9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Religion

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9punkt - Die Debattenrundschau vom 10.08.2026 - Religion

Die Ethnologien Susanne Schröter untersucht in der NZZ das ambivalente Verhältnis der islamischen Welt zu Homosexualität. Diese sei geprägt "durch eine auffällige Diskrepanz zwischen Norm und tatsächlichem Verhalten." Zu dieser Historie gehört auch die Existenz eines "dritten Geschlechts" in vielen islamischen Ländern: "In vielen Gesellschaften existiert das Dilemma, dass von jungen Männern erwartet wird, sich als viril und sexuell aktiv zu zeigen, gleichzeitig jedoch Mädchen und Frauen zu meiden. Die Lösung besteht in der Erschaffung einer Kategorie des 'dritten Geschlechts', oft mit eigener Bezeichnung und spezifischen Vorgaben für Kleidung, Verhalten und Handlungsspielräume. Stets betrifft es biologische Männer, die sich Attribute des Weiblichen aneignen und mit Männern Sexualverkehr haben können, ohne dass dies die heteronormative Ordnung beeinträchtigt. In Oman heißen sie Xanith, schminken sich stark, bemühen sich um effeminierte Bewegungen und sprechen mit hoher Stimmlage. Sie gehen mit Männern sexuelle Beziehungen ein, die sich selbst als heterosexuell verstehen." Da "Xanith auch als Substitute für die nicht ohne Gefahr für Leib und Leben erreichbaren jungen Frauen figurieren, stabilisieren sie sogar die rigide sexuelle Ordnung, die sie durch ihre Existenz gleichzeitig implizit negieren."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.07.2026 - Religion

Eric Kirschbaum geht in der Welt der Frage nach, "warum die katholische Kirche in den USA wächst". Ein Faktor liegt dabei auf der Hand: Die katholische Kirche in den USA ist heute von den Latinos geprägt, Nebenbei gibt es eine kleine aber einflussreiche Bewegung weißer Konvertiten, zu der J.D. Vance gehört. Politisch ist die Angelegenheit widersprüchlich: "Weiße Katholiken wählen mehrheitlich republikanisch. Viele Latino-Katholiken lehnen Trumps harte Rhetorik gegen Einwanderer ab, unterstützten ihn aber bei der Wahl im Jahr 2024 wegen seiner Wirtschafts-, Familien- oder Gesellschaftspolitik. Gerade das unterschätzten viele Demokraten, vor allem in wichtigen Bundesstaaten wie Texas und Florida. Vielleicht wiederholt sich hier lediglich amerikanische Geschichte. Im 19. Jahrhundert galten irische Katholiken vielen Amerikanern als Gefahr für die protestantisch geprägte Republik. Später traf ähnliches Misstrauen Italiener, Polen und andere katholische Einwanderer."
Stichwörter: Katholische Kirche

9punkt - Die Debattenrundschau vom 14.07.2026 - Religion

König Charles III. ist jetzt Oberhaupt einer Kirche, die Israel Genozid vorwirft. Die Church of England empfiehlt ihren Gemeinden ein Papier palästinensischer Christen, das diesen Genozid-Vorwurf vorbringt, berichtet unter anderem die Times of Israel. "Das Dokument trägt den Titel 'Moment der Wahrheit: Glaube in Zeiten des Völkermords' und ist auch als 'Kairos II' bekannt, benannt nach der palästinensisch-christlichen Bewegung 'Kairos Palästina', die es verfasst hat. Es beschreibt Israels Militäroperation im Gazastreifen nach dem von der Hamas angeführten Angriff vom 7. Oktober 2023 als Völkermord, bezeichnet Israel als 'auf Rassismus gegründetes Kolonialprojekt' und stellt fest, dass jahrzehntelange 'Besatzung', 'Apartheid' und 'Siedlerkolonialismus' den Kern des israelisch-palästinensischen Konflikts bilden."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.07.2026 - Religion

Der Papst hat die traditionalistische Pius-Bruderschaft aus der Kirche ausgeschlossen, weil diese wiederholt Priester zu Bischöfen geweiht hatte und damit gegen den Willen das Vatikans handelte, wie der Historiker Volker Reinhardt in der NZZ resümiert. Früher hatte die Exkommunikation durchaus härtere Konsequenzen als heute, bis zur Mitte des 16. Jahrhunderts bedeutete sie noch den Verlust aller persönlichen Rechte, man war als Exkommunizierter also "vogelfrei". Heute sieht es etwas anders aus: "Im Juni 2014 hatte Papst Franziskus die Mitglieder der 'Ndrangheta' für exkommuniziert erklärt, was dem Erfolg dieser kalabrischen Mafia in der ganzen Welt keinerlei Abbruch getan hat (...)" Aber, "dass er die uralte, fast schon vergessene Strafe wieder aus den Katakomben der Kirchenjustiz hervorholte, zeigt Papst Leo XIV., dass er sich ganz in der Tradition eines Gregor VII. und Innozenz III. versteht."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 26.06.2026 - Religion

Das Kopftuch gibt der Frau im Islam eine Art Macht, aber eine sehr zwiespältige, schreibt Güner Balci in einem kleinen Essay für die SZ: "Die Macht der ehrbaren, gottesfürchtigen Frau erwächst aus ihrer vermeintlichen Reinheit und der damit verbundenen moralischen Autorität. Die Drohung dahinter im Umkehrschluss: Infamie und Verdammnis. Ihre Regeltreue entscheidet über ihre Unversehrtheit. Genau deshalb ist die Verschleierung der Frau als Ausdruck verinnerlichter Geschlechtermoral weit mehr als eine modische Entscheidung. Das Verhüllen kann als Ausdruck von Frömmigkeit gelten; das Ablegen des Schleiers hingegen wird schnell als Verrat an der reinen Lehre gelesen und findet in der Gemeinschaft der Gläubigen oft einen starken Resonanzraum." Und Balci warnt: Der Druck auf die Mädchen wird eher größer.

Und der Iran macht immer noch vor, wie's geht, erzählt die iranische Autorin "Nona" in ihrer FAZ-Kolumne: "Mitten in diesem Durcheinander aus Abkommen und Kriegsende wurde vor kurzem das Urteil gegen die Sängerin Parastoo Ahmadi und ihre Band verkündet: zwei Jahre Berufsverbot, zwei Jahre Ausreiseverbot und 74 Peitschenhiebe. Weil eine Frau gesungen hatte. Und weil diese Frau, wie es in der Urteilsbegründung hieß, 'halb nackt' gewesen sei. Sie trug ein schwarzes Kleid, dessen Ausschnitt bis oberhalb ihrer Brüste reichte. Nichts weiter als ein ganz normales Frauenkleid."

Hier singt sie:

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.05.2026 - Religion

Die Piusbrüder, gegründet einst vom erzfundamentalistischen Bischof Marcel Lefebvre (1905 bis 1991), der die Messe lieber auf Latein und mit umstrittenen Passagen und dem Rücken zum Publikum lesen wollte, sind weiter unartig. Papst Leo XIV. ist inkonziliant, erzählt Matthias Rüb in der FAZ, und droht den verbliebenen Bischöfen der Brüder mit Exkommunikation. Von der Gruppe geht eine Gefahr aus: "Trotz - oder womöglich wegen - des Streits mit dem Vatikan ist die Piusbruderschaft in den vergangenen Jahren stetig gewachsen. Sie verfügt heute nach eigenen Angaben über 733 Priester, 264 Seminaristen und 145 Ordensbrüder. Hinzu kommen 250 Ordensschwestern und 88 Oblatinnen, aus insgesamt 50 Nationen. Einen besonderen Wachstumsschub an Gläubigen und Mitgliedern erfuhr die Gemeinschaft während und unmittelbar nach der Corona-Pandemie. Denn anders als die Amtskirche schlossen sich die Piusbrüder nicht den staatlichen Lockdown-Maßnahmen an."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 16.05.2026 - Religion

Die Segnung für gleichgeschlechtliche Ehen wird im Vatikan eher nicht so gern gesehen: deutsche Bischöfe hatten ein Papier für Segensfeiern eröffnet, das vom Papst kritisiert wurde. Der Theologe Jochen Sautermeister erklärt in der SZ, worum es bei dem Streit eigentlich geht: "Zum ersten Mal überhaupt hat Rom die pastorale Möglichkeit, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen, offiziell erlaubt." Aber: "Der Segen darf keinesfalls mit dem Sakrament der Ehe verwechselt werden oder eine liturgische Feier sein. Deshalb darf es keinen förmlichen Segensritus geben. Der Segen soll vielmehr in Spontaneität und Freiheit erfolgen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 11.05.2026 - Religion

Die Historikerin Stefanie Coché erzählt auf der "Gegenwart"-Seite der FAZ die Geschichte der Evangelikalen in den USA, die sich im Kontext eines reaktionären Rollback ab den siebziger Jahren entscheidend politisierten: "Seit 1972 regelte ein Bundesgesetz (Title IX), dass Schulen und andere Bildungseinrichtungen nur noch dann Bundesgelder erhalten konnten, wenn sie Chancengleichheit der Geschlechter garantierten. Nur ein Jahr später begründete der Supreme Court mit dem Urteil im Fall Roe v. Wade eine liberale Abtreibungsregelung. Erst das führte dazu, dass die Evangelikalen begannen, Abtreibung zu einem ihrer Kernthemen zu machen. Zuvor taugte Abtreibung vor allem in katholischen Kreisen zur Politisierung. Nun trug das Thema maßgeblich zu einem überkonfessionellen Schulterschluss konservativer Christen bei."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 27.04.2026 - Religion

Der religiöse Aspekt am Rechtspopulismus und -extremismus wird von hiesigen Medien meist höflich ausgeblendet. Moisés Serrano von der Organisation "Americans United for Separation of Church and State" erklärt im Interview mit Inge Hüsgen von hpd.de, wie weit Trump und Co. bereits bei der Aufweichung der Trennung von Staat und Religion gekommen sind. "Wir beobachten die Angriffe christlicher Nationalisten auf das staatliche Bildungswesen mit großer Besorgnis. Dahinter steckt eine Doppelstrategie: An öffentlichen Schulen zwingt man den Schülern eine eng gefasste Version des Christentums auf, während gleichzeitig öffentliche Gelder in private, vorwiegend religiöse Schulen gepumpt werden. Diese Agenda sehen wir auf allen Regierungs- und Verwaltungsebenen. Auf Bundesebene gehört auch die neue Richtlinie zum Schulgebet dazu. Darin erlaubt die Trump-Regierung sogar das gemeinsame Gebet von Lehrern und Schülern - obwohl das gegen die Verfassung verstößt. Zudem hat der Kongress das erste nationale Programm für private Schulgutscheine ins Leben gerufen, das Milliarden Dollar von öffentlichen Schulen an private, meist religiöse Schulen abzweigen wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 23.04.2026 - Religion

Die Theologie an den Universitäten ist ein schwarzes Loch: Doppelt so viele Dozenten deutschlandweit wie für die Philosophie, aber gähnend leere Hörsäle. Die Theologen werden vom Staat, nicht den Kirchen, bezahlt, um eine kaum mehr existierende Nachfrage zu bedienen. "Es verwundert, warum eine strukturelle Reduzierung theologischer Fakultäten von keiner demokratischen Partei, sei es SPD, Grüne oder FDP, bis dato gefordert wurde", schreibt Ralf Nestmeyer bei hpd.de. "Die staatliche Finanzierung bekenntnisgebundener Theologie wirkt wie ein Anachronismus: Der Staat subventioniert indirekt kirchliche Aufgaben und privilegiert eine bestimmte Weltanschauung innerhalb des Wissenschaftssystems. Dass ein Fach, das an Glaubensvoraussetzungen gebunden ist, zugleich den Status einer Wissenschaft beansprucht, bleibt dabei ein grundlegender Widerspruch."