9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Nur harte Boomer demonstrieren kritische Distanz

29.12.2025. Was passiert, wenn die AfD in einigen Bundesländern die Mehrheit gewinnt? In der SZ malt Politik-Professor Andreas Petrik aus, welche Institutionen die Partei zuerst abwickeln würde. Deutsche Medien setzten sich nur ungern mit ihrer Vergangenheit auseinander, konstatiert die taz am Beispiel der Oldenburger Nordwest-Zeitung. Nicht NGOs wie "HateAid" sind das Problem, sondern die Tendenzen, die sie bekämpft, meint Zeit online.

Stilles Erdbeben

27.12.2025. Die Mehrheit der AfD-Wähler sei keineswegs gegen Demokratie, glaubt Juli Zeh in der taz. Mag sein, ist aber ziemlich naiv, meint der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Voßkuhle im Tagesspiegel, denn die AfD will den Parlamentarismus abschaffen. Die Welt warnt vor radikalen Christen in den USA, die die demokratische Partei für dämonisch halten. In der FAZ blickt der Philosoph Michael Hampe indes besorgt auf die neoreaktionäre Revolution in den USA. So eine große Wassernot wie aktuell gab es nie im Iran, erzählt der Schriftsteller Amir Hassan Cheheltan in der NZZ.

Die Köpfe entwaffnen

24.12.2025. Im Interview mit der Zeit überlegt der irische Pastor Gary Mason, wie das Karfreitagsabkommen ein Ende des Nahost-Konflikts inspirieren könnte. Der Historiker Simon Sebag Montefiore erinnert in der FR daran, wie eng die Europäer buchstäblich miteinander verwandt sind. Die SZ blickt vorsichtig optimistisch auf die Frauen im Iran, die sich immer öfter unverhüllt zeigen. Allerdings ist das nach wie vor lebensgefährlich, wie der Fall der zum Tode verurteilten Zahra Shahbaz Tabari zeigt, die für "Frau, Widerstand, Freiheit" eintrat, berichtet der Spiegel. Jesus war Jude, erinnert der  Politikwissenschaftler Ján Kapusňak in der FAZ angesichts von Bildern, die das Jesus-Kind in ein Palästinensertuch gewickelt zeigen.

Und niemand im Raum lacht

23.12.2025. Wo genau liegt der Westen? Der AfD-Vordenker Benedikt Kaiser (interviewt von starke-meinungen.de) und die berühmte Cambridger Althistorikerin Josephine Quinn in ihrem Buch "Der Westen" sind sich einig, auch wenn sie aus unterschiedlichen Richtungen kommen: in der Requisitenkammer einer obsoleten Ideologie. Aber es gibt auch Gegenstimmen, bei den Ruhrbaronen, und in der FAZ. Die taz erzählt, was in Warschau wiederaufgebaut wurde und was nicht und warum. 

Ein großes Tableau an Meinungen

22.12.2025. Im SZ-Interview ist  die brasilianische Filmemacherin Petra Costa stolz auf die Demokratie in ihrem Land, auch weil der einstige rechtspopulistische Präsident  Bolsonaro zu 27 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Die Rumänen haben im Zweiten Weltkrieg aus eigener Initiative Hunderttausende Juden umgebracht - Alexandru Bulucz schildert in der FAZ die rumänischen Schwierigkeiten im Umgang mit dieser Geschichte. Die SZ ist enttäuscht von Eva Menasse und Daniel Marwecki die behaupten, sie könnten sich nicht frei zu Israel äußern, und dafür extra in die Schweiz gehen. Die NZZ beleuchtet die immer neuen Proteste in Marokko.

Rot hat eben sehr viele Schattierungen.

20.12.2025. Angst vor Russland bewog die EU, erstmals gemeinsame Schulden aufzunehmen - eine Blamage, so die SZ. Putin trumpft inzwischen laut FAZ auf: Was schert ihn Trumps Friedensplan - er will eine gleichgeschaltete Regierung in Kiew. Die Ukrainer bereiten inzwischen Borschtsch fürs Fest vor, erzählt Jurko Prochasko in der FAS, wissen aber nicht, ob sie ihn noch essen können. Der neue Antisemitismus hat es geschafft, die ganze Welt zu einem Ort zu machen, an dem Juden unerwünscht sind, schreibt Eva Illouz in der SZ.

Die Leerstelle des grundsätzlichen Dagegenseins

19.12.2025. Implodiert die Welt wegen des Größenwahns zweier Politiker? Die Medien schreiben über Trumps immer verrücktere Ausbrüche - und sein Dösen in Kabinettssitzungen. Die FAZ notiert auch den Größenwahn eines anderen: Russland habe vollkommen neue Waffen und ist praktisch unschlagbar, ist sich Putin sicher. Auch in Deutschland bricht sich ein politischer Wahn Bahn: Der Politikwissenschaftler Markus Linden fragt sich in Zeit online, ob sein Kollege Nils Kumkar wirklich ein zynisches Machtspiel der Linken will, das darin besteht, erstmal die AfD dranzulassen?

Weil es schwer ist

18.12.2025. Identitätspolitik von links ist auch nicht besser als die von rechts, meint in der FAZ der Historiker Stephan Lehnstaedt, zumal sie klassisch imperiale Handlungsmuster aufweise. Die Zeit fragt sich, warum Mathias Döpfner Erinnerungskultur als Hemmnis für den Fortschritt zu begreifen scheint. Den Venezulanern wäre sehr geholfen, würde Maduro abdanken, meint die SZ, aber Donald Trump vermasselt auch das. In der NZZ erklärt der Historiker Sergey Radchenko, warum Putin noch gefährlicher als Stalin ist. Die FR fürchtet um die Medienvielfalt in Italien, sollten italienische Zeitungen nicht ins Ausland verkauft werden dürfen.

P.S.: Ich schlage vor, nicht aufzugeben

17.12.2025. Die Attentäter von Sydney handelten in einem Klima, in dem Antisemitismus normalisiert ist, erkennt die taz. In Atlantic geht David Frum noch weiter: Wer "Globalize the Intifada" ruft, weiß ganz genau, was er tut: Symbolische Gewalt ist eine Generalprobe für tatsächliche Gewalt. In der SZ können es Filip Dzyadko und Alexander Estis angesichts der Haftbedingungen kaum fassen, dass der russische Widerständler Alexej Gorinow noch lebt. In der FR erklärt die Philosophin Olivia Mitscherlich-Schönherr, dass sie eigentlich am liebsten mit denen diskutiert, die ganz anderer Meinung sind als sie.

Standhalten und überleben

16.12.2025. Nicht viele gute Nachrichten heutzutage. "Juden der Welt! Ihr seid nirgends sicher", ruft Alexander Estis in einem verzweifelt klingenden Text in der SZ. Die Hongkonger Demokratiebewegung ist mit der drakonischen Verurteilung des Verlegers Jimmy Lai sozusagen offiziell beerdigt, fürchtet die FAZ. Die italienischen Zeitungen sind in einer lebensbedrohenden Krise, berichtet die taz. Nur die Ukraine ist nicht verloren, insistiert der Historiker Yaroslav Hrytsak in der FAZ: Denn die Ukrainer wollen sich einfach nicht unterwerfen.