Magazinrundschau - Archiv

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204 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 21

Magazinrundschau vom 11.08.2026 - Wired

Gegen Künstliche Intelligenz und die dafür nötigen gigantomanischen Datenzentren, die in den USA gerade wie Pilze aus dem Boden schießen, regt sich erheblicher Protest - und das kurioserweise von radikal rechter wie radikal linker Seite, berichtet Molly Taft. Eine der schillerndsten Persönlichkeiten im rechten Spektrum ist Joe Allen, Vertrauter von Steve Bannon und Teil des Teams dessen Podcasts War Room, in dem Allen einen radikaltheologisch unterfütterten Humans-First-Ansatz der Technikstürmererei vertritt. Dass gerade die radikalen Rechte sich ludditisch neu definiert, hat auch viel mit deren Re-Lektüre des Manifests des "Unabombers" zu tun, ein Pseudonym, hinter dem sich der Mathematiker Ted Kaczynski verbarg, ein radikalökologischer Anarchist und Terrorist: "Allens Redebeiträge folgen einem bekannten Muster: schrille Themen der Rechten (bei der Georgia Tech machte er einen Witz über den 'großen Austausch'!) verrührt mit halluzinorisch-albtraumhaften Schilderungen unserer Zukunft (die Vorstellung, dass eine globalistische Kabale von Tech-Oligarchen die gesamte Menschheit durch Roboter ersetzen will)." Der Einfluss des Unabombers "ist offensichtlich: In War Room nimmt Allen die Rolle jenes Predigers ein, der uns von der hohen Kanzel herab vor dem nahenden dystopischen Zeitalter warnt. Viele seiner Arbeiten siedeln nahe am Body Horror: Was geschieht mit unseren Seelen, fragt er sich, wenn unsere Körper und Umgebungen zunehmend digitalisiert werden?" Aber wie kommen diese Gruppierung und ein radikalökologischer Bombenleger zusammen? "Ich habe ganz vergessen, wie sehr Kaczynski den modernen Linksradikalismus - mit seiner Fürsprache für schwule Rechte, Feminismus und ähnlichem - für die 'Durchgeknalltheit unserer Welt' verantwortlich macht (um fair zu sein, verabscheute er auch Chancengleichheit und schrieb, dass Konservative 'Narren sind: Sie jammern über den Niedergang traditioneller Werte und doch unterstützen sie enthusiastisch technologischen Fortschritt und wirtschaftliches Wachstum'). Für Kaczynski war der Linksradikalismus ein unausweichliches Nebenprodukt der modernen Gesellschaft, die Menschen gegen die natürliche Ordnung der Welt ausspielt und dem daher also mit Widerstand entgegen getreten werden muss."

Magazinrundschau vom 04.08.2026 - Wired

Wie sich Drohnenkrieg und Drohnenabwehr auch auf die zivile Luftfahre auswirken können, zeigt der Absturz eines Klein-Flugzeugs im medizinischen Notfalleinsatz im vergangenen Mai in den USA, nachdem eine nahe Militärbasis im Zuge einer Übung GPS-Signale sabotiert hat. Es ist der erste Unfall seiner Art auf US-amerikanischen Gebiet, schreibt Jeff Wise. "Die Art der Kriegsführung ändert sich grundlegend und schnell, da Drohnen günstiger, zahlreicher und tödlicher werden. Da sie schwerer zu orten und schwerer außer Gefecht zu setzen sind, bieten sie kleineren, weniger gut ausgestatteten Nationen die Möglichkeit, in der Auseinandersetzung mit mächtigeren Gegnern die eigene Position zu verbessern. ... Um zurückzukämpfen, können die Verteidiger versuchen, das Navigationssystem einer Drohne auszunutzen. Ein günstiger und einfacher Weg für Drohnen, ihr Ziel zu erreichen, ist GPS, welches mittels Satellitensignalen Positionen ermittelt. Wenn diese Signale blockiert werden, sind die Drohnen des Gegners mehr oder weniger blind. Aber auch der Gegner kann Gegenmaßnahmen ergreifen. Drohnen- und Antidrohnentechnologien befinden sich in einem ewigen Katz-und-Maus-Spiel und arbeiten kontinuierlich daran, die andere Seite auszutricksen. ... Ein Kollateralschaden dessen sind das zivile GPS und vor allem Flugreisen. Seit 2023 mussten Flüge über große Gebiete des Nahen Ostes, des Schwarzen Meers und der Ostsee mit Phasen von GPS-Störungen zurechtkommen. Fluglinien haben zwar gelernt, sich dem anzupassen, aber ein Preis dafür ist dennoch fällig. GPS hat die Flugsicherheit erheblich gestärkt und auch wenn Flugzeuge ohne GPS nicht sofort vom Himmel fallen, fehlt dadurch ein zusätzlicher Schutz für Passagier und Crew. Kommen noch weitere Stressoren hinzu - eine dunkle Nacht, eine unerfahrene Besatzung und eine schlechter ausgerüstete Backup-Technologie -, reicht dies schon aus, um ein Desaster heraufzubeschwören."

Magazinrundschau vom 14.07.2026 - Wired

Andy Greenberg hat bei einem Planspiel mit Vertretern der größten Versicherungsunternehmen teilgenommen, bei dem ein großer chinesischer Hacker-Angriff auf die Wasserversorgung der USA simuliert wurde. Dass ein solcher Angriff kaum zu bewältigen ist, lässt ihn ebenso erschüttert zurück wie die Tatsache, dass er gar nicht mal so unwahrscheinlich ist: "Im Mai 2023 machten Microsoft, die National Security Agency und CISA die Entdeckung von, wie sie es nannten, Volt Typhoon bekannt, eine Gruppe von Hackern im Dienst des chinesischen Militärs. Die Eindringlinge hatten sich Zugang zu den Netzwerken von Einrichtungen der kritischen Infrastruktur im ganzen US-Gebiet sowie im US-Territorium von Guam verschafft. Die Ziele umfassten alles - von der Produktion über die Telekommunikation bis hin zum Stromnetz. Besonders alarmierend waren diese Durchbrüche, weil die Hacker über das für die chinesische Cyberspionage typische Maß hinausgingen. Microsoft zufolge versuchten sie 'Fähigkeiten zu entwickeln, die die Kommunikationsinfrastruktur zwischen den USA und Asien in einer zukünftigen Krise zerschlagen könnten'." so etas könnte etwa vor eine Invasio in Taiwan nützlich sein. "Weitere Untersuchungen zeigten, dass die Liste der Ziele der Hacker nicht auf Netzwerke beschränkt waren, die die Sabotage von Anlagen des US-Militärs gestatten. Sie umfassten auch IT-Systeme von Wasserwerken in Hawaii, zahlreiche US-Häfen und mindestens eine Öl- und Gaspipeline von wahrscheinlich militärischer Relevanz, aber auch Hunderte anderer Einrichtungen, darunter die Wasser- und elektronische Infrastruktur einer so kleinen Stadt wie Littleton, Massachusetts, einer Stadt mit etwa 10.000 Einwohnern. 'Es gibt nur einen einzigen Grund dafür, solche Ziele anzuvisieren", sagt der frühere CISA-Geschäftsführer Brandon Wales: 'man will in der US-Gesellschaft Chaos stiften.'"

Magazinrundschau vom 02.06.2026 - Wired

Mit großer Skepsis beobachtet Steven Levy die sich bereits abzeichnende nächste Eskalationsstufe in Sachen Künstlicher Intelligenz: Aufgrund der bislang noch hohen technischen Zugangsschwelle stürzen sich derzeit zwar vor allem Programmierer auf KI-Assistenten wie OpenClaw, doch ist abzusehen, dass auch dieser Trend weitere Kreise ziehen wird. Entsprechende Tools versprechen die vollständige Übernahme täglicher Redundanzen mit einem User-Interface, das die Komplexität einer gängigen Chat-App nicht übersteigt: Emails, Rechnungen, Organisation des alltäglichen Kleinkleins bis hin zur Erledigung von Arbeitsroutinen und was man sich an Annehmlichkeiten noch so wünschen mag - zum Preis des totalen Zugriffs auf alle persönliche Daten und dem Risiko, dass selbstlernende Systeme bezüglich der persönlichen Lebensführung zu Schlüssen kommen, die man weder vorgesehen hat, noch sich wünscht. "Benebelt von der Euphorie der Gestaltungsmöglichkeiten, warfen viele OpenClaw-Fanatiker einstige Bedenken dabei, Daten einem ambitionierten Roboter zu überlassen, ab. Im Februar testeten zwanzig KI-Forscher OpenClaw für eine Studie und kamen zu dem Schluss, dass es sich dabei um einen Agenten des Chaos handle, wie auch der Titel der Studie lautet. 'Beobachte Verhaltensweisen umfassen die unauthorisierte Zusammenarbeit mit dritten Parteien, die Weitergabe empfindlicher Informationen und die Ausführung destruktiver Aktionen auf Systemlevel', sowie zahlreiche weitere alarmierende Praktiken. Auch im alltäglichen Gebrauch kam es zu Problemen. Ein bei Meta für Sicherheit zuständiger Mitarbeiter machte in einem OpenClaw-Projekt einen 'Anfängerfehler' und konnte nur erschrocken dabei zu sehen, wie seine sämtlichen Mails gelöscht wurden. ... Es ist ungewiss - und auch nicht von Belang - ob OpenClaw weiterhin der antreibende Motor in der Assistent-Mania sein wird. Zahllose weitere KI-Firmen befinden sich gerade in einem irren Wettrennen darum, solche Assistenten jedem in die Hand zu spielen, der ein Keyboard oder ein Telefon hat. Wenn dies geschieht, wird der Übergang, wie sie ihn sich vorstellen, nicht geschmeidig sein. Wenn es nicht gelingt, gravierende Halluzinationen und offensichtliches Fehlverhalten zu beseitigen, wird dieses Ziel möglicherweise nie erreicht. Der Mangel an brauchbaren Tools, um die Arbeit eines Assistenten zu überprüfen, bleibt auch weiterhin ein Hemmnis. Doch sollte ein Rollout im großen Stil stattfinden, dann könnten solche Assistenzen zahlreiche Menschen arbeitslos machen. Der Erfolg könnte schmerzhaft werden."

Magazinrundschau vom 12.05.2026 - Wired

Seit den Hollywoodstreiks 2023 hat sich die Entertainment-Branche in den USA kaum mehr gefangen und der Druck durch KI und Streaming hat sich seitdem eher noch erhöht. Insbesondere Drehbuchautoren sehen sich immer länger anhaltenden finanziellen Engpässen ausgesetzt. Wenn gar nichts mehr geht, heuern sie  - Ironie des Schicksals! - bei diversen KI-Start-ups an, um KIs zu trainieren, erzählt die britische TV-Autorin Ruth Fowler, die selber in diesen Mahlstrom geraten ist. Bekanntlich stecken hinter den oft erstaunlichen KI-Ergebnissen ja noch immer Menschen, die die Software systematisch durch oft stundenlangen Input trainieren. Die Start-ups locken mit angeblich hohen Stundensätzen und flexiblen Arbeitszeiten. Leichtes Geld? Die Realität sieht anders aus: Ständig schwankende bis völlig unklare Auftragslagen, immer weiter sinkende Honorare, labyrinthische Home-Office-Strukturen, die Grundvoraussetzung, ständig bereit zu sein, sowie die stets bestehende Gefahr, vor die Tür gesetzt zu werden. "'Es fühlt sich so an, als ob wie hier alle in einem Aquarium nur darauf warten, dass unsere Menschenmeister endlich ein bisschen Essen nach unten werfen', schrieb einer in einem Slack-Chat für ein weiteres Projekt, für das ich mich zwar beworben hatte, das aber kaum Arbeit abwarf. 'Und dann können nur diejenigen essen, die schnell genug nach oben schwimmen.' Je normaler dies für mich wurde, desto mehr passte ich mich der knarrenden und schwindelerregenden Einpeitscherei des Jobs an. Während wir in unbezahlter Wartezeit herumlungerten und auf eine Email warteten, die uns Arbeitsaufträge versprach, wurden wir von unseren Teamleitern und deren Ausrufezeichen weiter unter Druck gesetzt. ... Um 7 Uhr abends an einem ganz normalen Wochentag komme ich nach einem langen Tag am Set nach Hause, nachdem ich meinen Mittelschüler vom Basketball abgeholt habe. Ich gehe nochmal mit dem Hund raus, sehe die Mails durch, denke kurz drüber nach, welche Zutaten ich wohl zu einem Abendessen zusammenhaue, als plötzlich mein Telefon virbiert. Mein Slack-Chat quillt über vor 'Go, Team, Go'-Nachrichten von irgendwem, der gerade erst das College absolviert hat, von jemandem, der keinen Dunst davon hat, dass im Laufe vieler Jahrzehnte Leute dafür gestorben sind, um Arbeitsrechte durchzusetzen, die Arbeiter genau vor jenen Bedingungen zu schützen, für die er jetzt verantwortlich ist und dies begleitet von zahlreichen Raketen-Emoji-Reaktionen. Unser furchtloser Anführer erzählt uns, dass es UNUMGÄNGLICH ist, dass wir unseren ersten Auftrag binnen 24 Stunden bewältigen. Wenn nicht, risikieren wir den Rauswurf. Aber du kannst arbeiten, wann du willst."
Stichwörter: KI, Künstliche Intelligenz

Magazinrundschau vom 03.03.2026 - Wired

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Der Krieg mit Iran "könnte das bislang größte Wagnis in seiner ganzen politischen Karriere" sein, schreibt Garrett M. Graff über Donald Trump. Der US-Präsident zündelt seiner Ansicht nach an einer Lunte, die die ganze Region wie ein Pulverfass explodieren lassen könnte - mit Folgen für Jahrzehnte. Zumal Trump notorisch dafür ist, Entscheidungen übers Knie zu brechen und dann aber binnen kurzem jegliches Interesse an den Folgen zu verlieren - und der Iran ist für sein internationales Terror- und Cyberwar-Netzwerk ja durchaus bekannt. "So sehr Trump (und die Welt) auch hoffen mag, dass in diesem Frühling im Iran die Demokratie ausbricht, lauten die offiziellen Einschätzungen des CIA, dass Chamenei im Falle seines Todes wahrscheinlich durch Hardliner aus der Revolutionsgarde ersetzt wird. Und ja, der Fakt, dass Irans Schläge Vergeltungsschläge gegen Ziele im gesamten Nahen Osten am Samstag unvermindert anhielten - trotz des Todes vieler altgedienter Köpfe des Regimes, darunter angeblich auch des Verteidigungsministers -, strafte die Hoffnung Lügen, dass die Regierung kurz vor dem Zusammenbruch steht. Irans Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg hing sicherlich mit drei Ereignissen und deren Verflechtungen mit der US-Außenpolitik zusammen: der CIA-Coup 1953, die Revolution 1979, die den Schah entfernte, und jetzt der US-Angriff 2026, bei dem Staatsführer ums Leben kam. In seinem vor kurzem veröffentlichten Bestseller 'King of Kings' über den Fall des Schahs schreibt der langjährige Auslandskorrespondent Scott Anderson über das Jahr 1978: 'Wer eine Liste mit der kleinen Handvoll Revolutionen erstellen will, die in der Moderne auf globaler Ebene einen tatsächlichen Wandel ausgelöst haben, welcher das Paradigma, wie die Welt funktioniert hat, veränderte, dann müsste man dieser neben den amerikanischen, französischen und russischen Revolution auch die iranische hinzufügen.' Der Gedanke drängt sich auf, dass wir gerade jetzt einen historischen Moment von ähnlicher Tragweite erleben - und dies auf eine Weise, deren Folgen wir jetzt noch nicht absehen oder garvorstellen können."

Magazinrundschau vom 10.02.2026 - Wired

Ein US-Kriegsveteran unter dem Pseudoym John Publius hat sich für Wired genau angesehen, wie sich Trumps eilig rekrutierte und schlecht ausgebildete ICE-Schergen im Feld verhalten - und verzweifelt schier über deren Gehabe und Dilettantismus. ICE, unterstreicht er, ist eine Zivilbehörde, die sich zwar wie Militär kostümiert, aber jeglichen militärischen Sachverstand vermissen lässt: ihre völlig überdimensionierte Ausstaffierung, ihr taktisches Verhalten, die Unangemessenheit ihres militärischen Gebarens gegenüber der eigenen Zivilbevölkerung ohne übergeordneten militärischen Konflikt, die Lust an der Gewalt - all dies habe hochgradig chaotische Aspekte und erinnere an die Anfangstage des Kriegs gegen den Terror vor zwanzig Jahren, aus dessen Fehlern das Militär aber längst gelernt habe. "Sollte das ICE-Vorgehen im Dienst eines strategischen Zieles stehen, sind die Implikationen entweder verwirrend oder verstörend. Verwirrend, weil die ICE-Taktiken kontraproduktiv sind, sollte es der Regierung darum gehen, Abschiebungen zu erhöhen und die öffentliche Unterstützung dafür zu bewahren. Verstörend, weil das Vorgehen von ICE sich mit einer von militärischen Strategen ermittelten Theorie deckt, der Theorie der Kontrolle. Diese Theorie, die üblicherweise in autoritären Staaten wie China oder Russland umgesetzt ist, umfasst mehrere Aspekte einer unkonventionellen Kriegsführung: Mediale Kriegsführung, psychologische Kriegsführung und eine Indienstnahme des juristischen Wegs (was manchmal 'lawfare' genannt wird), um nur einige zu nennen. Strategien zur Kontrolle können sowohl gegen einen äußeren Feind eingesetzt werden wie gegen einen inneren. Sie nutzen Terror-Taktiken, um gewalttätigen Widerstand zu provozieren und dann damit dessen brutale Niederschlagung zu rechtfertigen und Gesetzesverschärfungen zu entschuldigen, mit denen Terrorismus und Hochverrat neu definiert werden. Die Regime nutzen die dadurch entstehende, chaotische Gemengelage, um damit weitere Aktionen zu verfolgen. Es handelt sich dabei, grob gesagt, um Politikmachen mittels Krisen. ... Sollten die politischen Ziele dieser Vorgehensweisen indessen nicht darauf zielen, profundes Misstrauen, Verwirrung, Zweife, Zorn und Zersetzung hervorzurufen, dann erscheinen sie fehlgeleitet und falsch angewendet. Eine Vorgehensweise, die von der Strategie abgekoppelt ist, führt zu strategischem Versagen."
Stichwörter: Ice, USA

Magazinrundschau vom 26.01.2026 - Wired

Der größte chinesische Science-Fiction-Roman ist im Westen selbst Kennern völlig unbekannt, da er nie übersetzt wurde. Und auch auf Chinesisch dürfte es kaum jemanden geben, der ihn wirklich komplett gelesen hat, schreibt Afra Wang. Denn: "The Morning Star of Lingao" ist ein seit den frühen Nullerjahren von einem teilweise anonymen Kollektiv im Netz verfasstes, seitdem ständig ausgeschmücktes, erweitertes und kaum mehr überschaubares Epos. Erzählt wird die Geschichte von einer Gruppe chinesischer Zeitreisender, die mit heutigem Wissen 500 Jahre in die Vergangenheit reist, um die Schmach Asiens - die Entwicklung der modernen Wissenschaften in Europa - auszugleichen und China damit erhebliche Startvorteile mit auf den Weg zu geben (ein Ausgangsszenario, das im übrigen verdächtig an Wolfgang Jeschkes Klassiker "Der letzte Tag der Schöpfung" erinnert). Die Ursprünge dieses Projekts liegen in einem Online-Diskurszusammenhang aus naturwissenschaftlich gebildeten, teils liberalen, teils nationalistischen Kreisen mit naturwissenschaftlichem Background - später wurde dieser als "Industrial Party" bezeichnet. "Die Kraft, die sie feierten, war nur auf den ersten Blick von der industriellen Zivilisation abgeleitet. Tatsächlich war es Entwicklung als solche, Fortschritt als Ideologie, Aufbau als Erlösung. Revolution, Demokratie, Freiheit: Das waren Ablenkungen, sogar Hindernisse." Damit "spiegelt der Roman die moralische Weltsicht Chinas im 21. Jahrhundert wieder, also dessen industrielle Beschleunigung und dessen Nationalismus. ... Zwischen 2000 und den mittleren Zwanzigerjahren verachtfachte sich Chinas Produktionsoutput beinahe. Das Land wurde nicht allmählich, sondern schlagartig 'die Fabrik der Welt'. Eine Rückkopplungsschleife entstand: Die Weltsicht der Industrial Party und Chinas tatsächliche Industrialisierung bekräftigten sich gegenseitig." Doch "für viele zerschlug sich der 'chinesische Traum'. Die Geburtsraten sinken. In der jungen Generation herrscht eine überwältigende Arbeitslosigkeit. Kann der 'einfach noch mehr aufbauen'-Geist von 'Lingao' noch immer Probleme lösen? Ich sehe überall Zweifel. Man kann sich keinen Ausweg aus einer Sinnkrise herauskonstruieren, wenn eine ganze Generation junger Leute sich dazu entschlossen hat, 'sich flach auf den Boden zu legen', wie ein chinesischer Ausspruch besagt, und damit jenes Versprechen von sich weist, dass endlose Arbeit zu Wohlstand führt."

Magazinrundschau vom 13.01.2026 - Wired

Für Garrett M. Graff steht Trumps Staatsstreich in Venezuela in einer langen Tradition von militärischen Interventionen der USA in Südamerika und kommt daher auch eigentlich sehr "unüberraschend". Einmal mehr, fürchtet Graff, entpuppen sich die Staaten als Meister darin, kurzfristig militärisch erfolgreich, aber schon mittelfristig überfordert zu sein und schließlich langfristig zu scheitern - zumal Trump selbst keinen Plan vorzuweisen habe, sondern wie stets impulsgesteuert vorgehe. Als besonders fatal dürfte sich herausstellen, dass Trumps Kopf nach wie vor im Modus des Kalten Krieges stecke. Es sei daher durchaus plausibel, diese Operation "weniger als Konflikt des 21. Jahrhunderts zu denken, sondern eher als ein retro-nostalgisches Unternehmen - als den letzten Krieg des 20. Jahrhunderts. ... Doch die Welt hat sich verändert und Donald Trump scheint die nächsten Schritte nicht durchdacht zu haben, was zu einer tiefen Ironie führt: Die USA sind in einen Krieg für Öl gezogen, von dem unklar ist, ob es überhaupt jemand will. Mit seinem 80s-Mindset umarmt Trump auch weiterhin Benzin fressende Motoren, ... während der Rest der Welt sich in großem Tempo von fossilen Brennstoffen weg bewegt. Die erneuerbaren Energien hatten zuletzt dreißig Prozent Wachstum pro Jahr und produzierten in der ersten Hälfte von 2025 tatsächlich zum ersten Mal mehr Energie als Kohle. China greift die Erneuerbaren rapide auf und fügte alleine 2025 mehr Solar- und Windkapazitäten hinzu als die USA insgesamt aufweisen. So befindet sich das Land mittlerweile auf dem Weg dahin, Karbonemissionen zu senken, während das Wachstum trotzdem steigt. Energiekosten sinken weltweit so rasch, dass Australien im November angekündigt hat, dass ab diesem Jahr jeder pro Tag drei Stunden Elektrizität gratis erhält."
Stichwörter: Trump, Donald, USA, Venezuela, Erdöl

Magazinrundschau vom 14.10.2025 - Wired

KI wird alles lahmlegen, alle Kreativen arbeitslos machen und das Netz mit bizarrem Trash fluten bis es eine einzige Jauchegrube ist, auf die niemand mehr Lust hat - so das gängige Narrativ. Aber könnte KI nicht vielleicht sogar die nächste Generation an Kreativen befeuern? Erste One-Man-Filmstudios machen sich im Netz bereits einen Namen, indem sie die neuen Möglichkeiten clever nutzen und mit einer eigenen Vision verbinden. Gossipgoblin etwa erzählt auf Instagram eine dystopische Science-Fiction-Saga (ausgerechnet) darüber, wie Technologie die Menschheit ablösen wird, in seiner Reportage wirft Christopher Beam aber vor allem Josh Wallace Kerrigan einen Blick über die Schulter, der in seinem Youtube-Kanal Neural Viz mehrere KI-Tools miteinander verbindet, um eine fiktionale Doku-Serie über den Alltag von Aliens auf der Erde ohne Menschen zu erzählen. "Die Bezeichnung 'KI-Video' weckt meist die schrecklichsten Assoziationen: Nilpferde beim Surfen, Babies am Steuer eines Flugzeugs, Will Smith beim Spaghetti-Verschlingen, Trump und Barack Obama beim Knutschen. Sprich: Gullywasser." Doch 'Neural Viz weist in eine andere Richtung. In einer Welt voller faulem, niveaulosestem KI-Dreck schafft der Kanalbetreiber ein originelles Werk und verwirklicht eine Vision, die so spezifisch und so liebevoll ausgedacht ist wie jede andere klassische Serie da draußen. Ein paar wichtige Details: Obwohl er Prompts schreibt, die ihm dabei helfen so gut wie jede Rolle an einem klassischen Set zu erfüllen, schreibt der Autor seine Skripte weiterhin auf altmodischem Weg. Auch spielt er alle Figuren selbst, mit KI als Maske. ... So wie Trey Parker und Matt Stone mit 'South Park' Cartoons neuerfunden haben, indem sie auf die billigsten ihnen zur Verfügung stehenden Instrumente zurückgriffen, schnappt sich der Mann hinter 'Neural Viz' Technologie, die viele verachten und abtun, um ein Medium in eine neue Richtung zu bewegen. Vielleicht ist er tatsächlich der erste KI-Autorenfilmer. ... Er legte seine Aufmerksamkeit auf die Grenzen von KI und arbeitete sich darum herum. Ihm fiel auf, dass die Tools mit Actionszenen Probleme haben, aber gut darin, sind Köpfe beim Reden zu zeigen, also entschied er sich für etwas im dokumentarischen Stil. Er wollte den Uncanny-Valley-Effekt vermeiden, der bei simulierten Menschen eintritt, also wählte er knubbelige Außerirdische als Figuren. Und um die Defizte der Renderings zu kaschieren, fühlte er sich vom altmodischen, grieseligen Look des Fernsehens der Achtziger- und Neunzigerjahre angezogen.