Efeu - Die Kulturrundschau - Archiv

Literatur

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Efeu - Die Kulturrundschau vom 12.10.2026 - Literatur

Männer schreiben Romane über teils namhafte, teils nicht so namhafte Frauen - das ist ein geradezu auffälliger Trend der vergangenen Jahre, stellt Sabine Scholl im Standard fest. Nichts als gute Absichten und Dienst an der Kritik des Patriarchats? Das Phänomen hat ihrer Ansicht nach wohl eher damit zu tun, dass das Lesepublikum immer mehr aus Frauen besteht und also ein weibliches Publikum zunehmend über Wohl und Wehe am Literaturmarkt entscheidet. "Der Retter-Bonus kommt gratis dazu. Außerdem ist Mann mit dem Aufzeigen von Geschlechterungerechtigkeiten in der Vergangenheit immer auf der sicheren Seite. Ist die Entdeckerlust doch nicht so groß? Werden historische Frauenfiguren von Autoren aufgegriffen, um das eigene Werk in Richtung Leserinnen zu lenken? ... Ein Roman über eine fast vergessene Frau, geschrieben von einem Mann, lässt sich dann als kulturelle Intervention präsentieren. Mansplaining halt!" Als Beispiele für diese Entwicklung nennt sie Stefan Cordes, der über Mozarts Schwester Nannerl und über Sibylla Schwarz geschrieben hat, außerdem Michael Kumpfmüllers "Ach, Virginia" über Virginia Woolf und David Foenkinos, der die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon zur Protagonistin seines Buchs "Charlotte" gemacht hat.

Die Feuilletons resümieren die Frankfurter Buchmesse: "Die Freiheit des Lesens, Schreibens und Publizierens wird in Frankfurt auch dieses Jahr mit Pathos verteidigt", schreibt Martina Läubli in der NZZ am Sonntag, aber China, das diesbezüglich traditionell eher Zurückhaltung an den Tag legt, ist trotzdem mit einigen Verlagsständen präsent. "Die Zukunft des papierenen Buches scheint inzwischen immerhin verlässlicher und stabiler als die seines Inhalts", nimmt Judith von Sternburg in der FR mit Blick darauf, dass sich die Debatten ums E-Book zwar beruhigt, die um KI in der Literatur dafür aber beträchtlich an Fahrt aufgenommen haben, als Erkenntnis mit. Was auf einer Buchmesse teils an Gegensätzen aufeinanderprallt, mag einem manchmal nur noch "absurd" vorkommen, schreibt Julia Hubernagel in der taz. Andreas Platthaus ärgert sich in der FAZ über das neue Hallenkonzept der Messe, das seiner Ansicht nach hinten und vorne nicht aufging.

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Außerdem: In der NZZ am Sonntag spricht Peer Teuwsen mit Juli Zeh über deren neuen Roman "Pony Show". Luciana Ferrando zieht in der taz Zwischenbilanz beim Berliner Literaturfestival Barrio, das auf lateinamerikanische Diaspora-Literatur spezialisiert ist.

Besprochen werden unter anderem Ernst Strouhals "Emil" (Standard), Sierra Greers "Annie Robot" (FR), Maxim Billers "Schwarze Samstage" (NZZ), Benjamin Mosers "Anti-Zionismus" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
Stichwörter: Frankfurter Buchmesse

Efeu - Die Kulturrundschau vom 10.10.2026 - Literatur

Die Feuilletons resümieren die Frankfurter Buchmesse. Mara Delius (Welt) lauscht zahlreichen politischen Gesprächen, einen großen Skandal gab es allerdings nicht: "Die tschechische Autorin und Hauptrednerin Radka Denemarková erklärte, sie könne Literatur und Politik nicht trennen, wobei sie Literatur als Insel der Moral und Menschlichkeit verstanden wissen wollte. Wie die aber genau aussehen, ist bekanntlich Ansichtssache. Am israelischen Stand sagt am 7. Oktober Sigalit Gelfand, die das Institute for Hebrew Literature verantwortet, es sei derzeit unglaublich schwer, israelische Bücher ins Ausland zu verkaufen. Dabei sei israelische Literatur 'vielfältig, lebendig und tief in der israelischen Gesellschaft verwurzelt' und setze sich 'mit der komplexen Realität auseinander, in der wir leben'. (...) Verlässliche empirische Daten seien schwer zu erheben, aber der Eindruck eines Boykotts sei zutreffend, so Gelfand."

Dirk Knipphals ist in der taz wenig überzeugt vom neuen Hallenkonzept, das dafür sorge, "dass die einst mondänen Anteile rund um die Messe aussterben. Elegante Empfänge im Frankfurter Hof, die Absacker an der Bar mit US-amerikanischen Literaturagenten im Jetlag, diese Zeiten sind vorbei. Und als am Messedonnerstag der Literaturnobelpreis für Anne Carson verkündet wurde, fiel das im Geschiebe zwischen den Verlagsständen nicht wirklich auf. Nur bei ihren deutschen Verlagen Fischer und Matthes & Seitz wurde es hektisch, Kamerateams schauten vorbei. In der Halle 5.0, einmal über den großen Innenplatz des Messegeländes, funktionierte das neue Hallenkonzept sowieso gar nicht. Was nicht nur daran liegt, dass die Halle fensterlos, also dunkel ist und eine niedrige Decke hat. Vielmehr strahlt sie den Charme eines Billigkaufhauses aus. (...) Schön war das alles nicht."

Auch Zelda Biller ist in der NZZ kein Fan von der Neuaufteilung der Flächen. Die FAS schickt ebenfalls ihre Autoren bei der Buchmesse vorbei, die einige Szenen aus den vergangenen Tagen schildern. 

Paul Jandl erinnert in der NZZ an die Praxis des Samizdat, der subversiven Art, regimekritische Bücher zu verlegen, der im Frankfurter Museum für Kommunikation mit der Ausstellung "Samizdat: Worte der Freiheit in der Tschechoslowakei 1939-1989" gedacht wird: "Im Samisdat, zu Deutsch 'Selbstverlag', erschienen in der kommunistischen Zeit Tschechiens Tausende Bücher und Zeitschriften. Es war die mediale private Gegenkultur zu den staatlich gesteuerten Druckerzeugnissen. Eine Gegenöffentlichkeit, in der sich zu engagieren, lange Gefängnisstrafen und Berufsverbote bis hin zu Existenzvernichtung mit sich bringen konnte." Die Ausstellung schaut "auf die Samisdat-Verlage, die während ganzer Jahrzehnte die wahre Geschichte der tschechischen Literatur geschrieben haben: 'Edice Petlice', einer Gruppe um die konspirativen Schriftsteller Ivan Klíma und Pavel Kohout, und Václav Havels 'Edice Expedice'. Havels Essay 'Die Macht der Ohnmächtigen' erschien hier und war einer der meistverbreiteten Texte der Samisdat-Literatur."

Besprochen werden: Unter anderem Lucie Faulerovás "Ich habe den Tod gerettet" (taz), Leh-Wei Liaos "Glaszeit" (taz) und Michel Foucaults "Die Hermaphroditen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr. 

Weiteres: Sechs Jahre lang haben Bertolt Brecht und Helene Weigel in ihrem Exil in Svendborg gelebt, das Haus steht nun Kulturschaffenden zum Arbeiten zur Verfügung, wie Markus Bauer für die FAZ erzählt. Irgendwie gibt es immer weniger gute Bücher über Sportler, seufzt Christopher Meltzer ebenfalls in der FAZ. Die FAZ druckt außerdem auf den "Bilder und Zeiten"-Seiten Michael Maars Rede von der Wolfenbütteler Jahrestagung des Verbands deutschsprachiger Übersetzer. Tobias Rüther interviewt John Green für die FAS, der sonst eigentlich eher für Jugendbücher bekannt war und jetzt seinen ersten Roman für Erwachsene geschrieben hat. Thore Rausch besucht den Schriftsteller Moritz von Uslar für die SZ in dem oberfränkischen Schloss, das er sich als neues Domizil ausgesucht hat. Der Julius-Campe-Preis für Literaturkritik geht an Thomas Sachsenmaier, in der SZ gratuliert Bernhard Heckler. Ijoma Mangold berichtet für die Zeit von der Verleihung des Deutschen Verlagspreises.

In der Frankfurter Anthologie schreibt Mathias Mayer über Marianne von Willemers "Das Heidelberger Schloß. Den 28. Juli Abends 7 Uhr":
 
"Euch grüss' ich weite, lichtumflossene Räume,
Dich alten reichbegränzten Fürstenbau,
Euch grüss' ich hohe, dichtumlaubte Bäume;
Und über euch des Himmels tiefes Blau."

Efeu - Die Kulturrundschau vom 09.10.2026 - Literatur

Anne Carson erhält den Literaturnobelpreis 2026 (Niklas Elmehed / Nobel Prize Outreach)

"Stockholm hat Mut zum Elitären bewiesen", schreibt Andreas Platthaus in der FAZ und ja, diese Entscheidung ist "eine primär ästhetische", kommentiert Gerrit Bartels im Tagesspiegel: Der Literaturnobelpreis 2026 geht an die kanadische Altgräzistin und Lyrikerin Anne Carson. Die Schwedische Akademie würdigt sie "für ihr kühnes und einfallsreiches Werk, das im spielerischen Dialog mit der klassischen Tradition neue Form der zeitgenössischen Literatur geschaffen hat". Was uns besonders freut: Es gibt eine Verbindung zum Perlentaucher: Unser Lyrikkolumnistin Marie Luise Knott überträgt Carson seit Jahren ins Deutsche. Carson "schafft wirklich etwas ganz Neues, Literarisches", sagt sie im SZ-Interview und erklärt weiter: "Die Antike ist für sie eine permanente Inspirationsquelle." Zudem "dehnt sie das Englische immer gelenkiger aus. ... Sie schafft es, das aus der Sprache herauszuholen, was eigentlich schon da ist, aber im Alltag oft verschwindet", insbesondere "das Empfinden von sinnlichen Eindrücken. Die Landschaft, das Wasser, wie etwa in ihrem Schwimmbad-Tagebuch, die 'Anthropologie des Wassers'." Aus diesem Band veröffentlichten wir 2014 eine zweiteilige Leseprobe. Bei LRB gibt es ebenfalls einen Text von Carson online.

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In der NZZ erinnert sich Knott an ihre erste Carson-Lektüre: Ihre Sätze "strahlten eine nachdenkerische Unmittelbarkeit aus, die gleichzeitig von einer sehr eigenen Freiheit und Dringlichkeit war. So erinnerten sie mich an das, was Hannah Arendt einmal die Cura Mundi nannte, die Sorge um die Beschaffenheit unserer Welt. ... Ihre Kunst der Collage von Fakten und Gedanken aus den verschiedensten Zeiten und Wissensräumen, ihre Kunst der Verschränkung von Mythos und Gegenwart sorgt für das, was ich später als den typischen Carson-Effekt verstand: das Paradox der fernen Nähe." Die "'Losigkeit' ihrer Denkwege benutzt alle Register des Rhapsodischen. ... Mit unendlicher Zartheit betastet sie die Wirklichkeit und unser aller Ratlosigkeiten."

Für Carlotta Wald (ZeitOnline) ist Carson ein "Zentralgestirn der Poesie". Sie "verschränkt klassische Philologie, Lyrik, Essayistik, Übersetzungen, Erzählungen und Mythen. ... Sie lässt Herakles, den Helden der griechischen Mythologie, auf alltäglichste Anekdoten krachen, verhandelt den Ursprung der Welt, den ganzen Schöpfungsmythos im selben Atemzug mit der inneren Unmöglichkeit, sich manchmal für das Kleinste im Leben zu begeistern." Und "daraus entsteht etwas (...), das selbst eine Welt kreiert, irgendwo im Zwischenraum, irgendwo zwischen Himmel und Küchentisch, zwischen den großen Geschichten und der Banalität des Seins, zwischen allem, was der Mensch ist und sein kann. ... Da ist etwas so genuin Zeitgenössisches und das Zeitgenössische gleichsam Heilende in Anne Carsons Werk, dass es schwerfällt, überhaupt zu begreifen, worin es besteht, woher diese Freude, diese Hoffnung, diese Demut und Energie, die sich im eignen Brustkorb ausbeult und verselbstständigt, wenn man ihr zuhört oder sie liest, eigentlich rührt."

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Mit ihrem Schreiben überschreitet Carson fortlaufend Grenzen, hält Björn Hayer in der FR fest: "Die Sinne überkreuzen sich, Gerüche entwickeln sich zu Bildern und umgekehrt." Ob sie wohl genau deshalb nun ausgezeichnet wurde, fragt er sich. Denn "angesichts einer grassierenden Geschichtsvergessenheit in der westlichen Welt und angesichts des sich ausbreitenden Gefühls vieler Menschen, auf der Erde nichts mehr verändern zu können, ja einer vermeintlich alternativlosen Politik des Autoritären ausgesetzt zu sein, zeugt Carsons dynamische Lyrik von der Veränderbarkeit des Realen". Sie "ist ein klassischer writer's writer, ist - und das ist kein Widerspruch - auf eine erfrischende Art beinahe altmodisch akademisch", schreibt Julia Hubernagel in der taz. In der SZ gratuliert Lothar Müller der Schwedischen Akademie zu "einer bemerkenswerten, mutigen Wahl. ... Sarkasmus, gelegentlich schneidende Ironie, Sprachwitz zählen zu den Erkennungszeichen Anne Carsons. Vielleicht trägt dieser Nobelpreis zur Revidierung der Einsicht bei, dass Philologinnen und Philologen dafür unbegabt seien." Einen Büchertisch haben wir für Sie auf eichendorff21.de zusammengestellt.

Weitere Würdigungen schreiben Hannes Stein (Welt) und Thomas Ribi (NZZ). Und als hätte Dlf Kultur da bereits etwas geahnt, lief dort im August ein Literaturfeature von Corinne Orlowski über Carson.

Weitere Artikel: Corina Gall erinnert in der NZZ von Sartre bis Dylan an die größten Skandale aus der Geschichte des Literaturnobelpreises. Andrea Pollmeier war für die FR bei einer Frankfurter Lesung von Dörte Hansen. Bernhard Heckler berichtet in der SZ von Wolf Biermanns Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse, wo der Liedermacher seine eben veröffentlichten Tagebuchauszüge vorstellte. Katharina Wojczenko berichtet in der taz von der Frankfurter Buchmesse und vom Ärger rund um den kolumbianischen Stand, auf dem ein arg nationalistischer Ton vorherrscht.

Besprochen werden unter anderem Carl Nixons "Die Waters" (FR), Julia Trachsels Comic "Alles in allem" (NZZ) sowie Martin Doerrys und Hauke Janssens Biografie über Rudolf Augstein (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 08.10.2026 - Literatur

Die taz hat bei Maxim Biller einmal 100 Zeilen Hass wie in guten alten Tempo-Zeiten bestellt: Ohne Gnade zürnt der Schriftsteller darüber, dass die Feuilletons seiner Ansicht nach vor allem Schund- und Trivialromane hofieren. Heute werde "Schriftstellern, die keine Schriftsteller sind, bestenfalls geld-, kitsch- und wirklichkeitsgierige Schreibautomaten, von der blasierten Literaturkritik das Tor zum Elfenbeinturm so weit geöffnet wie noch nie." Caroline Wahl, Heinz Strunk? Setzen, Sechs! "Und woher kommt der Respekt für den charmanten Herrn Kehlmann und seine als historische Romane getarnte Mantel-und-Degen-Prosa, oft mit einem Schuss Naziporno versehen? Wie ernst kann man Nelio Biedermanns Kakanien-Träumereien nehmen, so schwülstig und banal, wie es die Romane seines Vorbilds Joseph Roth nie waren? Und haben Sie schon mal versucht, Juli Zeh zu lesen, die als freiwillige Bewohnerin des ostdeutschen Hinterlands ebenfalls ihre Leser mit klischeehaften Anti-Klischees und der verlotterten Sprache einer erfolgsbesoffenen Bestsellerautorin füttert? Ganz zu schweigen vom Gastarbeiter-Kitsch einer Fatma Aydemir und aller anderen literarischen Heulsusen aus ihrer opportunistischen Migranten-Kohorte."

Vielleicht sucht Biller ja deshalb nach literaturbetriebsfernen Freunden? In seiner Zeit-Kolumne erzählt er jedenfalls, wie er im Netz in Japan eine Jazzplatte ersteigerte - "Blackjack" von Donald Byrd, die er uns übrigens allerwärmstens ans Herz legt - und sich trotz eines nicht immer fröhlichen Chatverlaufs dann doch noch mit dem japanischen Plattenhändler anfreundete.



Weitere Artikel: Julia Hubernagel resümiert in der taz den Auftakt der Frankfurter Buchmesse, bei dem der tschechische Kulturminister Oto Klempíř, Mitglied der rechten tschechischen Autofahrerpartei, von Landsleuten im Saal ausgebuht wurde. Tschechien ist Gastland der Buchmesse, daher arbeitet sich das Jungle-World-Team durch einen guten Regalmeter tschechischer Literatur (mehr zur tschechischen Literatur in dieser "Langen Nacht" von Dlf Kultur). Lars von Törne orientiert sich im Tagesspiegel derweil in der tschechischen Comicszene. Janika Wersig erinnert in der Jungle World an die Rolle, die Franz Werfels Roman "Die vierzig Tage des Musa Dagh" im Gedenken an den Genozid an den Armeniern einnimmt. Tobias Rüther spricht in der FAZ mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals einen Roman für Erwachsene geschrieben hat. In der FAZ gratuliert Andreas Platthaus dem Schriftsteller Gert Loschütz zum 80. Geburtstag. Judith Scholter tummelt sich für die Zeit in der Romance-Szene. Marie Schmidt spricht für die SZ mit der Bestsellerautorin Bonnie Garmus.

Besprochen werden unter anderem Lutz Seilers "Das tickende Herz" (Welt, SZ), Franz Walters Biografie über Joachim Fest (FR), Eeva-Liisa Manners "Promenadenmusik für kleine Flusspferde und andere Etüden" (Zeit) und Andrea Rudorffs Studie "Auschwitz vor polnischen Gerichten. Ermittlungen, Urteile, Wirkungen" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 07.10.2026 - Literatur

Der Schriftsteller Marko Martin lädt in der SZ anlässlich der Frankfurter Buchmesse, wo sich Tschechien als Gastland präsentieren wird, dazu ein, die tschechische Literatur des 20. Jahrhunderts zu durchstöbern, zumal darin die politische Gewaltgeschichte des Landes immer wieder aufgegriffen wird. Das wäre auch für die Gegenwart lohnend: "Immerhin steht auch diesmal das politische Prag wieder im Fokus, ringen auch dort proeuropäische Parteien mit den Formationen der putin-nahen rechten und linken Populisten. 'Präzedenzlos', wie es oft so blauäugig heißt, ist all das nicht. Und auch davon haben Bücher Zeugnis gegeben, die inzwischen freilich nahezu vergessen sind - zum Schaden unseres europäischen Gedächtnisses und der Einschätzung der aktuellen Gefahren." Konkret empfiehlt Martin Romane von Pavel Kohout, Friedrich Torberg, Alice Rühle-Gerstel, Jorge Semprún und Leo Lania.

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In der taz ist Dirk Knipphals sehr beeindruckt von der Rede, die Shida Bazyar zur Auszeichnung mit dem Deutschen Buchpreis für ihren Roman "Die Lücken" (unser Resümee) gehalten hat: "Sie könne keine glückliche Dankesrede liefern. (...) Das anwesende Publikum hielt in diesem Moment den Atem an." Die Autorin "freute sich über die Anerkennung, aber es kam ihr nicht ganz richtig vor, das uneingeschränkt zu tun, da dieser Roman doch von Menschen handelt, die verfolgt, terrorisiert und ermordet wurden. Diese Reaktion ist mehr als nachvollziehbar, zumal in einer Situation, in der wieder öffentlich über Vertreibungen von Menschengruppen von deutschem Boden diskutiert wird. ... Ihre Reaktion verrät etwas über eine mögliche Wahrheit der Literatur: Reale menschliche Schicksale stehen dahinter." Auch Andreas Platthaus (FAZ) ist beeindruckt von dieser Rede: Die Autorin habe "am Beispiel des ihr tiefvertrauten Herkunftsorts Hermeskeil das Vertrauen ins Vertraute verloren".

Weiteres: Katrin Hörnlein (ZeitOnline) spricht mit dem Jugendbuchautor John Green, der mit "Hollywood, Ending" erstmals ein erwachsenes Publikum anvisiert. Cathrin Kahlweit (SZ) und Marion Löhndorf (NZZ) schreiben Nachrufe auf den britischen Schriftsteller Jeffrey Archer. Und das FAZ-Team gibt der Schwedischen Akademie Literaturnobelpreis-Tipps.

Besprochen werden unter anderem Rachel Cusks "Das Leben der M" (online nachgereicht von der taz), Colson Whiteheads "Cool Machine" (FR), Annette Mingels' "Evas Tochter" (FR), Peter Graingers "Gnade vor Recht" (FR), Ben Salomos "Sechs Millionen, wer bietet mehr?" (Standard), neue Bücher von Wolf Biermann (FAZ) und die Neuausgabe von H. G. Adlers "Der verwaltete Mensch. Studien zur Deportation der Juden aus Deutschland" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 06.10.2026 - Literatur

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Der Deutsche Buchpreis geht in diesem Jahr an Shida Bazyar für ihren Roman "Die Lücken". Der Schriftstellerin gelinge eine Neu-Definition des Heimatromans, lobt die Jury. Tatsächlich trete darin "vielgestaltig bundesrepublikanisches Leben zutage", schreiben Julia Hubernagel und Dirk Knipphals in der taz. Judith von Sternburg (FR) findet diese Auszeichnung "gut und logisch". An Schönheiten herrschte auf dieser Shortlist kein Mangel, freut sie sich, doch war dieser Roman "der am weitesten ausholende und am tiefsten dringende Roman. Alle sollten ihn lesen, ja." Akribisch hat Bazyar die Geschichte ihres Geburtsorts im Hunsrück recherchiert und diese mit einer migrantischen Perspektive verknüpft. "Der Wechsel der Generationen, aber auch die Länge eines einzelnen Lebens wird greifbar. Mittendrin liegt der Holocaust, den die Nachgeborenen in Heimesbach gar nicht so sehr auf das Städtchen beziehen. Die meisten wussten nicht, dass es hier jüdische Familien gab."

Gerrit Bartels ist im Tagesspiegel perplex: Gab es das schon mal, dass mit einer solchen Auszeichnung rundum "alle, die sich mit Literatur beruflich oder einfach privat beschäftigen, ... einverstanden sind"? Und die Autorin hat ja auch wirklich "einen der überragenden Romane dieses Jahres geschrieben". Dies "auch wegen seiner Form, der von Bazyar gewählten kaleidoskopischen, multiperspektivischen Struktur mitsamt einer schon toten Erzählerin". In der Welt ist Richard Kämmerlings der Autorin "zutiefst dankbar". David Hugendick kann auf ZeitOnline mit der Entscheidung gut leben, doch "wäre ein Preis für Valeria Gordeev sicher die mutigere, auch die spektakuläre Entscheidung gewesen".

Noch vor der Auszeichnung sprach Adrian Schulz für den Tagesspiegel mit Bazyar: Unter anderem geht es darum, dass Bazyars Eltern aus dem Iran in Hermeskeil unterkommen konnten, dem Ort also, der in ihrem Roman zum fiktiven Heimesbach wurde. "Dieses Recht auf politisches Asyl ist eine direkte Folge der NS-Zeit. Deutschland hat aus seiner Geschichte gelernt und das Asylrecht ins Grundgesetz aufgenommen. Ich merke manchmal, dass ich mich schuldig fühle gegenüber den Überlebenden und den Familien der Ermordeten. Ich habe keine Schuld, aber ich denke, das ist alles so falsch. Es ist falsch, dass sie von hier vertrieben oder deportiert wurden, es ist falsch, dass meine Eltern kommen mussten. Alles daran ist falsch, aber wir sind darüber verbunden." Im Dlf Kultur spricht Vladimir Balzer mit Bazyar.

Der russische Exil-Schriftsteller Dmitry Glukhovsky hat mit "Die Registrierung" den "ersten russischen Roman über die vom andauernden Krieg und den Repressionen deformierte Gesellschaft seines Heimatlandes geschrieben", schreibt Kerstin Holm in der FAZ. Da der Autor das Buch selbst gratis ins Netz gestellt hat, ist die Debatte in Russland im vollen Gang: Der Autor schildert, wie dieser Krieg auch die "Russen, die fern vom Frontgeschehen leben, in Unmenschen verwandelt. Der Schachspieler und Oppositionspolitiker Garri Kasparow und der Soziologe und Journalist Konstantin Gaase, die beide finden, alle in Russland gebliebenen Menschen seien prinzipiell mitschuldig am Krieg, stimmen diesem Befund emphatisch zu. Der Literaturkritiker Gleb Morew bezweifelt freilich, dass ein Autor wie Glukhovsky, der schon lange nicht mehr in Russland lebt, die russische Gesellschaft adäquat schildern könne. Der Filmkritiker Anton Dolin hält dem entgegen, in Russland könne man dergleichen Bücher allenfalls für die Schublade schreiben. Daher sei es für einen Autor, der sich in der Emigration frei äußern könne, ein moralischer Imperativ, solch einen Text zu verfassen."

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Außerdem: Die WamS hat Wieland Freunds Gespräch mit Colson Whitehead online nachgereicht, der mit "Cool Machine" seine mit "Harlem Shuffle" begonnene und "Die Regeln des Spiels" fortgesetzte Harlem-Trilogie abgeschlossen hat. Michael Wurmitzer spricht für den Standard mit der Schriftstellerin Mareike Fallwickl, die mit "Haltet euch fest" einen neuen Roman veröffentlicht hat und in ihren Büchern "Schwesternschaft in den Vordergrund zu stellen" versucht. Viktoria Großmann unternimmt für die SZ einen Streifzug durch die tschechische Gegenwartsliteratur, die sich ab heute auf der Frankfurter Buchmesse präsentiert, und stellt dabei aktuelle Romane von Jáchym Topol, Radka Denemarková, Klára Vlásaková, Jonáš Zbořil und Alice Horáčková vor. Die Agenturen melden, dass der frühere britische Politiker und Schriftsteller Jeffrey Archer gestorben ist.

Besprochen werden unter anderem Valeria Gordeevs "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (Standard), Hendrik Bolz' "Aus Ruinen" (taz), die Autobiografie der iranischen Bürgerrechtlerin Narges Mohammadi (NZZ) sowie Annie Ernauxs und Marc Maries "Auf den Bildern" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 05.10.2026 - Literatur

Richard Kämmerlings wechselt in der Welt im KI-Streit um Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" auf die Meta-Ebene: Worin besteht das eigentliche Skandalon, wenn sich ein vorgeblich von einem Mensch verfasster Roman als KI-Fabrikat entpuppt? Dafür greift Kämmerlings die in den Siebzigern vom Literaturwissenschaftler Philippe Lejeune formulierte Theorie des "autobiografischen Paktes" zwischen Autor und Publikum auf und modifiziert diese zum "autografischen Pakt", der vorsieht, dass in einem Roman codierte Beschreibungen, Empfindungen und Erfahrungen durch das Reflexionsvermögen eines menschlichen Geistes gegangen und eigenhändig zum Ausdruck gebracht worden sind. "Ein Buch zu lesen, ist wie ein Gespräch über Raum und Zeit hinweg. ... Würden die Leser eines Romans (etwa durch einen Hinweis auf dem Cover) erfahren, dass ihr Buch ein Maschinenprodukt ist, das lediglich clever gepromptet wurde, würde diesem virtuellen Gespräch die Grundlage entzogen. Romane von Geisterhand wären ein Verrat am Geist des Romans. ... Der autografische Pakt enthält das Versprechen, dass ein Text selbst geschrieben ist - geschrieben von einem anderen Selbst, einem Bewusstsein auf Augenhöhe mit dem Leser. Würde in Zukunft Literatur von Künstlicher Intelligenz salonfähig, wäre es das Ende der literarischen Kultur, wie wir sie kennen." 

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Weitere Artikel: Michael Pilz spricht in der Welt mit dem Schriftsteller Hendrik Bolz über Ost- und Westdeutschland. Mia Eidlhuber und Michael Wurmitzer haben für den Standard den krebskranken Schriftsteller Joachim Lottmann besucht und mit ihm über das Sterben geredet. Christine Brinck blickt für die NZZ auf die lange Geschichte der Versuche Russlands, die ukrainische Sprache und Literatur zu zerstören. Benjamin Freund resümiert in der taz eine Abendveranstaltung über schwarzes Schreiben in Berlin. Herbert Ohrlinger porträtiert im Standard den Zsolnay-Verleger Herbert Ohrlinger. Die Zeit bringt heute eine Sonderausgabe zur Buchmesse.

Besprochen werden unter anderem Shida Bazyars "Die Lücken" (Standard), neue Romane aus Frankreich von Laura Vazquez und Thibault Daelman (taz), die beiden im Berlin der Weimarer Republik angesiedelten Krimis "Hope Joana" von Horst Evers und "Die weiße Nacht" von Anne Stern (taz), Alice Horáčkovás "Geteiltes Haus" (online nachgereicht von der WamS), Valeria Gordeevs Debütroman "Die Zikade entschlüpft ihrer goldglänzenden Hülle" (SZ), Emmanuel Carrères "Kolchose" (NZZ) und neue Krimis, darunter Jess Walters "So weit weg" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 02.10.2026 - Literatur

Für viel Aufsehen sorgte im Juli ein Bericht des PEN America, dass Literaturagenten israelische Bücher kaum mehr auf dem US-Markt platzieren können und dass Schriftstellern aus der jüdischen Community sogar nahegelegt werde, jüdische Figuren und Bezüge zu Israel aus ihren Manuskripten zu streichen. Hat sich seitdem etwas getan, fragt Tobias Rüther im Aufmacher der FAS kurz vor der Frankfurter Buchmesse die israelische Verlegerin und Literaturagentin Orna Landau und ihre Kollegin Deborah Harris. Letztere "erklärt, dass ihr Team mit einem Angebot an Titeln zur Messe kommen werde, das nur noch halb so groß sei wie früher. ... Landau hält es allenfalls für möglich, dass es die Zahl der Termine, die sie mit ihrer neuen Agentur in Frankfurt verabredet hat, etwas erhöht haben könnte."

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Zwar sind "die Gründe, aus denen ein Buch nicht veröffentlicht wird, oft vielschichtig und ein Verlag kann selbst entscheiden, wen er veröffentlicht", schreibt Mara Delius im Aufmacher der Literarischen Welt zum Thema, "der Effekt einer schleichenden Isolation jüdischer und israelischer Stimmen ist aber nicht von der Hand zu weisen. ... Die amerikanische Schriftstellerin Dara Horn hat in ihrem gerade erschienenen Buch 'People Love Dead Jews' formuliert, jüdische Geschichte würde im Diskurs eher akzeptiert als jüdisches Leben in der Gegenwart: Der historische Jude sei moralisch eindeutig zu bewerten und politisch ungefährlich - der lebende sei komplizierter. Auf unsere Anfrage hin berichtet sie, die Ausgrenzung jüdischer Autoren sei in New York mit Händen zu greifen, besonders schwer hätten es unbekanntere Autoren. Die gegenwärtige Situation käme einem Boykott gleich: 'Dessen Treibstoff ist Schikane. Das Ziel ist, Juden - pardon: Zionisten - aus dem öffentlichen Leben zu verdrängen.'"

Jolinde Hüchtker hält auf ZeitOnline wenig von Philipp Tinglers Anwürfen als einer von vier gleichzeitig zurückgetretenen Juroren des Klagenfurter Bachmann-Wettbewerbs an die zurückkehrende Jurysprecherin Insa Wilke (unser Resümee): Während er für sich sprachkritische Objektivität beim Beurteilen von Texten in Anspruch nimmt, hält er Wilke, die sich hier im Dlf-Gespräch kürzlich gegen die Kritik verteidigte, identitätspolitischen Subjektivismus vor. "Es sind die Fallstricke des ehrenwerten Universalismus, über die Tingler hier einmal mehr stolpert. Denn war nicht allzu oft das, was wir für universell hielten, bloß - vertraut? Verwechselt worden mit dem heimeligen Gefühl, sich selbst wiederzuerkennen? Woher sollen sie auch kommen, die aus der Geschichte herausgelösten Kriterien? ... Die 'universelle menschliche Erfahrung' ist ein Hoax, leider ein Schwindel, genau wie die Idee einer reinen Kritik. Zeitgeist hin oder her, mindestens das müssen wir uns von den poststrukturalistischen Debatten der letzten Jahrzehnte doch beibehalten: Sich für eine objektive Instanz zu halten, ist maßlose Selbstüberschätzung."

Yannic Walter (taz) beobachtet mit Unbehagen, dass in der französischen Kontroverse darum, ob Thélyson Oréliens aktueller Roman von einer KI verfasst wurde, auch immer mehr Stimmen laut werden, die auf ein möglicherweise dräuendes KI-Zeitalter in der Literatur nur noch mit Achselzucken reagieren: "Sollten sich die Anschuldigen als wahr herausstellen, gibt es wie fast immer beim Thema 'künstliche Intelligenz' vor allem einen Verlierer: die Literatur selbst, samt der Autor*innen, die zusehen müssen, wie das Fundament, auf dem sie ihr Leben gegründet haben, (...) geschleift wird. Fast scheint es, als hätten selbst die elitärsten Institutionen des literarischen Establishments der anti-intellektuellen Konterrevolution des KI-Zeitalters nicht das geringste entgegenzusetzen, wenn man auch dort nicht mehr unterscheiden kann, was ein genuiner Text ist und was die Roboter dafür ausgeben. Zu fragen bleibt: Wie soll man sich unter diesen Vorraussetzungen eigentlich noch ohne galoppierende Depression an den Schreibtisch setzen?"

Außerdem: Der tschechische Lyriker Petr Hruška denkt in "Bilder und Zeiten" der FAZ darüber nach, wie sich auf der Frankfurter Buchmesse tscheschiche Lyrik vermitteln lässt: "Lyrik! Diese Verkörperung des Unverständlichen. ... Lyrik ist eine erregende Art, die Welt nicht zu verstehen." Derweil hat Tilman Spreckelsen für das "Literarische Leben" der FAZ Tschechien besucht und sich dort in der Literatur umgesehen. Passend zur anstehenden Buchmesse besteht das FAS-Feuilleton heute aus einem Spezial, zu dem zahlreiche Autoren, Verleger und Agenten ihre legendärsten Buchmesse-Anekdoten zum Besten geben. In "Bilder und Zeiten" erzählt Durs Grünbein von seinen Reisen zum Kap Arkona auf Rügen. Stefana Sabina denkt in "Bilder und Zeiten" über Gemeinsamkeiten zwischen Roland Barthes, John Cale, Albert Camus und Robert Rauschenberg nach. In "Bilder und Zeiten" schließt die Schriftstellerin Marica Bodrožić ihre Reihe zum Lesen und Denken in doktrinären Zeiten ab. Lars von Törne spricht für den Tagesspiegel mit den Kuratoren der Lucky-Luke-Ausstellung im Berliner Kommunikationsmuseum.

Besprochen werden unter anderem eine neue, hier online stehende Umsetzung von Ingeborg Bachmanns Hörspielklassiker "Der gute Gott von Manhattan" (FAZ), Samuel Becketts "German Diaries" (Standard, hier die Hörspieladaption online), Hendrik Bolz' "Aus Ruinen" (taz), Sven Regeners "Frankie und Freddie" (taz) sowie die von Judith Hermann, Gregor Sander und Lubomír Sůva herausgegebene Anthologie "Jenseits von Prag" (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

In der "Frankfurter Anthologie" der FAZ schreibt Jan Röhnert über Ludvík Kunderas "Sogar die Sterne sollen abends duften": 

"Irgendwo atmet jemand
wie in Verlängerung
des eignen Atems ..."

Außerdem bringen FAZ, SZ, Literarische Welt und taz heute ihre Literaturbeilagen zum Herbst, die wir in den kommenden Tagen an dieser Stelle auswerten.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 01.10.2026 - Literatur

An Romanen über das Leben in DDR und deren Ende als biografische Zäsur herrschte zuletzt kein Mangel, aber wo bleiben eigentlich aktuelle Romane, die diesen historischen Einschnitt aus westdeutscher Perspektive erzählen, fragt der Schriftsteller Clemens Böckmann in der taz. "Versteht man Literatur als Medium der Selbst- und Fremdvergewisserung, so deutet diese Lücke vor allem auf eines hin: Es gibt in Bezug auf die Wiedervereinigung aus westdeutscher Perspektive keinerlei Fragen. Dass dies, auch angesichts gegenwärtiger Diskurse über die ökonomischen Folgen der politischen Umbrüche und zunehmender Wahlerfolge rechtsradikaler Parteien, nicht zutreffend ist, ist selbstredend. ... Was ist mit dem Spediteur, der Anfang der 1990er Jahre tonnenweise Erotikprodukte für Beate Uhse in die Neuen Bundesländer brachte? Was mit den Familien, die versuchten, Grundstücke im Osten der Republik zurückzubekommen, die ihnen vierzig Jahre zuvor von der sowjetischen Verwaltung abgenommen worden waren? Was mit den Mitarbeiter:innen der Treuhandanstalt?"

Leon Lindenberger meldet in der Zeit Zweifel an, dass eine Software wie der KI-Detektor Pangram wirklich verlässlich erkennen kann, ob ein Roman von KI verfasst wurde - so wie das aktuell in der Kontroverse um Thélyson Oréliens Roman "C'était ça ou mourir" behauptet wird. Dabei gerieten "einige methodische Unzulänglichkeiten aus dem Blick: Die Treffsicherheit hängt maßgeblich davon ab, ob sich der untersuchte Text in Gattung, Stil, Wortschatz und regionaler Färbung im Trainingskorpus des Detektors wiederfindet. ... Es ist zudem bekannt, und auch der Hersteller räumt es ein, dass schon ein mittels KI restrukturierter, ansonsten aber handgemachter Text zum Ausschlag des Detektors führen kann. Mitunter muss, wer einen KI-Text intensiv überarbeitet, weniger mit Verdächtigungen rechnen, als wer seinen eigenen Text von der KI gliedern lässt. ... Es bleibt im Falle eines Ausschlags ein epistemischer Hohlraum, der von einer aufgekratzten Gesellschaft und einer in ihren Grundfesten erschütterten Zunft mit Kulturkampf gefüllt werden kann."

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Weitere Artikel: Jens Jessen fragt sich in der Zeit, ob der "vormoderne Fatalismus" das Erfolgsrezept der Schriftstellerin Dörte Hansen ist - immerhin bietet dieser "das ultimative Trostangebot für die Leser: zu entdecken, dass sich Ohnmachtserfahrungen in eine Art positive Resignation verwandeln lassen". Krimiautorin Simone Buchholz mag sich derweil in der Zeit kaum ausmalen, "wie emotional verschlissen" das Publikum der metzelfreudigen Thriller von Veit Etzold wohl sein muss "und woher dieser innere Hohlraum rührt". In der SZ porträtiert Bernhard Heckler den Schriftsteller Christoph Kramer, der 2014 mit der Deutschen Nationalelf Fußballweltmeister wurde und jetzt mit "Wolkenberührpunkt" seinen zweiten Roman veröffentlicht.

Besprochen werden unter anderem Kerstin Preiwuß' Lyrikband "Rodeo" (FR), Hannah Brinkmanns Comicadaption von Marietta Slomkas Sachbuch "Nachts im Kanzleramt" (Tsp), Samuel Becketts "German Diaries" (NZZ, hier die Hörspieladaption online) und Caroline Blackwoods "Das Schicksal von Mary Rose" (Zeit). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.

Efeu - Die Kulturrundschau vom 30.09.2026 - Literatur

Der Schriftsteller Joachim Lottmann stirbt und dokumentiert den Palliativ-Alltag seiner letzten Tage im Netz - damit steht er in der Tradition des literarisch dokumentierten Sterbens von Christoph Schlingensief und Wolfgang Herrndorf, schreibt Zelda Biller in der NZZ. Hannes Hintermeier berichtet in der FAZ von einem Abend im Münchener Lyrik-Kabinett mit der Schriftstellerin Andrea Paluch und ihrem Ehemann, dem Politiker Robert Habeck.

Besprochen werden unter anderem Tamara Štajners "Luft nach unten" (FR), Doris Koubas Neuübersetzung von Karel Čapeks ursprünglich in den Dreißigern erschienener Dystopie "Der Krieg mit den Molchen" (taz), Milo Manaras Comicadaption von Umberto Ecos "Der Name der Rose" (FR), Tomer Dotan-Dreyfus' "Keinheimisch" (Intellectures), Jana Fuchs' Debütroman "Die gesunde Schwester" (FR) und Malte Spitz' Studie "Schreiben in der Diaspora" über den Autor und Musiker Hermann Grab (FAZ). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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