Magazinrundschau - Archiv

The Insider

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Magazinrundschau vom 18.08.2026 - The Insider

Wie geht es eigentlich der zeitgenössischen Kunst in Russland, fragt sich Vlad Gagin. Sehr schlecht, wie man sich denken kann, und das liegt auch am Kulturbetrieb: Oppositionelle Künstler werden verhaftet, Ausstellungen einen Tag vor der Eröffnung abgesagt und es herrscht ein Klima der Denunziation und des Duckmäusertums. Dem russischen Kurator Dmitry zufolge "haben Institutionen jedoch unterschiedlich auf die neue Realität reagiert: 'Es gibt auch unangenehmere Fälle von institutioneller Selbstzensur. So bereitete beispielsweise im Jahr 2025 der Künstler Blue Pencil eine Ausstellung im Arsenal-Museum in Nischni Nowgorod vor, doch die Institution bekam solche Angst, dass sie seinen Namen nirgendwo erwähnte. Doch einige Zeit später veröffentlichte ein Individuum Blue Pencils Buch, ein Manifest, das sich mit Zensur befasst. Und es passierte nichts! Das ist ein immer wiederkehrendes Muster: Institutionsleiter versuchen, die Risiken abzuschätzen, und reagieren oft übertrieben.' "In einem Kommentar zur Entlassung eines Mitarbeiters des Moskauer Kulturzentrums GES-2, sagte die Gründerin der Moskauer Kunstgalerie, Aleksandra, dass große Kulturinstitutionen angesichts staatlichen Drucks zögern, sich entweder für ihre Mitarbeiter oder für Künstler einzusetzen: 'Institutionen verhalten sich nach dem Prinzip: 'Ich bin nur ein kleines Kätzchen - was kann ich schon ausrichten?' Meiner Ansicht nach ist GES-2 heute das deutlichste Beispiel dafür, wie Institutionen, die sich der Kultur und den Künsten verschrieben haben, unter Putin aussehen. Künstler, die, sagen wir mal, keine klare öffentliche Haltung einnehmen, wollen unbedingt dort mitmachen, weil es dort Geld, Ausstellungen und Chancen gibt. Aber auch bei anderen großen Institutionen ist die Situation ähnlich. Die Leute klammern sich an ihre Gehälter, und man kann verstehen, warum - eine Institution wird einen ihrer Mitarbeiter nicht verteidigen, selbst wenn er schon seit tausend Jahren dort arbeitet. Man sollte kein Gefühl für Anstand erwarten.'"

Magazinrundschau vom 07.07.2026 - The Insider

Die Krim ist ukrainischen Drohnenangriffen ausgesetzt und auch die derzeitige russische Sprit-Krise trifft den Urlaubsort, den Russland seit 2014 besetzt hält, hart, berichtet Sergei Shestakov. "Angesichts der Umstände sagen Touristen ihre Reisen massenhaft ab, wodurch vielen Einheimischen ihre Haupteinnahmequelle entzogen wird. Laut TravelLine sind die Buchungen im Vergleich zum Vorjahr um 58 Prozent zurückgegangen, und Einheimische berichten, dass die tatsächliche Lage noch schlimmer sei. Die wenigen Besucher, die noch kommen, sind meist Menschen, die den Nachrichten keinen Glauben schenken, oder eingefleischte Fans der Halbinsel. Für Russen war die Krim immer in erster Linie mit Urlaub verbunden. Dass sie Teil der militärlogistischen Infrastruktur Russlands geworden ist, wurde ihnen erst bewusst, als ukrainische Drohnen dort Ziele angriffen. (…) 'Wir haben fast nichts', sagte Sergei, ein junger Fast-Food-Verkäufer, der an einem Imbissstand arbeitet. 'Vor einem Jahr haben wir noch 80.000 bis 100.000 Rubel verdient, und jetzt nichts mehr. Wenn Luftangriffswarnungen ausgegeben werden, sitzen wir hier und sehen zu, wie Raketen über dem Meer abgeschossen werden. Es ist beängstigend, aber was soll man machen? Jeder weiß, dass diese kleine Hütte uns nicht schützen wird. Wir arbeiten bis 23 Uhr, nehmen dann ein Taxi zurück und teilen uns die Kosten - jeweils 200 Rubel. Wir sind zu dritt hier. Ich habe ein Moped, aber nach 22 Uhr darf man damit nicht mehr fahren.'"
Stichwörter: Krim, Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 22.06.2026 - The Insider

Zwei brasilianische Betrüger namens Avalone und Neto locken via Social Media in portugiesisch-sprachigen Ländern Männer mit falschen Versprechungen an, damit diese für Russland an der Front kämpfen, schreibt Iva Tsov. "Avalone versicherte allen, dass der Krieg kurz vor dem Ende stehe und dass diejenigen, die jetzt kämen, möglicherweise gar nicht kämpfen müssten: 'Ihr müsst nur nach Russland kommen, den Vertrag unterzeichnen, und das Geld kommt - 100.000 Reais [19.700 Dollar]. Training beginnt sofort. Es ist gut möglich, dass während unserer Ausbildung bereits ein Friedensabkommen unterzeichnet wird.' Neto seinerseits sprach über die Aussichten auf die russische Staatsbürgerschaft. 'Für alle, die es wünschen, gibt es die Möglichkeit, sofort die Staatsbürgerschaft zu erhalten. (...) Russland hat einen deutlichen Vorteil bei der Zahl der Soldaten und der Artillerie. Wir werden gut geschützt sein', versicherte er. Visaprobleme hielten Alfredo, [der sich bei Avalone gemeldet hatte], bis Februar 2025 auf, als er schließlich zusammen mit mehreren anderen Brasilianern Russland erreichte. Bei der Ankunft brachten Avalone und Neto die Gruppe sofort zu einer Bank. Wie sich später herausstellte, war ein drittes Konto mit seinem verknüpft worden - und verblieb bei den Betrügern. Danach wurden die Rekruten zu einem falschen 'Militärpsychologen' gebracht, wo ihnen ihre Handys abgenommen wurden, bevor man sie unter Druck setzte, Vollmachten zugunsten der Rekrutierer zu unterzeichnen. 'Sobald wir die Verträge unterzeichnet hatten, sagten uns Avalone und Neto, dass wir jeweils eine Million Rubel [13.800 Dollar] zahlen müssten, um an einen guten Ort an der Front geschickt zu werden', erinnert sich Alfredo. 'Wir stimmten zu, um keinen Streit zu riskieren.'" Erste Brasilianer sind schon an der Front gestorben.
Stichwörter: Ukrainekrieg

Magazinrundschau vom 19.05.2026 - The Insider

Russland präsentiert sich auf dem afrikanischen Kontinent als einzige Schutzmacht gegen einen angeblichen "Neokolonialismus", betreibt diesen aber selbst, indem imme rmehr Soldaten vom Kontinent für angeworben werden, wie Arden Arkman in The Insider schreibt. "In Kenia wurde monatelang über Fälle von Männern diskutiert, die angeblich auf der Suche nach Arbeit nach Russland gereist waren, dort jedoch in den Reihen der russischen Armee landeten. Am 18. Februar erklärte der Fraktionsvorsitzende des Parlaments, Kimani Ichung'wah, während einer Debatte, dass seine Landsleute durch Versprechungen einer zivilen Anstellung getäuscht würden, um als Kanonenfutter in einem fremden Krieg zu dienen. Später betonte er in Kommentaren gegenüber lokalen Medien, dass die Rekruten praktisch ohne Ausbildung in den Kampf geschickt würden: 'Einige wurden nur neun Tage lang ausgebildet. Man drückt ihnen einfach Waffen in die Hand und schickt sie in den Tod.' Die Äußerungen erfolgten nach der Veröffentlichung eines Berichts des kenianischen Nationalen Geheimdienstes (NIS), aus dem Reuters Auszüge veröffentlichte. Dem Dokument zufolge waren mehr als 1.000 kenianische Männer rekrutiert worden - zu diesem Zeitpunkt waren mindestens 39 mit Verletzungen ins Krankenhaus eingeliefert worden, 28 galten als vermisst und 89 befanden sich noch an der Front." Russland wirbt in den Ländern massiv um Soldaten, die aber meistens als "Arbeiter" nach Russland kommen und an die Front geschickt werden. Gegen diese Methoden regt sich auch Widerstand, Arkman zitiert dazu den Nigerianer Nwosu: "'Diese Leute lieben uns nicht', sagt Nwosu. 'Warum sonst wäre die Teilnahme an einem tödlichen Krieg der einzige Weg geworden, nach Russland zu kommen?' Der Nigerianer bezeichnet die Rekrutierung afrikanischer Männer in finanzieller Not als grundlegend ungerecht. 'Warum eröffnet man uns keine Schulen mit erschwinglichen Studiengebühren, damit wir studieren und uns in ihre Lebensweise und Kultur integrieren können? Dann würden wir sie lieben lernen und - geleitet von Liebe statt von Armut, Verzweiflung oder Hoffnungslosigkeit - beschließen, unsere Mütter in einem anderen Land zurückzulassen, um ein besseres Leben zu suchen.'"

Magazinrundschau vom 28.04.2026 - The Insider

Vlag Gagin blickt für The Insider sehr detailliert auf das russische Verlagswesen. Dieses ist derzeit durch Selbstzensur geprägt. "Die Notwendigkeit, Bücher zu zensieren, wirft in der Verlagsbranche unweigerlich Fragen nach den Kosten solcher Kompromisse auf und danach, ob Zensur überhaupt gerechtfertigt ist. Einer der bekanntesten Skandale, der dieses Thema in den Fokus rückt, steht im Zusammenhang mit einem Gedichtband von Anna Gorenko, einer Emigrantin, die 1999 in Israel verstorben ist. Der Moskauer Verlag Vyrgorod veröffentlichte diese Sammlung, wobei potenziell heikle Passagen in den Gedichten durch Auslassungspunkte ersetzt wurden. Ein eindrucksvolles Beispiel für solche Kürzungen findet sich in dem Gedicht 'Ich habe dich erwischt und wurde erwischt…', in dem zwei Wörter durch Auslassungspunkte ersetzt wurden. Diese Wörter waren 'bisexuell' und 'Drogenabhängige'." Diese Wörter sind nach dem russischen "LGBT"-Gesetz verboten. Der russische Literaturwissenschaftler Ilja Kukulin weist hier auf ein Dilemma hin: "'Die Frage nach den Kosten der Selbstzensur im Einzelfall ist sehr schmerzhaft. Sie bringt uns gefährlich nahe an die Debatte darüber, ob Kompromisse mit einem repressiven Regime zulässig sind, um 'Institutionen zu bewahren'. Ich stimme denen zu, die argumentieren, dass bei solchen Kompromissen die 'Erhaltung von Institutionen' sehr schnell zum Selbstzweck wird und in den meisten Fällen von der Institution nur noch ihr früherer Name übrig bleibt - und nicht immer einmal das.' (...) Der Dichter und Prosaautor Jewgeni Nikitin sprang dem Verlag jedoch zur Seite: 'Boris Kutenkov veröffentlicht diese Reihe mit seinem eigenen Geld in einem Land, in dem man dafür ins Gefängnis kommen kann. Das macht alle Vorwürfe gegen ihn etwas fragwürdig. Die Klammern, die die ausgelassenen Wörter markieren, machen die Lücken sichtbar - und damit auch den Unterdrückungsapparat, der die Entstehung solcher Lücken überhaupt erst erzwingt. Diesen Kompromiss zu kritisieren bedeutet im Grunde, den russischen Verlegern die Wahl zwischen Schweigen und Gefängnis zu lassen.'"

Magazinrundschau vom 21.04.2026 - The Insider

Die eigenen Athleten bei den Olympischen Spielen zu dopen und seine politischen Gegner zu vergiften, sind für Wladimir Putin scheinbar zwei Seiten der gleichen Medaille, wie Michael Weiss, Roman Dobrokhotov und Christo Grozev für The Insider herausgefunden haben. Die "Anti-Doping-Abteilung Russlands" - die halbherzig ihrer eigentlichen Aufgabe nachgeht - wird bei offiziellen Anhörungen vor Gericht von Dmitry Kovalev vertreten. "Wie The Insider nun enthüllen kann, ist Kowaljow ein Oberst des FSB, der der Direktion für den Schutz der verfassungsmäßigen Ordnung angehört - jener Einheit, die für die Nowitschok-Vergiftung des ermordeten russischen Oppositionsführers Alexej Nawalny und anderer russischer Dissidenten verantwortlich ist, darunter der Politiker Wladimir Kara-Murza und der Dichter Dmitri Bykow. Das US-Finanzministerium hat die Direktion als verantwortlich für die 'Bewältigung interner politischer Bedrohungen im Auftrag des Kremls' beschrieben. Mit anderen Worten: Sie tötet Gegner des Putin-Regimes." Die Investigativplattform Projekt hat außerdem einen Video-Podcast zu den Verbindungen der einzelnen chemischen Labore, die mit der Herstellung von Gift betraut sind, veröffentlicht.

Magazinrundschau vom 18.11.2025 - The Insider

Die Russisch-Orthodoxe Kirche unterstützt den russischen Krieg gegen die Ukraine und betet für die russische Armee in der Ukraine, schreibt Valentina Matrenina in The Insider. Trotzdem gibt es noch Klerikale und Priester, die sich diesem Kurs widersetzen, zum Beispiel der Priester Daniel, der seine Eindrücke schildert: "Der FSB handelt nicht direkt, sondern zieht es vor, über die Kirchenverwaltung zu agieren. Wenn die Behörde mit Ihnen unzufrieden ist, erhalten Sie keinen Anruf von einem FSB-Beamten, sondern von einem Kirchenbeamten - einem bevollmächtigten Sachbearbeiter. Und sie werden Sie nicht wegen Ihrer politischen Haltung konfrontieren, sondern wegen etwas anderem. So wie sie es Vater Alexey Uminsky gesagt haben: 'Sie sprechen Gebete falsch und verstoßen damit gegen die Kanones.' Alles wird mit den Händen anderer Menschen getan. Sie zerstören Menschenleben, Herzen und Gewissen, verursachen Schmerz und treiben Menschen von der Kirche weg - und manchmal sogar von Gott. Letztendlich kam ich zu dem Schluss, dass ich die Kirche als Institution nicht ändern kann. Ich kann sie nicht reformieren, selbst wenn ich mich mit aller Kraft dagegen wehren würde. Aber ich kann einen parallelen Raum der Kommunikation, des Vertrauens und der Einheit schaffen. (...) Ich persönlich habe noch nie eine Soldatenformation gesegnet - ich bin kein Militärseelsorger. Aber manchmal kommen Menschen zu mir, um sich vor dem Kriegseinsatz segnen zu lassen. Oder eine Frau bringt ihren Mann in die Kirche, bevor er einen Vertrag beim Militär unterschreibt. Er ist kein Gläubiger, aber sie macht sich Sorgen um ihn. Sie sagt: 'Segnen Sie ihn wenigstens, damit alles gut für ihn läuft ...' Meine Haltung ist folgende: Ich segne Menschen nicht für den Krieg, aber ich kann mit ihnen beten. Ich kann beten, dass Gott ihre Überheblichkeit brechen möge. Ich verstehe, dass ein Mensch in etwas festgefahren sein kann - man kann ihn nicht einfach umstimmen. Aber es ist wichtig, ihn daran zweifeln zu lassen, dass er auf dem richtigen Weg ist. Manchmal sage ich unverblümt: 'Du bist zu mir gekommen und hast mich um meinen Segen gebeten, damit du dorthin gehen kannst, in den Krieg. Aber verstehe eines: Ich habe Verwandte auf beiden Seiten. Und du wirst mit ihnen in einen Schusswechsel geraten.' Die Leute sind manchmal überrascht und beginnen nachzudenken. Sie sagen: 'Dann bete wenigstens für mich.'"

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - The Insider

In den USA greift die Behörde ICE, deren  Aufgabe unter anderem die Überwachung der Bundesgrenzen ist, immer mehr Immigranten auf, die in den USA Asyl suchen - auch politische Flüchtlinge aus Russland, berichtet Viktoriia Ponomareva. Diese Menschen werden inhaftiert und dann wird vor Gericht über ihre Abschiebung nach Russland verhandelt, obwohl sie dort nichts als eine lange Haftstrafe zu erwarten haben. "Die Menschenrechtsaktivistin Margarita Kuchusheva vom Projekt 'Consuls' des Anti-Kriegs-Komitees, das Russen unterstützt, die sich gegen den Krieg aussprechen, stimmte zu, dass das Verfahren oft willkürlich ist. 'Fast jede uns bekannte Abschiebung geht auf die Ablehnung eines politischen Asylantrags zurück. Ich habe mit Menschen gesprochen, deren Fälle schwach waren, aber auch mit Freiwilligen und Spendern von Anti-Kriegs-Gruppen, die eindeutig politisch aktiv sind. Die Ablehnungen folgen keiner Logik. Es hängt ganz vom Staat und vom Richter ab. Manchmal wird Menschen, deren Fälle kaum Hand und Fuß haben, Asyl gewährt, während andere mit weitaus stärkeren Ansprüchen abgelehnt werden', sagte Kuchusheva. Dmitry Valuev, Präsident der Gruppe 'Russisch-Amerikaner für Demokratie in Russland', meint, dass auch eine allgemeine Voreingenommenheit gegenüber russischen Flüchtlingen eine Rolle spielen könnte. 'Wir sehen, dass Russen zusammen mit anderen Staatsangehörigen aus postsowjetischen Staaten massenhaft inhaftiert werden. Möglicherweise gibt es interne Gründe dafür, die niemand erklärt hat. Wir vermuten, dass dies mit Fragen der nationalen Sicherheit zusammenhängt. Wie in Europa befürchten die US-Behörden möglicherweise, dass Spione als Flüchtlinge einreisen. Da ihnen die Mittel fehlen, um die 'Guten' von den 'Bösen' zu unterscheiden, haben sie die Regeln verschärft. Ich denke, die ablehnende Haltung gegenüber politischen Asylfällen hat denselben Ursprung', sagte er."
Stichwörter: Ice, Russische Flüchtlinge, USA

Magazinrundschau vom 25.08.2025 - The Insider

Daria Nilova interviewt Menschen in den von Russland besetzten Gebieten (Cherson, Donezk, Luhansk und Saporischschja), die weiterhin nicht aus ihren Städten wegziehen wollen, auch wenn von diesen nicht meh viel übrig ist. So erzählen Vera und Ljubow "Das Leben hier ist alles andere als ruhig. Wenn etwas explodiert, bebt das ganze Haus. Man kann nicht schlafen. Und es ist kalt. Die Häuser stehen ohne Fenster, ohne Türen, ohne Dächer. Wir heizen den Ofen an und setzen uns direkt darauf, um uns den Rücken zu wärmen. Wir warten einfach - darauf, dass das Wetter etwas wärmer wird und dass dieser Krieg endlich endet. Es ist immer dasselbe: Ein Angriff kommt, Fenster und Türen werden weggeblasen, Dächer werden abgerissen. Niemand macht sich die Mühe, etwas zu reparieren, weil ein weiterer Beschuss ohnehin alles wieder zerstören würde. Wir rufen einfach Arbeiter, die die Löcher flicken, damit wir den nächsten Angriff überleben können. Fast niemand ist mehr hier, vielleicht zehn Prozent, und alle sind älter. Ich [Liubov] kann das Land nicht verlassen - ich habe keinen ukrainischen Pass, nur eine Aufenthaltsgenehmigung. Mein alter Pass war russisch, und ich hatte vor Kriegsbeginn keine Zeit, neue Papiere zu besorgen. Ich habe zwei Söhne in Russland. Einer ist kürzlich verstorben. Wenn der Krieg vorbei ist, möchte ich meinen jüngeren Sohn sehen und das Grab meines älteren Sohnes besuchen. Wir hören selten von jemandem. Kein Telefon, kein Geld, keine Rente. Wir überleben dank humanitärer Hilfe. Die wird einmal im Monat verteilt, aber ehrlich gesagt brauchen wir nichts weiter. (....) Wir warten nur darauf, dass dieser Krieg endet. Was können wir in unserem Alter schon tun? Wir werden nicht zu den Waffen greifen. Wir können nur beten. Es bricht uns das Herz - so viele verlorene Leben, überall Tod. In unserer Straße hat eine Rakete ein Haus getroffen. Sieben Menschen wurden getötet. Wir wollen nur, dass das Blutvergießen aufhört. Vor dem Krieg war Lyman eine ruhige, grüne Stadt. Jetzt gibt es Lyman nicht mehr."

Magazinrundschau vom 17.06.2025 - The Insider

Mariupol war im ersten Kriegsjahr zum Symbol der Zerstörung durch die russischen Streitkräfte geworden und wurde nach langen Kämpfen von diesen besetzt. Nikita Aronov besucht Einwohner, die von ihrem Alltag und dem Wiederaufbau der Stadt erzählen: "'Wenn man durch die zentralen Straßen und Alleen von Mariupol fährt, stellt man fest, dass sich das Leben hier und jetzt kaum von dem in anderen Städten unseres großen Landes unterscheidet. Es gibt grüne Parks, in denen verliebte Paare spazieren gehen. Zur Hauptverkehrszeit gibt es sogar Staus', heißt es in einem der vielen russischen Fernsehberichte zum dritten Jahrestag der Besetzung der Stadt. Vor dem Krieg lebten in Mariupol rund 450.000 Menschen. Einem UN-Bericht zufolge sind 350.000 von ihnen geflohen. Doch im Dezember 2024 behauptete Wladimir Putin, dass nicht weniger als 300.000 der Geflüchteten zurückgekehrt seien. Im russischen Fernsehen werden Baustellen und renovierte Gebäude gezeigt. Doch die Einwohner von Mariupol wissen unabhängig von ihrer politischen Einstellung, dass dieses Bild nicht der Wahrheit entspricht. Maria, eine Freiwillige des Projekts 'Map of Mariupol's Destruction', sagt, dass nicht einer ihrer ehemaligen Nachbarn zurückgekehrt ist. 'Diese Behauptung über die Rückkehr der Bewohner ist eine reine Lüge', sagt sie. 'Die Stadt ist voll von zerstörten Privathäusern, in denen nichts getan wird und in denen niemand lebt. Das Gleiche gilt für die Wohnhäuser, die ausgebrannt sind. Man kann an den Fenstern sehen, dass sie leer stehen. Ich habe so viele davon im Stadtzentrum, auf dem Prospekt Mira, gesehen. In den Gebäuden, die stehen geblieben sind, gibt es viele leere Wohnungen oder Wohnungen, die von Migranten gemietet werden. Ich kenne einen Migranten, der eine Scheinehe plant, um die Staatsbürgerschaft zu bekommen, ein Haus zu bauen und für immer in Mariupol zu bleiben.' Das Problem ist, erklärt Maria, dass die Reparaturen in der Regel nur bis zur Fassade reichen. 'Die Stadt hat ein hübsches Äußeres. Ich habe mich einmal mit einem Bauleiter unterhalten, und er erzählte mir, dass sie die Fassade und die Hauseingänge sowie die Fenster, Türen und Versorgungsleitungen erneuern würden. Aber in den Wohnungen müssen die Bewohner die Reparaturen selbst durchführen - und das in einem Gebäude, das durch einen Brand völlig entkernt wurde.' In der Altstadt sind viele Gebäude zwar von außen gestrichen, aber innen sind sie leere Hülsen. Nachts sind ihre Fenster dunkel. Manchmal, so berichtet Lilya von ihren Kontakten, die noch in der Stadt sind, sind die Böden im Inneren einfach eingestürzt. 'Mariupol ist eine sehr große und weitläufige Stadt. Sie haben die Hauptstraßen im Zentrum in ein Schaufenster verwandelt. Aber wenn man ein paar Blocks zurückgeht, ist alles zerbombt und verbrannt.'"