9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Gesellschaft

2828 Presseschau-Absätze - Seite 3 von 283

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2026 - Gesellschaft

Was ist das beste Rezept gegen den Rechtspopulismus? Der Ökonom Jonathan Barth schlägt bei Zeit Online vor, "Demokratie wieder in kommunalen Strukturen" zu verankern, "dort, wo sich Menschen konkret begegnen": "Etwas, wofür sich kämpfen ließe, wäre die Förderung von Räumen, in denen Menschen Gesellschaft wieder als Ergebnis ihres eigenen Wirkens erfahren. Vom Engagement bei der Freiwilligen Feuerwehr über den Chor, den genossenschaftlichen Dorfladen und den Bürgerrat bis zur Wiedereinführung von kollektiven 'Ritualen', seien es Zivil- und Militärdienst oder gemeinsame Feiertage und Veranstaltungen für Demokratie. Institutionen, in denen der Einzelne sich als Teil des Ganzen verortet und gerade dadurch Zugehörigkeit und Sinn erlebt. Andy Burnham hat in Großbritannien mit einem kleinen Schritt vorgemacht, wie das aussehen kann: Er hat Pubs die Unternehmensteuern erlassen, damit sie als Orte des Sozialen erhalten bleiben."
Stichwörter: AfD

9punkt - Die Debattenrundschau vom 07.08.2026 - Gesellschaft

Leeor Engländer nimmt in der Jüdischen Allgemeinen zwei Texte (hier und hier) muslimischer Autoren, die in der taz ein Gefühl der Entfremdung in Deutschland beklagten, zum Anlass darüber nachzudenken, warum es Muslimen so schwer fällt, sich von der Hamas zu distanzieren: "Während selbst in Gaza trotz massiver Repressionen immer wieder Proteste gegen die Hamas stattfinden, bleibt eine breite, international sichtbare palästinensische Bewegung, die den Antisemitismus in den eigenen Reihen bekämpft, den Terror der Hamas eindeutig verurteilt und die dauerhafte Existenz Israels ausdrücklich anerkennt, bislang weitgehend unsichtbar. Auf israelischer und jüdischer Seite existieren seit Jahrzehnten entsprechende Organisationen, Intellektuelle und Aktivisten, die sich - oft gegen erheblichen Widerstand aus den eigenen Reihen - für Verständigung, Koexistenz und einen palästinensischen Staat einsetzen. So stehen beide Texte exemplarisch für ein weithin sichtbares palästinensisches Problem. Es fehlt nicht nur an einer wirkmächtigen Opposition gegen die islamistischen und antisemitischen Kräfte innerhalb der palästinensischen Gesellschaft. Es fehlt damit auch an einer Generation palästinensischer 'Tauben', die nach dem Ende der Herrschaft der Extremisten bereitstünde, politische Verantwortung zu übernehmen und den eigenen Landsleuten einen glaubwürdigen Weg der Anerkennung, der Koexistenz und des Friedens aufzuzeigen."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 06.08.2026 - Gesellschaft

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Im Interview mit der FAZ spricht der Autor Lennart Herberhold über die Einsamkeit, die queere Menschen überdurchschnittlich empfinden. Daran hat sich, scheint es, seit seinem Heranwachsen als schwuler Junge in der saarländischen Provinz nicht viel geändert, hat Herberhold gelernt, der auch ein Buch zum Thema geschrieben hat: "Ich war bei meiner Recherche erstaunt, dass zum Beispiel auch junge schwule Männer mir erzählt haben, dass sie Angst vor ihrem Coming-out hatten. ... Insgesamt ist es einfacher geworden. Aber gleichzeitig erleben viele queere Menschen immer noch Ausgrenzung und Isolation." Und die kommt nicht immer von außen, sondern kann auch innerhalb der queeren Community entstehen, erzählt er: "Für einen schwulen Transmann ist es in der von schwulen Cis-Männern dominierten queeren Gemeinschaft nicht leicht, da fühlt man sich schnell in der eigenen Community einsam."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 05.08.2026 - Gesellschaft

"Jeder Jude wird in eine seit rund 2.500 Jahren bestehende und seitdem ständig aktualisierte, hochgehaltene Bildungstradition und -infrastruktur hineingeboren", erklärt Michael Wolffsohn in der NZZ, während er sich Gedanken über die aktuelle Antisemitismus-Welle macht. In der Tora ergehe "an jeden Juden die strikte Anweisung, die eigenen Kinder (im Text: Söhne) in der Tora zu unterrichten. Hierfür muss jeder lesen und schreiben können. Das ist der Ursprung der Breitenbildung im Volk Israel. Viel früher und weitaus umfassender als bei anderen Völkern." Die "Folge als Karikatur: Alle jüdischen Eltern erwarten, dass ihre Kinder entweder einen Nobelpreis bekommen oder zumindest nobelpreisverdächtig werden. Dafür nehmen sie oft immense Opfer in Kauf. Das wiederum erklärt das im Vergleich zu (fast) allen Kollektiven historisch und gegenwärtig höhere Ausbildungsniveau der Juden sowie ihre Erfolge. Diese sind jeweils selbst hart erarbeitet und nicht Ergebnis göttlicher Erwählung. Aber sie erwecken den Neid der anderen, sprich: Antisemitismus."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 - Gesellschaft

Eine Studie der Universität Konstanz (hier der Link dazu) offenbart, dass Schüler auf dem Gymnasium eher zu linken und bürgerlichen Parteien tendieren, während Schüler aller anderen Schulformen die AfD gut finden, resümiert Alan Posener in der Welt. Dabei sei klar: Kinder auf dem Gymnasium kommen eher aus wohlhabenderen Haushalten, Schüler anderer Schulformen nicht. Es liege also nicht am Mangel an Aufklärung in der Schule, so Posener, "wenn Kinder aus kleinen und prekären Verhältnissen Zuwanderer nicht als Bereicherung, sondern als Konkurrenten um Aufmerksamkeit in der Schule und später um Jobs, Wohnungen, Aufmerksamkeit und Sozialleistungen erleben. (...) Die ganze Hilflosigkeit des Bildungsbürgertums angesichts solcher Ergebnisse offenbart die Stellungnahme der Studienautoren", die mehr politische Bildung an nicht-gymnasialen Schulen fordern. "Nichts dagegen. Aber wenn das darauf abzielt, den Kindern der Unterprivilegierten einzureden, sie sähen die Welt falsch, die Kinder der Privilegierten hingegen richtig, also auf ideologischen Klassenkampf von oben, so haben die Autoren ihre eigene Studie nicht verstanden."

Der Queerbeauftragte Berlins Alfonso Pantisano (SPD) rückte nach dem Anschlag auf den CSD den Islamismus in die Nähe des Konservativismus, empört sich Clemens Wergin in der Welt. Das verkenne auch die historische Realität, dass der Islamismus vor allem in der Nazi-Ideologie wurzele - die Nazis prägten während des Zweiten Weltkrieg viele spätere Muslimbrüder. "Wenn man den Islamismus jedoch einordnen wollte in das westliche politische Koordinatensystem, dann ist Islamo-Faschismus der am ehesten zutreffende Begriff - und das hat mit Konservativismus eben gar nichts zu tun. Der Vergleich von Pantisano, der von manchen Linken begierig aufgegriffen wurde, ist damit nur ein weiteres Element der anhaltenden Verharmlosung der islamistischen Gefahr in Teilen der Linken." Es seien auch eben jene Teile der Linken, die sich laut Wergin propalästinensisch bis Hamas-unterstützend zeigten und damit den Islamismus herunterspielen.

Mohamed Ibrahim, der als Kind palästinensischer Flüchtlinge 1973 nach West-Berlin kam, erzählt in der taz seine komplizierte Geschichte und seine Auseinandersetzung mit dem Nahostkonflikt. "2005 sprach mich ein jüdisch-israelischer Bekannter an. Seine Idee war, als palästinensisch-israelisches Trainertandem gemeinsame Workshops zum Nahostkonflikt in Bildungseinrichtungen anzubieten und durchzuführen. So ein Projekt gab es in dieser Form zu jener Zeit noch nicht, und viele Lehrer klammerten das Thema im Unterricht lieber aus. Im Jahr 2006 führten wir an einer Berliner Schule unseren ersten gemeinsamen Workshop als palästinensisch-israelisches Tandem. Einerseits ging es uns darum, den Schüler zuzuhören. Andererseits hatten viele Schüler dort vorher noch nie einen Israeli kennengelernt, geschweige denn mit ihm gesprochen. Manche Vorurteile schienen unüberbrückbar zu sein. Unser empathischer Zugang trug dazu bei, sie zu hinterfragen." Seit dem 7. Oktober, schreibt er, fühle er sich wegen des "antipalästinensischen Rassismus" in Deutschland, nicht mehr als Deutsch-Palästinenser, sondern nur nach als Palästinenser.

Bestellen Sie bei eichendorff21!
Die Stadt verlangt zwar, vom Land versorgt zu werden, hat jedoch keine Vorstellung davon, dass dies eben nicht mit verkehrsberuhigten Straßen oder besonders nachhaltig geht, meint der Autor Andreas Möller im NZZ-Interview mit Birgit Schmid. Städte sollen entschleunigt werden, das Land auf der anderen Seite industrialisiert. "Aus städtischer Perspektive möchte man das Land nicht als Wirtschaftsraum sehen, der marktwirtschaftlich funktioniert. Aber die Bauern sind gezwungen, Pflanzenschutzmittel einzusetzen oder bei den Tieren eine gewisse Herdengröße zu haben, wenn sie nicht nur am Tropf der Subventionen hängen wollen. Das wollen manche Berliner nicht sehen, für die die Uckermark zu einer Art Bullerbü geworden ist. Das Land soll wie der Schwarzwald um 1900 aussehen, während sonst alles digitalisiert und mit KI beschleunigt wird."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2026 - Gesellschaft

300.000 Menschen liefen zum gestrigen CSD durch Hamburg, ohne Zwischenfälle, wie Ilka Kreutzträger erleichtert in der taz festhält: "Bis zuletzt lagen laut den Sicherheitsbehörden für den Hamburger CSD keine konkreten Gefährdungshinweise vor. Angepasst hat die Polizei ihr Sicherheitskonzept dennoch. Betonpoller und Lkw stehen an der Strecke, Hubschrauber und Drohnen sind im Einsatz, einige Einheiten aus anderen Bundesländern sind hinzugeholt worden, Kommunikationsteams laufen mit. Es sind doppelt so viele Kräfte im Einsatz, als vor dem CSD-Anschlag in Berlin eingeplant waren."

Der Erlass des Bundesinnenministerium (BMI) im Winter 2023 den Spruch "From the river to the sea" zu verbieten, hat eine "regelrechte juristische Schlacht" an deutschen Gerichten ausgelöst, berichtet der Historiker Joseph Croitoru bei Zeit Online. Die juristische Lage sei schwierig, das BMI habe die Parole als "Kennzeichen" der Hamas verboten, allerdings durch ein sogenanntes "Verfügungsverbot", das kein Gesetz darstellt. Die Gerichte sind "unterschiedlicher Auffassung darüber, inwieweit der inkriminierte Spruch tatsächlich ein Kennzeichen der Hamas sei. Das liegt auch daran, dass das BMI für seine diesbezügliche Behauptung keinerlei Nachweise lieferte. Schon an diesem Punkt müsste man eigentlich innehalten und sich fragen: Wenn unterschiedliche Staatsanwaltschaften und Gerichte beim selben Sachverhalt zu völlig verschiedenen Einschätzungen kommen, weil sie die Grundlage einer (möglichen) Anklage verschieden bewerten - müsste die Politik da nicht reagieren? Womöglich eigene Fehleinschätzungen einsehen und die Rechtsprechung nicht weiter alleine lassen?"

9punkt - Die Debattenrundschau vom 01.08.2026 - Gesellschaft

Kevin Kühnert, Ex-Hoffnung der SPD, hätte in der SZ Jahrzehnte sozialdemokratischer Beschönigung von Integrationsproblemen thematisieren können. Stattdessen zieht er eher neckisch über die Launen der Medienöffentlichkeit bei solchen Ereignissen her: "Ab der ersten Eilmeldung zu einem Vorfall steht mittlerweile die Frage im Raum, auf wessen Konto das Verbrechen und seine noch ungezählten Opfer wohl gehen werden. Und gemeint sind damit die jeweiligen politischen Lager, an deren Feuern wir uns unsere Storys erzählen. Einseitig aus dieser Logik auszusteigen, scheint unmöglich, solange die anderen weitermachen, sich weiter ihre Geschichte erzählen." Leider skizziert Kühnert nicht, wie ein "Aussteigen aus dieser Logik" aussehen könnte.

Die Autorin Sasha Marianna Salzmann spekuliert zum selben Thema in der SZ: "Was bleibt, ist die Frage, warum dieser Anschlag so kurz vor den Wahlen in Berlin, Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern geschah. Und wieder nach demselben Prinzip wie schon in Magdeburg, wie schon in München. Auch damals, vor den vorgezogenen Bundestagswahlen, lenkten Männer ihr Auto in die Menschenmenge. Der Anschlag in München war islamistisch motiviert. Der Anschlag in Magdeburg von einem erklärten Feind des Islam und Fan der AfD ausgeführt. Dieser hier war islamistischer Terror."

Die Aktivistin Julia Ehrt ergänzt im Interview mit der FR zum Klima nach dem CSD-Attentat: "Die AfD hetzt gegen queere Menschen - und dann benutzt sie den Anschlag, um eine islamfeindliche und migrationsfeindliche Botschaft zu verbreiten. Sowohl Queerfeindlichkeit als auch Islamfeindlichkeit werden von dieser Partei politisch instrumentalisiert, um Wut zu erzeugen und Menschen zu mobilisieren, die bereits queer- oder migrationsfeindlich eingestellt sind."

Nachdenklichere Stimmen kommen aus dem muslimischen Kontext. Der Blogger und bekennende gläubige Muslim Murat Kayman etwa kritisiert im Interview mit dem Tagesspiegel die austauschbaren Erklärungen der Islamverbände zum CSD-Anschlag, die weder Motiv noch Opfer benennen, und weist auf die Verbindungslinien zwischen Islam und Islamismus hin: "Es gibt eine theologische, nämlich islamische Begründung der islamistischen Tat. Islamistische Täter handeln nicht aus persönlichen Motiven. Die Empfänglichkeit für Radikalisierung und Gewaltbereitschaft hat sicher persönliche Faktoren, aber der letzte Schritt zur Gewalt, das, womit der Täter seine Tat vor sich selbst rechtfertigt, hat eine religiöse Dimension. Hier geht es darum, dass der Täter sich für den Vollstrecker eines göttlichen Willens, einer göttlichen Strafe hält. Und die Vorstellung davon, was dieser göttliche Wille sei, die entsteht durch Erzählungen innerhalb unserer Glaubenswelt."

"Es überrascht mich, dass weiterhin so wenig über muslimische Queere nachgedacht wird", schreibt der Politologe und Lyriker Ozan Zakariya Keskinkilic in der FAS: "Dabei bilden sie eine Schnittstelle, die jetzt umso wichtiger ist und die endlich wahrgenommen und verstanden werden sollte. Muslimische Queere sind ungemütlich und stören in alle Richtungen. Sie heben die vermeintlichen Widersprüche auf und erinnern an ein verschüttetes Erbe, das nicht nur Islamisten ein Dorn im Auge ist."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2026 - Gesellschaft

Wie geht es weiter mit der Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), fragt Reiner Burger in der FAZ nach dem überraschenden Rücktritt ihres Leiters Sönke Rix, der nur ein paar Monate im Amt war. Über die "persönlichen Gründe" für den Rücktritt wurde mit seinem Dienstherrn, Innenminister Alexander Dobrindt (CSU), Stillschweigen vereinbart. Die bpb war zuletzt dafür kritisiert worden, dass sie es trotz ihres erheblichen Budgets, das in den letzten Jahren von 37,8 Millionen Euro im Jahr 2013 auf 96 Millionen Euro gestiegen war, nicht vermochte, einen Erinnerungsort für die Opfer des linken Terrorismus aufzubauen. "Ob es nach Rix' überraschendem Abgang zu einem echten Neubeginn in der bpb kommt, ist fraglich. Eine fundierte Diskussion über die Zukunft der politischen Bildung gibt es auf Bundesebene nicht. Die Union, die sich am Anfang 2025 noch als Opposition im Bundestag mit 551 Fragen zur 'politischen Neutralität staatlich geförderter Organisationen' folgenlos am Thema NGO-Finanzierung abarbeitete, ergriff während der Koalitionsverhandlungen mit der SPD nicht die Chance, eine Reform der bpb festzuschreiben."

Tugay Saraç ist Projektleiter für LGBTQI-Themen in der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee, die seine Tante Seyran Ateş gegründet hat, und gibt unter anderem an Schulen Workshops zu Fragen um Islam und Sexualität. Wir sprechen viel zu wenig über den Islamismus, meint er, vor dem Hintergrund des Anschlags auf den CSD, im Interview mit dem Tagesspiegel. "Ich habe viel Kontakt mit queeren Geflüchteten, auch über unseren Stammtisch für queere Muslime und Ex-Muslime. Sie waren alle auf dem CSD, haben sich gut gefühlt und gefeiert. Das wurde von einer Person zerstört, die genau die Ideologie vertritt, vor der sie geflohen sind. Das nimmt viele sehr mit." Andererseits gebe es gerade an Schulen viele Jugendliche, die über die sozialen Medien mit islamistischen Ideen in Berührung kommen. Die Schulen tun wenig dagegen: "Wir waren schon an Schulen, wo die Jugendlichen danach gemeinsam mit ihren Eltern erwirkt haben, dass wir nicht mehr eingeladen werden. Unterstützt vom Schulleiter, der den Schulfrieden bedroht sah. Das macht mich wütend, weil ein Schulleiter nicht einfach den Kopf in den Sand stecken darf."

Die taz-Autorin Zara Rahman hat neulich angekündigt, dass Deutschland wegen mangelnder Israelfeindlichkeit künftig auf sie verzichten muss (unser Resümee). Dafür erntet sie heute die aufrichtige Dankbarkeit Ulf Poschardts in der Welt. Die Idee der "Remigration" sollte auch für die politische Mitte kein Tabu mehr sein, findet er: "Wie sieht eine Unwillkommenskultur für illiberale und reaktionäre islamistische Migranten aus? Wer sich an jüdischem Leben stört, wer - wie viele Muslime, nicht nur islamistische Muslime - ein Problem mit Schwulen- und Frauenrechten hat, der sollte in Deutschland nicht willkommen sein. Zur Logik einer republikanischen Remigrationsdebatte gehört deshalb auch, dass man konsequent auf den Grundlagen einer aufgeklärten Zivilgesellschaft besteht und diese künftig wehrhafter in politische Debatten einbringt."

Im gleichen Kontext weist Ahmad Mansour, ebenfalls in der Welt, auf alarmierende Zahlen hin. "Im MOTRA-Monitor 2024/25 wurden 11,5 Prozent der befragten Muslime unter 40 Jahren als manifest und weitere 33,6 Prozent als latent islamismusaffin eingeordnet. In Berlin sagten 40 Prozent der muslimischen Neuntklässler, religiöse Regeln sollten Vorrang vor den Schulregeln haben. Das sind keine Zahlen über potenzielle Terroristen. Aber es sind Zahlen, auf die eine offene Gesellschaft in aller Klarheit reagieren muss."

Die Europäer haben sich daran gewöhnt, dass jüdische Einrichtungen in ihren Städten schwer bewacht sind. Damit ist der Ausnahmezustand zur Normalität geworden, kritisiert Richard C. Schneider in der NZZ. An Solidarität nach Anschlägen fehle es zwar nicht, "doch es gibt einen Unterschied zwischen Solidarität und gesellschaftlicher Selbstbefragung. Solidarität ist in diesem Fall die Reaktion auf Ereignisse. Selbstbefragung setzt sich mit den Voraussetzungen und Umständen auseinander, die solche Ereignisse überhaupt erst möglich machen. Solidarität will trösten. Selbstbefragung stellt die eigene Gesellschaft infrage. Genau dieser Schritt bleibt jedoch häufig aus. Stattdessen gibt es das öffentliche Ritual der Betroffenheit, dann verschwindet die Aufmerksamkeit wieder, die 'Normalität' setzt wieder ein. Eine Normalität, in der die Folgen des Antisemitismus 'ganz normal' verwaltet werden. Genau deswegen sind viele Juden zunehmend frustriert. Genau deswegen fühlen sie sich alleingelassen, obwohl sich der Staat ja kümmert. Denn die Bedingungen ihres Alltags ändern sich nicht. Der Schutz wird ständig verbessert. Die Freiheit der Juden aber bleibt eingeschränkt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 30.07.2026 - Gesellschaft

In der LGBTQ-Szene wird die gewaltbereite Homosexuellenfeindlichkeit auch junger Muslime durchaus diskutiert, schreibt eine Reportergruppe in der Zeit, "oft aber folgt darauf Ratlosigkeit. Das hat zum einen damit zu tun, dass auch diese Szene ihre Extreme und ihre Absurditäten kennt. Sie werden etwa sichtbar, wenn sich Bewegungen wie 'Queers for Palestine' im Zweifel mit den Islamisten der Hamas solidarisieren. Das hat aber auch damit zu tun, dass Homophobie historisch ein Phänomen von Rechtsextremen ist". Tatsächlich haben "Rechtspopulisten, Islamisten und auch christliche Fundamentalisten keine Hemmung, die gleiche Sache zu bekämpfen, nämlich die queere Szene. Das ist kein spezifisch deutsches Problem, sondern ein globaler Trend ... Sowenig diese Gruppen sonst gemein haben: Im Kampf für 'traditionelle Familienwerte' eint sie eine Ideologie, in der die Gleichberechtigung queerer Menschen den Verfall westlicher liberaler Gesellschaften beweist." In Uganda ebenso wie im Senegal und in Burkina Faso, in Kasachstan, Belarus oder Kamerun, in Marokko oder Indonesien, in Polen, der Türkei oder Russland. "So schrumpft die Welt, in der sich queere Menschen frei bewegen können."

In der Welt fordert die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balci ein klares Bekenntnis von Moscheen zu einer toleranten Gesellschaft. "Warum waren all jene selbsternannten Islam-Vertreter, die jetzt nach dem CSD-Anschlag versuchen, uns zu versichern, dass ihre religiösen Überzeugungen in keiner Weise diese Art von Hass befeuern, bisher nicht in der Lage, sich eine Regenbogenflagge an ihre Moschee zu hängen, wenn im Namen ihrer Religion Homosexuelle getötet werden? Wieso können sie nicht jetzt, wo es nicht mehr zu leugnen ist, dass reaktionäre Ideen Hass und Gewalt erzeugen, ein Zeichen setzen, indem sie sagen: Bei uns findest du Schutz vor jeder Form von Gewalt, egal ob du schwul oder lesbisch bist?" Ein Button am Eingang würde genügen, doch das wird nie passieren, glaubt Balci. "Man wolle die Gläubigen nicht vergrämen. Wenn die Mehrheit der Besucher einer Moschee dann vergrämt wäre, bräuchte man diese Moschee vielleicht nicht. Wenn dagegen die Mehrheit mitziehen würde, wäre es wunderbar: Endlich würde sich die Spreu vom Weizen trennen - ganz offen, für alle sichtbar, als ein echtes Bekenntnis zu Frieden und Freiheit."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 29.07.2026 - Gesellschaft

Der Südwesten Frankreichs brennt. 40.000 Quadratkilometer stehen in Flammen. All die Kiefern in dieser heiteren hellen Landschaft stehen (oder standen) dort nicht natürlicherweise, erzählt Niklas Maak, der die Gegend aus Urlauben zu kennen scheint, in der FAZ: "Es war Louis-Napoléon Bonaparte, der noch vor seiner Machtergreifung 1851 in seinem Essay 'L'extinction du paupérisme' eine Modernisierung Frankreichs forderte - und die Sümpfe des Südwestens trockenlegen und zur Werkbank eines industrialisierten Frankreichs machen wollte. Napoelon III. plante eine Handelsexpansion, dafür musste er den Schiffbau und den Ausbau der Eisenbahn vorantreiben - und für all das brauchte man Holz: Feuerholz, Holzbohlen für die Bahn, für Masten, für die Abstützung von Bergbau-Gruben, für den Hausbau. Schon Napoleon I. hatte bei einem Besuch der Stadt Bayonne 1808 angekündigt, die 'Landes' zu modernisieren und urbar zu machen." Was auf riesigen Flächen entstanden ist, so Maak, ist eine Monokultur, extrem anfällig für Entwurzelung durch Sturm, Schädlinge und Waldbrände.

Petra Ahne erklärt in einem zweiten Artikel den jetzt in Frankreich kursierenden Begriff "Pyrocumulonimbus", "über den Flammen entstehende, alles noch schlimmer machende Gewitterwolken".

Investigativjournalistin Heidi Blake hat intensiv die Verbrechen der frauenfeindlichen Influencer Andrew und Tristan Tate (unsere Resümees) recherchiert, die 2022 in Rumänien verhaftet wurden, unter anderem weil sie Frauen in großem Stil zur Prostituion zwangen. Von der Trump-Regierung auf freien Fuß gesetzt, konnten sie im Interview weiter fröhlich ihre maskulinistischen Botschaften verbreiten. In Folge von Blakes Arbeit wurden die Tates nun auf ein Auslieferungsgesuch der britischen Behörden hin in den USA verhaftet. Ein großer "Sinneswandel", meint Blake im SZ-Interview: "Die Tates selbst haben versucht, sich zwischen mich und die Opfer zu schieben, zu kontrollieren, mit wem ich spreche und mit wem nicht. In England habe ich die Polizisten kontaktiert, an die sich damals die ersten Frauen gewandt haben, um Andrew Tate anzuzeigen, weil er sie vergewaltigt und bis zur Bewusstlosigkeit gewürgt haben soll. Diese Vorwürfe wurden damals einfach nicht weiterverfolgt. Als ich anfing, Fragen zu stellen, gab die englische Polizei auf einmal bekannt, dass die Ermittlungen wieder aufgenommen würden und gegen die zuständigen Polizisten ein Verfahren wegen schwerer Dienstvergehen eröffnet werde." In Folge von Blakes Recherche, erhoben die Britischen Behörden 38 neue Anklage-Punkte, unter anderem wegen Erstellung von Kinderpornografie, da manche der Opfer minderjährig waren.
Stichwörter: Waldbrände, Tate, Andrew