Efeu - Die Kulturrundschau

Einmal als Opfer, einmal als Täter

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
12.10.2026. Die Frankfurter Buchmesse ist zu Ende, die Feuilletons resümieren. Der Standard ärgert sich über männliche Autoren, die historische Frauenfiguren in Romanen mansplainen. Der russische Pianist Alexander Malofeev ist im Exil - die FAZ ist beeindruckt von seinem neuen Album. Die SZ geht mit Arnold Schönbergs "Moses und Aron" in Basel auf Höhenflug. Sie informiert auch über die NS-Vorgeschichte des Architekten Josef Kaiser. Die FAZ bestaunt in Amsterdam Zeichnungen von Willem de Kooning.
9punkt - Die Debattenrundschau vom 12.10.2026 finden Sie hier

Literatur

Männer schreiben Romane über teils namhafte, teils nicht so namhafte Frauen - das ist ein geradezu auffälliger Trend der vergangenen Jahre, stellt Sabine Scholl im Standard fest. Nichts als gute Absichten und Dienst an der Kritik des Patriarchats? Das Phänomen hat ihrer Ansicht nach wohl eher damit zu tun, dass das Lesepublikum immer mehr aus Frauen besteht und also ein weibliches Publikum zunehmend über Wohl und Wehe am Literaturmarkt entscheidet. "Der Retter-Bonus kommt gratis dazu. Außerdem ist Mann mit dem Aufzeigen von Geschlechterungerechtigkeiten in der Vergangenheit immer auf der sicheren Seite. Ist die Entdeckerlust doch nicht so groß? Werden historische Frauenfiguren von Autoren aufgegriffen, um das eigene Werk in Richtung Leserinnen zu lenken? ... Ein Roman über eine fast vergessene Frau, geschrieben von einem Mann, lässt sich dann als kulturelle Intervention präsentieren. Mansplaining halt!" Als Beispiele für diese Entwicklung nennt sie Stefan Cordes, der über Mozarts Schwester Nannerl und über Sibylla Schwarz geschrieben hat, außerdem Michael Kumpfmüllers "Ach, Virginia" über Virginia Woolf und David Foenkinos, der die in Auschwitz ermordete Malerin Charlotte Salomon zur Protagonistin seines Buchs "Charlotte" gemacht hat.

Die Feuilletons resümieren die Frankfurter Buchmesse: "Die Freiheit des Lesens, Schreibens und Publizierens wird in Frankfurt auch dieses Jahr mit Pathos verteidigt", schreibt Martina Läubli in der NZZ am Sonntag, aber China, das diesbezüglich traditionell eher Zurückhaltung an den Tag legt, ist trotzdem mit einigen Verlagsständen präsent. "Die Zukunft des papierenen Buches scheint inzwischen immerhin verlässlicher und stabiler als die seines Inhalts", nimmt Judith von Sternburg in der FR mit Blick darauf, dass sich die Debatten ums E-Book zwar beruhigt, die um KI in der Literatur dafür aber beträchtlich an Fahrt aufgenommen haben, als Erkenntnis mit. Was auf einer Buchmesse teils an Gegensätzen aufeinanderprallt, mag einem manchmal nur noch "absurd" vorkommen, schreibt Julia Hubernagel in der taz. Andreas Platthaus ärgert sich in der FAZ über das neue Hallenkonzept der Messe, das seiner Ansicht nach hinten und vorne nicht aufging.

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Außerdem: In der NZZ am Sonntag spricht Peer Teuwsen mit Juli Zeh über deren neuen Roman "Pony Show". Luciana Ferrando zieht in der taz Zwischenbilanz beim Berliner Literaturfestival Barrio, das auf lateinamerikanische Diaspora-Literatur spezialisiert ist.

Besprochen werden unter anderem Ernst Strouhals "Emil" (Standard), Sierra Greers "Annie Robot" (FR), Maxim Billers "Schwarze Samstage" (NZZ), Benjamin Mosers "Anti-Zionismus" (Welt). Mehr in unserer Bücherschau ab 14 Uhr.
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Stichwörter: Frankfurter Buchmesse

Musik

Der russische Pianist Alexander Malofeev galt einst als Wunderkind. 2022 verließ er seine Heimat aus Protest gegen Putins Eskalation in der Ukraine - die Exil-Erfahrung bildet auch den Hintergrund seines Debütalbums "Forgotten Melodies", für das er Werke vierer russischer Komponisten einspielt, die ebenfalls ins Exil gegangen sind, informiert Jan Brachmann in der FAZ. "Malofeev weiß, dass es zur Erfahrung des Exils gehört, sich eine Welt und eine Vergangenheit zu erfinden, die es so nie gab. Doch Malofeev nähert sich der Nostalgie ohne Ironie. Der Akzent liegt auf dem Schmerz darin." Wenn Malofeev Rachmaninows b-Moll-Sonate op. 36 in der Fassung von 1931 interpretiert, "spürt man die Spannung aus Unrast und Innehalten. Zwischen den krachenden Sturzbewegungen wirken die Lyrismen wie Intarsien der Nostalgie im Schutt des Terrors".



Weitere Artikel: Klaus Walter freut sich in der FR sehr, dass Thomas Venker und Linus Volkmann, die schon beim längst eingestellten Intro zusammenarbeiteten, ihr seit zehn Jahren betriebenes Popkultur-Onlinemagazin Kaput in diesem Jahr erstmals, aber leider auch einmalig als Printausgabe fürs Schmuckkästchen veröffentlicht haben. Besprochen werden das neue Album von Bilderbuch (FAZ, SZ) und Cameron Winters Album "Live at Carnegie Hall" (FR).
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Film

Seit Claude Lanzmanns Kritik an Spielbergs "Schindlers Liste" halten die Debatten in Filmwissenschaft und Cinephilie über die Darstellung des Holocaust im Film an. In seinem den filmhistorischen Fundus collagierenden Essayfilm "Holofiction" versucht der Filmemacher Michal Kosakowski "mit einer experimentellen Herangehensweise eine Antwort zu finden", schreibt Vincent Lotz in der Jungle World: Die "Montage der Einstellungen aus dem Holocaust-Kino legt das visuelle Vokabular frei, auf das dieses Genre immer wieder zurückgreift: Motive, Bildarchitekturen, Einstellungsgrößen, Kameraperspektiven, Lichtsetzungen, einzelne Darsteller:innen und ihre Körperhaltungen wurden über Jahrzehnte hinweg in den unterschiedlichsten Produktionen wiederholt. Klaus Kinski, Willem Dafoe, Christoph Waltz, August Diehl und andere begegnen sich selbst: einmal als Opfer, einmal als Täter.  ... Doch der Film unterschlägt etwas, nämlich die Unterschiede in seinem Ausgangsmaterial. Filme wie der trashige Exploitation-Streifen 'Ilsa: She Wolf of the SS' werden demselben Prinzip unterworfen wie 'Die letzte Etappe', das polnische Drama von 1948, das als erster Film über den Holocaust gilt; die Regisseurin Wanda Jakubowska verarbeitet darin ihre Erfahrungen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau."

Julia Pühringer ärgert sich im Standard über die ineinander greifenden "Filtersysteme", die Filme von Frauen und Queers systematisch aus der Filmgeschichte raushalten, wenn sie sie nicht gleich von vornherein verunmöglichen: "Noch nie hat eine Frau nach einer Handvoll Musikvideos Millionenbudgets anvertraut bekommen. ... Filme von (weißen, hetero-) Männern werden zudem permanent überhöht. ... Auch ihre schlechten Filme können Kultfilme werden, sogar gerade aus diesem Grund. Das kommt bei Filmen von Regisseurinnen nicht vor. Das Zeitbudget, das Filmen von Männern gewidmet wird, ist ungleich größer. ... Filmfans haben Filme von noch so unbekannten Regisseuren aus den 1970er-Jahren öfter gesehen als das Œuvre von Regisseurinnen. Das hat eine weitreichende Wirkung darauf, wie Filmgeschichte erzählt wird, wer darin Prestige hat."

Außerdem: Sophia Coper berichtet in der FAZ vom postmigrantischen Filmfestival "Kino Central" im sächsischen Werdau. Wieland Freund geht in der Welt der wahren Geschichte hinter dem Netflix-Horror-Hit "Die Geschichte von Lizzie Borden" auf den Grund. Besprochen werden Na Hong-jins SF-Horroractionkomödie "Hope" (SZ, unsere Kritik) und Brian Duffields Horrorfilm "Whalefall", der im Innern ein Wales spielt (NZZ am Sonntag).
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Bühne

"Moses und Aron". Foto: Ingo Höhn.


Arnold Schönbergs Oper "Moses und Aron", inszeniert von Benedikt von Peter am Theater Basel, ist für Reinhard Brembeck in der SZ ein "Höhenflug". Das Stück basiert auf dem 2. Buch Mose und handelt von der Ambivalenz zwischen Gotteszweifel und dem Wunsch nach einem Gott, der die Juden aus dem Exil führt, ein Thema, das auch für den 1933 geflohenen jüdischen Komponisten von größter Bedeutung war: "Der Chor, ein Zusammenschluss des Baslers Ensembles und dem des coproduzierenden Freiburger Theaters, ist Zentrum und Urgewalt dieses Abends. Seine überwältigenden Momente hat er im ersten Teil, zumal die Regie den Chor fast durchgehend im Zuschauerraum singen und agieren lässt und dem Publikum so unmissverständlich zu verstehen gibt: Wir sind das Volk! Ein wankelmütiges Volk, das von einem Tyrannen (Pharao) gequält wird, das über den ungelenken Propheten Moses lächelt, ihn nicht ernst nimmt - um nach ein paar schlecht gemachten Zaubertricks dann doch auf seine Linie umzuschwenken."

Besprochen werden: Shakespeares "König Lear", inszeniert von Elsa-Sophie Jach am Münchner Residenztheater (SZ, Nachtkritik), Thomas Köcks Shakespeare-Retelling "hamlet, sun off" am Theater Münster (Nachtkritik) und Peter Jordans "Dracula - Blutige Anfänger" an der Komödie am Kurfürstendamm (Nachtkritik). Das Puppenensemble Lovefuckers führt das Stück "Galaxy Men" an der Schaubude Berlin auf (taz).
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Architektur

Josef Kaisers NS-Vorgeschichte ist weitaus weniger bekannt als seine Bauten für die DDR, informiert Peter Richter in der SZ anlässlich der Ausstellung "Josef Kaiser - Bauen für die DDR" in der Berlinischen Galerie. Opernsänger war er zwischendurch auch noch: "Nach dem 'Anschluss' trat er als Sudetendeutscher schnell in die NSDAP ein, ging nach Berlin und orientierte sich architektonisch eher an den Gegenspielern der Moderne. Trotzdem kann man in seinen Arbeiten für die Nazis mitunter schon Dinge ausmachen, die er später den DDR-Sozialisten zu bieten haben wird. Aber nach dem Krieg sucht er seine Zukunft doch erst einmal auf der Bühne und studiert in Dresden Operngesang. 1948 bekommt er ein Engagement als Erster Tenor in Berlin-Schöneberg, amerikanische Zone, muss sich dort aber erst einmal 'entnazifizieren' lassen. Kurz darauf wechselt er nach Frankfurt/Oder, sowjetische Zone, und kurz darauf will er doch lieber wieder Architekt sein und geht nach Ost-Berlin. Er wird dort schon aus politischen Gründen misstrauisch beäugt, bewährt sich aber schließlich - indem er ein Kulturhaus baut, für das er praktisch einen Entwurf aus seiner Nazizeit recyceln kann."
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Kunst

Vor hundert Jahren ist der Maler nach Amerika ausgewandert, zu diesem zugegeben etwas ungewöhnlichen Anlass widmet ihm das Rijksmuseum Amsterdam die Ausstellung "Willem de Kooning at Work". Stefan Trinks ist in der FAZ froh, dass hier die Zeichnungen gezeigt werden, die viel mehr sind als nur Vorarbeiten für seine Gemälde und deren grundlegendes Verständnis erst ermöglichen: "Der Weg zu den Kunstgeschichtsikonen 'Itinerant Chapel' von 1951 mit den im Bildinneren rotierenden Wagenrädern und 'Woman in a Rowboat' mit den lasziv gespreizten Beinen der Frau wird Schritt für Schritt aufgezeigt. Für Letzteres war die frühe Kohlezeichnung 'Woman' von 1942 auf transluzidem Pergament maßgeblich, in der de Kooning eine ihm besonders wichtige Frauenkontur ausschnitt, um sie auf andere Bilder übertragen zu können. Anhand dieser Montagetechniken sowie mit rohen Abklebungen durch Kreppband und Intarsierungen von Foto-Schnipseln - genial ist etwa 'Woman' von 1950, in dem er eine ganze Komposition nur um einen winzigen schwarz-weißen Cut-out-Frauenmund aus der Zigarettenwerbung herum erfindet - wird deutlich, dass von Zeichnung als lediglich dienendem Hilfsmittel bei ihm keine Rede sein kann. Vielmehr ist das Medium unverzichtbares Fundament für die gesamte Arbeit."

Meisterfälscher Wolfgang Beltracchi will eines seiner gefälschten Bilder vom Auktionshaus Lempertz zurück, Ursula Scheer in der FAZ schüttelt den Kopf: "Das Oberlandesgericht Karlsruhe hat 2024 in der Sache entschieden, das Eigentum an dem Werk sei durch die Versteigerung auf die Gesellschaft in Malta übergegangen und von dieser an Lempertz. Und: Nicht allein durch Kauf, sondern auch durch Übergabe einer Sache werde man deren Eigentümer. Sollte Beltracchis Ansinnen an diesen juristischen Spitzfindigkeiten scheitern, wäre das nur gerecht. Der verurteilte Betrüger sollte der Letzte sein, der sich das Skandalbild als Trophäe an die Wand hängen oder es zu einem inzwischen bestimmt erklecklichen Marktwert losschlagen kann. Stattdessen könnte er uns verraten, wo noch überall Fakes von ihm in Museen hängen." Für die NZZ berichtet Kevin Weber.

Weiteres: Gabriele Stötzer ist als erste ostdeutsche Künstlerin mit dem Goslarer Kaiserring ausgezeichnet worden, Marcus Woeller berichtet für die Welt.

Besprochen werden: Die Ausstellung "Ella Maillart. Fotografische Erzählungen" im Photo Elysée in Lausanne (NZZ).
Archiv: Kunst
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