Die Hauptpersonen dieses unverschämten Romans sind keine Menschen, sondern auricula, zu deutsch: Ohren. Hoejholt hat die Stirn, zu behaupten, in Europa habe am 7. September 1915 die Zeit stillgestanden, einen Moment lang, zu kurz, dass es jemandem aufgefallen wäre. Die Kinder, die in dieser Zeitlücke gezeugt wurden, kamen neun Monate später nicht allein zur Welt. Mit ihnen erblickten zahlreiche Ohren das Licht, die sich selbständig machten und auf die Wanderschaft begaben. Sie suchten Kafka und Einstein, Duchamps und Joyce heim und spionierten die gesamte Moderne aus. Der Autor weiht uns in die Biologie, die Psychologie und das Sexualleben der Ohren ein und lässt uns an ihren bizarren Abenteuern teilnehmen. Über seine literarischen Vorgänger lässt er uns nicht im Unklaren; sie heißen Lawrence Sterne, Lewis Carroll und Jorge Luis Borges.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 03.06.2004
Begeistert war Sibylle Cramer von den Gedichten des dänischen Schriftstellers Per Højholt, von seinem jetzt erschienenen Roman ist sie bitter enttäuscht. Ist Højholts Poesie voller "sprachphilosophisch unterfütterter Versgebilde" und "funkelnd gescheit", so wirkt seine "ächzend verstopfte" Prosa auf die Rezensentin fremd und "unzugehörig". Dabei steckt der Kern des Romans in einem seiner Gedichte, in dem Anfang des 20. Jahrhunderts Europa sich einer Massengeburt von bizarren Geschöpfen, einem Volk von menschlichen Ohren, gegenübersieht, die alles protokollieren, was an Ideen und Kunstwerken hervorgebracht wird. Doch die "Wiederholungsschleifen", die der Autor in sein Werk einbaut, scheinen der Rezensentin zu "mechanisch", die Struktur zu "starr", so dass am Ende die Prosa Højholts immer vorhersehbarer und "geheimnisloser" wird.
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