9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.12.2025. Der antisemitische Anschlag von Sydney kam nicht ohne Vorwarnung, schreibt die jüdische Australierin Claire Lehmann in Yascha Mounks Blog Persuasion - ihm ging eine ganze Reihe von Vorfällen voraus, die von der australischen Politik nicht ernstgenommen wurden. Alle Zeitungen freuen sich über die Freilassung von über 120 belarussischen Regimegegnern, darunter Maria Kolesnikowa - die FAZ beschreibt die grauenhaften Haftbedingungen. Heute ist ein Schicksalstag, mahnt nicht nur die taz: Unterwirft sich Europa? Zerbricht der Westen?
13.12.2025. "Selbstgewähltes, aggressives Nichtwissenwollen", kennzeichnete westliche Öffentlichkeit einst gegenüber Stalins und heute gegenüber Putins Regime, sagt Marko Martin in der taz. Wolodimir Selenski wird am Montag nach Berlin kommen. Hier könnte sich entscheiden, ob die Ukraine den Preis für diese Ignoranz zahlen muss - aber die FAS macht sich noch Hoffnung. Trumps "Nationale Sicherheitsstragie" (inzwischen als "US-NSS" abgekürzt) macht den Zeitungen weiter Kopfzerbrechen. Ebenfalls in der FAS erzählt Ronya Othmann, warum sie mit Blick auf Syrien "eine große Einsamkeit" verspürt.
12.12.2025. Im Tagesspiegel erzählt die Althistorikerin Babett Edelmann-Singer, wie es die AfD mit der Antike hält. "Die Leute, die auf Frieden mit Russland drängen, sollten sich einen Abend lang russische Medien anschauen", empfiehlt Karl Schlögel ebendort. In Nigeria werden die Christen sehr wohl verfolgt, hält die FAZ fest. Der SZ geht's gut - Zeit online erzählt, warum der Chefredakteur trotzdem gehen muss. Und Patricia Schlesinger und andere RBB-Hierarchen müssen weiter um ihre Ruhegelder kämpfen.
11.12.2025. Die SZ schildert Wolodimir Selenskis einsamen Kampf gegen Donald Trump. In der FR fürchtet Arno Widmann mit Blick auf die Allianz von Trump und Putin: "Wir werden uns rüsten müssen." Die Konferenz wehleidiger Intellektueller, die in der Schweiz tagen, weil sie in Deutschland ihre weit verbreitete Meinung angeblich nicht sagen dürfen, beschäftigt die Zeitungen weiter. Die Kopplung von KI und Macht besorgt FR und SZ. Die taz porträtiert die Feministin Jacinta Katiany, die in Kenia gegen Genitalverstümmelung kämpft.
10.12.2025. In der SZ fordert Navid Kermani eine Föderation europäischer Staaten, warum nicht gleich ein transnationaler Sozialismus, fragt Lea Ypi in Zeit online. Auch vor hundert Jahren haben sich Intellektuelle gefetzt, damals hießen sie Siegfried Kracauer und Martin Buber - die FAZ erinnert. Mit Europa geht's unterdessen laut FAZ und SZ weiter bergab, sowohl in Frankreich als auch in Britannien. Aber es besteht Hoffnung: Die taz hat bei Wolfram Weimer einen Gottesbeweis gefunden.
09.12.2025. Was nur fasziniert die liberale Linke so am radikalen Islam, fragt sich in der FAZ der kroatische Historiker Ivo Goldstein. Wer den Ukrainekrieg gewonnen hat, wird nicht in einem "Friedensplan" entschieden, sondern in der Zeit danach, meint Timothy Garton Ash in der SZ. Warum neuerdings in der Türkei Fotojournalisten verhaftet werden, erklärt in der taz der Fotograf Yasin Akgül. Im Spiked Magazine plädiert der polnisch-nigerianische Autor Remi Adekoya nicht für eine Dekolonisierung der Geschichte, sondern für eine Erweiterung des Lehrplans, die das Osmanische Reich, das Mogulreich und das Königreich Ashanti neben dem britischen Empire einbezieht.
08.12.2025. Für Amerika ist jetzt "Europa der Feind Nummer 1", fürchtet die taz nach Lektüre von Donald Trumps Papier zur "Nationalen Sicherheitsstrategie", ein wahrhaft "bedrohliches Pamphlet", stimmt die NZZ zu. SZ und Zeit online beobachteten deutsche Intellektuelle in der Schweiz bei selbstmitleidiger Selbstzerpflückung. In der Jüdischen Allgemeinen appelliert Jeffrey Herf an die Unis: Die Nahostforschung muss neu aufgestellt werden.
06.12.2025. In der taz kann die Schriftstellerin Sofi Oksanen nicht verstehen, warum der Westen zu den Entführungen ukrainischer Kinder schweigt. Wir leben in einer Zeit des Übergangs, aber das Neue ist noch nicht in Sicht, meint in der FR der Historiker Christopher Clark. In der taz fordert die Politikwisschenschaftlerin Martyna Linartas, eine höhere Erbschaftssteuer - sonst geht's direkt zurück ins Kaiserreich. In der FAS diagnostiziert die Philosophin Seyla Benhabib Elemente' des Totalitarismus in den USA. In der SZ sieht die Schriftstellerin Karina Sainz Borgo, wie es Nacht wird in Venezuela.
05.12.2025. Die SZ veröffentlicht Ergebnisse aus dem "Damascus-Dossier", in dem in weltweiter Zusammenarbeit die Geheimdienst-Archive der Assad-Regierung ausgewertet werden: Es geht unter anderem um das syrische Militärkrankenhaus Harasta, in dem in großem Stil gefoltert und getötet wurde. Deniz Yücel sieht in der Welt die Pressefreiheit in Gefahr - nicht nur in den USA, sondern auch hierzulande. Georgien erlässt nun Presse-Gesetze nach russischem Vorbild, berichtet die FAZ.
04.12.2025. Die Feuilletons diskutieren weiter über die ARD-Korrespondentin Sophie von der Tann: Die FAZ findet die Vorwürfe übertrieben, die SZ prangert Druck von Seiten der israelischen Regierung an. Der syrische Schriftsteller Yassin al-Haj Saleh blickt in der Zeit mit Hannah Arendt auf die Assad-Diktatur in Syrien. Der Soziologe Natan Sznaider fragt derweil in der SZ, was Arendt den Juden heute noch zu sagen hätte. Der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge wundert sich, dass im "Armuts- und Reichtumsbericht" der Bundesregierung die Reichen gar nicht vorkommen.