9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Gefäß, Auslöser, Ferment

22.01.2026. Die Entführung Nicolas Maduros war eindeutig ein Bruch des Völkerrechts, erklären die Völkerrechtler Helmut Philipp Aust und Heike Krieger in der FAZ, das sollten die Europäer im eigenen Interesse klarstellen. In Davos hat Donald Trump jetzt gnädig darauf verzichtet, Grönland mit Gewalt einzunehmen. Jetzt sollten die Grönländer ihre Unabhängigkeit vorantreiben, empfiehlt in der Welt der Politologe Michael Paul. In der NZZ erklärt Andrei Kolesnikow, wie Putin versucht, Realität durch Sprache zu kreieren: Repression heißt jetzt sanitäre Maßnahme. Die Zeit plädiert für Gratiszugang zu den Museen. In der taz erklärt eine alleinerziehende Mutter, warum sie nicht gern "bedürftig" genannt wird.

Das Gefühl eines endgültigen Scheiterns

21.01.2026. Die Truppen der Al-Sharaa Regierung haben inzwischen die größten Ölfelder Syriens zurückerobert, während die kurdischen Streitkräfte SDF mit dem Rücken zur Wand stehen, berichtet die FR. Die Waffen wollen sie dennoch nicht abgeben - aus Angst, es könnte ihnen wie den Alawiten oder Drusen ergehen, erklärt die taz. Viele Kurden, Drusen, Alawiten, Jesiden und Vertreter jüdischer Organisationen fühlen sich von der Bundesregierung im Stich gelassen, berichtet die FAZ. Und der SPD-Politiker Sercan Celik ruft bei den Ruhrbaronen: "Es ist politischer Verrat!", der Abschiebungsdeals vorbereiten soll. Der Historiker Daniel Immerwahr (Zeit) hört in den Drohungen Donald Trumps gegen Grönland das Todesröcheln der US-Hegemonie.

Von allen Seiten erschossen

20.01.2026. Die Zahlen werden immer grauenhafter: Dass die iranischen Geistlichen in den letzten Wochen mehr als 12.000 Menschen umgebracht haben, klingt inzwischen plausibel. taz und FAZ suchen nach Informationen. Der Schah muss differenzierter betrachtet werden, fordert der iranischstämmige Historiker Kijan Espahangizi in der NZZ. Die taz zieht die traurige Bilanz des ersten Jahres von Trump 2.0. Trump ist ein "Postfaschist", sagt der Zeithistoriker Sven Reichardt in der SZ.

Vereinigung der Kämpfe

19.01.2026. Die FAZ zieht eine Bilanz des Schreckens im Iran: Ayatollah Khamenei setzte auch irakische Söldner ein, um die eigene Bevölkerung abzuschlachten. Die SZ wirft einen Blick auf die gespaltene Exil-Opposition des Iran. Die taz beschreibt das gefährliche Leben von Oppositionsführern in Afrika. Die Times of Israel porträtiert die  französische Journalistin Nora Bussigny, die undercover in der linksextremen Szene Frankreichs recherchierte. Die SZ bereitet sich mit den Polen auf Krieg vor.

Nur noch eine Last für Dänemark

17.01.2026. Armin Nassehi spricht in der FAS aus, was wir los wären, wenn wir die Mullahs los wären: einen Klerikalfaschismus, der eine ganze Region in seinem Bann hält. Aber es gibt viele pessimistische Stimmen zum Iran: Das System zeige keine Risse, meinen viele Kommentatoren - das iranische Bankensystem aber schon, ergänzt der Wirtschaftsteil der FAZ. Dänemark hat schon mal Inseln an die Amerikaner verkauft, erinnert die FR. Die SZ staunt über die Sanierung deutscher Opernhäuser, die Unsummen kostet und allseits akzeptiert wird. Die FAS erzählt, wie sich das gallische Dorf Schleswig-Holstein gegen die Cäsaren von Microsoft stemmt.

Schweigt nicht!

16.01.2026. "Lasst nicht zu, dass das Blut im Dunkel des Vergessens trocknet. Steht auf!", ruft der iranische Filmregisseur Jafar Panahi der Welt zu. In der FAZ kritisiert die Iran-Aktivistin Mariam Claren das Schweigen der Linken zu den Vorgängen im Iran. Im Interview mit der SZ schwanken die Politikwissenschaftler Steven Levitsky und Daniel Ziblatt zwischen verhaltenem Optimismus und Pessimismus was die Zukunft der amerikanischen Demokratie angeht. In der NZZ erklärt der Inuit-Dichter Kelly Berthelsen, warum er Grönland lieber bei Dänemark sieht als bei den USA. Die FR gratuliert dem kleinen Wunder Wikipedia.

Es braucht das Stachelschwein

15.01.2026. In der FAZ setzt der Literaturwissenschaftler Hamid Tafazoli seine Hoffnungen für den Iran auf Reza Pahlavi, der einen Weg zu freien Wahlen und Säkularismus bahnen könnte. Der iranische Aktivist Hamid Akhavi (SZ) und Maryam Mardani (Tsp) sind strikt gegen Pahlavi: das iranische Volk habe vor 47 Jahren Nein zur Monarchie gesagt. In der Zeit plädiert der Historiker Andreas Rödder für rote Linien statt für Brandmauern gegen die AfD. Wir werden immer dümmer, weil wir immer weniger handeln, warnt in der Zeit der Soziologe Hartmut Rosa.

So etwas hat es noch nie gegeben

14.01.2026. Im Iran hat das Regime offenbar ein Blutbad mit Tausenden Toten angerichtet. Vielen soll ins Gesicht geschossen worden sein, berichtet die FAZ. Die Mullahs haben ihre letzten, ohnehin nur taktischen Skrupel abgelegt, schreibt Navid Kermani in der SZ. Die taz berichtet von "Kugelgeld", das die Angehörigen für die Leichen ihrer getöteten Kinder bezahlen müssen. Angesichts der Brutalität ist der Politologe Olivier Roy in der FR wenig optimistisch, dass die Iraner das Regime stürzen können. Data-Mining verstößt nicht gegen Urheberrechte, stellt der Mediziner und KI-Forscher Christof von Kalle in der FAZ klar. Und: Gibt's in Deutschland Zensur?

Ein form- und gesichtsloses Statistik-Monster

13.01.2026. Die FAZ erkennt den Shoggoth in Grok, auch wenn er lächelt. Die Iraner brauchen keinen neuen König, ruft in der taz Noishin Shahrokhi. Wenn er der einzige ist, der den Übergang zu einer laizistischen Ordnung moderieren kann, dann schon, meint Ali Sadrzadeh, ebenfalls in der taz. In der FR möchte der britische Historiker Brendan Simms die Amerikaner zwar nicht in Grönland, aber schon in Europa präsent wissen. In der Welt fragt Anne Applebaum, wie man Venezuela von Miami aus regiert. In der SZ möchte die israelische Publizistin Einat Wilf die Palästinenser vom arabischen Zionismus überzeugen.

Was ist diesmal anders?

12.01.2026. Im Iran sind alle fünf Bedingungen gegeben, um einer Revolution zum Erfolg zu verhelfen, analysieren die Politologen Karim Sadjadpour und Jack A. Goldstone in Atlantic. Inzwischen sind allerdings schon mehr als 200 Menschen getötet worden, berichtet die FAZ. Die taz wüsste gern, ob Deutschland nicht etwas mehr dagegen tun könnte, als nur "Besorgnis" zu äußern. Timothy Snyder sieht in seinem Substack-Newsletter kaum noch einen Unterschied zwischen Trump und Maduro. Die kenianische Anwältin Martha Karua fürchtet in der taz die übergreifende Zusammenarbeit der Regierungen von Kenia, Tansania und Uganda, um die aufbegehrende Gen Z unter Kontrolle zu halten.