Alleinruhelage
Roman

Kiepenheuer und Witsch Verlag, Köln 2026
ISBN
9783462002621
Gebunden, 224 Seiten, 23
EUR
Klappentext
Nach dem Ende der Ehe steht eine Frau mit ihrem Wochenendhaus plötzlich allein da. Hier hat sie einst mit der Familie die Idylle gesucht und will nun den Neuanfang wagen. Die nötige Hilfe ist quasi vom Himmel gefallen, Alla und Bolek aus Polen, zwei Kettenraucher, die alles können. Die Renovierungen und Rückschläge, die geplatzten Wasserleitungen und die Bosheiten der benachbarten Schrebergärtner lösen viele Erinnerungen und neue Erkenntnisse aus - und so manche Fallstricke der deutsch-deutschen Geschichte nimmt die Erzählerin womöglich genauer wahr, als Wienerin in der doppelten Fremde. Dann beschließt sie, das geliebte Haus zu verkaufen, um noch einmal aus- und aufzubrechen aus ihrer "stabilen Alleinruhelage".
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.08.2026
Wer sich von Worten wie "Idylle", "Neuanfang" und "Wochenendhaus" im Klappentext des neuen Romans von Eva Menasse abschrecken lässt, dem sei die Rezension des Literaturwissenschaftlers Steffen Martus empfohlen. Denn Martus erläutert die Komplexität des Romans, der sich zunächst wie ein mit allerlei biografischen Elementen angereicherter, leichthändig erzählter Dorfroman liest und doch politischer ist, als es scheint. Die Erzählerin, eine österreichische Wahlberlinerin, die einer jüdischen Großfamilie entstammt, zieht sich nach Ehe- und Affärenende ins in den Neunzigern erworbene Ferienhaus in der ostdeutschen Provinz zurück, wo sie eine Zwischenbilanz ihres Lebens zieht. Nicht chronologisch, sondern assoziativ blitzen immer wieder historische Elemente deutscher Geschichte vor und nach 1945, vor allem aber auch nach 1989 auf. Zudem sinniert Menasse immer wieder auch über das Verhältnis von Natur und Kultur, erkennt Martus, der daher auch einen "Anthropozän-Roman" liest. Einige Erzählstränge drängen sich vor, andere verebben, vor allem setzt sich kein Narrativ durch, bemerkt der Kritiker. Vielmehr verknüpft Menasse feinsinnig "das scheinbar Disparate", dabei Perspektiven und Erzählrichtungen fast unbemerkt wechselnd und gängige Freund-Feind-Konstellation auflösend, lobt der Rezensent. Ein Roman, der für die "Erhöhung von Begegnungswahrscheinlichkeiten" sorgt, meint er.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.08.2026
Dem neuen Roman von Eva Menasse muss Rezensentin Judith von Sternburg erstmal ein wenig Vorschussvertrauen entgegenbringen, klingt doch ein Roman über ein Landhaus und dessen Instandsetzung zunächst nicht allzu spannend. Es lohnt sich aber, versichert sie: Die Erzählerin erinnert stark an die Autorin, sie hat ein Haus in Vorpommern gekauft, in bester Lage, aber nicht unbedingt im besten, beziehungsweise freundlichsten Ort. "Vogelsang" heißt das Dorf, ein älterer Ex-Stasi-Mann heißt sie willkommen, die restlichen Nachbarn sind abweisend: Die Erzählerin nennt sie in Anlehnung an die französische Komödie die Sch'tis, lesen wir. Sternburg lernt Dorfbewohner kennen, die nach der Wende die schönsten Datschen in bester Seelage ergatterten und jetzt alles verkommen lassen, aber auch Alla und Bolek, zwei patente Hausangestellte aus Moldawien beziehungsweise Polen, die sich gegen die "Sch'tis" zur Wehr setzen. Immer wieder wechselt Menasse die Zeitebenen oder lässt verschiedene Erinnerungen ineinanderfließen, bemerkt die Kritikerin. Einiges deutet sie dabei nur an: Gerade in den Kindheitsmomenten, in denen die konfliktreiche Beziehung der Eltern zum peinlich geizigen, sehr plastisch geschilderten Onkel Walter und zur Tante Hupfi erklärt werden, steckt bestimmt noch Stoff für mehrere Romane, glaubt Sternburg. Andere eingestreute Anekdoten, etwa über einen ausgerissenen Jungen, der seine Mutter sucht, erreichen "immer mindestens Meistererzählungsniveau", wie die zufriedene Rezensentin schließt.