Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Hinter tausend Daten keine Welt

02.12.2025. Jafar Panahi ist im Iran in Abwesenheit zu einem Jahr Gefängnis verurteilt worden, melden die Agenturen. Der Guardian erkennt in der Tom-Sandberg-Retrospektive in Oslo die Poesie von Nieselregen. Die FR lauscht mit Annika Kahrs in Berlin derweil Streicherinnen in sterbenden Konsumtempeln. Die taz blickt mit Olga Ravn zurück auf die Hexenverfolgung im Dänemark des 17. Jahrhunderts und fragt: Wie kann eine solidarische Gemeinschaft entstehen? Und die Theaterkritiker sind uneins, ob Stanislaw Lem gut auf der Bühne funktioniert. 

Mit Sprachlichem beschäftigt

01.12.2025. FAZ und Zeit versuchen die Gemüter um die Blackfacing-Debatte am Hamburger Schauspielhaus zu beruhigen. Nachtwandelnde Londoner zeigen der taz in Sebastian Nüblings Adaption eines Kae Tempest-Gedichts die drängenden Probleme unserer Gesellschaft im Jahr 2025. Die SZ feiert Mark Waschkes und Katharina Starks Serie "I am the Greatest". Im Kunstmuseum Basel gehen die Geister um, die NZZ denkt dabei über ihre Menschlichkeit nach. Benedict Wells tritt in der Zeit für mehr echten menschlichen Schmerz statt KI in der Literatur ein. Und alle trauern um den Dramatiker Tom Stoppard.

Wichtelschar von kriegerischen Pygmäen

29.11.2025. Vielleicht ist Christian Marclays "The Clock" der beste Film überhaupt, überlegen die Kritiker ob des 24-stündigen Mammutwerks. Claude Lanzmanns "Shoah" bekommt eine Ausstellung im Jüdischen Museum, die FAS ist beeindruckt. Enrico Lübbes Inszenierung von Lukas Rietzschels Stück "Der Girschkarten" überzeugt die Kritiker in Leipzig durch Schauspielkunst und intellektuellen Furor. Die FAZ ärgert sich über den Bärendienst, den Louis C.K. und Woody Allen der Literatur erweisen. Der Sound der New Yorker Band Say She She geht für die taz einfach richtig gut rein.

Ornament vergangener Zeiten

28.11.2025. Der Tagesspiegel schaut mit John Singer Sargent den Reichen und Schönen von Paris in die Augen. Der amerikanische Künstler Richard Hawkins enthauptet indes eben jene, stellt Monopol verstört in Wien fest. Die FAZ wendet sich in Wien lieber frischen Avantgarde-Stimmen der Neuen Musik zu. Im SZ-Gespräch glaubt die amerikanische Schriftstellerin Jamaica Kincaid, dass der Holocaust "1492 in Spanien seinen Ursprung nahm". Und die Welt feiert einen Roboterhund in Wolfgang Menardis Inszenierung des "Richard III." am Burgtheater.

Der Nachttopf von Novalis

27.11.2025. Die Kritiker spüren mit Julian Radlmaiers Film "Sehnsucht in Sangershausen" der deutschen Seele nach. Die FAZ reist ins wohlhabendste Viertel von Barcelona, wo das Büro Vivas Arquitectos eine Obdachlosenunterkunft gebaut hat. Die taz staunt im Berliner Savvy Contemporary, wie Künstler dem Material der Kolonisierung seine Bedeutung zurückgeben. Die Feuilletons lauschen dem Komponisten Helmut Lachenmann zum Neunzigsten - vom tonlosen Blasen bis zum Klappenschlag.

Gewappnet mit Gemeinsinn

26.11.2025. Im von der Welt übersetzten Figaro-Interview spricht Boualem Sansal über seine Verhaftung. Die SZ singt eine Hymne auf Shermin Langhoff, die das Gorki-Theater verlässt. Monopol fragt sich in London: Ist Peter Doig der aufgeklärte Gauguin? Die FAZ träumt mit dem Animationsfilm "Zoomania 2" von einer von Tieren verwalteten Welt. Die taz schaut sich um in georgischen Clubs, in denen der Techno noch brennt.

Immer da, wo die Action passierte

25.11.2025. Die Filmwelt trauert um den Schauspieler Udo Kier: der konnte Bösewichte wie kein anderer, erinnert die SZ. Die FAZ schaut dank des Sanierungsentwurfs der heneghan peng architects in den Himmel über der Berliner Gedächtniskirche. Die NZZ freut sich über kuriose Klangperformances beim "Forward"-Festival für zeitgenössische Musik in Berlin, bei dem auch schonmal gefaucht und geschnurrt wird. 

Futuristische Gemüsewumme auf ein unbestimmtes Ziel

24.11.2025. Boualem Sansal gibt erste Interviews nach seiner Freilassung. Cherien Dabies' Film "Im Schatten des Orangenbaums" beeindruckt die Kritiker durch bewegende Aufnahmen von Orangenhainen und palästinensischen Familien - politisch hat er hingegen blinde Flecken. Die FAZ staunt, wie die Tokioter Art Week Natur und Kultur vereint. Evgenji Titovs "Salome"-Inszenierung gibt den Kritikern avantgardistische Rätsel auf. Der Tagesspiegel schwingt die Beine zu den jazzigen ukrainischen Schlagern, die der Lwiwer Homin-Chor performt.

Wie Gesellschaften moralisch abstürzen

22.11.2025. Die NZZ schwelgt in London in den hingehauchten Reifröcken der Marie Antoinette. In der FAS erklärt der russische Lehrer und Dokumentarfilmer Pavel Talankin, wie Kinder in Russland zu "Patrioten" erzogen werden. Die SZ verneigt sich in München vor dem Werk des Malers und Bildhauers Hermann Glöckner, der sich von keiner deutschen Diktatur vereinnahmen ließ. Und Zeit Online bleibt das Lachen im Halse stecken, wenn sich das Kollektiv Frankfurter Hauptschule in München 482 Titel der Kulturgeschichte entgegen ruft.

Unter dem reich gedeckten Tisch

21.11.2025. Monopol lässt sich von Kara Walker in Berlin jenen Teil amerikanischer Geschichte servieren, der so gern verschwiegen wird. Der Tagesspiegel erinnert sich im Berliner Club Ritter Butzke wehmütig an eine untergegangene Clubkultur. SZ und Welt fragen sich mit Blick auf den Fall Konstantin Wecker, wann sich die Linke dem strukturellen Machtmissbrauch in den eigenen Reihen stellen möchte. In Eran Riklis' Film "Lolita lesen in Teheran" kämpft eine Literaturdozentin gegen das iranische Regime - die SZ feiert eine "Ode an die Freiheit", der FAZ fehlt's an Tiefe. Hat das heutige Theater ein Gewaltproblem, fragt die nachtkritik