9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
21.08.2025. Kurz vor dem Krieg war ein Staatsbankrott des NS-Staates fast unvermeidbar, hält der Historiker Götz Aly im FAZ-Gespräch fest. Andreas Molitor räumt in der Zeit mit dem Mythos von Hermann Göring als "dem freundlichen Gesicht des Nationalsozialismus" auf. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerasimow zeigt sich in der NZZ hoffnungslos, was die Zukunft der Ukraine angeht. Die Zeit erklärt, worum genau es bei den Verhandlungen über Gebietsabtretungen geht.
20.08.2025. Die USA verfügen über die Macht, die Richtung des Krieges in der Ukraine zu ändern, und könnten sie auch einsetzen - wenn Trump endlich aus seiner Fantasiewelt aufwacht, ruft Timothy Snyder in der SZ. Der ukrainische Autor Sergey Maidukov ist ebenfalls in der SZ fassunglos, wie Trump die Ukraine an Putin verscherbelt. Trump hat durchaus eine Strategie, ist sich indes Ivan Krastev in der Zeit sicher. Und der Politologe Stephan Bierling rät den Europäern in der Welt dringend, sich nicht vom Kreml einschüchtern zu lassen.
19.08.2025. Das gestrige Treffen mit Trump brachte keinen Durchbruch, auch weil Trump wie Putins "Unterhändler" agierte, resümiert SpOn. Schon am Freitag verhielt sich Trump wie ein glücklicher Welpe, der keine Trümpfe mehr in der Hand hat, kommentiert Anne Applebaum bei The Atlantic. Auf ZeitOnline erzählt Irina Rastorgueva, wie eine Bande "professioneller Witwen" in Russland Obdachlose und Drogenabhängige anwirbt, um sie in den Krieg zu schicken. Die FAZ sorgt sich in zwei Artikeln um die Demografie in Deutschland und Frankreich.
18.08.2025. Nach dem Gipfeltreffen zwischen Trump und Putin ist nun vor allem klar, was es nicht geben wird: einen Waffenstillstand. Ein "Frieden" nach russischem Geschmack enthält zwangsläufig Gebietsabtretungen, resümiert die taz. Russland und die USA spielen Kalter Krieg, konstatiert Zeit Online, dabei ist Putin nur ein Scheinriese. Beim Gipfel war er jedenfalls Ehrengast von Trump, hält Viktor Jerofejew in der FAZ fest. In der taz ist der Politikwissenschaftler Daniel Marwecki nicht überrascht über die Empörung, die auf Merz Ankündigung eines Waffenstopps für Israel folgte.
16.08.2025. Die NZZ und die FAZ erzählen, wie Trump die Wissenschaft und die Unis abwickelt: Rache ist das Motiv. Von dem Treffen in Anchorage scheinen wohl nicht viel mehr als die pompöse Inszenierung und ein paar verrutsche Mienen Wladimir Putins in Erinnerung zu bleiben. Ja, antwortet Richard Sennett in der FR auf die Frage, ob der Trumpismus ein Faschismus sei. Vor fast zehn Jahren rief Angela Merkel: "Wir schaffen das" - die taz zieht eine positive Zwischenbilanz.
15.08.2025. Heute treffen sich Donald Trump und Putin in Alaska, um über die Zukunft der Ukraine zu entscheiden. Die Europäer, die 2014 Putin kein Paroli geboten haben, machen jetzt erstmals die Erfahrung vieler Ostmitteleuropäer, dass "über sie, aber ohne sie" entschieden wird, notiert in der FAZ der Historiker Martin Schulze Wessel. Die NZZ empfiehlt die Lektüre von Karl Marx, der bereits im 19. Jahrhundert das Appeasement der Europäer gegenüber dem russischen Expansionismus kritisierte. In der FR versteht der israelische Historiker Adam Raz nicht, wie der 7. Oktober die Israelis verhärten konnte. Die taz kritisiert, dass dem Westen Frauenrechte in Afghanistan wichtiger sind als der Hunger dort.
14.08.2025. In der SZ erinnert Irina Rastorgueva, dass auf den ukrainischen Gebieten, die Russland besetzt, Menschen leben, denen Haft und Folter drohen. Im Interview mit der Zeit bittet der Rabbi Meir Azari um Vorschläge, wie die Hamas ohne Krieg vom Töten abgehalten werden kann. In der NZZ setzt Richard C. Schneider auf nach wie vor existierende kulturelle Überschneidungen zwischen Israeli und Palästinensern. In der FAZ diskutieren die Herren Horst Dreier und Christian Hillgruber über den Abtreibungsparagrafen. Welt und Zeit fragen sich, wie das Predigen von Vielfalt und Toleranz mit dem Rüchzug in Safe Spaces und Vorwürfen des Kulturkampfes zusammenpasst.
13.08.2025. Die Ukraine droht gerade, den Krieg zu verlieren und zu Gebietsabtretungen gezwungen zu werden. Anders als im Gazakrieg bleiben Medien und Zivilgesellschaft dazu weitgehend stumm - nur Donald Trump redet. Es gibt ja auch so viel anderes zu bedenken: In der SZ beklagt der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer zu viele Abiturienten und zu wenig Respekt für Ausbildungsberufe. In der FAZ plädiert der Soziologe Robert Dorschel für die Einführung einer Vermögensteuer. In der Welt ärgert sich Matthias Heine über den Vorwurf, Kulturstaatsminister Weimer habe ein Genderverbot ausgesprochen. Und hpd fragt: Warum sind die Konfessionslosen in den Öffentlich-Rechtlichen so unterrepräsentiert?
12.08.2025. Wenn Russland Europa angreift, dann in den nächsten drei bis fünf Jahren, vermutet der ehemalige litauische Außenminister Gabrielius Landsbergis in der SZ. Die taz porträtiert die marokkanische Feministin Ibtissame Lachgar, die behauptete, Allah sei Lesbierin - und dafür festgenommen wurde. In Saudi-Arabien werden immer mehr Menschen hingerichtet, berichtet hpd.de. Der Historiker Lukas Willmy wirft laut hsozkult.de einen neuen Blick auf den Bombenkrieg der Allierten gegen Nazideutschland.
11.08.2025. Der Perlentaucher startet eine Reihe von Vorabdrucken aus Götz Alys neuem Buch "Wie konnte das geschenen?" In Zeit online schildert Karl Schlögel seine Bestürzung über die kulturell und politisch immer aggressiveren proputinistischen Strömungen in Deutschland. Le Monde notiert einen sehr viel schärferen Ton Emmanuel Macrons gegenüber Algerien - auch mit Blick auf die Staatsgeisel Boualem Sansal. Golem.de spottet über das mit viel Getöse angekündigte ChatGPT-5. In der FAZ wird die Abtreibungsfrage weiterhin den Theologen überlassen.