9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Sichtlich nervös

10.01.2026. Welche Rolle spielt Reza Pahlavi, der Sohn des letzten Schahs, bei den Protesten im Iran, fragt die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur in der NZZ. Das iranische Regime ist so schwach wie noch nie, konstatiert die Autorin Natalie Amiri in der taz. Die Entführung Maduros war ein klarer Verstoß gegen das Völkerrecht, sollte die Länder Lateinamerikas aber auch anhalten, ihren Problemen ins Auge zu schauen, meint in der FAS der venezolanische Schriftsteller Rodrigo Blanco Calderón. Die taz erinnert daran, dass der Zionismus keine "rechte" Ideologie ist. 

Je näher der Zusammenbruch rückt

09.01.2026. Armer Westen, er sitzt sowas von auf dem absteigenden Ast, meint Daniel Marwecki in der FAZ. Und doch will jeder, der dringendst aus seinem "globalen Süden" raus will, genau dorthin, konstatiert Claudius Seidl in der SZ. Die islamische Revolution ist tot, die Post-Khamenei-Ära hat begonnen, sagt der Historiker Arash Azizi in Le Point. In der taz staunt die Feministin Tina Hartmann über ein Papier von ForscherInnen im Journal of Medical Ethics, das Genitalverstümmelung als "kulturell bedeutsame Praxis" verteidigt. Wir treten in eine Epoche der Kriege ein, meint Richard Sennett in der FR.

Das potentiell Umstürzende der Vorgänge

08.01.2026. In der FAZ sieht der Historiker Mischa Meier bei Donald Trump mehr Ähnlichkeiten mit Augustus als mit Caligula oder Nero - was er beunruhigender findet. Die NZZ denkt dagegen eher an Theodore Roosevelts Kanonenbootpolitik. In Zeit online und der taz erklären zwei Linguisten, warum sie die Bekennerschreiben der Vulkan-Gruppe für authentisch halten: Das klare Feindbild der Gruppe weise deutlich auf einen linken Hintergrund hin. In der SZ fordert der Literaturwissenschaftler Ibou Coulibaly Diop Kulturstaatsminister Weimer auf, den Kolonialismus ins aktuelle Gedenkenstättenkonzept aufzunehmen.

Khashoggi ist Teil der Geschichte

07.01.2026. Die SZ staunt: Während Westeuropa dem Aufstieg der Populisten ratlos gegenübersteht, regt sich in Osteuropa kräftiger Widerstand. In der taz fragt Georg Seeßlen besorgt: Können wir überhaupt noch Demokratie? Die FAZ stellt die indische Wissenschaftsphilosophin Meera Nanda vor, die darlegt, wie der Postkolonialismus rechte Ideologien stützt. 2026 könnte die AfD erstmals auf Landesebene eine Wahl gewinnen, sorgt sich Armin Nassehi und überlegt bei Zeit Online, wie die Union dies verhindern könnte.

Das Geschäft des anderen Rands

06.01.2026. Trump mag sich in seiner Hegemonialpolitik sonnen, sie wird ihm aber schmerzhaft auf die Füße fallen, prophezeit Anne Applebaum in Atlantic. Reißt er sich vorher noch Grönland unter den Nagel, fragen FAZ und taz. Und was ist mit den Venezolanern, etwa den politischen Gefangenen, fragt die Schriftstellerin Karina Sainz Borgo in der NZZ. Nach dem mutmaßlichen Terroranschlag auf die Berliner Strominfrastruktur stellt sich die Frage: Wird Linksextremismus unterschätzt? Eindeutig nein, meint Ronen Steinke in der SZ, eindeutig ja meint Peter R. Neumann, auf Twitter und in der Welt

Großräume im Sinne Carl Schmitts

05.01.2026. Donald Trump hat den venezolanischen Caudillo Nicolás Maduro gekidnappt. Ein Regimewechsel in Richtung Demokratie interessiert ihn dabei aber nicht, konstatieren die Kommentatoren, eher treten wir in ein neues Zeitalter des Imperialismus ein, so unter anderem Herfried Münkler in der SZ. Die linksextreme Vulkangruppe begeht einen Anschlag auf die Berliner Stromversorgung - den Berlinern fehlt Strom, den Medien alle Worte. Die NZZ übernimmt Anne Applebaums Text über Trumps geopolitische Strategie. Ob auf Koran oder Bibel: Eigentlich sollten Politiker gar nicht auf heilige Texte schwören, findet Ruben Gerczikow in der FAZ.

Die Wärme des Kollektivismus

03.01.2026. Die Proteste im Iran gehen weiter. Laut SZ ist es ein Aufstand von Basarhändlern. In den Twittervideos rufen die Frauen: "Es geht nicht nur ums Kopftuch, ihr nehmt uns das Leben." Jacobin druckt die feierliche Antrittsrede Zohran Mamdanis: Er verspricht eine Vision für alle New Yorker. Als erste Amtshandlung gibt er laut Politico das Bekenntnis der Stadt zur IHRA-Antisemitismusdefinition auf. Die FAZ beobachtet die unheimliche Machtentfaltung der "Broligarchen". Aber die werden bald crashen, ist sich die SZ sicher.

Die Idee des Danach

02.01.2026. Im Iran demonstrieren Hunderttausende gegen das Regime. Der Spectator hofft auf einen kleinen Riss im Gehorsam der Sicherheitskräfte, der Großes bewirken könnte. Die FAZ erzählt, dass auch eine BBC-Dokumentation über die Schauspielerin Taraneh Alidoosti die Proteste inspiriert habe. Libertär ist nicht liberal, sondern genau das Gegenteil, ruft in der SZ der Medienwissenschaftler Martin Andree. Ebenfalls in der SZ erzählt Claus Biegert, was ihn Native Americans über die Natur lehrten. Und: Gestern war "Public Domain Day" - Thomas Mann erscheint jetzt bei Suhrkamp.

Keine rückblickenden Wunschvorstellungen

31.12.2025. Der amerikanische Angriff auf ein Hafengebiet in Venezuela ist reinster Imperialismus, kritisiert der Historiker Alan McPherson bei Zeit-Online. In der taz wünscht sich der Politikwissenschaftler Vladimir Tismăneanu mehr historische Bildung über den Faschismus bei Präsident Nicușor Dan. Die SZ betrachtet das urbane Idyll, das die Russen in Mariupol zu schaffen versuchen, nachdem sie die Stadt zerstört haben. Die FAZ fragt sich, warum Donald Trump 2025 die Fehler der Deutschen gegenüber Russland wiederholt. Außerdem überlegt sie mit der kanadische Philosophin Kimberley Brownlee, ob Männer für ihre Gebärbehinderung entschädigt werden sollten. Und: Wir wünschen allen Lesern und Tauchern einen guten Rutsch ins neue Jahr!

Gewöhnung an den Ausnahmezustand

30.12.2025. Die Vereinigten Staaten feiern nächstes Jahr ihren 250. Geburtstag, ob als Demokratie muss laut FAZ noch geklärt werden. Die Presse hat jedenfalls keinen Umgang mit Donald Trump gefunden, konstatiert die FR. Eines schafft Trump aber nicht: Frieden in der Ukraine - die Ukrainer werden Gebietsabtretungen kaum zustimmen, so der ukrainische Politologe Wolodimir Fesenko in der NZZ. Die taz stellt mit Erstaunen fest: Die Nazis förderten Frauensport, und die Frauen dankten es mit Treue zum Führer.