9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Durchsetzung des Prinzips Freiheit

09.08.2025. Die zukünftige Welt wird von den Imperien China, Russland und USA dominiert werden, prophezeit der Historiker Herfried Münkler in der FAS - die Europäer müssen sehen, wo sie bleiben. Der "Freerider China" wird den alten Hegemon USA voraussichtlich überholen, hält der Politikwissenschaftler Ulrich Menzel in der SZ fest. Russland hat sich immer schon als eigene Zivilisation, in Abgrenzung zum Westen verstanden, erklärt der russische Autor Andrey Gurkov in der FR. In der FAS fragt die Schriftstellerin Anne Rabe, wie es die Politik eigentlich geschafft hat, moralische Werte als "links" zu framen.  

Diese pulsierende Nähe

08.08.2025. Frauke Brosius-Gersdorf verzichtet auf ihre Kandidatur als Bundesverfassungsrichterin - und macht in einem offenen Brief der CDU-Fraktion im Bundestag schwere Vorwürfe. Die einzige, die sich in dieser Affäre vorbildlich verhalten hat, war sie, meint die Zeit.  Der Aufruf "Lassen Sie Gaza nicht sterben, Herr Merz" gewinnt immer mehr Unterzeichner - in der taz erklären die Eltern der deutschen Hamas-Geisel Itay Chen, was Friedrich Merz tatsächlich tun könnte. Im Standard erklärt der Experte Gerhard Ruiss, warum KI das Kulturleben gefährdet.  

Sie werden Schahids und kommen in den Himmel

07.08.2025. In der Zeit schildert der Israeli Tal Schoam, der 505 Tage als Geisel der Hamas gehalten wurde, deren Foltermethoden. Es ist möglich, die israelische Regierung zu kritisieren, ohne in Antisemitismus zu verfallen, ruft Eva Illouz, ebenfalls in der Zeit. Im Interview mit der FR erklärt der Politikwissenschaftler Anas Ansar warum die Aufbruchsstimmung in Bangladesch der Gewalt weichen musste. Die SZ ermuntert Donald Tusk, mehr Mut in der Konfrontation mit dem neuen Präsidenten Karol Nawrocki und dessen Wählern zu zeigen. Eigentlich war auch Henry David Thoreau ein Libertärer, denkt sich in der FAZ der Schriftsteller Karl-Heinz Ott.

Den Neokortex aufstocken

06.08.2025. Man kann mit Putin nicht verhandeln, erklärt der ukrainische Journalist Sergey Maidukov in der SZ, er ist zu sehr von seiner Herrschaft berauscht. In der FAZ  fragt sich die Osteuropa-Historikerin Franziska Davies, warum der Historiker Alexei Miller, der Putin hilft, die Geschichte umzuschreiben, bei westlichen Wissenschaftlern so akzeptiert ist. In der Zeit hofft Ray Kurzweil auf ein Implantat, um mit KI zu verschmelzen. In der Berliner Zeitung plädiert Slavoj Zizek für ein durch "prinzipentreuen Pragmatismus" dosiertes "gewisses Maß an Terror", wenn sich der Faschismus anders nicht aufhalten lässt.

Wo stehen wir, ist es noch 1934?

05.08.2025. Viele historische Themen heute: Die FAZ erzählt die Geschichte von Polen in der Wehrmacht - eine Ausstellung zum Thema sorgt in Polen für Debatten. Die taz blickt auf den begeisterten Beitrag der Österreicher zum düstersten Kapitel. "Religionskritik in Deutschland endet dort, wo es um den Islam geht", konstatiert Güner Yasemin Balci in der Welt. Alle machen "Druck auf Israel". Warum macht eigentlich keiner Druck auf die Hamas, fragt Thomas Stern im Perlentaucher in einer Replik auf den Öffentlichen Brief von 200 Fernsehprominenten. 

Das Lachen des Publikums, wenn da einer zittert

04.08.2025. Die Hamas zeigt in ihrem jüngsten Video den total abgemagerten Evyatar David, eine der verbleibenden zwanzig lebenden Geiseln, der gezwungen wird sein eigenes Grab auszuheben. Die Zeitungen diskutieren weiter, ob Israel einen Genozid verübt. Die FAZ  zitiert David Grossman, der sagt, es bleibe ihm keine andere Wahl mehr, als das Wort nun doch zu benutzen. In der NZZ entwirft der palästinensische Anwalt und Oppositionelle Moumen al-Natour ein Szenario für einen befriedeten Gazastreifen. Die SZ beleuchtet den Zusammenhang von Verfall der Infrastruktur und populistischen Wahlerfolgen.

Viel über die Zeitläufte

02.08.2025. Die Zeit äußert sich erstmals zu Vorwürfen über das von ihr präsentierte Bild eines kranken Kinds aus Gaza. Es hungere tatsächlich, beharrt sie. Kinder mit seiner Krankheit magerten aber besonders stark ab. Die Hamas präsentiert unterdessen wie zum Hohn Bilder hungernder Geiseln in ihren Tunneln. In der FAZ fürchtet Jürgen Kaube, dass die Anerkennung eines Staates Palästina durch Frankreich und andere eine Luftnummer ist. Die SZ porträtiert Güner Yasemin Balci. Die FR lernt von dem Ökologen Bernhard Malkmus Tier- und Pflanzennamen.

Doch die Bilder...

01.08.2025. Die Diskussion über die Manipulation von und mit Bildern im Krieg geht weiter. Auch Kinder mit Krankheiten müssen nicht so abgemagert aussehen wie auf den bekannten Bildern, schreibt der bekannte Arzt Cihan Çelik in der FAZ. Bilder abgemagerter Menschen werden schon seit langem eingesetzt, um die Assoziation mit Auschwitz zu schaffen, schreibt Michael Miersch bei den Ruhrbaronen. Schwer erträglich sind die Bilder so oder so, schreibt der Historiker José Brunner in der SZ, der sich eine Sprache der Kritik wünscht, die weder proisraelisch noch propalästinenisch ist, sondern die Situation sehr nüchtern beschreibt. 

Verzweifelt, zerrissen und zunehmend kritisch

31.07.2025. Zum ersten Mal in der Geschichte hat die gesamte Liga der arabischen Staaten die Hamas verurteilt und das Ende ihrer Herrschaft in Gaza gefordert, um einem demilitarisierten Staat Palästina den Weg zu ebnen, meldet die taz. Jetzt müssten sie nur noch alle das Existenzrecht Israels anerkennen, fordert die Welt. Die New York Times entschuldigt sich als bisher einzige Zeitung dafür, Bilder von einem kranken palästinensischen Kind als Beleg für den Hunger in Gaza veröffentlicht zu haben. Die falschen Bilder bedeuten allerdings nicht, dass es keine Hungersnot in Gaza gibt, warnt die NZZ. Hamas-Propaganda ließe sich vielleicht besser vermeiden, würden die Israelis Journalisten in Gaza zulassen, denkt sich die SZ.

Die Grenze von Fakten

30.07.2025. Der Historiker Karl Schlögel erhält den Friedenspreis. Völlig zurecht, jubeln die Feuilletons: Die FAZ attestiert ihm unerreichte Osteuropa-Expertise, die FR würdigt ihn für seine unerschrockene Kritik an Putin. Die EU droht, Israel von "Horizon Europe", einem der größten weltweiten Forschungsprogramme, auszuschließen, berichtet die FAZ. Der Hunger in der Welt nimmt ab, so die taz, nur nicht in Afrika. Im Zeit-Online-Interview untersucht der Historiker Wolfgang Kraushaar die politischen Extreme des verstorbenen Horst Mahlers, die immerhin einige Konstanten hatten, zum Beispiel seinen Antisemitismus.