9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Eisschmelze überdauern

25.06.2026. Die Historikerin Jill Lepore erklärt in der Zeit, warum die amerikanische Demokratie gerade zu scheitern droht und wie die Liberalen dazu beigetragen haben. Ihr Kollege Timothy Snyder zieht in der SZ eine bittere Bilanz des Irankriegs. Belarus ist nicht gleich Russland, versichert in der NZZ der belarussische Journalist Andrzej Poczobut mit Blick auf die EU. Die FAZ findet die Empfehlungen einer Expertenkommission zum digitalen Jugendschutz zu komplex und macht einen Gegenvorschlag. Auch in der DDR wurde die Marktwirtschaft als gerechter empfunden als der real existierende Sozialismus, erzählt im Tagesspiegel der Historiker Clemens Villinger.

Nie wieder ein normales Ei

24.06.2026. Die Briten diskutieren immer noch über Europa, wie über einen Ex, von dem man nicht loskommt, meint Podcasterin Katy Lee im Guardian. Die NZZ wünscht sich Margaret Thatcher zurück: Dann hätte auch ein Nigel Farage keine Chance mehr. Der Historiker Robert Tombs widerspricht: Die anderen haben trotz EU mindestens genauso große Probleme wie UK. In der taz berichten Beybûn Seker und Soniya Alkis von der Flüchtlingsberatung Pena-Ger über innermigrantischen Rassismus gegen Kurden und Jesiden. Die FAZ fragt: Welcher Nachzügler der Kritischen Theorie wäre heute so interventionsfreudig wie Habermas?

Trotzdem menschenverständlich

23.06.2026. Keir Starmer ist fast pünktlich zum zehnten Jahrestag des Brexitvotums zurückgetreten - Britannien sieht seit dem Brexit ziemlich anders aus, konstatiert die FAZ, denn immer weniger Europäer leben dort. Das Goethe-Institut feiert seinen 75. Geburtstag. Die SZ erzählt, wie es angesichts der weltweiten "Israelkritik" laviert. Der Perlentaucher kommt auf Ines Schwerdtners Satz "Ich habe mich entschieden, es einen Genozid zu nennen" zurück, die FAZ staunt, wie leichtfertig die Linke und erst recht Die Linke mit dem Faschismusvorwurf hantiert.

In Zeiten extremer Temperaturen

22.06.2026. Zehn Jahre nach dem Brexit-Beschluss tritt heute wohl mit Keir Starmer der sechste Premierminister zurück - und die britische Rechte hat sich radikalisiert, so die taz.  In Deutschland tagte die Linkspartei - die Parteiführung warf der Propali-Fraktion den "Genozid"-Begriff zu, notiert die FAZ. Der Antisemitismus im Kunstbetrieb ist inzwischen manifest und ungeniert, sagt Stella Leder in der SZ. In der NZZ machen sich die Politologen Oleksandr Kraiev und Andreas Umland Gedanken über einen Frieden in der Ukraine. Ohne Faschismusbegriff geht es nicht, schreiben Stephan Lessenich und Sven Reichardt in der SZ.

Was der Rest Europas denkt

20.06.2026. In der FAS erklärt der argentinische Schriftsteller Alan Pauls, wie Javier Milei die Falkland-Inseln (beziehungsweise die Islas Malvinas) heute noch für seine politische Agenda nutzt. Der Iran-Deal Trumps scheint verheerend, könnte aber im Endeffekt auch die Mitte der iranischen Gesellschaft stärken, überlegt Zeit Online. Die SZ druckt die Rede des Historikers Norbert Frei zur Gedenkveranstaltung für Jürgen Habermas in der Paulskirche. Die Welt trifft das "Schnabeltier der Gegenwart": den Philosophen Kohei Saito.

Sehr eigene, anstößige Gedanken

19.06.2026. Der rotgrüne Hamburger Senat verhindert eine Aufarbeitung des NSU-Mords an Süleyman Taşköprü - der taz wurden Akten zugespielt, die ein schmähliches Bild der Polizei abgeben. Und in Hannover kann man laut  FAZ lernen, wie man mit den Schlagwörtern "Demokratie", "Vielfalt", "Alleinerziehende" und "Armut" ein Businessmodell aufbaut. Wenn "Palästina befreit" ist, dann wird das wohl die ganze Welt befreien, hofft Sally Rooney in einer Rede - der israelische Religionswissenschaftler Tomer Persico analysiert auf Twitter diese Israel-Fixierung nicht nur Rooneys. In SZ und FR ziehen Rainer Forst und Axel Honneth die Lehren aus Habermas  - heute ist der große Trauer- und Gedenktag.

Im Kreis verprügelt

18.06.2026. Den Kurden hat der Fall des syrischen Diktators Assad nichts genützt, meint der Politikwissenschaftler Rüstü Demirkaya in der NZZ. Warum setzt Donald Trump im Nahen Osten ausgerechnet auf Erdogan, fragt in der FAZ Bülent Mumay. Warum interessiert sich #metoo so gar nicht für Gewalt gegen Frauen mit Migrationshintergrund, fragt in der Welt Güner Balci. Sie sei "jeden Tag mit Angst aufgewacht", erzählt die Schauspielerin Sibel Kekilli in der Zeit. Die SZ staunt über die Verschwörungstheorien der Berliner Zeitung zu KI. Alles schön Bestätigung hier: Für Journalisten und Verleger von heute ist KI doch geradezu optimal, spottet die taz.

Manchmal wie ein Kartenhaus

17.06.2026. Nach Suhrkamp will nun auch der Verlag S. Fischer nach Berlin ziehen. Nein, es geht nicht um Einsparungen, beteuert Verlagsleiter Oliver Vogel im Gespräch mit der FAZ. Der Umzug spiegelt den Wandel in der Buchbranche wider, kommentiert die SZ. Schon erstaunlich, wenn man in einer Veranstaltung über Meinungsfreiheit wegen seiner Meinung gecancelt wird, schreibt Mirna Funk in der Welt. Nicht jeder Antisemit ist gleich genozidal, versichert  der Postkolonialist Aram Ziai in der FR. Der von den Deutschen ermordete Historiker Marc Bloch wird pantheonisiert - Le Point beleuchtet seine Aktualität.

Im Sog der Geschichte

16.06.2026. Trumps "Deal" mit dem Iran ist eine Katastrophe, und zwar für Trump, Israel, den Iran und Europa, resümieren die Zeitungen. Wenn Nabobs versagen, bauen sie sich Denkmäler, schreibt Tina Brown in ihrem Blog mit Blick auf Trump und, äh, Obamas Mausoleum der begrabenen Hoffnungen. Was an Israel gehasst wird, ist seine Komplexität, lernt Welt-Autor Marko Martin bei der "Gay Pride" in Tel Aviv. Die Tech-Konzerne sind schrecklich, aber KI hat Punkaspekte, freut sich Douglas Rushkoff in der NZZ. KI, na und? Ghostwriter gab's schon immer, stellt Gustav Seibt in der SZ fest.

Zugeschnitten, eingescannt und gespeichert

15.06.2026. In der taz ist sich der Aktivist Arne Semsrott sicher - nur die Zivilgesellschaft kann gegen die AfD obsiegen. In der FAZ erzählt der Historiker Jochen Staadt die Geschichte des Antisemitismus in der DDR. "Es war nie wichtiger als heute, am Ideal der Gleichheit festzuhalten", betont die Philosophin Elizabeth Anderson im Zeit-Online-Interview mit Blick auf 250-Jahr-Feier der USA. Und eine knifflige Frage: Sind die Kommentare zu KI im Journalismus selbstgeschrieben?