Im Kino

Baden im flachen Wasser

Die Filmkolumne. Von Lukas Foerster
19.08.2026. Berlin, janz weit draußen: Zwischen Badeseen und Baumärkten schlägt sich der 16-jährige Ilay durch einen trägen Sommer. Saša Vajdas "The Lights, They Sleep" ist durchweg durchdacht und klug komponiert. Gleichzeitig würde man den arg kommunikationsscheuen Film auch immer wieder gern aus der Reserve locken.

"Diese Hitze, mein Kopf platzt!" - Der richtige Film, um den Jahrhundertsommer zu verlängern, just wo er eben langsam am Abklingen ist. Wobei die Hitze in die Bilder von "The Lights, They Fall" weniger direkt, frontal hineinknallt, als dass sie sie langsam einzuweichen, zu marinieren scheint. Und sie dabei leider tendenziell stillstellt, ihnen den Drang ins Freie, Offene nimmt, der im Genre des Coming-of-Age-Films, und an den Rändern durchaus auch in "The Lights, They Fall", angelegt ist.

Es ist ein Berliner Sommer, von dem Saša Vajdas Film wiederum weniger erzählt, als dass er ihn mit ein paar Körpern und Erfahrungssplittern anreichert. "The Lights, They Fall" spielt fern der Berliner Touristen-Hotspots rund ums Brandenburger Tor, fern auch der diversen Szene- und/oder Problemkieze innerhalb des S-Bahn-Rings. In einer Peripherie, die gar nicht mehr auf ein Zentrum ausgerichtet scheint, findet der Film seine Bilder, auf Wiesen, hinter denen Hochhäuser aufragen, an Badeseen und Tankstellen, am Rand von Schnellstraßen. Baumärkte, Imbissbuden und Pfandleiher gibt es hier, aber auch weitläufige Sandgruben, weite Himmel und bewaldete Hänge, die in einem Moment skandinavisch, im nächsten fast mediterran ausschauen.

Bernhard Sallmann hat in solchen Gegenden im weiteren Umfeld der deutschen Hauptstadt, in der Ununterscheidbarkeitszone zwischen Stadt und Land, einen schönen Film mit dem Titel "Berlin JWD" ("JWD" wie "janz weit draußen") gedreht, der ausschließlich aus dokumentarischen Tableaus besteht. "The Lights, They Fall" hat ebenfalls einen Hang zum Tableau, in dem er freilich Figuren platziert. Vor allem platziert er, immer wieder, Ilay, gespielt von Mohammed Yassin Ben Majdouba, dessen sture, veschlossene Präsenz den Film von Anfang bis Ende prägt und die Tableaus peu a peu in Seelenlandschaften transformiert.


Ilay ist ein Sechzehnjähriger, der einen zähen Sommer verbringt. Seine Mutter ist schwerkrank und wird von Ana (Flor Prieto Catemaxca) betreut, einer mexikanischen Pflegerin, in deren Leben der Film manchmal ebenfalls hinein schaut. Aber immer nur wie auf Besuch, "The Lights, They Fall" findet stets schnell wieder zurück zu Ilay. Stoisch absolviert er seinen Job in einem Baumarkt, stoisch feilscht er mit einem Händler um den Preis zweier Handys, die er gottweißwoher hat, stoisch hängt er mit seinen nicht gar so stoischen, aber gleichfalls sommerlich ermatteten Kumpels ab. Auf einem Parkplatz, auf dem Sofa, beim Baden im flachen Wasser. Kaum bis zu den Knien geht es ihnen zumeist. Die Untiefen biographischer und anderer Art, die Ilay und die anderen umgeben mögen, bleiben sachte Andeutung, verdichten sich erst ganz am Ende zu einem lakonischen Geistermotiv.

In den Gesprächen, die die Jungs führen und die zweifellos ausgezeichnet beim Leben abgeschaut sind, fallen teils tolle, eigenartige Sätze wie "Metapher in Dich rein". Ansonsten geht es viel um Mädels. Um deren Beine, ob es einem gefällt, wenn sie Gitarre spielen und ob sie womöglich mathematisch berechenbar sind. In der einzigen Szene, in der ein paar dieser Mädels mit von der Partie sind, bleiben sie freilich visuell und vor allem szenisch im Hintergrund.

Es ist nicht der einzige Moment, in dem man sich als Zuschauer wünscht, man könnte den fraglos durchweg durchdachten, klug komponierten und das Herz am rechten Fleck habenden Film ein wenig aus der Reserve locken. "The Lights, They Fall" bleibt so kommunikationsscheu wie sein Protagonist, den Regisseur Saša Vajda mit Vorliebe im Profil zeigt. Fast als wäre Ilay in die Bilder hineingestempelt schaut das gelegentlich aus. Ein Film, der von einer ungeformten Jugend in geformten Bildern erzählt.

Oder eben: nicht wirklich erzählt. Was natürlich auch wieder nicht heißen soll, dass die Erzählung das A und O jedes Films sein muss. Gott bewahre. Das Kino ist nicht zum Erzähl- und Erklärkino verdammt, es kann viel und darf alles. Eben deshalb, könnte man freilich argumentieren, muss es sich nicht nur für die Mittel rechtfertigen, die es einsetzt, sondern auch für die, die es nicht einsetzt. Als da wären, in diesem Fall: nichtdiegetische Musik, Figurenidentifikation, Kinetik, Subjektivierung und noch einiges mehr. Jeder Film hat einen Stil und jeder Stil ist nur eine Option neben anderen. "Slow Cinema" nannte man den Stil, den Vajda wählt, früher einmal, er hat eine ganze Reihe von Meisterwerken hervorgebracht. Heute spricht man eher von "Vibes". Doch Vibes brauchen Resonanz.

Lukas Foerster

The Lights, They Fall - Deutschland 2026 - Regie: Saša Vajda - Darsteller: Mohammed Yassin Ben Majdouba, Flor Prieta Catemaxca, Mahira Hakberdieva, Safet Bajraj, Shanti Philipp - Laufzeit: 87 Minuten.