9punkt - Die Debattenrundschau

Zwischen Mensur, Botox und Ganzkörper-Piercing

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
25.07.2026. Die Zeitungen diskutieren weiter über Leihmutterschaft: Die amerikanische Soziologin Heather Jacobson plädiert bei Zeit Online dafür, Leihmutterschaft als Arbeit zu begreifen, der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz legt in der FAZ dar, wie das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper an die Grenzen von Gemeinwohlbelangen stößt. In der FAS erkennt Götz Aly Parallelen zwischen den Methoden Hitlers und der AfD. Der will Wolfram Weimer in der Welt mit einer Rückbesinnung auf die "großen Traditionslinien Deutschlands" entgegentreten. Und in der NZZ setzt sich Sergej Gerassimow für den Erhalt der russischen Sprache in der Ukraine ein.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 25.07.2026 finden Sie hier

Gesellschaft

Die amerikanische Soziologin Heather Jacobson hat über dreißig Interviews mit Leihmüttern in den USA geführt, von denen ihr die meisten erzählten, "wie viel Freude und Erfüllung sie aus der Leihmutterschaft ziehen", berichtet sie im Zeit-Online-Gespräch mit Wlada Kolosowa. Nur über Geld wollten die wenigsten sprechen, denn: "Damit Leihmutterschaft in den USA gesellschaftlich akzeptiert wird, darf sie nicht in erster Linie als ein Handel erscheinen. Deswegen betonen Leihmütter, dass sie eine Berufung ist, dass es um die Erfahrung geht. Mit dieser Erzählung wirken sie negativen Bildern entgegen, die in den Medien kursieren: einerseits, dass Leihmütter Profit aus ihrer Gebärmutter schlagen und andererseits, dass sie ausgebeutet werden." Jacobson plädiert dafür, Leihmutterschaft als Arbeit zu begreifen, denn: "Es gibt Parallelen zu anderen Tätigkeiten, die überwiegend von Frauen ausgeführt und nicht als echte Arbeit angesehen werden: Kinderbetreuung, Altenpflege, Hausarbeit. Das führt dazu, dass die Frauen unterbezahlt sind und wenig Anerkennung bekommen."

Kommerzielle Leihmutterschaft sei nicht automatisch verwerflich, sagt im SZ-Gespräch der Medizinrechtler Oliver Tolmein, der allerdings auch darauf hinweist, dass hier ein "riesiges soziales Minenfeld" betreten werde, weil sich viele Menschen eine Leihmutter gar nicht leisten können. Überhaupt ist er gegen eine Legalisierung in Deutschland, schon weil nach deutschem Recht die Mutter die Frau sei, die das Kind geboren habe, anders als etwa in Kalifornien: Dort "wird die beabsichtigte Elternschaft schon vor der Geburt juristisch besiegelt, die Wunscheltern werden Eltern, die Leihmutter und ihr Partner haben keine Elternrechte. Das heißt aber auch: Hier können Privatpersonen einfach nach eigener Intention über die Elternschaft für ein Kind entscheiden, also für einen schutzbedürftigen Menschen, der nicht mitreden kann und für den es in der Regel keine Interessenvertretung gibt. Das Kindeswohl ist hier kein Prüfungsmaßstab. Der deutsche Gesetzgeber hat sich bei Adoptionen zum Beispiel für einen anderen Weg entschieden: Hier werden keine privaten Wege akzeptiert. Ich darf mein Kind nicht einfach an andere Eltern abgeben. Da entscheidet der Staat, welche Eltern für das Kind sorgen dürfen."

Der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz legt anhand verschiedener Urteile, etwa zum "Zwergenweitwurf" oder zum "Damen-Schlamm-Catchen-oben-ohne", in der FAZ dar, wie juristisch das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper immer wieder an Grenzen gerät, die auf "hinreichend gewichtige Gemeinwohlbelange" gestützt sind: "Der Gesetzgeber adressiert die Selbstbestimmung über den eigenen Körper sehr unterschiedlich. Ein konsistentes Gesamtkonzept besteht nicht. Wer eine Körperverletzung mit Einwilligung der verletzten Person vornimmt, handelt nach Paragraph 228 des Strafgesetzbuchs gleichwohl rechtswidrig, wenn die Tat trotz der Einwilligung gegen die guten Sitten verstößt. Der Begriff der guten Sitten ist gleichermaßen paternalistisch wie deutungselastisch und kann - zwischen Mensur, Botox und Ganzkörper-Piercing - an mit der Zeit fließende gesellschaftliche Erwartungen angepasst werden."

Ebenfalls in der SZ resümiert Sebastian Herrmann verschiedene Studien, die allerdings auf Grundlage einer niedrigen Probandenzahl entstanden sind, wie der Psychologe Bernhard Strauß einräumt, der in der Kommission zur reproduktiven Selbstbestimmung und Fortpflanzungsmedizin (Kom-rSF) mitgearbeitet hat: "Trotzdem, so sind sich die Forscher einig, lasse die Befundlage eine Aussage zu: Es gebe keine Hinweise darauf, dass es Leihmüttern, den Wunschfamilien und den auf diesem Weg geborenen Kindern im Laufe ihres Lebens im Vergleich schlechter gehe. 'Die Kinder zeigen keine auffälligen Entwicklungsparameter', sagt Strauß. Auch fehlten Hinweise darauf, dass diese Form der Schwangerschaft die Bindung von Wunscheltern und Kind mindern könnte.' Boris Herrman beantwortet ebenfalls in der SZ die wichtigsten Fragen rund um die Leihmutterschaft.

Weltweit ist Leihmutterschaft derweil längst zu einem Milliardenmarkt geworden, weiß Majd El-Safadi in der FAZ: "Einem Bericht des amerikanischen Marktforschungsunternehmens Global Market Insights (GMI) zufolge, der im April 2025 vorgelegt wurde, lag der weltweite Leihmutterschaftsmarkt 2024 bei 22,4 Milliarden Dollar. Die Prognose geht davon aus, dass er bis 2034 auf 201,8 Milliarden Dollar anwachsen soll."

Weitere Artikel zum Thema: In der taz blickt Dinah Riese auf Leihmutterschaft aus feministischer Sicht. Außerdem erzählt der schwule Rechtsanwalt Max Becker vom Ablauf der Leihmutterschaft in den USA. Auch dessen Leihmutter wird in der taz befragt. Sie beteuert, Leihmutter geworden zu sein, weil die anderen Menschen helfen wolle: "Ich war eine mündige Erwachsene, die diesen Weg freiwillig gewählt hat. Ich hatte Rechtsbeistand, medizinische Versorgung, psychologische Betreuung und konnte immer Entscheidungen treffen."
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Europa

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Im Gespräch, das Ralph Bollmann auf den Wirtschaftsseiten der FAS mit ihm führt, bekennt der Historiker Götz Aly, aktuelles Buch "Wie konnte das geschehen?", nach der AfD-Wahlveranstaltung in Dessau-Roßlau, wo der Kabarettist Uwe Steimle unter anderem über die Tötung von Merkel und Merz "scherzte" (unsere Resümees) doch über ein AfD-Verbot nachzudenken. Er erkennt auch Parallelen zwischen der AfD und den Methoden Hitlers: "Hitler verdanken wir das Kindergeld, den gesetzlichen Anspruch auf Urlaub und bezahlte Feiertage, steuer- und sozialabgabenfreie Feiertagsarbeit - auch mithilfe solcher Gesetze und eben nicht nur mit Terror ermöglichte er seine Politik des Verbrechens. Heute fordert die AfD nicht nur phantastische Rentenerhöhungen. In Sachsen-Anhalt verspricht sie, dass das Schulessen kostenlos sein wird, ebenso der Kindergarten. Wer soll das alles bezahlen? Ferner soll es noch ein Begrüßungsgeld für Neugeborene geben, sofern mindestens ein Elternteil deutscher Staatsbürger ist. Das klingt ein bisschen nach Nürnberger Rassegesetzen. Diese identitär-nationalistischen Obsessionen und gekünstelte Deutschtümelei führen ins Nichts."

Wie schnell das System Orbán zusammenbrach, hat alle überrascht, schreibt Artur Weigand auf den Medienseiten der FAS: Seit Anfang Juli erscheint in Ungarn etwa keine gedruckte Tageszeitung mehr - allerdings auch jene nicht, die sich gegen Orbán positionierten: "Die Werbebudgets des Jahres sind längst vergeben, viele Kleinspender verschwinden - wer aus Widerstand gegen Orbán gespendet hat, sieht den Zweck erfüllt -, und internationale Stiftungen richten den Blick bereits weiter nach Serbien und in die Türkei. Zugleich wirbt ausgerechnet die neue Regierung den unabhängigen Redaktionen die Leute ab: Lukács' Gesundheitsjournalist ist heute Sprecher des Gesundheitsministeriums, vier Mitarbeiter hat die Magyar Hang so verloren, ein Zehntel der Redaktion. Und die zweite Welle steht bevor, wenn die öffentlich-rechtlichen Sender Hunderte Journalisten suchen."

Gesetzlich ist in der Ukraine vorgeschrieben, im öffentlichen Dienst, Medien oder in der Schule ausschließlich die ukrainische Sprache zu verwenden. Der ukrainische Schriftsteller Sergej Gerassimow hält das in der NZZ für absolut falsch, sorge es doch dafür, dass sich viele Ukrainer vom Staat entfremden: "Mindestens 40 Prozent der heranwachsenden Ukrainer lernen eine Sprache, sprechen sie aber nicht. Sie sprechen eine andere Sprache, die ihnen aber nicht vermittelt wird. Dies führt nicht zum horizontalen, sondern zum vertikalen Verschwinden des Russischen. Die russische Sprache stirbt wie ein Baum. Zuerst verkümmern die obersten Äste: Kultur und insbesondere Literatur; die Fähigkeit, feine Nuancen des Denkens auszudrücken; komplexe grammatikalische Strukturen, das Tiefenverständnis der Sprache und ihr reichhaltiger Wortschatz. Was übrig bleibt, ist der Unrat russischer Schimpfwörter, die mittlerweile sogar aus dem Mund des Präsidenten und seiner Lieblingsminister zu vernehmen sind. Und natürlich verdorren auch die Wurzeln des Baumes: Buchverlage, Zeitungen, Zeitschriften, Bibliotheken."
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Geschichte

Die FAZ druckt auf den "Bilder-und-Zeiten"-Seiten die gekürzte Rede, die die Historikerin Katrin Steffen im Mai auf einer Berliner Konferenz zur Eröffnung des Entwurfswettbewerbs für das Denkmal der polnischen Opfer des Nationalsozialismus hielt und in der sie dessen Überfälligkeit betont, denn die polnischen Opfer gerieten kaum ins Bewusstsein: Dies lag "auch am Fortwirken von antipolnischen Einstellungen, die nach 1945 relativ nahtlos in der prägenden Strömung des Antikommunismus und den revanchistischen Forderungen der Vertriebenenverbände aufgehen konnten. Solche Einstellungen waren fest in den Köpfen der Eliten des Kaiserreichs und der Weimarer Republik als Elemente der von Klaus Zernack analysierten 'negativen Polenpolitik' verankert. Denn neben der sogenannten 'jüdischen Frage' war im ausgehenden achtzehnten und im neunzehnten Jahrhundert auch eine 'polnische Frage' als eine von rassischer Andersartigkeit diskutiert worden."
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Politik

Inzwischen kann man wieder Urlaubsreisen nach Syrien buchen, berichtet Ronya Othmann, die in ihrer FAS-Kolumne fassungslos auf die Geschmacklosigkeiten von Anbietern und Reisebloggern schaut: "Wer es ein bisschen aktiver mag, kann sich schon mal für 'Damaskus - die besondere Street-Foto-Reise mit Laif-Fotograf Lutz Jäkel' anmelden, geplant 2028. Kultursensibilität wird da ganz groß geschrieben. Beworben wird die Reise mit Fotos von Ruinen, auf Panzer spielenden Kindern, dem Marjeh-Platz, wo die Bilder der in den Assad-Folterknästen Verschwundenen hängen, netten Restaurants und belebten Suq-Gassen. Highlights der Tour sind hier unter anderem ein 'Tagesausflug nach Homs' und 'Eindrücke in Yarmuk und Harasta, zerstörte Vororte von Damaskus'. Übernachtet wird selbstverständlich in einem 'wunderschönen Boutique-Hotel in der Altstadt'. Denn beim Elendstourismus darf der Komfort nicht auf der Strecke bleiben."
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Stichwörter: Othmann, Ronya, Syrien

Ideen

Das Studierendenparlament der Humboldt-Universität hat den Boykott aller israelischen Universitäten gefordert, berichtet Claudius Seidl in der SZ - und fragt sich, ob die StudentInnen keine einfachen Texte mehr verstehen, denn auf der Website ist zu erfahren, dass "die Humboldt-Universität mit Hochschulen in aller Welt kooperiert; und dass darunter nicht nur solche in lupenreinen Demokratien sind. Dass die Linke Liste aber, im Namen der inhaftierten Dissidenten, der Uiguren oder des Weltfriedens gegen die Zusammenarbeit mit chinesischen Universitäten protestierte, davon liest man nichts." Hoffnung hat Seidl dennoch, denn: "An der letzten Wahl zum Studierendenparlament haben sich übrigens dreieinhalb Prozent der Berechtigten beteiligt."

Weitere Artikel: Der Philosoph und Wirtschaftsethiker Bernward Gesang rät in der taz zwecks Klimaschutz vor allem im Globalen Süden Kapital zu investieren, um zum Beispiel den Regenwald oder die Moore zu schützen. Tilman Baumgärtel schaut in der taz KI-Videos, in denen Intellektuelle wie Hannah Arendt oder Primo Levi plötzlich Kalendersprüche von sich geben. Die FAZ bringt auf den Bilder-und-Zeiten-Seiten den Vortrag, den der Literaturwissenschaftler Detlev Schöttker im März bei einer Tagung der Jünger-Gesellschaft in Wilfingen hielt und in der er Ernst Jüngers Essay "Waldgang" einer Re-Lektüre unterzieht.
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Kulturpolitik

Seit 2018 fordert die kolumbianische Regierung von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz antike Grabskulpturen aus der Nekropole von San Agustin zurück, die von dem Ethnologen Konrad Theodor Preuß ins heutige Ethnologische Museum in Berlin gebracht wurden. José David Escobar Franco zitiert aus einem Briefwechsel zwischen Hermann Parzinger, bis Mai 2025 Präsident der SPK, und Alhena Caicedo, der Direktorin des kolumbianischen Instituts für Anthropologie und Geschichte, welcher der taz vorliegt. Parzinger hatte darauf verwiesen, dass eine Rückgabe der Objekte nach deutschem Recht nur dann gerechtfertigt sei, wenn sie aus einem "kolonialen Kontext" stammten. Allerdings wurden auch Aufzeichnungen von Preuß gefunden, in denen dieser darlegte, wie er die Objekte an den kolumbianischen Behörden vorbeischmuggelte. Berlin spielt nun auf Zeit, glaubt Franco: "Gemäß eines Berichts des kolumbianischen Außenministeriums soll das Ethnologische Museum Berlin vor wenigen Monaten um umfassende neue Provenienzrecherchen von kolumbianischer Seite aus gebeten haben, insbesondere um detaillierte Transportunterlagen über den Weg der Statuen von San Agustín zu ihrem Exporthafen in Barranquilla. Um in der Sache weiter zu entscheiden, gilt es die Ergebnisse dieser neuen Recherchen erst einmal abzuwarten, bekundet das Haus des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, Wolfram Weimer, auf taz-Anfrage."

Im Welt-Gespräch mit Jacques Schuster spricht Kulturstaatsminister (und Ex-Welt-Chefredakteur) Wolfram Weimer unter anderem über die Pläne, ein TikTok Europa zu schaffen, sein Festhalten am Haber-Verfahren und darüber, wie er mit Erinnerungspolitik gegen die AfD vorgehen will: "Wir müssen die großen Traditionslinien Deutschlands wieder stärker erzählen: unsere jüdisch-christlichen Wurzeln, die Aufklärung, die Reformation, Deutschland als Wissensnation und als europäisches Gehäuse. Patriotismus und Europa gehören für mich zusammen. Das ist die eigentliche deutsche Tradition. Die politische Mitte hat diese Fragen zu lange den Rändern überlassen. Dieses Vakuum füllt heute die AfD mit einem verengten völkischen Geschichtsbild."

Weimer und Joe Chialo haben eine "Schneise der Verwüstung" durch die deutsche Kultur gezogen, schimpft indes Daniel Wesener, kulturpolitischer Sprecher der Grünen, in der FAZ und wirft beiden "Aushöhlung der Kunstfreiheit" vor. Viel schlimmer findet er aber, dass die Exekutive direkt in die "Kultureinrichtungen hineinregieren" kann. Wesener macht sich daher für ein Kulturfördergesetz stark.
Archiv: Kulturpolitik