9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
03.02.2026. Fast verzweifelt klingt der Ruf von Sergei Gerasimow in der NZZ. Kümmert es uns eigentlich, dass in der Ukraine Tausende Kinder umgekommen sind oder von den Russen deportiert wurden? Nach 56 Jahren scheint geklärt zu sein, wer den Brandanschlag auf das jüdische Altersheim in München begangen hat - ein Kleinkrimineller und rasender Antisemit, berichtet die taz mit Bezug auf den Spiegel. Marko Martin erinnert bei libmod.de an den Ideenhistoriker Fritz Stern, der die Demokratiefeindlichkeit bei Rechten und Linken früh benannte.
02.02.2026. Minus 20 Grad in Kiew, und keine Heizung, kein Strom, kein Wasser. Gegen wen führt Putin eigentlich seinen Krieg, fragt die Schriftstellerin Iryna Tsilyk in der FAZ. Trocknet die Finanzströme des Terrors aus, ruft Navid Kermani in der SZ - mit Blick auf den Sohn von Khamenei, der offenbar in Frankfurt ein Hilton-Hotel besitzt. Bei jacobin.de erklärt der Linkspartei-Politiker Ahmed Abed, wie er es als Bürgermeister von Neukölln halten will.
31.01.2026. Timothy Snyder bleibt auch im FAS-Gespräch bei seinem Faschismus-Vergleich mit Blick auf Trump. Der bringt Erkenntnisgewinn, beteuert er. Alle Zeitungen arbeiten das Trauma von Minneapolis weiter auf. In der taz erzählt Frauke Brosius-Gersdorf, wie sie die Debatte um ihre Person erlebte. Das Berliner Zeughaus wird renoviert, alles in allem so gut zehn Jahre lang, berichtet der RBB. Und dann ist da noch die Schauspielerin Sarah Maria Sander, die aus ihrem selbst geschriebenen Film rausgeschmissen wurde - wegen ihrer proisraelischen Haltung, vermutet sie.
30.01.2026. In Syrien entsteht keine Demokratie, sondern ein Zustand institutioneller Leere, warnt in der NZZ der Schriftsteller Swar Malla Mahmoud. Endlich wird die iranische Revolutionsgarde von der EU als Terrororganisation eingestuft, freut sich die FAZ. Im Standard erklärt der Künstler Klemes Wihlidal, was er mit der Wiener Statue für Karl Lueger macht. Die Amerikanistin Heike Paul fragt sich in der FAZ, warum die dezidiert nicht woken Trump-Frauen oft aussehen wie Dragqueens. Und die SZ möchte nichts mehr von Kulturschaffenden hören.
29.01.2026. Die Zeit stellt 29 Intellektuellen die Frage, ob Europa mit den USA brechen sollte. Der Historiker Karl Schlögel erklärt ebenfalls in der Zeit, warum Trump so interessiert an Grönland ist: Die Nord-Ost-Passage in der Arktis, die durch den Klimawandel freigelegt wird, ist die neue Seidenstraße. In der FAZ stellt der Historiker Bodo Mrozek die megalomanischen Geheimprojekte der US-Armee während des Kalten Krieges in Grönland vor. Minderheiten leben unter der neuen syrischen Regierung in ständiger Angst, erklärt Ahmad Mansour in der Welt.
28.01.2026. Die europäischen Staaten meinen es mit der Unterstützung der Ukraine nicht wirklich ernst, kritisiert der Politologe Jeremy Morris bei Zeit Online. FAZ und taz berichten, wie Putin die Winterkälte zur Kriegswaffe macht. Der Soziologe Aladin El Mafaalani beobachtet in der SZ mit Sorge die Bildung von "Misstrauensgemeinschaften", die Populisten nutzen. Die FR fordert, die Kurden endlich als legitimen politischen Akteur anzuerkennen. Der Holocaust sollte nicht auf die Geschichte der deutschen Täter reduziert werden, fordert der Historiker Grzegorz Rossoliński-Liebe in der FAZ.
27.01.2026. Die taz erzählt die Geschichte der iranischen Revolutionsgarde: Ihr gehört der halbe Iran, sie könnte die Macht übernehmen - aber woher die religiöse Staffage nehmen? Niemand will heute noch Reformen des Regimes wie einst 2009, sagt der österreichisch-iranische Schriftsteller Amir Gudarzi in der SZ. Intensiv wird auch über Minneapolis diskutiert: Selbst im Maga-Lager kommen die Polizeimorde nicht gut an, notieren New York Times und FAZ. golem.de begibt sich mit Dario Amodei auf den Weg zur künstlichen Superintelligenz.
26.01.2026. Wieder ist in Minneapolis ein Demonstrant erschossen worden: Trumps ICE-Truppe ist keine Ordnungsmacht, sondern ein Faktor des Chaos, stellt die New York Times fest. Was in Minneapolis geschieht, ist nicht nur skandalös, sondern zutiefst "unamerikanisch", kommentiert die Welt. Im Iran sind wesentlich mehr Menschen getötet worden als bisher bekannt, berichtet Time unter Bezug auf iranische Quellen: Die Zahl geht in die Zehntausende. Eine Gruppe um Schirin Ebadi fordert in einem Aufruf internationale Unterstützung für die demonstrierenden Iraner. Morgen ist Holocaust-Gedenktag, in der FAZ erinnert die Historikerin Magdalena Saryusz-Wolska an den "Holocaust durch Kugeln".
24.01.2026. In der FAS bestärkt die grönländisch-dänische Schriftstellerin Nauja Lynge Dänen und Grönländer, Einigkeit gegenüber Trump zu demonstrieren. In der FR glaubt der Soziologe Wolfgang Streeck hingegen, Dänemark werde den Amerikanern so etwas wie eine "De-facto-Souveränität" über Grönland zugestehen. Zeit Online befürchtet im Iran ein Zeitalter der "absoluten digitalen Isolation". Seit den 1880er-Jahren wurde der Antisemitismus zu einem dominierenden Faktor an den Universitäten, erinnert der Historiker Matthias Stickler in der Welt.
23.01.2026. "Wäre der Schah geblieben, hätten wir letztlich besser gelebt als unter Khomeini und Khamenei", sagt die Friedensnobelpreisträgerin Shirin Ebadi im Figaro. In Deutschland wurde viel über den "autoritären Charakter" nachgedacht, aber leider nur mit Adorno, nicht mit Vaclav Havel, bedauert Marko Martin in einer in der SZ abgedruckten Rede. In Berlin ist für heute eine antiisraelische Konferenz geplant. Die SZ untersucht ein teils missratenes Programm der Berliner CDU zur Antisemitismusbekämpfung. Die NZZ beleuchtet rassistische Ausschreitungen in Marokko.