Der Mensch "ist auch das grausame Tier". Diese radikale These ist Ausgangspunkt einer Diskursgeschichte der Grausamkeit. Mit der Bestimmung der Grausamkeit als Teil des Zivilisierungsprozesses gelingt Wolfgang Müller-Funk ein Blick auf einen Aspekt der menschlichen Evolution, den gängige Beschreibungen verschweigen: Das Experimentieren mit Möglichkeiten und die durch die Wortsprache bedingten Spielräume und Repräsentationsformen weisen zu völlig künstlichen Formen von Gewalt, die weder zufällig noch notwendig sind. Die unheimliche Attraktivität der Grausamkeit liegt dabei auch in ihrem zweifelhaften Versprechen ungehinderter Selbstbehauptung. In zwölf Kapiteln - zu Robert Musil und Ernst Jünger, Seneca und Friedrich Nietzsche, Elias Canetti und dem Marquis de Sade, Jean Améry und Mario Vargas Llosa, Sigmund Freud und Maurice Merleau-Ponty, Ismail Kadare und Arthur Koestler - straft Müller-Funks Studie Gottfried Benns Satz, dem zufolge der liberale Mensch der Gewalt nicht ins Auge sehen kann, Lüge. Seine von der Literatur informierte Geschichte der Grausamkeit weist einen philosophischen Weg, ihren Verlockungen zu widerstehen.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 02.05.2022
Interessiert liest Rezensent Marko Martin die zahlreichen literarischen Texte und deren Interpretationen, die Wolfgang Müller-Funk zu einer "Diskursgeschichte der Grausamkeit" fasst. So lernt Martin, dass die Grausamkeit schon in frühesten Texten auftauchte und Teil des menschlichen Wesens ist, nur so ließe sich der biblische Mord Abels an seinem Bruder Kain erklären, weiter erfährt er von sadistischen Darstellungen der Götter in griechischen Mythen und der Gefahr in Zynismus abzugleiten wie Nietzsche, wenn er zur Wahrnehmung von Gewalttaten aufruft. Doch auch mit Gegenvorschlägen zur Grausamkeit wartet das Buch zur Genüge auf, beschwichtigt Martin. Besonders interessant erscheinen ihm die Neu-Interpretationen einiger Texte, wie einem Essay Elias Canettis. "Intellektuell ergiebig" findet Martin, dass Müller-Funk die Lesenden dabei weder vor Grausamkeiten verschont, noch deren Darstellung künstlich ästhetisiert.
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