Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ich nenne das Zeitverwüstung

28.10.2025. FR und FAZ entdecken in der Berliner Ausstellung "Netzwerke des Surrealismus" dramatische Geschichte(n) hinter Kunstwerken. Die SZ bekommt von Nürnberger Ballettchef Richard Siegal mit einer Installation in der Kongresshalle in Nürnberg gezeigt, wie man die Geister der Nazis austreibt. Die taz blickt auf Cancel-Culture-Exzesse in den USA. Und die Musikkritiker trauern um eine letzten großen Legenden des Jazz: den Schlagzeuger Jack DeJohnette

Von schwerster Bedeutungsschwangerschaft

27.10.2025. Die Kritiker sind nicht sehr überzeugt von der revueartigen Betulichkeit, mit der Theresa Thomasberger am Deutschen Theater Berlin Hannah Arendts Leben erzählt. August Diehl, der in Kirill Serebrennikows Film Josef Mengele spielt, will im Welt-Interview nicht unter den Tisch fallen lassen, dass Monster wie Mengele doch Menschen sind. Die taz hofft mit unabhängigen Berliner Kinos, dass mehr Filmklassiker endlich digitalisiert werden. Percy Everett verzweifelt im FAZ-Gespräch ob der Zensur in den USA, die Maya Angelou verbietet und Hitler erlaubt.

Während der Fernseher weiß rauscht

25.10.2025. VAN berichtet von einem Streit der Essener Philharmoniker mit der Komponistin Clara Iannotta, deren neue Musik das Orchester nicht spielen will. In der FAZ denkt Wolfgang Matz über Giacometti und die Dichter nach. Und der Literaturwissenschaftler Thomas Kater fragt, ob Siegfried Unselds NSdAP-Mitgliedschaft seine verlegerischen Entscheidungen beeinflusst hat. Die taz berichtet von Protest gegen Milo Raus offenen Brief, der Israel einen "Genozid" vorwirft.

Das Universum lebt von der Variation

24.10.2025. Die Welt betrachtet in Paris überwältigt die bislang größte Gerhard-Richter-Retrospektive. Die FAZ lernt von Händel, dass Heldentum und Liebe sehr wohl vereinbar sind. Die taz tanzt zu Skizzen des Chicago Underground Duo. Critic.de besucht die Retrospektive des DOK Leipzig, die sich den amerikanischen Filmen widmet, die man dort zu DDR-Zeiten gezeigt hat. Im Interview mit dem Tages-Anzeiger erzählt der Schriftsteller Michael Fehr, was seine Blindheit für sein Schreiben bedeutet.

Lasst die Schwäne tanzen!

23.10.2025. Der Perlentaucher sieht in Guillermo del Toros "Frankenstein"-Film einen alchemistischen Wahnsinnsakt mit Höhen und Tiefen, die FR schwärmt von der opulenten Bildgestaltung. Die Zeit untersucht den Hergang der Tat im Louvre und stellt fest: dreister ging es wirklich nicht. Die taz porträtiert die Band "Stoptime", die in Russland Musik gegen das Regime macht. Die FAZ schmökert im neuen "Asterix"-Comic, der mal wieder die Bilanz des Buchhandels retten wird. 

Man sieht zwar nichts, aber egal

22.10.2025. Alexei Ratmanskys in Wien aufgeführtes, technisch atemberaubendes Ballett "Kallirhoe" begeistert die Feuilletons - der FAZ wird schon beim Hinsehen schwindlig. Über Agnieszka Hollands Kafka-Film "Franz K." wiederum streitet die Kritik, der Tagesspiegel zumindest wartet vergebens auf Sinnzusammenhänge. Komplettbegeisterung herrscht über den Umbau der Fondation Cartier in Paris, Chris Dercon vergleicht den Bau im Welt-Interview mit einem kubistischen Gemälde. Dietmar Dath schimpft in der FAZ über Lektoren, die alles Eigensinnige kaputt redigieren. Im Standard gibt ein Kunstmarktexperte nach dem Louvre-Einbruch angehenden Meisterdieben Tipps für den nächsten Coup.

Zwischen aufgewühlten Laken

21.10.2025. Besonders überraschend ist der Juwelenraub im Pariser Louvre nicht, konstatieren NZZ und SZ mit Blick auf die lange bekannten Sicherheitslücken. Die taz schaut in Berlin wehmütig auf Fotografien von Daniel Josefsohn, der die Kehrseite des Exzesses so lebensecht und verletzlich einzufangen vermochte. Der Tagesspiegel zieht Oliver Guez' Roman "Das Verschwinden des Josef Mengele" Kirill Serebrennikows Filmadaption vor. Die Welt ärgert sich über ordinäre Eigenheim-Plantagen in Vorstädten. Die FAZ prangert Antisemitismus und Gewalt in der deutschen Hip-Hop-Kultur an. 

Spannung aus Wucht und Wehmut

20.10.2025. Der Louvre ist überfallen worden, ein Teil von Napoleons Juwelen fehlt nun: Erste Einordnungen kommen von der Zeit und der Berliner Zeitung. Die Kritiker sind bei Christian Weises Inszenierung von Brechts "Arturo Ui" gespaltener Meinung: Für die FAZ kommt das Stück nicht über eine "grelle Revue" hinaus, die FR lobt das Spiel des Ensembles. Die Welt interviewt Luca Guadagnino zu seinem MeToo-Film "After the Hunt". Und alle trauern um Klaus Doldinger - wir bringen Videos.

Blaue Adern wie Flüsse

18.10.2025. Die Hochliteratur wird zum Nischenangebot, konstatiert die SZ besorgt nach der Frankfurter BuchmesseBurhan Qurbanis Hamburger Inszenierung seines Stücks "Die Verwandlung" über (post)-migrantische Schicksale lässt die Nachtkritik aus unruhigen Träumen erwachen. Die FAZ stellt die ukrainische Künstlerin Dariia Kuzmych vor, in deren Werk Flucht wie gebrochene Knochen, zerrissene Muskeln und Weinreben aussieht. Die FAZ berichtet außerdem, wie der puertoricanische Superstar Bad Bunny in USA für Wirbel sorgt. 

58.555 Euro pro Quadratmeter

17.10.2025. In der FR fordert Claus Leggewie die europäischen Regierungen auf, Algerien mit Blick auf die Haft von Boualem Sansal ein Ultimatum zu stellen. Die SZ bermerkt besorgt, dass Justiziare der Verlage immer häufiger in die Gestalt von Büchern eingreifen. Tagesspiegel und Welt bewundern im Berliner Gropiusbau, wie radikal und respektvoll sich Diane Arbus den Rändern der Gesellschaft näherte. Ganz bescheiden wird das Berlin Modern nun als 'Erweiterung' der Neuen Nationalgalerie bezeichnet, weniger bescheiden sind die inzwischen eingeplanten 600 Millionen Euro Baukosten, notiert der Tagesspiegel fassungslos.