Im Kino

Kaum ein natürlicher Lichtstrahl

Die Filmkolumne. Von Lukas Pazzini
25.08.2026. Eine Staatsanwältin, die in eigener Sache ermittelt, steht im Zentrum von "Rechtsstaat". Faraz Shariats Film fällt keine abschließenden Urteile, artikuliert jedoch eine grundlegende Skepsis gegenüber einer Justiz, die allzu oft auf dem rechten Auge blind ist.

Eine junge Staatsanwältin fällt von ihrem Fahrrad, mutmaßlich durch Fremdeinwirkung. Es werden zwei Molotow-Cocktails von einer Brücke auf sie geworfen, mutmaßlich mit Tötungsabsicht. Die Staatsanwältin, mit südkoreanischem Migrationshintergrund, hat vorher einen Prozess gegen einen Rechtsextremisten geführt. Der Verdacht, dass es sich um einen rechtsextremen Racheakt handelt, steht im Raum.

Wie geht die Staatsanwaltschaft mit einem solchen Fall um? Begreift sie die Staatsanwältin als "eine von uns"? Als Individuum? Wie kann der Rechtsstaat neutral bleiben? Was ist, wenn rechte Kräfte Spitzenpositionen in Gerichten besetzen und diese Neutralität zu ihren Gunsten auslegen? Diese Fragen stellt Faraz Shariats "Staatsschutz".

Der Film spielt in einer fiktiven ostdeutschen Stadt, die über eine lebendige rechtsextreme Szene verfügt, deren Vertreter dauernd vor Gericht stehen, in Fällen, die von der Staatsanwaltschaft regelmäßig eingestellt werden. Staatsanwältin Seyo Kim (Chen Emilie Yan) glaubt anfangs noch uneingeschränkt an die Institutionen, die sie vertritt, an ein faires Gerichtsverfahren. Als sie merkt, dass ihr Vorgesetzter - Oberstaatsanwalt Forch (Arnd Klawitter) - sich ihrem eigenen Fall nur sehr halbherzig widmet, beginnt sie selbst zu ermitteln und missachtet die Regeln, um die Sache voranzubringen. Da wird dann in der Nacht in den Keller der Staatsanwaltschaft eingebrochen, bis in die Nacht in rechten Foren recherchiert und die eigene Wohnung mit Bildern von Rechtsextremen zugekleistert.


Shariats Bilder in diesem Film sind dunkel gehalten. In den Gerichtssaal fällt allenfalls spärliches Licht, das Gericht ist ein Betonbau, in den kaum ein natürlicher Lichtstrahl dringt. Der Rechtsstaat erscheint nicht transparent, sondern undurchdringlich, mit einem Keller voller Fälle, die aus mutmaßlich politischen Gründen nicht bearbeitet werden. Der klare Blick auf die Figuren wird oft durch Kameraeinstellungen verstellt, die den Eindruck erwecken, als würden wir durch einen Türspalt bei Gesprächen hinter verschlossenen Türen lauschen. Diese Szenerie wirkt einschüchternd. Die Angst, die viele Figuren im Film angesichts der rechtsextremen Szene in ihrer Heimatstadt - und vermutlich viele Menschen im echten Leben in Ostdeutschland - haben, wird von Shariat in solche Bildern visuell eindrücklich vermittelt.

Hinter die spannende Grundfrage nach den geeigneten Mitteln gegen Rechtsextremismus - die mit Danger Dans Song "Keine Angst", eine Anleitung zum Aufbau militanter Antifa-Strukturen, Konjunktur hat - fallen die Charaktere in Shariats Film deutlich zurück. Sie erfüllen Funktionen: der zweifelnde Oberstaatsanwalt Quant (Sebastian Urzendowsky), der nicht weiß, auf welcher Seite er stehen soll; die mütterliche Freundin Ayten Alican (Alev Irmak); der von Mentor zum Feind werdende Forch; und die überambitionierte Rechtsanwältin Tiedermann (Julia Jentsch), die den Rechten das Handwerk legen will.

Ein wenig mehr Tiefe hätte den Charakteren und ihren Beziehungen zueinander nicht geschadet, hätte auch gezeigt, wie sich die Bedrohungslage auf persönliche Beziehungen und nicht nur auf die Protagonistin auswirkt. Shariats dunkle Rächerin Kim scheint am Ende ganz von dem Auftrag aufgesogen zu sein, den Rechten mindestens genauso viel Angst zu machen wie diese ihr. Sie stellt ihnen nach, macht einen Waffenschein und rollt mehrere Verfahren wieder auf, um sie auch mit rechtsstaatlichen Mitteln zu bestrafen.

Am Ende stellt der Film die grundsätzliche Frage: Wie objektiv kann der Justizapparat sein, wenn Rechte dessen hochgelobte Neutralität und Objektivität für sich kapern? Die Protagonistin ist gespalten. Sie bleibt Staatsanwältin, fährt gleichzeitig nachts durch die ostdeutschen Dörfer und macht den Rechtsextremen Angst. Ihr Vertrauen in ihre Institution gilt nicht mehr uneingeschränkt, obwohl sie ihren persönlichen Fall für sich entscheiden kann. Darüber, ob dieses Verhalten das wirksame Mittel gegen lokalen Rechtsextremismus ist, fällt der Film kein abschließendes Urteil.

Zurück bleibt dennoch Skepsis gegenüber der Justiz. "Vielleicht fehlt Ihnen die Distanz zu den Opfern", seufzt Quant angesichts von Kims Ambitionen, den Fall zu lösen. "Vielleicht fehlt Ihnen die Distanz zu den Tätern", wirft sie ihm und damit der deutschen Justiz angesichts der vielen Fälle entgegen, in denen sie Rechtsextreme mit Samthandschuhen angefasst hat - wie beispielsweise beim NSU-Komplex.

Lukas Pazzini

Staatsschutz - Deutschland 2026 - Regie: Faraz Shariat - Besetzung: Chen Emilie Yan, Julia Jentsch, Alev Irmak, Arnd Klawitter, Sebastian Urzendowsky - Laufzeit: 113 Minuten.