Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Weder fluide noch flexibel

17.07.2026. Die FAZ bewundert im Tel Aviv Museum Hunderte von Werken, die der Kunsthistoriker Karl Schwarz vor den Nazis rettete. Außerdem freut sie sich, dass Deep Purple so "unideologisch zeitlos" bleibt. Das ZDF hat einen Auftritt von Igor Levit und Danger Dan gecancelt, die Künstler für die Absage aber eigens anreisen lassen, kritisiert der Tagesspiegel. Die Welt ruft jenen, die von grünen Städten träumen, zu: Nicht Bäume, sondern Verdichtung bietet Kühlung.

Drei Stunden Nicht-Identifikation

16.07.2026. Die Filmkritiker sind sich uneins über Christopher Nolans "Odyssee"-Verfilmung: Einen erfreulich nahe an Homer angelegten Horrortrip erlebt die SZ. Der Perlentaucher wird noch einmal an die vergangene Glorie Hollywoods erinnert. Die Welt vermisst allerdings den Sex. Der Guardian erkennt in einer Enid-Marx-Ausstellung, wie lang die Briten in der Tube unbemerkt auf Botschaften über afrikanische Kunst saßen. Die Zeit amüsiert sich in Essen mit Gustave Courbet, der sich auch mal als Leiche oder Forelle malte. 

Kein Techno ist auch keine Lösung

15.07.2026. Geht Bayern bald besser mit NS-Raubkunst um? Die SZ ist angesichts des Vorschlags für eine neue unabhängige Expertenkommission vorsichtig optimistisch. Die nachtkritik plädiert mit Blick auf die Münchner Kammerspiele für ein Theater, das die Vielfalt gegen einen konservativen Backlash verteidigt. Eine Münchner Aufführung der Händel-Oper "Alcina" spaltet die Feuilletons: Die SZ bejubelt farbenprächtigen Barock-Sound, die Welt echauffiert sich über billige Kitsch-Kulissen. Der filmdienst fragt sich, warum Homers "Odyssee" so häufig verfilmt wird.

Mit der kühlen Glätte eines Hais

14.07.2026. Der Guardian huldigt in der Tate Modern den archaischen Fruchtbarkeitsgöttinen der Künstlerin Ana Mendieta. Der Schriftsteller Dinaw Mengestu ist als Präsident des amerikanischen PEN-Clubs zurückgetreten - wegen eines Artikels, der Antisemitismus anprangert, konstatiert die Welt fassungslos. In zwei Jahren wird man einen KI-Film nicht von einem gefilmten unterscheiden können, versichert der SZ die Produzentin Cecilia Shen. Und die Filmkritiker trauern um den Schauspieler Sam Neill, der leichtfüßig zwischen Blockbuster und Autorenfilm tänzelte. 

Sprengung als Erlösung

13.07.2026. In der FAZ schlägt der Filmhistoriker Rainer Rother Alarm: Zu wenig Geld wird für die Sicherung des Filmerbes locker gemacht. Früher oder später wird KI das Niveau von Midcult-Literatur erreichen, ist sich die Jungle World sicher. Die Kritiker geben sich die Klinke in die Hand, um dem toten Wal Timmy im Hamburger Ernst Deutsch Theater die letzte Ehre zu erweisen. Die FAZ lässt sich von den Bamberger Symphonikern unter Jakub Hrůša mitreißen. Und sie bestaunt im Prado die gülden leuchtende Kunst des Spätmittelalters.

Schatten und Sonne streiten manichäisch

11.07.2026. Die SZ feiert beim Festival d'Avignon Kunst und Mord, die Poesie und das Böse in Julien Gosselins Spektakel "Maldoror". Die Welt macht es sich in Avignon lieber richtig ungemütlich mit Carolina Bianchis "Uma Luz Cordial", das die Brutalität eines sensationslüsternen Literaturbetriebs ausleuchtet. Die taz porträtiert die Lyrikerin Ann Cotten. Die SZ erzählt, wie Odysseus von Übersetzerinnen gesehen wird: als einfallsreicher Heiratsschwindler. Die FAZ bestaunt Wunderwerke der Lichtmalerei im Kunst Museum Winterthur. Die Welt bewundert das edle Understatement des neuen Konzertsaals für das Musikfestival "Rencontres" in Evian-les-Bains.

Mit dem gewaltigsten Gefühl

10.07.2026. Die Literaturkritiker gratulieren dem Fabelwesen der deutschen Literaturszene Christine Wunnicke zum Büchnerpreis: taz und NZZ würdigen ihren diabolischen Humor, die FAZ lobt ihren Eigensinn. Die SZ ist empört über den Umgang der Münchner Politik mit Kammerspiel-Intendantin Barbara Mundel, für die sich offenbar niemand zuständig fühlt. Die Musikkritiker trauern um Bonnie Tyler: Der FR war sie ein Vorbild, wie man nach einer Niederlage sein Krönchen wieder richtet. "It's a Heartache", ruft Zeit online.

Fitnessübung für Ausgebeutete

09.07.2026. Aktualisierung: Der Büchnerpreis geht in diesem Jahr an Christine Wunnicke. Die FAZ greift nochmal die Wenders-Kinski-Debatte auf und empfiehlt statt bigotter Verurteilung der Vergangenheit eine "Selbstüberprüfung in der Gegenwart". Die Nachtkritik verfolgt in Jena das Schicksal der Kassandra als antikes Biopic mit Gegenwartsbezug. Der Tagesspiegel ist hocherfreut über die Rekonstruktion der Villa Rezek bei Wien, einer "Ikone des Neuen Bauens". Die Welt geht unter, aber der Popmusik fällt nichts besseres ein als Selbstliebe, schäumt die taz.

Das Herz macht Bum

08.07.2026. Critic.de freut sich, wie Eva Trobisch mit ihrem Film "Etwas ganz Besonderes" ein Stück ostdeutsche Gegenwart auf die Leinwand bringt. In Augsburg möchte eine Theaterinitiative gegen den Antisemitismus auf deutschen Bühnen ankämpfen, berichtet die nachtkritik. Die taz besucht eine Cecilia-Vicuñas-Ausstellung nahe Turin und verliert sich in hundert Metern Schafswolle. Die SZ ist hingerissen von der Rapperin Ikkimel, die mit ihrem Song "Fußballmänner" gezeigt habe, dass die Jugend auch heute noch so richtig anecken kann.

Die Hosenröcke der Rheingrafen

07.07.2026. Die FAZ staunt in Potsdam über die "Lichtmalerei" des Anarchisten Paul Signac, der statt Arbeitern lieber Küsten malte. Der NZZ läuft bei Nikolaus Habjans Inszenierung einer Opernfassung des Dürrenmatt-Stücks "Der Besuch der alten Dame" in München ein Schauer über den Rücken. Der Tagesspiegel vertieft sich in einer Retrospektive im Kino Arsenal in Berlin in die Filme des Eigenbrötlers Jean Eustache. Die taz wundert sich bei der Fashion Week in Berlin über Barock-Vibes