Herausgegeben von Christfried Tögel. Dieses Dokument zeigt einen anderen Freud: das Oberhaupt einer Großfamilie, den Glückssucher und Genussmenschen, die Vaterfigur auch für die Nichte Lilly. Begleitet von intensiven Gesprächen mit Freuds Ehefrau Martha begann die knapp 60jährige ihre Erinnerungen 1945 aufzuzeichnen. Freud-Spezialist Christfried Tögel entdeckte die seitdem verschollenen Aufzeichnungen bei Recherchen in der Library of Congress in Washington. Mit ihrem geschulten Blick für Szenerie und Atmosphäre und ihrem Gedächtnis für Dialoge schildert Lilly Freud-Marle Episoden aus dem Alltag der Großfamilie Freud. Sie erinnert sich an die Tischrunden in der Wiener Berggasse, an gemeinsame Sommerferien, an die Geburtstage des Onkels. Sie bewundert seine immense Arbeitsleistung und erfreut sich seines geselligen Wesens. Sie dankt ihm für Ermutigung und Förderung ihrer künstlerischen Karriere. Sein schweres Krebsleiden erlebt sie bis zum Schluss, aber auch den Willen, weder auf Arbeit noch auf Glück zu verzichten: "Nur noch ein wenig genießen dürfen."
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 11.07.2006
Ganz hingerissen ist Oliver Pfohlmann von dieser 60 Jahre alten bisher unbekannten Freud-Biografie von Freuds Nichte Lilly Freud-Marle, die der Herausgeber Christfried Tögel in der Washingtoner Library of Congress entdeckt hat. Unübersehbar für ihn ist die Sympathie für den Onkel, der bei Freud-Marle durchgehend als "warmherziger Weiser, ebenso großzügig wie genußfähig" erscheine. Zwar setzt Pfohlmann den Wert dieser Erinnerungen für die Freud-Biografik nicht zu hoch an. Auch an den "lyrisch-emotionalen" Stil der Autorin musste er sich gewöhnen. Dennoch haben ihn die Aufzeichnungen sehr bewegt. Vor allem wegen der persönlichen Nahaufnahmen der jüdischen Großfamilie und den vielen köstlichen Anekdoten und Impressionen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.05.2006
Lilly Freud-Marles Erinnerung an ihren Onkel ist die "unbestreitbare Perle" all der Neuveröffentlichungen zum 150. Geburtstag Sigmund Freuds, jubelt Volker Breidecker, nachdem er in einer Mammutbesprechung ein Dutzend Bücher über den Psychoanalytiker vorgestellt hat. Endlich mal eine, die nicht auf neue Skandale aus ist, "an denen die Freud-Literatur so krankt", sondern sich ihrem Onkel als Mensch nähert, der dann im Verlaufe des Buches auch tatsächlich "Kontur" gewinnt. Ein "hinreißendes Buch", urteilt Breidecker, das auch vom Talent zum "Sprachzauber" profitiert, das Lilly offenbar von ihrem berühmten Verwandten geerbt hat.
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