9punkt - Die Debattenrundschau

Der Katzenjammer der Postexzellenz

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
13.10.2026. SZ und Welt warnen vor dem AfD-Politiker Hans Thomas Tillschneider, den jüdische Studenten am Betreten der Synagoge von Halle hinderten - Tillschneider ist ein Anhänger der antisemitischen Theorie des "großen Austauschs". Die taz berichtet aus Gambia, wo fundamentalistische Kräfte das Verbot der Genitalverstümmelung bekämpfen - die ohnehin weiter praktiziert wird. In der FR fragt Navid Kermani: Gibt es noch Gründe, in Köln zu leben? 
Efeu - Die Kulturrundschau vom 13.10.2026 finden Sie hier

Europa

Außenpolitisch zeichnet sich für Deutschland eine Wende ab, die wegen der vielen innenpolitischen Debatten um Bärbel Bas, Pflege oder Rente noch nicht recht wahrgenommen wurde. Robert Putzbach thematisiert sie in der FAZ: "Donald Trumps neue Kehrtwende und sein antiukrainischer Wutausbruch am Wochenende verdeutlichen, was schon zuvor feststand: Im Ukrainekrieg kommt es auf Deutschland an. 'Wanken wir, dann wankt Europa - und dann wankt auch die Ukraine', hat Friedrich Merz kürzlich in Kiew gesagt. Das war mehr als der Versuch eines außenpolitischen Befreiungsschlags eines angeschlagenen Kanzlers. Merz hat eine Wahrheit ausgesprochen, die viele hierzulande nicht gerne hören."

Der Historiker Volker Weiß zitiert in der SZ aus der Presseerklärung, die das Landtagspräsidium Sachsen-Anhalt in Reaktion auf eine Aktion der Mitglieder der jüdischen Studierendenunion Deutschlands veröffentlichte. Diese hinderten den AfD-Politiker Hans Thomas Tillschneider am Besuch einer Synagoge zum Gedenken an den Anschlag in Halle 2019: "In der offiziellen Presseerklärung ist nun von 'linken Studenten' zu lesen, die ihn 'in pöbelhafter Weise' beschimpft und behindert hätten. Damit sei 'das Andenken an die unschuldigen Opfer des Amoklaufs' gestört worden." Bemerkenswert ist für Weiß hier "die Formulierung vom 'Amoklauf', mit der der antisemitische Charakter des Anschlags bagatellisiert wird. Der Täter versuchte damals schwer bewaffnet während des Gottesdienstes zum höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur in die Synagoge einzudringen. Er hatte ein Manifest verfasst, in dem Juden ausdrücklich als Ziele genannt und die 'zionistische Okkupation' Deutschlands behauptet wurde."

Hans Thomas Tillschneider ist ein "Holocaust-Relativierer und Israel-Kritiker, dessen Verhältnis zu jüdischem Leben bestenfalls instrumentell, schlimmstenfalls bedrohlich" ist, warnt Nicholas Potter in der Welt. Tatsächlich sind Tillschneiders in der Vergangenheit geäußerte Statements gar nicht so weit weg von der Ideologie des Halle-Attentäters: "Dem Zentralrat der Juden warf er vor, den Islam zu benutzen, 'um in Deutschland multikulturelle Verhältnisse herbeizuführen' und 'die deutsche Kultur zu schwächen'. Das Ziel sei 'letztendlich die Abschaffung unseres Volks'. Übersetzt: Hinter der vermeintlichen Islamisierung stünden die Juden. Genau dieser Wahn trieb auch den Attentäter von Halle an." Auch die Idee des "Schuldkults" ist allgegenwärtig in seinen Reden, erinnert Potter: "'Unsere Vergangenheit soll uns keine Last mehr sein, sondern eine Lust', sagte er einmal seinen Freunden in Schnellroda. Oder davon, dass nur ein 'verschwindend geringer Teil der Wehrmachtssoldaten' Verbrechen verübt habe: 'Unsere Urgroßväter und unsere Großväter waren keine Verbrecher!'"
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Politik

Helena Kreiensiek hat für die taz in Gambia mit Opfern der Genitalverstümmelung gesprochen, die leider nicht selten auch Täterinnen sind. Gerade in Gambia wird trotz offiziellen Verbots bis heute eine extrem grausame Form der Beschneidung, die "Infibulation", bei kleinen Mädchen durchgeführt: "Dabei wird das gesamte Genital, also Klitoris sowie Schamlippen, entfernt und die verbleibende Haut anschließend bis auf ein kleines Loch zugenäht. Hierdurch sollen Urin und Menstruationsblut abfließen, aber keine Penetration möglich sein." Das Verbot ist in Gambia umstritten, so Kreiensiek. Fundamentalistische Imame fordern eine Rücknahme: "Inzwischen liegt die Frage beim Obersten Gerichtshof. Er muss nun klären, ob das FGM-Verbot von 2015 religiöse und kulturelle Rechte verletzt und damit gegen die Verfassung verstößt. Während Gambias Verfassung Religionsfreiheit und das Recht, Traditionen zu praktizieren, garantiert, hat auch dieses Recht tatsächlich Grenzen: Laut Artikel 32 dürfen die Praktiken nicht die Rechte und Freiheiten anderer beeinträchtigen. Wann die Richter ihr Urteil verkünden, ist offen. Das Verfahren zieht sich - und ist doch so aktuell wie nie. Denn mit der näher rückenden Präsidentschaftswahl im Dezember 2026 wird FGM zunehmend auch zur Wahlkampf-Frage."

Auch in Mali gibt es eine Bewegung, die die Genitalverstümmelung verteidigt, berichtete vor zwei Wochen Patricia Kouakap in der BBC. Meist werden die Forderungen religiös begründet. "Diese Äußerungen und Stellungnahmen beleben die Debatte über die Genitalverstümmelung in Mali neu. Bis heute gibt es kein Gesetz, das diese Praxis im Land eindeutig verbietet. 'Es gibt kein Gesetz, das ausdrücklich von Genitalverstümmelung spricht, aber das Strafgesetzbuch behandelt in Titel 2 Übergriffe auf die Person und das Geschlecht. Und genau in diesem Titel finden wir diese Verstümmelungen in anderer Form wieder, denn es gibt ein Kapitel, das sich mit geschlechtsspezifischer Gewalt sowie vorsätzlicher Körperverletzung befasst', erklärt Rechtsanwältin Saran Keïta Diakité, die bei der Anwaltskammer von Mali zugelassen ist. Bislang sind alle Gesetzesentwürfe zur Abschaffung dieser Praxis gescheitert."

Philippe Sands hatte in seiner Friedensrede die Kriegsverbrechen Israels angeklagt, massiv zwar, aber ohne sehr konkret zu werden (mehr hier). Der Militärblogger U.M. antwortet in einem Twitter-Post: "Die mit Abstand meisten Kriegsverbrechen im Gazastreifen wurden und werden durch Palästinenser begangen. Die Hamas selber gibt für die erste Angriffswelle 5.000 Raketen an, die IDF schätzen 3.500. Nur am ersten Tag. Seitdem Zehntausende mehr, aus dem Libanon, aus dem Jemen. Jede einzelne, die nicht auf ein militärisch relevantes Ziel gezielt hat, ein Kriegsverbrechen. Jede verdeckt getragene Waffe ein Kriegsverbrechen. Jeder Angriff eines Mitglieds der Qassam- und Al-Quds-Brigaden, der seine Uniform nicht trägt, ein Kriegsverbrechen. Jede Entführung, jede bewusste Tötung eines israelischen Zivilisten am 7.10.2023 ein Kriegsverbrechen. Jeder entführte Truck mit Hilfslieferungen ein Kriegsverbrechen. Jede öffentliche Hinrichtung oder Folter ein Kriegsverbrechen. Jede einzelne Schändung eines Leichnahms ein Kriegsverbrechen. Jedes Zurschaustellen einer Geisel, jedes Toten, ein Kriegsverbrechen. Jeder Kombattant in einem Krankenhaus, jeder Tunnel darunter, ein Kriegsverbrechen."

Die Friedenspreisrede von Philippe Sands ist von den deutschen Medien mehr oder weniger mit freundlichen Resümees abgehakt worden. In der FAZ kommt Patrick Bahners immerhin nochmal auf die Passage zur Staatsraison zurück - Sands hatte Deutschland hier vorgeworfen, die Staatsraison sei "rassifiziert" und Deutschland kritisiere Israel nicht ausreichend. Bahners dazu: "Deutschland hat aber nach wie vor seine guten Gründe, sich nicht vorzudrängen mit Kritik an Israel, und das gilt gerade dann, wenn alle Welt solche Kritik äußert. Die Verteidiger der israelbezogenen Staatsräson haben freilich in den vergangenen Jahren selbst den Sinn dafür vermissen lassen, dass der Urgrund der Staatsräson das Nicht-Verallgemeinerbare ist. Sie fordern, dass Israel überall genauso beurteilt wird wie vom offiziellen Deutschland, und so ist aus ihren Kreisen auch Philippe Sands jetzt als Israelhasser beschimpft worden." Der Text der Friedenspreisrede lässt sich übrigens nach einigem Herumklicken unter diesem Link finden.

Richard C. Schneider sieht in der NZZ Gründe für eine neue Annäherung zwischen Saudi-Arabien und Israel: In den Huthis haben sie einen gemeinsamen Feind. "Derzeit sieht es danach aus, dass Jerusalem die Saudi mit Informationen über die Führung, die militärischen Fähigkeiten und die Operationsmuster der Huthi unterstützen wird. Dass Israels Geheimdienste in der Lage sind, die Huthi-Führung aufzuspüren, zeigte sich unter anderem bei den Luftangriffen im August 2025, bei denen mehrere Führungsfiguren getötet wurden. Israels Kenntnisse könnten Saudiarabiens Verteidigung stärken, ohne dass das Königreich öffentlich als Partner Israels auftreten muss."

Der Politikwissenschaftler und ehemalige Diplomat J.D. Bindenagel zieht in der SZ zahlreiche Parallelen zwischen dem Kulturkampf der amerikanischen Rechten und der AfD hierzulande. Ähnlich sind sich beide unter anderem in ihrer Haltung zum Universalismus: "Insbesondere der Neukatholik J. D. Vance interpretiert das christliche Konzept der 'ordo amoris' (Ordnung der Liebe) neu. Er schlägt vor, dass die eigene Gruppe Vorrang vor anderen haben sollte - was im Gegensatz zu traditionellen christlichen Lehren steht. Mit seinem ethnonationalistisch gelagerten Ansatz versucht Vance, den universellen Charakter der US-Unabhängigkeitserklärung nicht nur aus den Angeln zu heben, sondern durch 'Christianisierung' gänzlich zu verleugnen. Der Ansatz der AfD zur Neugestaltung der deutschen Politik befindet sich damit weitgehend in Einklang. Die Partei will den Begriff der Menschenwürde ja effektiv auf 'Biodeutsche' reduzieren - also hauptsächlich auf weiße Deutsche. Zugleich will sie damit das moralische Fundament der westlichen Sichtweise der Weltrechtsordnung nach dem Holocaust untergraben. Diese beruht ja grundsätzlich auf der Überzeugung, dass die Menschenwürde universell und Empathie daher unverzichtbar ist."
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Gesellschaft

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Im FR-Interview unterhält sich der Schriftsteller Navid Kermani mit Michael Hesse über seine Heimatstadt Köln, der er auch sein neues Buch gewidmet hat. Er wohnt nach wie vor gerne dort, sagt er, Probleme gibt es aber auch: "Wir haben ein reales Problem mit der Infrastruktur. Ältere Menschen stehen in Köln ständig vor Rolltreppen oder Aufzügen, die nicht funktionieren. Wir erleben das mit der Bahn. Jeder kennt es. Es gibt dieses reale Gefühl: Die Dinge funktionieren nicht mehr so, wie wir es gewohnt waren. Und es gibt Problemviertel, die besonders sichtbar sind. Wenn man in Köln aus dem Hauptbahnhof Richtung Breslauer Platz hinausgeht und nicht zum Dom, steht man unmittelbar zwischen Obdachlosen, manche sichtbar unter Drogen. Das sind genau die Bilder, von denen rechte Parteien profitieren. Sie sagen: Deutschland gerät außer Rand und Band, Deutschland verfällt (...) Ich finde die Stadtbild-Debatte grundsätzlich nicht verkehrt. Falsch wird sie, wenn man sagt: Das liegt allein an der Migration. Man kann nicht über diese Probleme sprechen, ohne auch über Wohnungsnot, Armut, neuartige Drogen und Obdachlosigkeit zu sprechen. Die soziale Schere geht auseinander."
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Stichwörter: Kermani, Navid, Stadtbild

Wissenschaft

Die "Exzellenzstrategie ist ein Konstruktionsfehler durch und durch", hält in der Welt der Althistoriker Michael Sommer fest. Wird eine Universität zur Exzellenzuni erhoben, prasseln plötzlich die Fördergelder hernieder, "so entstehen Strukturen, die auf Dauer angelegt sind. In die bestehende Gliederung der Universität fügen sie sich kaum ein. Sie stehen neben den klassischen Entscheidungsstrukturen der Universität und sind ihnen oft nur lose verbunden." Doch "die echten Probleme fangen erst an, wenn die Universität eines Tages nicht mehr exzellent, wenn das Füllhorn des Bundes versiegt ist. Dann müssen Gebäude weiter geheizt und Strukturen am Leben gehalten werden, die mit viel Geld aufgebaut worden sind. So folgt auf den Siegestaumel der Exzellenz früher oder später der Katzenjammer der Postexzellenz."
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