Flucht und Ankommen, Sehnsucht und die Vergangenheit im Gepäck. Und immer wieder der Geschmack der Ostsee im Mund. Eine authentische Geschichte über ein Land im Umbruch und mutige Menschen, die ihren Platz in der neuen Freiheit suchen. Hanna ist nach ihrer Flucht bei ihrer Tante in der BRD angekommen. Sie muss lernen, dass Freiheit nicht nur Aufbruch bedeutet, sondern auch, sich mutig der Vergangenheit zu stellen. Während sie versucht, zwischen Schwimmtraining und Party eine neue Normalität zu leben, fällt die Mauer. Sie kehrt in die DDR zurück. Dort trifft sie bei ihren Eltern, Freunden und alten Bekannten auf Hoffnung, Orientierungslosigkeit und auch Misstrauen. Hanna fühlt sich zusehends zerrissen zwischen neuen Bekanntschaften, den Erinnerungen an Andreas und den Erlebnissen in der Nachwendezeit. Einige Jahre später erlebt sie die entfesselte Gewalt beim Pogrom in Rostock-Lichtenhagen, die das vermeintlich antifaschistische Selbstbild ihrer früheren Heimat brutal zerstört. Erst als sie ihr Weg weiter führt, von Bremen, nach Berlin und schließlich nach Schottland, kann sie endlich wieder atmen, findet ihre Liebe und gewinnt die Leichtigkeit im Leben zurück.
Kritikerin Catrin Stövesand entdeckt hier einen überzeugenden Roman über eine Jugend in den Wendejahren: Hanna und Andreas wollen gemeinsam über das Meer aus der DDR in den Westen fliehen, aber nur Hanna überlebt die Flucht. Das Buch ist wie ein Brief an den toten Andreas aufgebaut, erfahren wir, sie erzählt ihm, was alles geschehen ist, wie sie in Bremen ihr Abitur macht, wie sie irgendwann nach Schottland auswandert, wie sie versucht, den Verantwortlichen des Unrechts in der DDR beizukommen. Stövesand lobt die besondere Perspektive, durch die eine große Nähe zu den Figuren entsteht, für sie zeigt Linke "viel Fingerspitzengefühl" dabei, eine so besondere Freundschaft und den Verlust einfühlsam zu schreiben. Dabei macht sie auch gelungene Verbindungen zum Zeitgeschehen auf, Helmut Kohl kommt ebenso vor wie die Pogrome in Rostock-Lichtenhagen. Nur an ganz wenigen Stellen wirken die Bezüge etwas bemüht auf die Rezensentin, ansonsten kann sie das Buch als Auseinandersetzung für Jugendliche mit einer Zeit, die sie selbst nicht erlebt haben, nur empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 07.09.2026
1989, die DDR steht vor dem Ende, als sich die siebzehnjährige Hanna entschließt, über die Ostsee zu fliehen: So beschreibt Kritikerin Kathleen Hildebrand die Prämisse von Dorit Linkes für sie überzeugendem neuem Jugendroman. Linke arbeitet im Brotberuf in der politischen Bildung mit Schwerpunkt DDR, weiß Hildebrand, und das System der Diktatur kann sie in dem Buch in all seinem Unrecht und seinen traumatischen Auswirkungen beschreiben. Hanna ist gemeinsam mit ihrem besten Freund Andreas losgeschwommen, aber nur sie ist auf Fehmarn angekommen, was schwer auf ihr lastet, kurz darauf fällt die Mauer, die Rezensentin liest im Roman von Fragen nach Mut, Risiko und den intrikaten Verflechtungen, in die man sich als DDR-Bürger begeben musste. Die "bleierne Schwere", die Hanna erlebt, macht die Autorin Hildebrand zufolge intensiv deutlich, aber zum Glück auch die Hoffnung, die in der Zukunft auf sie wartet. Eindrücklich sind für sie auch die Passagen zu den rassistischen Ausschreitungen in Rostock-Lichtenhagen und zu dem Verhältnis der Bürger zum Ex-Staat, das zwischen Frust und Verklärung schwankt. Ein beeindruckendes Buch, hält sie abschließend fest.
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