Mit Abbildungen. Eigentlich sollte die Revolution gemacht werden und nicht Lektorat, Vertrieb oder PR: Mehr zufällig als absichtsvoll sind Hanna Mittelstädt, Lutz Schulenburg und Pierre Gallissaires Anfang der 1970er Jahre in die Verlegerei eingestiegen. Zu ihrem Freiheitsbegriff gehörten damals die emanzipative Haltung des Nach-68er-Impulses und das Erkunden neuer Formen jenseits der "politischen Arbeit", der "politischen Literatur". Es ging um den Reichtum an Lust, Wissen, Autonomie. Zehn Jahre nach Lutz Schulenburgs plötzlichem Tod am 1. Mai 2013 blickt Hanna Mittelstädt zurück auf die ersten vierzig Jahre Nautilus und ruft in zahlreichen Dokumenten, Fotos und Fundstücken aus der Verlagskorrespondenz von Weggefährten und Mitstreitern die Anfangszeit des Verlags wach. Sie erzählt von den Plattenaufnahmen der einzigen LP der Verlagsgeschichte, vom Rechtsstreit mit einem Satiremagazin um den Verlagsnamen, von Manuskriptbeschaffungen durch den Eisernen Vorhang und über Gefängnismauern hinweg, von zehrenden Streitigkeiten um Rechte und Geld, vom immer wieder kreisenden Pleitegeier, von persönlichen Zweifeln und schließlich vom märchenhaften Erfolg des Millionenbestsellers. Ein großer Haufen Bücher ist im Laufe dieses Abenteuers zusammengekommen, jedes Exemplar ist eine kleine Chance auf gesellschaftliche und individuelle Veränderung. Die Welt wäre besser, wenn sie alle gelesen worden wären.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.08.2023
Rezensent Oliver Jungen empfiehlt Hanna Mittelstädts Verlagserinnerungen. Was und wer der Verlag Nautilus war und ist, vermittelt das Buch laut Jungen auf sympathische Weise, detailliert, verspielt, amüsant und genüsslich abschweifend zu Autoren, Projekten, Städtebeschreibungen und immer wieder der Frage nachgehend, wie sich Überzeugung und Markt vereinen lassen. Jungen entdeckt sogar eine Liebeserklärung der Verlegerin an ihren Mitstreiter Lutz Schulenburg. Verlagsarbeit als Aushalten von Widersprüchen, das kommt hier gut zur Geltung, findet Jungen. Nur gegen Ende des Buches versteigt sich Mittelstädt angesichts der Pandemie leider etwas in Überwachungsstaat-Geraune, bedauert der Rezensent.
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