9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Hinzu kommt historisches Unwissen

13.06.2025. Ein historischer Tag? In der Nacht hat Israel iranische Atomanlagen angegriffen - wir setzen einige Links. In Deutschland geht die Debatte um das Friedenspapier einiger Sozialdemokraten weiter. Hier artikuliert sich ein Rentnerclub mit Einfluss, meint der Historiker Jan C. Behrends im Spiegel. taz und Spiegel lesen den Bericht der Grünen zur Affäre Gelbhaar. Eines ist klar, so der Bericht: Den Hinterfrauen der Affäre ging es nicht um #MeToo. Le Point fragt, ob der Pariser Fußballverein PSG neben der Champions League  vielleicht auch noch die Pariser Bürgermeisterwahlen im nächsten Jahr entscheidet.

Ein schwacher starker Mann

12.06.2025. Das Friedensmanifest der SPD-Linken um Rolf Mützenich wird eher kritisch aufgenommen: Solange Putin das sowjetische Imperium zurückerobern will, kann es keine Entspannungspolitik geben, meint die SZ. Im Spiegel wünschte sich der Grüne Konstantin von Notz, deutsche Politiker würden die Bedrohung durch Russland endlich ernst nehmen. Die taz findet: Man kann ja wenigstens mal über Entspannung reden. Ohne Druck von außen wird Israel sich selbst zerstören, warnen in der Zeit der Historiker Omer Bartov und in der FAZ der Informatiker David Harel.

Enttäuscht zu sein, gehört zu ihrem Lebensgefühl

11.06.2025. Die Amerikaner begreifen gerade, dass eine Diktatur von der Anpassungsfähigkeit ihrer Bürger lebt, meint Daniel Kehlmann in der FAZ. Friedrich Hayek hätte Trumps Wirtschaftspolitik nichts angewinnen können, meint in der NZZ der kanadische Historiker Quinn Slobodian. Der Stern staunt über die nach wie vor sehr große russlandfreundliche Fraktion der SPD. Der syrische Ideenhistoriker M. Sami Alkayial plädiert in der FAZ für einen wahren demokratischen Säkularismus auch in der arabischen Welt.

Das Momentum im Spiel

10.06.2025. Getroffen von ukrainischen Drohnenangriffen auf Flugzeuge, antwortet Russland mit Drohnenangriffen auf die ukrainische Bevölkerung - Meduza bringt einige Bilder. Die Überfahrt eines Gaza-Soli-Segelboots löste sich in der Übergabe eines Sandwichs auf - die Aktivistinnen werden nach Europa zurückgeschickt, berichten die Medien. Der neue Kulturminister Wolfram Weimer wendet sich gegen einen Kulturkampf von links und rechts, aber er verkennt dabei, dass der Kulturkampf von links gut ist, antwortet ihm der Grünen-Abgeordnete Sven Lehmann in der SZ.

Er glaubt wirklich, dass Freiheit böse ist

07.06.2025. In der FAZ denkt der russische Autor Sergej Lebedew darüber nach, wie sehr der KGB die Welt geprägt hat, in der Putin lebt. Und der Philosoph Pascal Bruckner fragt, warum so viele europäische und amerikanische Intellektuelle den Wunsch nach einer Reform des Islam als "Islamophobie" auslegen. In der taz erzählen zwei israelische Aktivisten, wie man ganz unideologisch gegen den Krieg in Gaza demonstrieren kann. Le Point erklärt, warum der französisch-algerische Autor Kamel Daoud in Italien nicht sicher wäre.

Grauzone der unzuverlässigen Bücher

06.06.2025. Dass Donald Trump den Antisemitismus an Universitäten als Ausrede nutzt, diese gleichzuschalten, bedeutet leider ganz und gar nicht, dass und es ihn nicht gibt, schreibt Christoph David Piorkowski im Philomag. Mehrere Zeitungen befassen sich heute mit immer weiter verschärfter Repression im russischen Kulturbetrieb. Die Feuilletons sind unzufrieden mit Wolfram Weimer, der gestern in der SZ die Linke und die Rechte kritisierte, aber die Linke zu sehr. Sandra Hüller, Luisa Neubauer, Fatih Akin, Axel Prahl, Aleida Assmann, die Foroutans, Bjarne Mädel und Harald Welzer werfen Israel auf den Seiten von Amnesty Völkermord vor: schon seit dem 7.Oktober.

Korridore des Sagbaren

05.06.2025. Spiegel und Time stellen Googles KI-Modell für Text-to-Video Veo 3 vor, das jedem seine gewünschte Realität maßschneidern kann. Nicht gut für die Demokratie? Bequem leben kann man auch ohne, wie China zeigt (vorausgesetzt man gehört nicht zu den Hingerichteten), erzählt die Zeit. Die NZZ erinnert an die Begeisterung der Linken für die Roten Khmer vor 50 Jahren. In der SZ verspricht Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, die Freiheit der Kunst zu verteidigen. Ebenfalls in der SZ fordert die russische Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa die Freilassung von Nawalnys Fotograf Alexander Strukow, der schwer erkrankt im Gefängnis sitzt.

Niemand bleibt ewig jung

04.06.2025. In der Jüdischen Allgemeinen streiten Hamed Abdel-Samad und Henryk Broder über den Gazakrieg, den Abdel-Samad als "Genozid" bezeichnet. Bürokratieabbau sollte auch ein linkes Bedürfnis sein, meint Ilija Trojanow in der taz. In der FAZ verteidigt Christian Drosten einen harten Realitätsbegriff. Der russische Journalist Andrei Kolesnikow (NZZ) fühlt im Kreml - Marx zitierend - die Toten auf dem Gehirne der Lebenden lasten. "Die Ära PiS endet nicht, sie geht immer weiter", klagen die Ideenhistorikerin Karolina Wigura und der Autor Jarosław Kuisz bei Zeit Online.

Die Frage, was Frankreich ist

03.06.2025. Trist, aber wahr: Der Ausgang der polnischen Präsidentschaftwahlen verdüstert nicht nur die Lage in Polen, fürchten die Zeitungen. Tausende Menschen verschwinden im Krieg im Sudan, berichtet die taz. Die SZ fürchtet, dass afghanische Flüchtlinge nicht mehr in Deutschland aufgenommen werden, auch wenn sie gefährdet sind. Der Historiker Pierre Nora ist gestorben -wir zitieren aus dem Nachruf von Le Monde.

All das ist leider wahr

02.06.2025. Es ist knapp, aber es ist eine Katastrophe. Der von Trump und Putin bevorzugte Kandidat für die polnischen Präsidentschaftswahlen hat gewonnen. Der Historiker Paweł Machcewicz  gibt bei Zeit online Hintergründe zu den Wahlen. Marion Ackermann übernimmt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz - die Liste der von ihr zu bewältigenden Aufgaben ist deprimierend, so die taz. Zeit online sucht Dissidenten unter Palästinensern und Israelis. Kann man das drohende "Zero-Click-Internet" besteuern, fragt bang die SZ. In Le Point erinnert Pascal Bruckner an Vladimir Jankélevitch.