Vorschüsse sind das wesentliche Verhandlungsobjekt von Literaturagenturen. Sie steigen derzeit für einige wenige Autoren - Caroline Wahl soll für ihren letzten Roman einen Vorschuss in Millionenhöhe erhalten haben. Der Wettbewerb wird in Zeiten schwindender Buchkäufer härter. Verlagstreue versteht sich nicht von selbst. Entscheidend ist: Mit einem lukrativen Vorschuss verpflichtet sich ein Verlag auf weitere Investitionen, um die Erfolgsprognosen auch wahr werden zu lassen. Ziel ist ein Dominoeffekt. Hohe Vorschüsse generieren idealerweise hohes verlegerisches Engagement; die Werbemaßnahmen sorgen für Aufmerksamkeit; dieser Erfolg weckt das Interesse ausländischer Verlage; und am Ende wartet die Verfilmung."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2026 - Kulturmarkt

Zu den traurigsten Artikeln gehören solche, in denen Gelehrte erzählen, wie sie ihre Bibliothek auflösen. Diesmal ist in der (auch nur virtuellen) Tiefdruckbeilage der FAZ der Historiker Valentin Groebner dran: "'Schöne Bücher', hatte der Antiquar auf meine Anfrage geantwortet, 'interessieren mich immer.' Er kam morgens in mein Büro zu Besuch, ein freundlicher älterer Herr mit scharfem, schnellem Auge. Zu meinen vielen dicken Bänden zur Schweizer Geschichte zuckte er nur die Schultern. 'Will niemand', sagt er knapp, 'habe ich schon.' Englisch lese seine Kundschaft nicht, für Wissenschaftsgeschichte interessierten die sich auch nicht; sehr wohl aber für die schönen Bücher, es müsse nicht unbedingt Geschichte sein, auch über Architektur, Theorie, Gegenwartsliteratur und Lyrik in gut erhaltenen Taschenbuchausgaben. Am Schluss packte er vierzehn große Papiertüten voll - '250, okay?' Ich nickte ergeben. Wahrscheinlich hätte ich 300 sagen sollen, aber ich war irgendwie eingeschüchtert von so viel rasantem professionellen Geschäftssinn." Es dürfte sich immerhin um Schweizer Franken handeln.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.07.2026 - Kulturmarkt

Über den Steidl-Verlag ist ein vorläufiges Insolvenzverfahren eröffnet worden, meldet Monopol mit dpa. Steidl ist für seine hochwertigen Fotobücher bekannt und hält die Rechte an Günter Grass. "Vorläufiger Insolvenzverwalter ist der Braunschweiger Rechtsanwalt Stefan Liese, nach Auskunft von dessen Büro geht es unter anderem um unbezahlte Sozialabgaben. Nach den Worten des Göttinger Arbeitsrechtlers Sascha John, der nach eigenen Angaben den Großteil der Steidl-Mitarbeiter vertritt, sind noch mehrere Klagen offen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.07.2026 - Kulturmarkt

Uwe Ebbinghaus kommt in der FAZ auf die besorgniserregenden Zahlen zum Büchermarkt zurück - Kinder und Jugendliche lesen immer weniger (unser Resümee). Dann muss eben mehr Leseförderung sein, so Ebbinghaus. Unverständlich sei "die Entscheidung des Bildungs- und Familienministeriums, das klug gestrickte Programm 'Lesestart 1-2-3' zum Ende des Jahres auslaufen zu lassen. Dieses sorgte dafür, dass jedes Kleinkind bei ärztlichen Vorsorgeuntersuchungen ein Buchgeschenk erhielt. Es stärkte die entscheidende frühkindliche Bildung durch Vorleseimpulse, die in einer beiliegenden Broschüre noch vertieft wurden. Denn natürlich haben auch Eltern einen Einfluss darauf, dass Jugendliche den Bezug zum gedruckten Buch und das mit ihm verbundene vertiefte Lesen verlieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.07.2026 - Kulturmarkt

Die jüngsten Statistiken des Börsenvereins zum Buchmarkt sind alarmierend, kommentiert Felix Stephan in der SZ, besonders, was junge Leser anbelangt: "Die Zahl der Buchkäufer zwischen zehn und 15 Jahren ist 2025 innerhalb nur eines einzigen Jahres um 30,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen. In der Altersgruppe der 20- bis 29-Jährigen sind es fast zwanzig Prozent. Der Börsenverein verknüpft diesen Einbruch mit einer Entwicklung, die Studien lange belegen: Die Lesekompetenz von Kindern im Grundschulalter nimmt in Deutschland seit Jahren rasant ab. Ein Viertel der Kinder erreicht in seiner Grundschulzeit keine ausreichende Lesekompetenz."

Alle Zahlen des Börsenvereins finden sich auf dieser Seite. Starker Rückgang auch bei den Neuerscheinungen: 9,8 Prozent. Der Gesamtumsatz ist um 2,7 Prozent gesunken.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.06.2026 - Kulturmarkt

Der Verlag C.H. Beck übernimmt große Anteile an dtv, gut 40 Prozent. Sie waren im Besitz der Ganske Gruppe, zu der etwa Hoffmann & Campe gehört. Der Konzentrationsprozess in der Branche geht also weiter, kommentiert Tania Martini in der FAZ. "Vor allem kleine und mittelgroße Verlage kämpfen immer stärker um eine Platzierung in den großen Sortimentsketten, die den Verlagen gegenüber eine starke Machtstellung haben. Im Onlinehandel und auf Plattformen entscheidet verstärkt der Algorithmus über Sichtbarkeit; gestiegene Produktions- und Transportkosten tun ihr Übriges. Auch ein wirtschaftlich starker Verlag wie C.H. Beck steht durch Konzerne wie Bonnier, Penguin Random House und Holtzbrinck unter Druck."

Zur Debatte um Vorschüsse für Bücher und eine angebliche Kommerzialisierung des Literaturbetriebs wendet der Amerikanist Günter Leypoldt ebenfalls in der FAZ ein, dass es eigentlich noch nie anders war: "Anspruchsvolle Literatur, die nicht zufällig durch Preise oder andere Aufmerksamkeitsmechanismen sichtbar wird, lässt sich fast nie allein durch Buchverkäufe finanzieren. Sie ist auf mehr oder weniger anstrengende Mischkalkulationen angewiesen."

In der virtuellen Tiefdruckbeilage der FAZ fragt Mikhail Ilchenko, ob in Russland überhaupt noch kritische Bücher möglich sind - meist nur über Umwege, etwa indem man Bücher im Ausland, aber auf russisch erscheinen lässt, erzählt er. "Obwohl es kein formelles Verbot gibt, ist das Thema 'politische Repressionen' für russische Verlage zu einem Risiko geworden. Die zahlreichen Kontrollen und Einschränkungen, die den Buchmarkt in Russland jüngst erschütterten, haben gezeigt, dass es derzeit keine klaren Spielregeln in diesem Bereich gibt. Die Unklarheit darüber, was zulässig ist und was nicht, hält die gesamte Buchbranche in Atem und zwingt die Verlage zur Selbstzensur."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 19.06.2026 - Kulturmarkt

Mara Delius kommentiert in der Welt nochmal den gerade verkündeten Umzug des S. Fischer Verlags nach Berlin. Das sei vor allem ein Schlag für Frankfurt, "den auch der Satz aus dem Baukasten der Managersprache 'Unsere Entscheidung für Berlin ist keine Entscheidung gegen Frankfurt' nicht kaschieren kann. Frankfurt hat über Jahrzehnte von seinem Ruf als Hauptstadt des Buches profitiert - der nicht allein auf der weltweit größten Buchmesse oder auf Goethe-Geburtsstadt-Folklore beruhte, sondern auf der Tatsache, dass schwergewichtige Verlage in der Stadt ansässig waren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 17.06.2026 - Kulturmarkt

Der S. Fischer Verlag zieht von Frankfurt nach Berlin - das erfuhren die Mitarbeiter gestern auf einer Betriebsversammlung. Mit Sparen hat das nichts zu tun, beteuert im Interview mit der FAZ Verlagsleiter Oliver Vogel. Es gehe mehr um Atmosphärisches, das Gefühl, in Berlin besser für die kommenden Umbrüche auf dem Buchmarkt vorbereitet zu sein, was Vogel in der vor vier Jahren gegründete Dependance in der Berliner Rosenstraße gelernt hat: "In einer Zeit von mobiler Arbeit, in der nicht alle jeden Tag im Büro sind, sind Verlagsräume nicht mehr bloß ein Arbeitsplatz, sondern in unserer Vorstellung auch ein Begegnungsort - für uns mit unseren Autorinnen, aber auch für unsere Autorinnen mit dem Literaturbetrieb und mit Leserinnen. Und darüber hinaus ist das Berliner Büro auch ein Veranstaltungsort geworden. Die Rosenstraße hat das Netzwerk im Kulturleben verbessert. Wir sind da und spüren das. Wir haben dort inzwischen bestimmt dreißig Veranstaltungen für Presse und Buchhandel gemacht. Unser Theaterverlag hatte große Veranstaltungen mit seinen Autorinnen und Dramaturgen und Regisseurinnen dort. Vor ein paar Wochen haben sich an einem Wochenende dreißig russische Autoren in unserem Konferenzraum getroffen, der dafür eigentlich viel zu klein ist, und den 'PEN Sprachen Russlands' gegründet. Das Verlagsgeschäft beruht auf Begegnungen und Gesprächen, da schafft die Präsenz in Berlin Möglichkeiten."

Nach Suhrkamp jetzt S. Fischer - der Verlust für Frankfurt ist "unbeschreiblich", klagt in der FAZ Andreas Platthaus. Dabei ist es die viel geschäftigere Stadt! "Aber sie leidet unter dem Ruf als Traditionshauptstadt der Buchbranche. Und hier kommt die Verantwortung von Frankfurt selbst zum Tragen. Besonders ernsthaft wurde S. Fischers Abwanderungsüberlegungen offenbar nicht entgegengearbeitet. So verliert sie hundert Verlagsarbeitsplätze. Und an einem Konzept, das den Status einer Buchstadt auf anderes basiert hätte als das, was schon seit Jahrzehnten da ist, fehlt es gleich ganz."

Nicht so tragisch findet Michael Hesse den Umzug in der FR: "Frankfurt unterdessen verfügt nach wie vor über eine lebendige Anzahl an Verlagen, wie man mit Blick auf Schöffling & Co., Klostermann, Campus, Büchergilde oder Frankfurter Verlagsanstalt sagen kann. Fischer will in der Stadt neue Räume suchen, die auch repräsentativen Zwecken dienen und Platz für Veranstaltungen bieten. Das bisher genutzte Gebäude in der Hedderichstraße befindet sich nicht im Eigentum des Verlags und wäre ohnehin umfassend sanierungsbedürftig. Unabhängig von der Verlagerung nach Berlin hätte sich S. Fischer daher auch in Frankfurt nach neuen Räumen umsehen müssen."

Die deutsche Buchbranche, "wie sie jahrzehntelang zuverlässig funktioniert hat, exisitert in ihrer alten Form heute nur noch in Spurenelementen", kommentiert Felix Stephan den Umzug in der SZ: "Lange haben Verlage Schriftsteller aufgebaut und ihre Romane und Gedichtbände veröffentlicht, die daraufhin in den Feuilletons der Print-Zeitungen besprochen und von informierten unabhängigen Buchhändlern ihren Kunden empfohlen wurden. Diese Infrastruktur ist in den vergangenen Jahren rasant geschrumpft, nur noch zwanzig Prozent seiner Bücher verkauft S. Fischer heute über den stationären Buchhandel. Das Gros aber läuft über den Quasimonopolisten Thalia und digitale Vertriebswege, Community-Marketing und direkte Zielgruppenansprache in den sozialen Medien."

In der Zeit macht sich Götz Hamann Sorgen. "Rechte" Autoren wie Ulf Poschardt, Pauline Voss und Julian Reichelt besetzen die Bestsellerlisten - wo sie dann in der Regel allerdings die kulturelle Hegemonie der "Linken" beklagen. All diese Autoren verdanken ihr Karacho den sozialen Medien, so Hamann, aber dennoch, es handelt sich nicht einfach um recycelte Tweets: "Die Erfolge in den Bestsellerlisten, zumal über mehrere Wochen hinweg, sind real, getragen von Leserinnen und Lesern, die eine Erklärung für ihr eigenes Leiden an der Gegenwart suchen. Bestsellerlisten bilden vielleicht keine politischen Mehrheiten ab, sind aber als politischer Ideenwettbewerb zu verstehen. Und hier sticht der gegenwärtige Mangel an frischen liberalen oder progressiven Ideen mit Bestsellerpotenzial deutlich ins Auge. Wenn linke Soziologen wie Hartmut Rosa oder Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey einen Mangel an Zukunftserzählungen beklagen, dann findet sich ein Beleg dafür in ebendiesen Leerstellen. Und so breiten sich die antilinken Mahner und Warner in diesen Monaten ziemlich ungehindert aus."

Außerdem: Auch der Journalist Jan Fleischhauer teilt in seinem neuen Buch kräftig gegen die Linke aus. Im NZZ-Interview kritisiert er aber auch neue rechte Formate wie Nius. Dort beginne "jeder Tag mit dem Untergang Deutschlands, und von da geht es nur noch abwärts. Deutschland geht jeden Tag mehr unter. Diese Begeisterung für die Apokalypse kenne ich sonst nur von in der Wolle gefärbten Linken."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.05.2026 - Kulturmarkt

Eine Podiumsdiskussion auf der re:publica zwischen Hanno Sauer und Mareike Kaiser hat eine Debatte über Vorschüsse in der Buchbranche ausgelöst (unser Resümee). Der Buchmarkt hat sich in den letzten Jahren stark verändert, das Segment des gut Verkäuflichen wird immer schmaler, während "andere Nischen in der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie" - wie literarisch Anspruchsvolles - "schwer zu bewirtschaften sind", erklärt Marie Schmidt in der SZ. "Von sensationellen Rechteauktionen hört man besonders oft, wenn es um Romane geht, die gleichzeitig als niveauvolle Literatur durchgehen, aber auch als Unterhaltungsstoffe verkäuflich sind. Den 'Sweet Spot' nennt Felicitas von Lovenberg das Revier dieser zauberhaften Zwischenwesen. Die Verlegerin des Piper-Verlages hat sich mit 'Eine Frage der Chemie', dem Debüt der US-Autorin Bonnie Garmus, 2022 ein paradigmatisches Exemplar ins Haus geholt hat. Caroline Wahls '22 Bahnen' wäre ein deutsches Beispiel." Mittlerweile würden "alle Verlage, auch die, die sich ihren Namen mit Hochliteratur gemacht haben, solche Bücher im Programm haben wollen. Man könnte auch sagen: müssen. Denn die Sweet-Spot-Literatur ist eines der wenigen Segmente des Buchmarktes, in denen man noch einigermaßen sicher mit hohen Verkäufen rechnen kann", die dann andere Titel quer subventionieren sollen.