9punkt - Die Debattenrundschau

Wirres Netz von Zusammenhängen

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
20.08.2026. Der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann wundert sich in der FAZ, wie wenig die Befürworter eines AfD-Verbotsverfahrens über die Folgen eines Sieges nachdenken. Der Historiker Volker Weiß warnt in der SZ: Die DDR-Folklore der AfD ist fake. Im Tagesspiegel erklärt der Neuköllner Bürgermeister Martin Hikel, warum er den Begriff des "antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt. Die Zeit sieht in der Affäre Jason Arday vor allem einen Schuldigen: die Universität Cambridge.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 20.08.2026 finden Sie hier

Ideen

In der FAZ wundert sich der Rechtsphilosoph Uwe Volkmann, wie wenig die Befürworter eines AfD-Verbotsverfahrens über die Folgen eines Sieges nachdenken. Die wären beträchtlich - auch für die Demokratie: "Legt man die bisherige, wenngleich nun auch schon ältere Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts und die darauf basierenden Regelungen in den Wahlgesetzen zugrunde, verlören alle Abgeordneten der AfD mit Ausspruch des Verbots automatisch ihre Mandate darin. Die über ihre Landesliste besetzten Plätze blieben unbesetzt, für die direkt gewählten Abgeordneten müssten Nachwahlen stattfinden. Unabhängig von deren Ausgang spiegelten die Parlamente von einem Tag auf den anderen nicht mehr die real bestehenden Mehrheitsverhältnisse, und oft ergäben sich auch ganz neue. Im Bund etwa verfügten, nimmt man den jetzigen Bundestag als Maßstab, CDU/CSU mit 206 und die SPD mit 120 Sitzen nach dem Wegfall der AfD plötzlich über eine Zweidrittelmehrheit, mit deren Hilfe sie die Verfassung ändern könnten..." Und noch ein Probleme gebe es: Nicht verschwinden werde mit einem Verbot das Repräsentationsdefizit, das viele Bürger empfänden, die sich "mit dem, was sie politisch für richtig halten, im bisherigen Parteienspektrum nicht vertreten fühlten". Es werde im Gegenteil wachsen.

Vertritt die AfD linke Positionen? Jain, meint der Historiker Volker Weiß in der SZ. Auf dem Papier wirken die sozialpolitischen Maßnahmen der AfD und ihre DDR-Folklore wie ein Ruf nach mehr Sozialmaßnahmen - aber ohne die Gleichheit der Bürger, sondern ihre Unterordnung zu fordern. "Die AfD beutet eine Fehlerinnerung aus, in dem sie Isolation, Konformitätsdruck und Improvisationsgeist einer Mangelgesellschaft zu Kennzeichen einer intakten Gemeinschaft umdeutet. Diese Sehnsucht nach einer überschaubaren Ordnung hat mit dem Gedanken einer Gleichwertigkeit über soziale, ethnische oder Geschlechterdifferenzen hinweg nichts zu tun. Das bedeutet auch, dass sozialpolitische Impulse als Kriterium zur Unterscheidung von rechts und links wenig taugen, solange sie nicht mit dem Gedanken gleichberechtigter Partizipation einhergehen."
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Stichwörter: Volkmann, Uwe, AfD, Weiß, Volker

Europa

Antonia Krinninger besucht für die FAZ in Frankfurt eine Ausstellung zum Samizdat in der Tschechoslowakei 1939 bis 1989. Tschechien ist in diesem Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, die Ausstellung ist Teil seines Auftritts und sie zeigt, wie wenig Zensur letztlich funktioniert: "Die Wurzeln dieser Praxis reichen weit zurück, lange bevor es das Land gab. Die Verserzählung "Der Schmied von Lešetín" des Dichters Svatopluk Čech etwa entstand 1883. Sie wurde von der österreichisch-ungarischen Zensur beschlagnahmt. Leser waren aber so begeistert, dass sie es von Hand abschrieben. Es ist bis heute erhalten."
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Gesellschaft

Der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel (SPD) tritt bei der kommenden Berlin-Wahl nicht mehr an - seine Partei habe ihm nicht die nötige Unterstützung gegeben (unsere Resümees). Ein mutmaßlicher Grund dafür war, dass er den Begriff des "antimuslimischen Rassismus" nicht benutzt, was er im Tagesspiegel-Interview mit Madlen Haarbach folgendermaßen begründet: "Weil ich ihn inhaltlich falsch finde. Er funktioniert nur, wenn ich jemandem aufgrund seiner ethnischen Herkunft dem muslimischen Glauben zuordne. Wenn ich jemanden aufgrund seines Aussehens einer Religion zuordne, ist das purer Rassismus. Das schreibt rassistische Muster fort. Denn eine Religion kann ich mir aussuchen, die Hautfarbe nicht. Dadurch relativiert man faktisch echten Rassismus, das finde ich falsch. Außerdem wird der Begriff im politischen Kontext genutzt, um Kritik am Islamismus als rassistisch zu markieren."

In Ostdeutschland wird Kulturinstitutionen inzwischen häufig ebenso misstraut wie Politikern. Was tun? Eine Wagenburg bilden, bringt es jedenfalls nicht, meinen der Dramaturg Aljoscha Begrich und der Theaterregisseur Christian Tschirner in der taz. Ins Gespräch kommen, ist aber auch schwierig: "Es ist, als versuche man einen Ort des Austauschs und Dialogs zu schaffen und befinde sich dabei in einem conspiracy room, wie man ihn aus alten Kriminalfilmen kennt, wenn die Polizei endlich den Unterschlupf des paranoiden Täters gefunden hat: Alle Wände sind mit Bildern, Zeitungsschnipseln, Studien, Parolen, Fakten und einem wirren Netz von Zusammenhängen bedeckt. Wenn wir auf dem Festival OSTEN (Kulturfestival in Bitterfeld-Wolfen, das diesen September wieder stattfindet; d. Red.) trotzdem versuchen, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen, dann mit dem Hinweis, den Blick doch bitte immer schön auf den Boden zu richten. Auf das Naheliegende. Wo stehen wir, was ist der gemeinsame Grund? Und dann: Immer schön einen Fuß vor den anderen setzen, so weit der gemeinsame Boden eben reicht. Vielleicht eine Wasserrutsche bauen, weil es im Sommer heiß ist und ein Freibad fehlt."

Nikolai Klimeniouk hat einen Faktencheck zu einem kürzlich in der taz erschienenen Artikel des Deutsch-Palästinensers Mohamed Ibrahim durchgeführt und eine Reihe Fehler gefunden, wie er in der FAZ berichtet: So erzähle Ibrahim, sein Vater hätte wegen der Nakba 1948 nicht geimpft werden können und sei deshalb an Polio erkrankt. Das kann nicht stimmen, weil es die Polio-Impfung erst seit 1955 gibt. Auch erzähle Ibrahim, er sei als Dreijähriger mit seiner Familie 1973 vor dem Bürgerkrieg im Libanon nach Deutschland geflohen, der begann aber erst 1975. "Wozu diese kleine Lüge? Vielleicht, um schon im nächsten Satz eine Anhörung zum Asylantrag zu erwähnen, 'die eher einem Verhör glich'". Ibrahims Vater habe seine Geschichte in einem Buch ganz anders erzählt: "Er sei wegen seiner Erkrankung nach Deutschland gekommen und als Erstes zum Knochenarzt gegangen. 'Solange ich im Libanon lebte, war es ruhig, die Lebensbedingungen waren sehr schlecht, die Sicherheit war in Ordnung.' Offenbar geht es dem Autor darum, die Geschichte seiner Familie noch dramatischer darzustellen, als sie schon war, und dabei Deutschland und Israel die Schuld für ihre Leiden zu geben. Deutschland erscheint von den ersten Zeilen an vor allem als ein Land, das die Familie schlecht behandelt hat - und nicht als eines, das ihr Zuflucht gewährte." Die taz hatte Klimeniouks Artikel übrigens abgelehnt, taz-Redakteur Daniel Bax habe dafür den Ibrahim-Kritikern auf Facebook Rassismus vorgeworfen.
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Politik

Die Jesidin Hadiya Al-Na'mat wurde 2014 durch den IS verschleppt und versklavt. Im Tagesspiegel-Interview mit Vivien Chang erzählt sie, wie sie vor 2014 gelebt hat, wie der IS in ihre Heimatstadt eingefallen ist und wie sie in ein Lager gebracht wurde. "Vor dem Gebäude des technischen Instituts des Dorfes sah ich, wie sie die älteren Frauen erschossen. Es war einer der schrecklichsten Momente meines Lebens." Dann wurde sie von ihrer Mutter separiert, verschleppt und als Sklavin verkauft. "Während meiner Gefangenschaft wurde ich gedemütigt, geschlagen und vergewaltigt. Auch die Kinder und Ehefrauen der IS-Männer misshandelten mich. Eine der Frauen drohte, mich lebendig zu vergraben. Ich war in den Händen von Monstern." Heute lebt sie mit ihren drei noch lebenden Schwestern in einem Lager für Binnenvertriebene im Irak, sie würden gerne zu ihrer Familie nach Deutschland kommen: "Meine Schwester hat bei Veranstaltungen über meine Situation gesprochen und es über offizielle Stellen versucht. Aber bislang hat uns niemand geholfen. Die Aufnahmeprogramme für Jesiden gibt es heute nicht mehr."
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Wissenschaft

In der Affäre Jason Arday sieht Anna-Lena Scholz (Zeit) vor allem einen Schuldigen: die Universität Cambridge. "Sie hat Arday benutzt, um sich selbst zu profilieren. Kalt und berechnend. 0,4 Prozent der Professoren in Cambridge sind schwarz. Jason Arday war einer von ihnen. Man stellte ihn ins Licht, als würde dann nicht mehr auffallen, dass Cambridge eine der weißesten, elitärsten, verschlossensten Institutionen der Welt ist. Hier hat Zugang, wer immer schon dazugehörte. Privatschulkinder, Premierminister in spe." Die Universität sollte daher auch "ihre eigene Rolle aufklären: etwa dass sie Vorwürfe gegen Arday lange ignorierte, dass sie im Berufungsverfahren besser geeignete Kandidaten überging, wie die New York Times berichtete. Und vor allem sollte sie sich nicht länger feige wegducken vor einem schmerzhaften Eingeständnis: dass hinter der Berufung Ardays ein jahrzehntelanges institutionelles Versagen steht. Dass man hier, an einer der angeblich besten Universitäten der Welt, keinerlei Strategie hatte, um den Imperativ der Bestenauslese mit der Öffnung für Menschen mit anderen Lebensläufen zu versöhnen."

Aus der Frage, ob Jason Arday seine Karriere auf "falschen Angaben aufgebaut" habe, sei längst eine politische Auseinandersetzung geworden, konstatiert Lion Grote im Tagesspiegel. "Die Rechte sieht in ihm den Beleg für eine Universität, die Diversität über Leistung stellt. Ardays Unterstützer sehen in der Affäre den Beleg dafür, dass ein schwarzer Wissenschaftler trotz seiner Stellung nicht vor Rassismus sicher ist. Und Cambridge muss sich fragen lassen, warum eine der renommiertesten Universitäten der Welt daran gescheitert ist, ihren Professor zu schützen."
Archiv: Wissenschaft
Stichwörter: Arday, Jason, Cambridge