Die Affäre um
Jason Arday beschäftigt die Medien in Großbritannien und den USA in großer Intensität weiter. Dem Rassismusexperten und jüngsten schwarzen Professor in der Geschichte der Uni Cambridge waren massive Plagiate vorgeworfen worden, auch seine Lebensgeschichte - der Aufstieg vom autistischen Kind zum renommierten Professor einer der berühmtesten Universtitäten - zeigte immer mehr Risse. Am Freitag wurde er tot aufgefunden. In den sozialen Medien tobt der Streit um die Frage, ob er nun ein
Opfer des Rassismus geworden sei, oder nicht eher jener woken Uni-Hierarchien, die unbedingt ihr "Diversity"-Bild verbessern wollten und Arday in seinen Lügengebilden bestärkten. Die
New York Times brachte am Samstag eine lange Recherche, die wohl schon vor seinem Tod begonnen wurde und in der einige seiner Behautpungen in Frage gestellt werden: "Ardays Behauptungen, er
habe nicht sprechen können, seien falsch, sagen ein ehemaliger Klassenkamerad und ein Sprachtherapeut, der mit ihm gearbeitet hatte, gegenüber der New York Times. Sein angeblich bemerkenswerter Werdegang vom nonverbalen Kind im Vorjugendalter zum promovierten Wissenschaftler habe in der medizinischen Fachliteratur
keinen Präzedenzfall, sagen Experten für Entwicklungs- und Sprachverzögerungen. Das hätte beim
Einstellungsausschuss in Cambridge, dem auch ein Kinderpsychiater angehörte, der sich mit Autismus befasst hatte, die Alarmglocken läuten lassen müssen, so die Experten."
Der Oxforder Theologe
Nigel Biggar hatte schon zwei Tage vor Ardays Tod gespürt,
wie gefährlich die Sache für Arday selbst werden könnte. In einem Blogbeitrag
schrieb er: "Jason Arday selbst tut mir irgendwie leid. Ja, er hat immer wieder unehrlich gehandelt. Und doch - nach dem, was ich beobachtet habe - glaubt er wirklich an seine eigenen Lügen. Wenn er Kritiker als 'rassistisch motiviert' abtut, klingt es so, als meine er aufrichtig, was er sagt. Er ist in einer
Fantasiewelt gefangen. Unabhängig von seiner persönlichen Schuld hat seine missliche Lage etwas Tragisches an sich. Denn wenn die Realität schließlich durchbricht, wird auch die Nemesis Einzug halten. Eine schreckliche Abrechnung wird dazu führen, dass das Selbst, das er sich aufgebaut hat, zerfällt. Ich
fürchte um sein Leben."
Gina Thomas zitiert in ihrem Bericht für die
FAZ den im
New Stateman schreibenden Politikwissenschaftler
David Runciman, der
darlegt, "dass der Fall niemals so hohe Wellen geschlagen hätte, wenn er sich
nicht in Cambridge ereignet hätte. Der Kontrast zwischen dem Ansehen der Institution und 'der höchst zeitgenössischen Dynamik' des Arday-Skandals verleihe der Geschichte ihre Brisanz. '
Rasse,
Klasse,
Snobismus,
Wokeness - all das tritt umso schärfer hervor, wenn die Handlung sich in dieser abgeschotteten Welt alter Colleges und elitärer Reputationen zuträgt, von denen einige nun in Trümmern liegen', schreibt Runciman."
Dominic Johnson
lotet in der
taz nochmal die
Tiefe des Sturzes aus: "Arday wurde
durch TV-Shows gereicht, mit Ehrungen überschüttet, in unzählige Gremien berufen und erhielt einen Millionenvorschuss für seine Autobiografie. Größen in Wissenschaft und Politik
priesen ihn in höchsten Tönen als einzigartiges Phänomen, als Stimme der Benachteiligten, als neuartige Spezies von Wissenschaftler, der seine Erkenntnisse aus tatsächlicher Lebenserfahrung statt aus akademischer Forschung bezieht." Johnsons nicht unbedingt
taz-typische Schlussfolgerung: "Arday ist nicht Opfer von Rassismus geworden. Eher ist er ein Opfer eines
falsch verstandenen Antirassismus, der Einzelnen willkürlich ungerechtfertigte Vorteile verschafft." Hier Daniel Zylbersztajn-Lewandowskis und Dominic Johnsons
taz-Bericht zur Affäre.
Die
Cambridge University soll die Untersuchung, die sie zu Vorwürfen gegen Arday angestrengt hatte, nach seinem Tod vorläufig ausgesetzt haben,
berichtet der
Guardian, "solange Ardays Familie trauert, zu gegebener Zeit werde geprüft, ob sie wieder aufgenommen werden soll. Wissenschaftler und Politiker haben Zweifel daran geäußert, ob Cambridge
Ardays Verletzlichkeit ernst genommen hat, als er 2023 in diese hochrangige, öffentlichkeitswirksame Position berufen wurde. Zu diesem Zeitpunkt war die Universität wegen mangelnder Vielfalt in Führungspositionen in die Kritik geraten."