11.08.2026. Nikita Teryoshin, in Deutschland aufgewachsen, ist ein Fotograf, der Macht fotografieren kann. Aus der Menge des unbedingt sehenswerten Fotomaterials in seinem Buch "Game of Chairs" ragen die Porträts von Friedrich Merz heraus, in denen man rückblickend schon den unpopulärsten Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik zu erkennen glaubt.
Nikita Teryoshin wurde 1986 in Sankt Petersburg (ehemals Leningrad) geboren.
Als er dreizehn Jahre alt war, wanderte die Familie nach Deutschland aus und ließ sich in Dortmund nieder. In einer wunderbar lakonischen, autobiografischen Skizze in seinem neuen Buch "Game of Chairs" beschreibt er seinen Auftritt am Dortmunder Gymnasium so: "Kein Applaus. Ich war arm, die anderen reich. Bei uns gab es Waschbeton, bei ihnen Vorgärten. Im Unterricht lachten sie über Plattenbauten und Problemviertel. Ich lachte nicht mit. Da, wo ich herkam, waren Plattenbauten normal. Probleme auch." Der Vater war Maler und Bühnenbildner beim Fernsehen und am Theater, die Mutter Zeitungsredakteurin, beide mit Abschlüssen, die in Deutschland nicht anerkannt wurden. Dementsprechend schwierig verlief der Start ins neue Leben.
Auffällig viele Familien von Teryoshins Klassenkameraden hatten einen parteipolitischen Hintergrund, meist CDU und SPD. "Die Eltern kandidierten, die Großeltern regierten." Manche Lehrer stellten ihre politische Präferenz demonstrativ zur Schau. Teryoshin ist bis heute davon überzeugt, dass sein CDU-Kugelschreiber ihm bessere Noten bescherte, als er sie eigentlich verdient hatte. Während seine Mitschüler ein Jura-, Maschinenbau- oder Medizinstudium anstrebten, entschied sich der zwanzigjährige Nikita für die Fotografie - eine Wahl, für die man ihm "eine Karriere an der Kasse bei Aldi" prophezeite.
In seiner Abschlussarbeit an der Dortmunder Fachhochschule dokumentiert er das ausschließlich auf den unmittelbaren Nutzen für den Menschen reduzierte Dasein von Milchkühen. Danach beginnt er an Langzeitprojekten zu arbeiten, die bis heute nicht abgeschlossen sind. "Life Sentence" setzt bei der Arbeit über die Milchkühe an und weitet sie auf Tiere in den Zoos aller Welt aus. Es entstehen regelrecht deprimierende Bilder, die vom degenerierten Verhältnis des Menschen zu seinen Mitgeschöpfen und seiner natürlichen Umgebung erzählen.
In "Nothing Personal: The Back Office of War" zeigt sich jener trockene, perfide Humor, für den Teryoshin seither berühmt ist, und der klar macht, warum er Martin Parr als eins seiner Vorbilder nennt. Auf internationalen, für den Publikumsverkehr geschlossenen Waffenmessen, gelingen ihm Fotos eines Milliardengeschäfts, die eine freudige Erregung wie beim VIP-Dinner nach einer begeisternden Opernaufführung einfangen, bei dem zu noblem Wein und Fingerfood Maschinenpistolen und Drohnen serviert, und die ganz großen Geschäfte bei Cognac und Zigarren in separaten Lounges verhandelt werden. Wenn ein gepanzerter Jeep wie ein Sportwagen auf einem roten Teppich inszeniert wird, wird der Krieg zur Show.
Gleichzeitig erscheint die Szenerie wie ein gigantischer Spielplatz für (überwiegend männliche) Erwachsene - nur, dass diese Spiele, anders als auf der Playstation, zu realen Toten, realem Schmerz und Leid führen. Etwas, mit dem das anwesende Publikum mit hoher Wahrscheinlichkeit nie persönlich konfrontiert wird, und das im Nachrichtenstrom alltäglicher Horrormeldungen vorüberrauscht.
2016 begegnet Teryoshin auf dem CDU-Bundesparteitag Menschen, die ihm wie die Eltern seiner einstigen Klassenkameraden vorkommen. "Dieselben Anzüge, dieselbe Körpersprache." Er leuchtet diese Inszenierungen genauso unbarmherzig aus wie die Waffenmessen, wobei das ungleich biedere, deutsche Setting Teryoshins Humor etwas von seiner Aggressivität nimmt (die die aufwändig verschleierte Aggressivität des Geschehens in Wahrheit nur spiegelt), ihr etwas Leichtfüßiges verleiht, das in seinen besten Momenten nicht nur an Martin Parr, sondern auch an Loriot oder Gerhard Polt denken lässt. Teryoshi bedient sich bei all dem eines starken Blitzes sowie ungewöhnlicher Blickwinkel und Bildausschnitte, die auf den Fotografen Wolfgang Zurborn als weiteren Einfluss verweisen.
Ein entscheidender Unterschied zu "Nothing Personal" besteht jedoch darin, dass Teryoshin die Gesichter der abgebildeten Politiker und Politikerinnen zeigt. Bei den Waffenmessen diente dieses Stilmittel dazu die große Anonymität, das geradezu Geheimbündlerische dieser Veranstaltungen, von denen so gut wie niemand etwas mitbekommt, zu veranschaulichen. In "Game of Chairs" werden Angela Merkel oder Olaf Scholz bewusst ins Visier genommen.
Aus der Menge des unbedingt sehenswerten Fotomaterials ragen die Porträts von Friedrich Merz heraus, in denen man rückblickend schon den unpopulärsten Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik zu erkennen glaubt. Einmal steht er raumgreifend da, das Gesicht jedoch von einem großen Schatten verdeckt. Ein anderes Mal bildet, von weit unten aufgenommen, Merz' winziger Kopf den verschwindenden Endpunkt eines in die Länge gezogenen, weißen Stehpults, auf dem CDU steht - inzwischen eines der meist verbreiteten Fotos von Merz auf Social Media.
Eine Besonderheit des Buches liegt darin, dass es auch jene ins Bild rückt, deren Arbeit das Ganze erst möglich macht - das Making-Of, das Teryoshin schon fasziniert hat, wenn er das Atelier seines Vaters besucht und gesehen hat, was es an großen und kleinen Dingen braucht, um ein kreatives Werk zu schaffen. Auf den Parteitagen widmet er sich dementsprechend auch jenen, die für gewöhnlich unsichtbar und ungenannt bleiben: Techniker, Bühnenarbeiterinnen, Beleuchter, Saalwärterinnen und nicht zuletzt die Journalisten und Journalistinnen, die, wenn nötig, für das optimale Foto auch mal vor Angela Merkel in die Knie gehen, die wiederum das ganze Theater gewohnt beiläufig und gelassen über sich ergehen lässt.
Anfangs mit Argwohn und Kritik bedacht, hat sich Teryoshins Stil mit der Zeit durchgesetzt, und er wird inzwischen regelmäßig von führenden Medien wie Zeit, Stern, Spiegel, New Yorker, New York Times und Le Monde gebucht. Und das völlig zu Recht, wie das Buch "Game of Chairs" zeigt, das den angenehmen Nebeneffekt hat, dass es seinen Betrachtern, aller Tristesse der gegenwärtigen Politik und ihres Personals zum Trotz, hie und da ein Lächeln ins Gesicht zaubert.
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