Magazinrundschau - Archiv

Elet es Irodalom

661 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 67

Magazinrundschau vom 18.08.2026 - Elet es Irodalom

Die Dichterin und Schriftstellerin Krisztina Tóth spricht im Interview mit Claudia Hegedűs über das "Ich" als Quelle der Lyrik und der Prosa sowohl in der Postmoderne als auch in der gegenwärtigen "Bekenntnislyrik" oder Autofiktion. "Das Schreiben ist immer persönlich, doch damit meine ich nicht die Subjektivität und in der Prosa oder die Autofiktion, ich versuche stattdessen die Fragen, die mich intensiv beschäftigen, in die Geschichten einzubauen beziehungsweise in den Gedichten zu umkreisen. Es scheint, als hätten sich nach dem Abklingen der postmodernen Welle in der Lyrik die neue Bekenntnisliteratur und in der Prosa die Autofiktion verstärkt. Daran ist nichts auszusetzen, wenn die persönliche, gut geschriebene Geschichte über sich hinauswachsen kann, wenn es ihr gelingt, etwas von unseren allgemeinen menschlichen Qualen einzufangen. Ich persönlich bevorzuge beispielsweise ein gewisses Maß an Distanz. Meiner Meinung nach wäre es an der Zeit, das Persönliche neu zu definieren und zur Kenntnis zu nehmen, dass das lyrische Ich immer eine Konstruktion ist. Vielleicht werden wir uns mit der Zeit wieder von der unmittelbaren Subjektivität entfernen, und es wird nicht mehr so viel Autofiktion entstehen. Derzeit erzählen viele das Echte, aber nur wenige die Wahrheit. Und im poetischen Sinne ist nur Letzteres interessant. (...) Die extrem selbstironischen Texte der Neunzigerjahre und die aktuellen 'ehrlichen' Werke zur Traumaverarbeitung spielen im Schreiben gleichermaßen mit dem Ich. Sie wollen nicht aus einer erfundenen Figur, sondern direkt aus dem Ich des Autors aus Fleisch und Blut einen poetischen Orgasmus herauskitzeln, während die objektive Dichtung sagte: 'Pah, das reicht jetzt, wir spielen nicht mit dem Ich, Hände über die Decke!' Selbstironie und Selbstanalyse, Bekenntnischarakter und - in noch extremerer Ausprägung - das virtuose Selbstmitleid des traurigen subjektiven Dichters sind nur verschiedene Varianten davon."

Magazinrundschau vom 11.08.2026 - Elet es Irodalom

Vergangener Woche wurde der Staatspräsident Ungarns Tamás Sulyok entlassen. Grundlage dafür ist eine Verfassungsänderung, die das ungarische Parlament mit einer zwei Drittel Mehrheit im Juli beschlossen hatte: Die Amtszeit des Präsidenten wurde auf 8 Jahre begrenzt, die von Abgeordneten auf 12 Jahre (mehr dazu bei der Deutschen Welle). Dies löste eine anhaltende Debatte darüber aus, ob Funktionäre des Orbán-Regimes unter Wahrung der Rechtstaatlichkeit auch dann entlassen werden können, wenn ihr Mandat noch nicht abgelaufen ist. Der Staatspräsident hat die seine Entlassung besiegelnde Verfassungsänderung unterschrieben. Damit wird der Prozess jedoch keineswegs verfassungsrechtlich akzeptabel - meint der ehemalige Politiker der aufgelösten liberalen Partei, Tamás Bauer: "Hätte Fidesz somit Recht, wenn sie vom Ende der Demokratie spricht? Nein, hat sie nicht. Die ungarische Demokratie wurde gerade von Fidesz seit 2010 Schritt für Schritt abgebaut. Das Problem ist, dass die Maßnahmen des neuen Parlaments im Nachhinein legitimieren, was Fidesz zuvor sechzehn Jahre lang getan hat. Nun wird es zur Norm, dass derjenige, der bei den Wahlen eine Zweidrittelmehrheit im Nationalrat erlangt, alles tun kann - die Verfassung spielt dabei keine Rolle mehr. Was Orbáns "Revolution in den Wahlkabinen" seit 2010 in Gang gesetzt hat, könnte nun endgültig besiegelt werden. Es ist jedoch zu befürchten, dass wer sich in dieser Angelegenheit nicht an die Verfassungsmäßigkeit hält, sich später auch in anderen Angelegenheiten nicht daran halten wird."
Stichwörter: Ungarn, Verfassungsänderung

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Elet es Irodalom

Seit knapp einem Monat senden die öffentlich-rechtlichen Medien in Ungarn Ton- und Filmaufnahmen aus den letzten 16 Jahren, die kaum oder überhaupt nicht gespielt worden waren, weil sie angeblich auf "schwarze Listen" gestanden haben sollen. Zwar stellte die Parlamentswahl vom 12. April auch für die Medien eine Zäsur dar, jedoch ist auch im August nicht klar, was diese für die öffentlich-rechtlichen Sender bedeutet, mit welchem Personal sie welche Sendungen produzieren. Der Publizist László Szále wüsste gern, was abläuft: "Was in den letzten sechzehn Jahren nicht gespielt wurde, war nicht unbedingt alles 'verboten'. Die Sendungen wurden für eine einmalige Ausstrahlung produziert - da das Radio im Grunde so etwas wie eine Tages- und Wochenzeitung in einem ist -, dann wurden sie ins Archiv gelegt und die schönsten Gedichte, die besten Hörspiele, Serien, Dokumentarsendungen usw. wurden bei Gelegenheit ein- oder mehrmals wiederholt. Es wäre jedoch schwer zu unterscheiden, ob etwas in den vergangenen sechzehn Jahren aufgrund einer Sperre nicht wiederholt wurde oder weil keine Nachfrage oder kein Anlass dafür bestand. Freilich bin ich bereit an schwarze Listen zu glauben - wenn ich sie sehe. Wenn sie veröffentlicht werden. Wenn es aber keine Listen gibt, soll man nicht behaupten, es gäbe welche. Nichtsdestotrotz habe ich mich in den vergangenen Wochen an den Köstlichkeiten ergötzt. Noch nie habe ich im öffentlich-rechtlichen Radio so viel gute Literatur, kluge Gespräche und brillante Zusammenstellungen in solcher Dichte gehört. Nur ist das Radio eben kein Tonmuseum. Von seinen vielen Aufgaben ist die wichtigste die Verbreitung aktueller Nachrichten und Informationen von öffentlichem Interesse. Dies erfüllt es derzeit nicht. Die neuen Redakteure beweisen vorerst, dass sie gut aus dem unschätzbaren und scheinbar unerschöpflichen Archiv des Radios auswählen können. Sie haben versprochen, nicht mehr zu lügen, und dass ihre Berichterstattung unabhängig und glaubwürdig sein wird. Es ist ein Kinderspiel, nicht zu lügen, wenn man gar nichts sagt."

Magazinrundschau vom 28.07.2026 - Elet es Irodalom

Die Dichterin Virág Erdős spricht im Interview mit Dániel Horváth u.a. über ihr Misstrauen gegenüber der Euphorie, die viele Ungarn nach der Abwahl Orbáns erfasst hat, und ob es möglich sei, aus ihr heraus "schön, langsam, nuanciert und angemessen die Realität entfalten und beschreiben zu können, zumal für einen kreativen Charakter wie den meinen, der so sehr auf Krisensituationen konditioniert ist. Vorerst empfinde natürlich auch ich vor allem Freude und Dankbarkeit, Erleichterung und Ehrfurcht. Doch gleichzeitig fürchte ich mich schon jetzt vor mir selbst, denn ich weiß, dass ich früher oder später so oder so all jene betrügen und verraten werde, die bis ans Ende ihres Lebens mit erhobenem Kopf und ruhigem Herzen auf der sonnigen Seite des Lebens spazieren gehen möchten, möglichst mit einem leichten und kompakten E-Book-Reader in der Tasche. Vielleicht ist es gar nicht mal Demagogie, wenn ich erzähle, dass am Sonntag der Buchwoche, als ich durch die enge Gerlóczy-Straße zum Vörösmarty-Platz lief (zentraler Veranstaltungsort der landesweiten Buchwoche - Anm. d. Red.), gegenüber dem traditionsreichen Libro Shop Bookstore und davor jeweils ein obdachloser Mensch schlief. Und doch, als zufälliger Akteur in einer solchen surrealen Budapester Lebensszene, wenn man zwischen zwei auf dem Boden liegenden Menschen hindurchgeht und auf das Treiben der Buchwoche zueilt, das den Triumph des Geistes feiert, dann denkt man doch ein wenig darüber nach, in welchem Verhältnis wer an dieser Euphorie teilhat."
Stichwörter: Erdös, Virag, Ungarn

Magazinrundschau vom 21.07.2026 - Elet es Irodalom

Die Medienrechtlerin Gabriella Cseh denkt über die Auswirkungen einer veränderten Öffentlichkeit auf die öffentlich-rechtlichen Medien nach, die nach der Abwahl Orbáns neu gestaltet werden sollen: "Die Meinungsfreiheit wird traditionell als Freiheit des Einzelnen verstanden. Doch konnten die öffentlich-rechtlichen Medien lange Zeit davon ausgehen, dass die demokratische Öffentlichkeit auch gemeinschaftliche Voraussetzungen hat. Es ist nicht nur notwendig, dass sich jeder äußern kann, sondern auch, dass es eine gemeinsame Öffentlichkeit gibt, in der Meinungen aufeinandertreffen können. Aber reicht es aus, wenn jeder die Informationen und Gemeinschaften findet, die seinen eigenen Interessen und Überzeugungen entsprechen? Demokratie ist nicht bloß ein System nebeneinander existierender Meinungen. Sie setzt auch voraus, dass es Themen, Fakten und Fragen gibt, über die wir gemeinsam sprechen können. Möglicherweise liegt die Zukunft des öffentlich-rechtlichen Rundfunks nicht in der Wiederherstellung eines gemeinsamen Bildschirms, da heute jeder seinen eigenen Bildschirm hat. Es geht vielmehr darum, ob es weiterhin Institutionen und öffentliche Räume geben wird, die in der Lage sind, die Mindestvoraussetzungen für eine gemeinsame Welt in einem zunehmend personalisierten Informationsumfeld aufrechtzuerhalten. Vielleicht ist es das Paradoxon in der Geschichte des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, dass wir seine Bedeutung erst dann zu schätzen beginnen, wenn jene technologischen Formen, mit denen er üblicherweise in Verbindung gebracht wird, allmählich in den Hintergrund treten. Beim öffentlich-rechtlichen Rundfunk ging es nie um Radio, Fernsehen oder irgendein anderes Medium, sondern er ist der Name für die Hoffnung, dass die Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft fähig sind, eine gemeinsame Welt zu bewahren, auch wenn sie nicht alle dasselbe darüber denken."

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Zsolt Kácsor gratuliert seinem Kollegen Gábor T. Szántó zu dessen 60. Geburtstag: "Ich sage ja, es mag den Anschein haben, als würde Gábor Szántó T. die Last, die ihm die Jahrtausende auf die Schultern geladen haben, recht gelassen tragen, aber ich weiß, dass das höfliche, freundliche Gesicht, das man der Außenwelt zeigt, gelegentlich nur eine aus Vorsicht aufgesetzte Maske ist. Wenn wir einen Blick hinter diese Fassade werfen wollen, dann schlagen wir einen Roman oder einen Erzählband von Szántó auf und wundern uns nicht, dass uns Ost- und Mitteleuropa zwischen den Zeilen so heftig ins Gesicht schlägt, dass wir vom Westen abprallen. (…) Seine Werke zeichnen ein charakteristisches literarisches Universum, in dem das ungarisch-jüdische Leben das Hauptmerkmal ist, doch glücklicherweise wurde das Werk von Gábor T. Szántó deshalb nicht in eine 'jüdische' Schublade gesteckt. Schließlich schildert er kein in sich geschlossenes jüdisches Leben in Budapest. Der Horizont seiner schriftstellerischen Sichtweise hat sich auf Europa und innerhalb dessen insbesondere auf Mittelosteuropa erweitert. Das Epizentrum seiner Welt ist Budapest, ihre Peripherie erstreckt sich jedoch von Auschwitz über Prag bis zum Balkan; und sein schriftstellerisches Denken wird nicht nur von den Bildern der Familienerinnerung und den Traumata der zweiten Generation bestimmt, sondern auch von jenem besonderen historisch-gesellschaftlichen Umfeld, das im Wesentlichen nichts anderes ist als die noch immer nicht beseitigten Trümmer der Monarchie und der sowjetischen Herrschaft unter Kádár. (...) Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Gábor T. Szántó! Ich wünsche dir, dass du 120 Jahre alt wirst und in den nächsten 60 Jahren noch viele erzählenswerte Schätze zwischen den Trümmern der Welten findest, die über uns zusammengebrochen sind. Mazel Tov!"

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - Elet es Irodalom

Seit der Abwahl der Orbán-Regierung im April ist es ein wesentliches Anliegen der neuen Regierung Péter Magyars, die mit dem Versprechen einer Systemwende antrat, die Abwahl und Abberufung von leitenden Persönlichkeiten der Orbán-Regierung u.a. in den Bereichen Wirtschaft, Medien, Kultur und Bildung, bis hin zu Verfassungsrichtern, sowie des Staatspräsidenten zu ermöglichen. Die nunmehr oppositionelle Fidesz-Partei ruft lautstark das Ende der Rechtstaatlichkeit in Ungarn aus und bezichtigt die neue Regierung des Autoritarismus. Zwar wurde die Ausarbeitung einer neuen Verfassung und ihre Bestätigung durch einen Volksentscheid angekündigt, bis dahin jedoch stellt sich die Frage der Legalität einzelner Schritte und wie diese mit rechtstaatlichen Prinzipien in Einklang gebracht werden können, wenn es auch gegenwärtig eine robuste Unterstützung in der Gesellschaft von Magyars Plänen gibt. Derzeit wird überall eine Diskussion über das Legale, Legitime und das Moralische geführt, notiert Zoltán Kovács, Chefredakteur von Élet és Irodalom. "Ein Teil des Volkes will zweifellos Blut trinken, was schlecht ist. Er will Köpfe auf den Fahnenmasten sehen, was ebenfalls schlecht ist, aber eine direkte Folge der fünfzehn immer schlechter werdenden Jahre ist, des dem Volk aufgezwungenen verstaubten Denkens, mit all den Lasten des Kádár-Paternalismus, von dem jeder dachte, wir hätten ihn längst überwunden. ... Das möchte nun ein Großteil des Landes Orbán vorhalten. Die Forderung ist zweifellos berechtigt, aber es ist eben nicht gleichgültig, wie dies geschieht. Der Abbau der Orbán-Welt, die sich nach den von ihnen selbst geschaffenen Gesetzen rechtmäßig, nach gesundem Menschenverstand jedoch ungerecht und unter Missbrauch ihrer Macht etabliert hat, ist nur innerhalb eines gesetzlichen Rahmens möglich; Tatsache ist jedoch, dass diejenigen, die dieses schreckliche System betrieben haben - Orbán und seine Komplizen -, kaum ungeschoren davonkommen werden. Aus dieser Pfütze sollte keine einzige ehemalige leitende Person mit trockenen Schuhen heraustreten können."

Magazinrundschau vom 30.06.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller Miklós Vámos ist zwar immer noch ganz euphorisch nach diesen Wahlen, aber er beobachtet auch eine zunehmende Ungeduld, besonders in der Kultur, dass sich die Dinge schneller ändern mögen. Das ist nicht ganz fair, findet er: "Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass ich das nun hinweggefegte, herrschsüchtige und ausbeuterische Regime nicht mochte. Besonders ärgerte es mich, dass man die Äußerlichkeiten, die Parolen, die Literatur und die Symbole der Horthy-Ära wiederbelebt hatte. Hand in Hand mit einer stupiden nationalen Überheblichkeit, wonach wir im Vergleich zu den Nachbarvölkern die Könige seien. Hinzu kamen ein gewisser versteckter oder zeitweise schamlos offener Rassismus sowie die Herabwürdigung der Frauen. (…) Ich hatte gehofft, dass es früher oder später ein Ende nehmen würde, so wie jedes autoritäre System, das zu einer Diktatur erstarrt. Nicht einmal in meinen schönsten Träumen hätte ich zu glauben gewagt, dass es gerade jetzt, bei den Wahlen im Frühjahr, passieren würde." Er sei immer noch euphorisch, bekennt Vamos. Doch "zurück in das Land namens Erde, in die Heimat der Ungarn. Ich genieße es, dass das viele dumme Geschwätz vorerst eine Pause einlegt. Ich bedaure jedoch, dass in intellektuellen Kreisen die Freude bereits bröckelt und die Euphorie allmählich von zunehmender Stichelei abgelöst wird. Warum kümmert sich die Regierung nicht sofort um die Lage der Schauspieler? Um die der bildenden Künstler? Um die der Wissenschaftler? Um die der Kulturzeitschriften? Warum bringt sie nicht unverzüglich das Gesundheitswesen, das Rentensystem, die Steuer und so weiter und so fort in Ordnung? (…) Die Ungeduld ist freilich nachvollziehbar. Aber warum haben wir Ungarn all das sechzehn lange Jahre lang ertragen, dessen Umgestaltung wir nun innerhalb weniger Tage oder Wochen von dieser Regierung erwarten?"
Stichwörter: Ungarn, Vamos, Miklos

Magazinrundschau vom 16.06.2026 - Elet es Irodalom

Der Schriftsteller László Végel eröffnete vergangener Woche die Buchmesse in Debrecen. In seiner Rede, die Elet es Irodalom dokumentiert, beschwor er die revolutionäre Kraft der Bücher und ihre Bedeutung für die Gegenwart: "Die Zeiten wurden jedoch immer gefährlicher und unberechenbarer. Selbst der 'ewige Konformismus' stand nun auf wackeligen Beinen und verwandelte sich von einem Tag auf den anderen in eine konformistische Gegenrevolution. Die schillernde Monotonie und Schönheit der Blase begann zu zerfallen. Der Elfenbeinturm lag in Trümmern. Es lohnt sich nicht mehr, unsterbliche Meisterwerke für die Ewigkeit zu schreiben, denn es sind schon zu viele Meisterwerke entstanden, die wir zu schnell vergessen haben. Auf dem Weg zur Entdeckung der ewigen menschlichen Werte türmt sich eine Fülle von Meisterwerken. Das Meisterwerk über das ewige Menschsein ist zur leichten Beute der neuen Zeit geworden. Unser Jahrhundert ist nicht nur das Jahrhundert der Angst und der absoluten Unsicherheit, sondern auch ein Monstrum des Vergessens. Wir haben keine andere Wahl, als auf die Täuschung vom ewigen Menschen zu verzichten und uns auf die Spuren der verborgenen, verschwundenen Gegenwart zu begeben. Ganze Generationen müssen die Realität, die ihnen geraubt wurde, wieder in Besitz nehmen. Wir dürfen nicht länger die skeptischen Hofnarren der Demokratie sein. Wir nehmen zur Kenntnis, dass Mallarmés geistige Bomben, die Bücher, doch eine explosive Kraft besitzen. Hier und jetzt. (…) Mit diesem Bewusstsein und dieser Hoffnung eröffne ich die Buchmesse in Debrecen, in der Gewissheit, dass die Zeit der Rebellion der Bücher angebrochen ist. Sie werden rebellieren, auch gegen unseren Willen."
Stichwörter: Vegel, Laszlo

Magazinrundschau vom 09.06.2026 - Elet es Irodalom

Nach 16 Jahren Abwesenheit aus Protest gegen die Orbán-Politik besucht der Pianist András Schiff Ungarn und spricht im Interview mit László J. Győri u.a. über die Situation der klassischen Musik, über den Zustand des Publikums und über seine "aufklärerischen Konzerte", in denen er zwischen den Stücken mit dem Publikum über die Struktur und Hintergrund der aufgeführten Kompositionen spricht: "Es wird viel über die Krise der klassischen Musik gesprochen. Meiner Meinung nach liegt das nicht daran, dass es weniger Konzerte gibt. Denn es gibt jede Menge Konzerte. Und es stimmt auch nicht, dass das Publikum spärlich ist. Es gibt Publikum in Hülle und Fülle. Es ist jedoch eine Tatsache, dass das Publikum immer unwissender wird. Wenn man irgendwo jemanden fragt, ob Mozarts c-Moll-Klavierkonzert seiner Meinung nach fröhlich oder traurig ist, wird er sagen, dass es eher so angenehm sei. Dabei ist es alles andere als angenehm. Es ist eine gewaltige griechische Tragödie. Ohne Katharsis. Man muss den Menschen erklären, was sie hören. Interessanterweise sind meine Erfahrungen in Asien besser als in Europa. Ich erlebe traditionell großes Interesse in Japan, aber mittlerweile auch in Südkorea, Taiwan und China. Sie sitzen still da und hören angespannt zu. Das Durchschnittsalter liegt bei zwanzig Jahren. Fantastisch! In Europa hingegen gibt es keine musikalische Erziehung mehr. Die Menschen wachsen aus dem Discoclub heraus und beginnen entsprechend ihrem sozialen Status ab einem bestimmten Alter, klassische Konzerte zu besuchen. Was sie dort hören, trifft sie jedoch unvorbereitet, weshalb sie etwas Aufklärung benötigen. Und warum sollten wir, die Interpreten, das nicht tun? Wie Bernstein, der zu jedem sprechen konnte, zu Kindern und Erwachsenen gleichermaßen. Er ist der Maßstab. Das andere, was ich mir allerdings wirklich selbst ausgedacht habe: Ich gebe das Programm nicht im Voraus bekannt."