Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.06.2026. Aktualisierung um 11 Uhr: Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels wird dem Autor Philippe Sands zugesprochen. Heute wäre Ingeborg Bachmann hundert Jahre alt geworden. Ihr Werk ist aktueller denn je, meint ihre Biografin Andrea Stoll in der FR, auch politisch. In der Zeit kann der Künstler Jacques Tilly kaum fassen, dass er wegen einer Putin-Pappfigur in Moskau zu mehr als acht Jahren Lagerhaft verurteilt wurde. Die NZZ macht sich in einer Zürcher Ausstellung Gedanken über das Leben im "urbanen Bienenstock". In der taz erzählt der Architekt Francis Kéré, warum das neue Parlamentsgebäude in Benin einem "Palaverbaum" nachempfunden ist.
24.06.2026. Die Geschichte der Bayreuth-Inszenierungen unter den Nazis ist keineswegs aufgearbeitet, meint der Wagner-Forscher Arno Mungen, der in der Zeit erinnert, wie gern die Nazis von Auschwitz direkt in die Oper fuhren. Monopol blickt in einer Berliner Ausstellung in die Abgründe unseres digitalen Medienkonsums. Leo Fenders berühmte Stratocoaster ist jetzt Kunst und damit urheberrechtlich geschützt, ärgert sich die Welt. Außerdem liest sie kritisch Ingeborg Bachmanns Gedicht "Es kommen härtere Tage". Perlentaucher und Tagesspiegel sehen mit Curry Barkers "Obsession" ein wunderbares Stück Horrorkino.
23.06.2026. Der Tagesspiegel lauscht auf Radio France einer Sensation: Die Flötistin Mathilde Calderini und der Harfenist Nicolas Tulliez spielen erst kürzlich entdeckte Mozart-Stücke. Monopol lässt sich in Aarhus gern blenden von den 1.100 Lichtquellen von James Turrell. Die Welt lernt dank Massentests mit indischen Analphabeten: Wer lesen kann, erkennt auch Gesichter und Farben schneller. Rüsch und Tüll für Männer erhitzt noch immer die Gemüter, bermerkt die FAZ in Florenz mit Blick auf Simone Rochas neue Entwürfe. Man wollte sich in Bayreuth offenbar nicht durch Aufklärung stören lassen, ärgert sich Hamburger Kultursenator Carsten Brosda in der SZ.
22.06.2026. "Luftmasse" vom Paper Tiger Theater Studio in Chemnitz ist für die Nachtkritik vor allem heiße Luft, hilft aber vielleicht, Alfred Döblins Roman "Berge Meere und Giganten" wiederzuentdecken, auf dem das Stück basiert. Der DLF würdigt den Mut der kroatischen Intellektuellen und Schriftstellerin Slavenka Drakulić, die gestorben ist. Frank Zappas Rockoper "200 Motels" in Genf ist für die Kritiker zwar ein Humor-Unfall mit goldenen Gemächtkörbchen, aber die Musik scheppert ganz gut. Die FAZ lässt sich von Helene Fischer beeindrucken.
20.06.2026. Die Feuilletons gratulieren Ingeborg Bachmann schon heute zum Hundertsten: War sie Kommunistin, fragt die taz. Oder Heterofatalistin, fragt sich die SZ. Die FAZ erkennt in London, wie bescheiden Winston Churchill als Maler auftrat. Der Manifesta Ruhr verdankt sie außerdem poetische Ideen für die 20.000 Kirchen, die in Deutschland bald leer stehen könnten. Die FR lernt in Frankfurt, was passiert, wenn man in Grönland nur Kalaallisut, die Sprache der Inuit spricht. FAZ und SZ lauschen dem gelassenen, aber nicht unpolitischen letzten Album der Rolling Stones.
19.06.2026. Kehrtwende in Bayreuth: Katharina Wagner entschuldigt sich bei Michel Friedman und der spricht nun doch in Bayreuth, wie er der SZ versichert. Die FAZ lernt in Bonn von Candice Breitz: Mitgefühl ist offenbar eine Frage der Hautfarbe. Im Tagesspiegel erzählt Dokumentarfilmemacherin Regina Schilling, wie sie Ingeborg Bachmann wieder zum Leuchten bringen will. Der Perlentaucher lauscht einem Schwanengesang, dem alle Schwere fehlt, in Sophie Fillières' Film über eine Frau im Angesicht des Todes. Und Van weiß: Ab 2032 soll die Berliner Philharmonie für acht Jahre schließen und für 1,15 Milliarden Euro saniert werden.
18.06.2026. Über die Absage einer Veranstaltung mit Michel Friedman bei den Festspielen Bayreuth wird weiter diskutiert: Die FAZ findet die Aufregung übertrieben, die Zeit sieht hier statt Antisemitismus eher Unprofessionalität. FAZ und FR stoßen im Städel Frankfurt fast mit der Nasenspitze auf die Druckgrafiken Pieter Bruegels des Älteren. Die SZ ist fasziniert von Wolf Gaudlitz' Film "Blaue Wüste", der den Versuch festhält, Wasser in die Wüste zu tragen - und jahrelang nicht gezeigt wurde.
17.06.2026. Die Bayreuther Festspiele wollen über Richard Wagners Antisemitismus sprechen, laden dafür Michel Friedman ein - und gleich wieder aus: Sowohl die SZ als auch Friedman selbst glauben nicht so recht, dass die Absage mit Sicherheitsbedenken zu tun hat. Die FAZ entdeckt in einer Turiner Ausstellung den Barock-Maler Sodoma, einen schelmischen Snob des 16. Jahrhunderts. Kino und Internet vertragen sich doch, staunt der Standard über Kane Parsons' originellen Horrorfilm "Backrooms". Und die Musikkritiker trauern um den südafrikanischen Jazzer Abdullah Ibrahim: Die FR würdigt ihn als wichtigen Kämpfer gegen die Apartheid.
16.06.2026. Schreibt KI vielleicht doch die bessere Fiktion, weil sie so schön hochstapelt, fragt sich der Freitag. Der Guardian nimmt in London ein göttliches Blutbad mit Anish Kapoor. Der Dlf schickt den klassischen Kunstkritiker in den Ruhestand. Derweil begrüßt Backstage Classical eine neue Generation junger kühner Dirigentinnen. Und die FAZ trägt das Fußballtrikot fortan auch im Büro und bei der Gala.
15.06.2026. Wie kann Theater von sexuellem Missbrauch erzählen, fragen sich die Kritiker in einer Inszenierung von Leonie Böhm in München. Critic.de vermutet, dass ein New New Hollywood kurz bevorsteht, jetzt, wo Autodidakten den Kino-Markt erobern. In München bestaunt die NZZ mehrere Jahrhunderte Haarpracht in der Kunst. Ebenfalls die NZZ beklagt sich darüber, wie wenig Zeit und Raum im Bildungssystem für ausschweifendes Lesen gelassen wird. Der Sound der iranischen Diaspora-Popmusik geht der taz richtig gut ins Ohr.