9punkt - Die Debattenrundschau - Archiv

Medien

2361 Presseschau-Absätze - Seite 1 von 237

9punkt - Die Debattenrundschau vom 21.08.2026 - Medien

Henryk M. Broder feierte gestern seinen Achtzigsten. Bei Journalisten und Intellektuellen ist er nicht immer so beliebt, auch wegen seines gefürchteten Witzes, aber im Publikum ist das ganz anders, erzählt sein Freund und Kollege Reinhard Mohr in der Jüdischen Allgemeinen: "Als Broder einmal an einer roten Ampel am Potsdamer Platz hielt, stürzte ein Polizeibeamter auf seinen Wagen zu: 'Oh Gott, was hab ich falsch gemacht', fragte sich Broder. 'Werde ich jetzt festgenommen, geht es wieder los?'. Nein, der Polizeibeamte reckte den großen Daumen und sagte: 'Machen Sie weiter so!'" Broders Klassiker "Der ewige Antisemit", der als eines der ersten Bücher den Antisemitismus der "Neuen Linken" thematisierte, ist gerade wieder aufgelegt worden. In der Welt gratuliert Mathias Döpfner seinem Kolumnisten.

Bei der taz hat man sich immer schon fragen können, ob sie heimlich nicht eher der Linkspartei als den Grünen nahesteht, mit denen sie oft assoziiert wird. Und auch jetzt mal wieder, wenn man Erik Peters Artikel über die Initiative eines taz-Gründers liest. "Kurz ist Michael Sontheimer, ehemaliger taz-Chefredakteur, wohl selbst irritiert, als er auf einer Pressekonferenz am Donnerstag die Genese der Idee einer Wahl-Initiative für die Linken-Kandidatin zur Abgeordnetenhauswahl Elif Eralp vorstellt. Sein Vater habe damals, Ende der 1960er die Initiative 'Willy wählen' mitbegründet, die zwei erfolgreiche Kanzlerkandidaturen von Willy Brandt begleitete, an diese habe er sich erinnert und gedacht: 'Warum nicht' etwas Ähnliches auch für Eralp? Begleitet von Lachern auf dem Podium in der taz-Kantine entfährt ihm: 'Mir ist schon klar, dass da eine gewisse Asymmetrie herrscht.'" Im Interview mit dem Tagesspiegel versichert Elif Eralp heute: "Eine Linke in der Regierung wird vergesellschaften." Außerdem will sie eine "Luxusvillensteuer" einführen, die Anwohnerparkgebühren auf mindestens hundert Euro im Jahr erhöhen und "den möglichen Kreditrahmen innerhalb der Schuldenbremse von einer Milliarde Euro ausschöpfen".

Außerdem: In der FAZ schildert Philip Plickert den Niedergang der Lokalmedien im Vereinigten Königreich: "Die drei größten Verlage für Regionalmedien bauen stetig Personal ab. Reach, Newsquest und National World Publishing beschäftigten vor zwanzig Jahren mehr als 9000 Mitarbeiter, heute sind es weniger als 3000."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 13.08.2026 - Medien

Das New York Magazine feiert in seiner neuen Ausgabe Hipster, Unternehmer und Künstler aus SWANA (steht für Südwestasien und Nordafrika) in New York, die so sichtbar seien wie nie zuvor. Das ist erfreulich, auch wenn es der Artikel selbst nicht ist, meint Frauke Steffens in der FAZ. Laut Autorin Zaina Arafat gehört man nämlich nur dann zur SWANA-Community, wenn man auch die "richtige politische Haltung" hat und dazu gehört, klarer Fall, "dass Israel in Gaza einen Genozid begehe. ... Jüdische Israelis oder Juden aus SWANA-Ländern könnten deswegen nicht ohne Weiteres zur Community gehören" (es sei denn, sie outen sich als Antizionisten). "Anders als der Bürgermeister: Zohran Mamdani stammt weder aus Südwestasien noch aus Nordafrika, ist nach Arafats Kulturlehre aber 'tief verwurzelt' in deren Welt und deshalb 'SWANA adjacent'. Bei Israelis funktioniert diese Logik genau umgekehrt."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 08.08.2026 - Medien

In einem recht unkritisch geführten Interview in der taz, stellt der Autor und Aktivist Alon Sahar eine Studie der Rosa-Luxemburg-Stiftung (hier als pdf-Dokument) zur angeblichen Einflussnahme rechter israelischer Akteure auf die deutsche Berichterstattung über Israel vor. NGOs wie "UN Watch" verbreiteten nicht belegbare Narrative, wie zum Beispiel, dass die UNRWA antisemitisches Lehrmaterial verwende (unsere Resümees). Einige deutsche Medien würden die Informationen ungeprüft verbreiten: "Nehmen wir an, UN Watch veröffentlicht einen Bericht. Noch am selben Tag erscheint dazu ein Artikel in Bild oder Welt. Die Behauptungen werden übernommen oder weiter zugespitzt. Besonders deutlich war das bei Bild, wo eine Schlagzeile lautete: 'UN-Lehrer loben Hitler, hetzen gegen Juden'. Häufig werden solche Behauptungen wiedergegeben, ohne dass die UNRWA Gelegenheit zur Stellungnahme erhält oder auch nur der Hinweis erscheint: 'Wir haben die UNRWA um eine Stellungnahme gebeten, aber keine Antwort erhalten.' Dabei gehört das eigentlich zum journalistischen Standard."

Harry Nutt schreibt in der FR eine kleine Hommage auf den verehrten Arno Widmann (eine Zeitlang auch ein Perlentaucher), der heute achtzig Jahre alt wird (und die Perlentaucher winken ihm aus weiter Ferne so nah ebenfalls zu): "Er war kein verlässlicher Rezensent und wollte es nicht sein. Eher ließ sich an seinen Einlassungen die Leidenschaft für Geschriebenes ablesen, bis heute geht es Arno Widmann nicht zuletzt darum, sich beim Schreiben selbst zu überraschen. Nicht mitteilen, was man weiß, sondern im Augenblick des Formulierens und Verwerfens herausbekommen, was möglich ist. Das klingt egoistisch, und wiederholt ist in Redaktionskonferenzen und zur innerbetrieblichen Qualitätskontrolle, der sogenannten Blattkritik, der häufige Gebrauch der ersten Person Singular als Vorwurf erhoben worden. Ich-Texte gelten als verpönt, nicht nur bei Absolventinnen und Absolventen von Journalistenschulen. Man kann Arno Widmann so gesehen als trotzigen Autor bezeichnen."

Widmann selbst erinnert in der FR an Tycho Brahe, der heute vor 450 Jahren den Gundstein für seine Sternwarte auf der Insel Hven legte. König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen hatte sie ihm geschenkt: "Er war, als er die Insel im Öresund erhielt, schon ein europaweit berühmter Astronom, und hier in Uraniborg steigerte er sein Ansehen. Seine 'Himmelsburg' war eine Sternwarte, zu der Wissenschaftler kamen, um von ihm zu lernen, wie man Sterne beobachten muss."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 04.08.2026 - Medien

Durch eine "Programmbeschwerde" sind die öffentlich-rechtlichen Sender praktisch nicht antastbar. Das Instrument existiert zwar, ist aber rein juristisch gedacht und wird in den meisten Fällen nicht verfangen, hat Helmut Hartung für die FAZ herausgefunden. "Verstößt eine Zeitungsredaktion gegen journalistische Pflichten und erhält dafür vom Deutschen Presserat eine Rüge, muss diese veröffentlicht werden. Bei privaten Rundfunkveranstaltern reicht die Reaktion der Landesmedienanstalten von einem Hinweis oder einer Beanstandung gegenüber dem Anbieter bis hin zu Auflagen, Bußgeldern oder, in besonders gravierenden Fällen, zu Konsequenzen für die Zulassung. Bei öffentlich-rechtlichen Sendern existieren solche Instrumentarien bisher nicht: Beschwerden können nur abgelehnt oder im Einzelfall akzeptiert werden. In der Redaktion wird das Bemängelte zumeist ausgewertet, die Zuschauer oder Hörer erfahren von der Maßregelung jedoch nichts."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 03.08.2026 - Medien

Josef-Otto Freudenreich nimmt bei kontext die Aktivitäten des Medienhauses der "Neuen Pressegesellschaft" (NPG) unter die Lupe, das mehrere regionale Zeitungen, jüngst die Südwest Presse aufgekauft hat und sie "nach ihrem Gusto zurichtet". Dabei gehe es der NPG vor allem um Profit und nicht um jenen "Qualitätsjournalismus", den Lokalpolitiker neulich so rührend beschworen. Man habe die Zeitungen auf sogenannte "User needs"-Modelle umgestellt: "Danach wünscht sich das Publikum mehr Unterhaltung, Emotion, Inspiration und Lebenshilfe. Klassischer Politikjournalismus ('Der hat gesagt, die hat gesagt') interessiere wie Ostereier im Advent, heißt es in der Branche. Ein Ergebnis sind leere Pressebänke in den Kommunal- und Regionalparlamenten, wovor immer gewarnt wird, weil das Lokale doch als Kern der Demokratie gilt." Die "Einheitszeitung wird kommen. Federführend wird die 'Neue Berliner Redaktionsgesellschaft' sein, die ihre Standorte in Berlin, Stuttgart und Oberndorf haben wird. Sie ist für die überregionalen Mantelseiten aus Politik, Wirtschaft, Kultur und Sport zuständig. Die Layouts werden der Südwest Presse angepasst, die Produktion soll KI-gesteuert automatisch erfolgen, die Lokalteile werden von den örtlichen Verlagen nach Vorgaben aus Ulm gestaltet. Man sagt auch Zombie-Zeitungen dazu. Zeitungen, die so tun als wären sie eigenständig." Freudenreich bilanziert die Kollateralschäden auf 180 Stellenstreichungen.

9punkt - Die Debattenrundschau vom 31.07.2026 - Medien

Eine Dokumentation des ZDF über den tristen Zustand der Deutschen Bahn sorgt für kräftigen Ärger. Die Bahn hat sich den gefürchteten Anwalt Christian Schertz genommen. Das ZDF musste zwei in dem Film genannte Zahlen korrigieren, berichtet Michael Hanfeld in der FAZ. Besonders peinlich für die Bahn ist allerdings die Geschichte des  Regionalbahnunfalls von Burgrain, in dem das ZDF der Bahn eine fast unglaubliche Schlamperei vorwirft. Die Bahn möchte die Doku am liebsten komplett "depubliziert" sehen. "Nach dem 'tragischen Unfallgeschehen in Burgrain' - bei dem Unglück im Juni 2022 entgleiste ein Regionalzug wegen schadhafter Betonschwellen, fünf Menschen kamen ums Leben, 72 wurden verletzt - habe man 'weitreichende Konsequenzen' gezogen und dies dem ZDF auf Anfrage vor der Ausstrahlung der Doku auch erläutert." Eine Zusammenfassung der richtiggestellten Inhalte hier. Und die Doku kann man (noch?) hier sehen.
Stichwörter: Deutsche Bahn, ZDF

9punkt - Die Debattenrundschau vom 28.07.2026 - Medien

Bestellen Sie bei eichendorff21!
In der SZ erinnert Heribert Prantl an den vor wenigen Tagen verstorbenen FAZ-Politikjournalisten Günter Bannas der über Jahrzehnte den Bonner und Berliner Parlamentsbetrieb beobachtete und nüchtern analysierte - und bei Prantl Sehnsucht nach der traditionellen Art des Journalismus weckt. "Mit dem Internet, mit den sogenannten sozialen Medien und den digitalen Plattformen ist die traditionelle Bedeutung der Gatekeeper geschrumpft, also der Nachrichtenprofis, die akribisch recherchieren, die gewichten, die prüfen und verwerfen. Wer Bannas liest, der weiß, was der Gesellschaft damit verloren zu gehen droht. Seine Texte sind ein wunderbarer Kontrast zu einer publizistischen Krawallerei, die Populisten, Radikalen und Extremisten den Weg ebnet; Radikale und Extremisten leben ja davon, Ängste zu produzieren und sich - ohne substanzielle Antworten und Vorschläge - als Problemlöser anzubieten."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 24.07.2026 - Medien

Der Deutschlandfunk plant bekanntlich eine Programmreform. Der ziemlich starke Religionsbezug des Senders scheint dabei aber nicht in Frage gestellt zu werden, fürchtet Ralf Nestmeyer im Humanistischen Pressedienst. Auffällig sei, "was weitgehend fehlt: Religionskritik. Während religiöse Perspektiven regelmäßig ihren festen Platz im Programm finden, kommen säkulare Humanisten, religionskritische Philosophen oder konfessionsfreie Verbände nur selten zu Wort. Eine kritische Auseinandersetzung mit kirchlichen Privilegien oder der Rolle der Religion in einer zunehmend säkularen Gesellschaft bleibt die Ausnahme. Dadurch entsteht der Eindruck, Religion sei auch heute noch der selbstverständliche Bezugspunkt für Sinn-, Werte- und Orientierungsfragen."
Stichwörter: Deutschlandfunk

9punkt - Die Debattenrundschau vom 22.07.2026 - Medien

Zwei Landesmedienanstalten haben jetzt Anbieter von KI-generierten Inhalten (Google und Perplexity), zu Intermediären erklärt, die sich an die Regeln des deutschen Medienrechts halten müssen, berichtet in der FAZ Helmut Hartung. Christine Jury-Fischer, Geschäftsführerin der Verwertungsgesellschaft Corint Media, ist hochzufrieden, erzählt sie ihm: "Seit Jahrzehnten erzählen uns die Digitalplattformen, sie seien eine reine Infrastruktur, sozusagen das 'Schienennetz', über das Inhalte Dritter transportiert würden, obwohl sie seit jeher Inhalte auswählen, präsentieren und vermarkten. Dieser massiven Privilegierung gegenüber originären Inhalteanbietern", die nach dem Medienrecht für ihre Inhalte verantwortlich sind und dafür haften müssen, "hat die ZAK nunmehr richtigerweise für KI-Angebote einen Riegel vorgeschoben", zitiert Hartung sie. Jetzt wünscht sie sich ein entsprechendes Vorgehen von der Europäischen Kommission.

Die seit Kurzem verfügbare Online-Suche in der NSDAP-Mitgliederkartei veranlasst Knud von Harbou in der SZ auch auf die Geschichte der eigenen Zeitung und die Verstrickungen ihrer Gründer in den Nationalsozialismus zu blicken. Da wäre zum Beispiel der Publizist Franz Joseph Schöningh, der 1945 die Süddeutsche Zeitung mitgründete. Dieser "beschrieb seine Tätigkeit während des Krieges als einfacher Zivilist in der Verwaltung des 'Polnischen Generalgouvernements' - gemeint war der seit 1939 von Deutschland besetzte Teil Polens, der nicht direkt ans Deutsche Reich angegliedert worden war. Faktisch aber war Schöningh stellvertretender Kreishauptmann im galizischen Sambor und in Tarnopol gewesen. Damit war er als leitender Zivilangestellter in alle relevanten Organisationsabläufe, die die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung betrafen, eingebunden" und war ein "Mittäter-Kollaborateur", so Harbou: "In einem Brief vom Juli 1942 findet sich erstmals ein Hinweis auf Deportationen: 'Als heute Gestalten des Amtes an mir vorüberzogen, … als ich diese Gestalten sah, dachte ich, ich sei im Traum.' Er wusste von dem grausigen Ende dieser 'Gestalten', die auf dem Weg in die Vernichtung waren - ein Todeszug als Ausdruck des Wunsches, das Gesehene wäre unwirklich wie ein Traum."

9punkt - Die Debattenrundschau vom 18.07.2026 - Medien

Fast schon begeistert porträtiert in der taz der in New York lebende Journalist Lukas Hermsmeier (Autor des Buchs "Uprising - Amerikas neue Linke") den einstigen Maga-Propagandisten Tucker Carlson, der aber Israel hasst und sich darum von Trump abgewandt hat. Selbst "Pogressive", wie man heute so sagt, fangen an Carlson zu schätzen, notiert Hermsmeier. "Manche der Fragen, die Carlson diesbezüglich stellt, haben nämlich zweifellos eine Berechtigung. Woran liegt es, fragt Carlson etwa, dass der israelische Regierungschef Benjamin Netanjahu einen solchen Einfluss auf Trump zu haben scheint, dass er diesen - wie die New York Times und andere große Medien berichteten - von der Richtigkeit eines Kriegs mit dem Iran überzeugen konnte? Auch Carlsons Beschäftigung mit der israelischen Lobbyorganisation AIPAC, die regelmäßig mit großen Kampagnen in US-Wahlkämpfe eingreift, um Erfolge israelkritischer Kandidaten zu verhindern, ist legitim. Genauso wie seine scharfe Kritik am israelischen Vorgehen in Gaza."
Stichwörter: Carlson, Tucker