Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Ohne Ruder, Segel und Steuer

29.07.2026. Festspiele-Fieber in den Feuilletons: Peter Handkes "Schnee von gestern, Schnee von morgen" wird in Salzburg uraufgeführt und stößt auf verzückte Reaktionen. Die FAZ verliert sich gern in Handkes uferlosem Text, der Zeit ist die Inszenierung ein wenig zu erwartbar. In Bayreuth hingegen laufen die Kritiker gegen einen "Rheingold" Sturm, dessen Bühnenbild KI-generiert ist: Die SZ vermisst im Bilderreigen jeglichen Zusammenhang, der Zeit gefällt immerhin die Musik. In der Jungle World glaubt die Schriftstellerin Kathrin Röggla nicht, dass irgendjemand KI-Texte lesen will.

Was bislang nie zu hören war

28.07.2026. In Bayreuth war zum ersten Mal Wagners Jugendwerk "Rienzi" zu sehen, die Kritiker sind geteilter Meinung: Die SZ verfällt in einen regelrechten "Begeisterungsrausch" ob der Gegenwärtigkeit der Inszenierung, FAZ und FR meinen: das hätte man in der Schublade lassen können. Der rumänische Schriftsteller und Holocaust-Überlebende Norman Manea hat seinen Vorlass der Berliner Akademie der Künste überlassen: ein bedeutendes Zeichen, kommentiert die NZZ. Jungle World erzählt uns die Geschichte des Math-Rock.  

Ein Logopäde ist er nicht

27.07.2026. Michel Friedman hält seine Rede in Bayreuth, vielleicht markiert sie einen Wendepunkt in der Festspielgeschichte und ihrer Aufarbeitung, hoffen die Kritiker. Charlie XCX huldigt auf ihrem Album dem Minimalismus der Rockmusik, verkündet der Standard. Die SZ ärgert sich über Rockstar-Rentner. Wie schön, dass Bruno Tauts Waldsiedlung Zehlendorf nun auch endlich Weltkulturerbe ist, freut sich die FAZ, die taz ist eher skeptisch. Lee Millers Fotografien zwingen die NZZ in Paris zum genauen Betrachten.

Wie von Neo Rauch hingeworfen

25.07.2026. Der Exodus iranischer Filmschaffender nimmt ähnliche Dimensionen an, wie die Emigrationswelle verfolgter Künstler unter dem Nationalsozialismus, konstatiert die WamS. Die FAZ ist skeptisch, dass eine Abstimmung über das neue Design der Euroschein-Entwürfe die Europäer näher zusammenrückt. Monopol bestaunt in einer Ausstellung über die Geschichte des Krankenbetts die prächtig bestickte Bettwäsche der Künstlerin Poppy Nash. Die Zeit befasst sich mit den Verkaufsstrategien der Bestseller-Autorin Caroline Wahl

Eine absurde Konstellation jagt die nächste

24.07.2026. Die Opernkritiker erliegen in Damiano Michielettos opulenter Verdi-Inszenierung in Bregenz vor allem der finnischen Sopranistin Marjukka Tepponen. Der Tagesspiegel lernt im c/o Berlin, wie digitale Bilder zu "grausamem Optimismus" verführen. Besonders viele Verlage scheinen sich nicht um Günter Grass zu reißen, vermutet die SZ nach der Insolvenz des Steidl Verlags. Und VAN glaubt nicht an eine Krise der Neuen Musik.

Metaphysische Menschenbetrachtungen

23.07.2026. Die SZ widmet den Bayreuther Festspielen zu ihrem Jubiläum ein Dossier: Unter anderem erzählt der israelische Schriftsteller Etgar Keret, warum seine Mutter Wagner hörte, trotz dessen Antisemitismus. Der Guardian erhascht dank eines Fotobandes von Jem Southam einen Einblick in die geheime Skulpturenwelt des Künstlers Ray Exworth. Die Filmkritiker trauern um den Sprücheklopfer, Gammler und Lebenskünstler Werner Enke, der dem bierernsten jungen deutschen Film zu ein bisschen mehr Leichtigkeit verhalf. 

Die Zukunft war schon immer scheiße

22.07.2026. Der Tip Berlin fragt, warum das mit öffentlichen Geldern geförderte Berliner Kino Babylon einen lupenreinen russischen Propagandafilm zeigt. David Schalkos Serie "Braunschlag 1986" zeigt uns laut SZ, dass früher auch nicht alles besser war. Die taz begeistert sich auf der Venedig-Biennale für Videokunst von Roman Khimei und Yarema Malashchuk, die lehrt, in kriegsversehrten ukrainischen Gesichtern zu lesen. In Serbien überlässt die Vučić-Regierung ein renommiertes Theaterfestival den Zensoren, warnt der Standard.

Von Elefanten nichts zu hören

21.07.2026. Die FAZ feiert 150 Jahre Bayreuther Festspiele: Katharina Wagner erzählt, warum ein Teil des Familien-Nachlasses für die Forschung freigegeben wird. Dirigent Christian Thielemann gibt Tipps für eine gute Wagner-Aufführung: man achte auf die Mendelssohn-Einflüsse. Die taz denkt beim Betrachten der Milieu-Fotografien von Shamal Shabazz wehmütig an das New York der Achtziger zurück. Die SZ dankt den Kinogöttern, dass Christopher Nolans "Odyssee"-Film die Kinokassen füllt. Die Welt vermisst die Zeiten als große Stars noch "mythische Wesen" waren. 

Ein System besonnter Scheiben

20.07.2026. Die Kontroverse um Danger Dan, Igor Levit und das ZDF geht weiter: Die taz sieht in dem Song "Keine Angst" keinen Aufruf zur Gewalt, die FAZ ist genervt vom Drama. Auf den Wormser Nibelungenfestspielen können die Kritiker lernen, was mit Kriemhild am Hof der Hunnen passiert ist, allerdings mit etwas zu viel Soap-Feeling. Die taz lernt die rätselumwobene Designerin Madame Grès kennen. Die Zeit ärgert sich darüber, wie unausgewogen über Dark Romance-Bücher diskutiert wird. Die FAZ lässt sich von Thomas Demands Fotos von Bühnenmodellen verzaubern.

Die alte Hand, ins Kinn gestützt

18.07.2026. Wenn das Humboldt Forum eh angeblich nur Raubkunst zeigt, kann man es entweder ganz schließen oder auf historische Aufklärung setzen, meint die FAZ und setzt dabei aufs DHM. Es soll eine neue Internationale Bauausstellung in Berlin geben, in acht Jahren, berichtet die taz. Die Musikkritiker diskutieren weiter über Danger Dan, der mit "Keine Angst" nicht im ZDF auftreten darf. Zeit Online ist ganz für Subversion gegenüber Rechtsextremen und der AfD, aber Grüße an die militante Antifa-Hammerbande gehen gar nicht. Die SZ stört die romantische Selbstüberhöhung im Song. Skandalös wäre die Ausstrahlung gewesen, ruft die Welt. In der FR erzählt Jason Stanley, warum er nicht nach Deutschland emigriert.