9punkt - Die Debattenrundschau
Kulturelle Grenzüberschreitung
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
27.07.2026. Das islamistische Attentat auf den Berliner CSD löst schockierte, ratlose und vorhersehbare Reaktionen aus. Der bei der Festnahme erschossene Täter ist in Berlin aufgewachsen und sozialisiert. "Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grünen und Linkspartei, kritisiert Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel. taz und SZ warnen vor eine Instrumentalisierung des Attentats von rechts. Die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake fragen in Zeit online nicht, ob Soziologe generell gesehen links sei - sondern warum das so ist.
Efeu - Die Kulturrundschau
vom
27.07.2026
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Europa
Ein Deutscher, der in Berlin geboren und aufgewachsen ist, hat ein Attentat auf den Berliner CSD begangen. Er war schon länger als islamistischer Gefährder bekannt, befand sich zuletzt aber dank eines juristischen Entscheids (Deradikalisierungskurse besuchen) auf freiem Fuß. Am Sonntagabend wurde der Täter von der Berliner Polizei erschossen. Mohamed Amjahid beschäftigt sich in seinem taz-Kommentar zum Anschlag aber lieber mit CDU-Politikern, die eine Verschärfung der Polizei-Kompetenzen fordern: "Mehr Polizei bringt bei so viel Polizei, wie wir sie derzeit schon haben, nicht mehr Sicherheit. Bei der Aufarbeitung des Anschlags auf den CSD muss das Sicherheitskonzept auf den Prüfstand - nicht ob die Polizei einfacher unsere Daten abgreifen und mit KI-Systemen auswerten kann. Zufällig sind es genau die Parteien, die jetzt nach mehr staatlichen Befugnissen rufen, die Fördergelder für queere Vereine, Hilfsprojekte und Kulturangebote kürzen. Umso unglaubwürdiger, dass es ihnen wirklich um Schutz und Wohlbefinden queerer Menschen geht."
Auch Gökalp Babayiğit macht sich in der SZ Sorgen, dass die AfD profitiert: "'Wenn die Feinde unserer Freiheit Hass und Gewalt säen, werden sie keine Angst ernten, sondern mehr Zusammenhalt, mehr Vielfalt und mehr Sichtbarkeit.' Das schrieb die Beauftragte von der SPD für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Sophie Koch, als Reaktion auf den Anschlag. Man wünschte sich, ihr würden heute viele Menschen zuhören. Sechs Wochen vor den Landtagswahlen im Osten, in denen sich die AfD Hoffnungen auf Rekordergebnisse machen kann, wünscht man es sich noch mehr."
Der Täter Abdul Ballout sei den Behörden und Sozialarbeitern bekannt gewesen, hält Frederik Eikmanns in einem zweiten taz-Artikel fest: "Thomas Mücke, Geschäftsführer des 'Violence Prevention Network' (VPN), bestätigte der taz, seine Organisation sei mit B. in Kontakt gewesen, nachdem dieser gerichtlich zu einem Deradikalisierungsprogramm verpflichtet wurde. 'Überfreundlich, angepasst aber undurchschaubar', habe B. sich dabei gegeben, Anzeichen für psychologische Probleme habe er nicht gezeigt. Konkrete Hinweise, dass B. bereit war, Gewalttaten zu begehen, haben es genauso wenig gegeben."
Dass den Ermittlern Gefährder durch die Netze gehen, hat aber wohl auch mit der schieren Größe der islamistischen Szene in Berlin zu tun. "In Berlin gibt es nach wie vor ein erhebliches radikalisiertes islamistisches Personal, eine Szene, welcher der Verfassungsschutz des Landes etwa 2.400 Personen zurechnet" resümiert Peter Carstens in der FAZ. "Davon werden laut Verfassungsschutzbericht mehr als 900 als gewaltorientiert qualifiziert. Die Szene hat seit den Ereignissen nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel erheblichen Zulauf, Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens sind in der Hauptstadt stark angestiegen."
"Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grüne und Linkspartei, kritisiert der Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel-Interview mit Blick auf das Attentat. Dabei gehe von Islamisten im Moment die größte Gefahr für Homosexuelle aus: "Es gibt eine fatale Neigung, Islamismus als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen kleinzureden. Da ist analytisch zwar ein Stück weit etwas dran, aber oft wird das Problem auf diesen einen Aspekt reduziert. Das bedeutet, Islamismus ein Stück weit zu entschuldigen, als würden die Ursachen nicht beim Täter liegen, sondern bei der Gesellschaft. Das halte ich für fatal, zumal es auch die Integrationsleistung von so vielen Muslimen kleinredet. Vor allem aber nimmt es dem Täter die Verantwortung für seine Tat."
"Als Schwuler habe ich auf der Straße keine Angst vor Rechten oder gar AfD-Wählern", schreibt auch in der Welt Ali Utlu in einem Artikel, der allerdings am Abend vor dem Attentat in Berlin erschien. Auch Utlu, Mitglied im Zentralrat der Ex-Muslime, wirft den politischen Parteien links der Mitte vor, die Gefahr zu verharmlosen: "Es ist eine völlig falsche Prioritätensetzung: Diesen politischen Kräften ist der Schutz einer angeblich diskriminierten Religion wichtiger als der ganz konkrete Schutz von uns Homosexuellen vor körperlichen Übergriffen. Um ihr multikulturelles Wunschbild nicht zu gefährden, opfern sie unsere Sicherheit. Uns wird die Solidarität entzogen, damit man nicht über die Schattenseiten der Migration reden muss."
Passend zu den Geschehnissen ein paar hundert Meter weiter diskutierten im Haus der Kulturen Didier Eribon, Edouard Louis und Eva von Redecker über die Frage, wie man als Queerer den Faschismus werde verhindern können. Gabrielle Meton berichtet für die taz: Eribons Rezept: "'Allianzen lassen sich nicht verordnen', sagt Eribon. Aber könnte sich eine Allianz zwischen antirassistischen Kämpfen und der neuen Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund bilden? Vielleicht durch gemeinsame Forderungen, etwa nach einer besseren Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen und des Sozialstaats sowie nach dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben."
Auch Gökalp Babayiğit macht sich in der SZ Sorgen, dass die AfD profitiert: "'Wenn die Feinde unserer Freiheit Hass und Gewalt säen, werden sie keine Angst ernten, sondern mehr Zusammenhalt, mehr Vielfalt und mehr Sichtbarkeit.' Das schrieb die Beauftragte von der SPD für sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Sophie Koch, als Reaktion auf den Anschlag. Man wünschte sich, ihr würden heute viele Menschen zuhören. Sechs Wochen vor den Landtagswahlen im Osten, in denen sich die AfD Hoffnungen auf Rekordergebnisse machen kann, wünscht man es sich noch mehr."
Der Täter Abdul Ballout sei den Behörden und Sozialarbeitern bekannt gewesen, hält Frederik Eikmanns in einem zweiten taz-Artikel fest: "Thomas Mücke, Geschäftsführer des 'Violence Prevention Network' (VPN), bestätigte der taz, seine Organisation sei mit B. in Kontakt gewesen, nachdem dieser gerichtlich zu einem Deradikalisierungsprogramm verpflichtet wurde. 'Überfreundlich, angepasst aber undurchschaubar', habe B. sich dabei gegeben, Anzeichen für psychologische Probleme habe er nicht gezeigt. Konkrete Hinweise, dass B. bereit war, Gewalttaten zu begehen, haben es genauso wenig gegeben."
Dass den Ermittlern Gefährder durch die Netze gehen, hat aber wohl auch mit der schieren Größe der islamistischen Szene in Berlin zu tun. "In Berlin gibt es nach wie vor ein erhebliches radikalisiertes islamistisches Personal, eine Szene, welcher der Verfassungsschutz des Landes etwa 2.400 Personen zurechnet" resümiert Peter Carstens in der FAZ. "Davon werden laut Verfassungsschutzbericht mehr als 900 als gewaltorientiert qualifiziert. Die Szene hat seit den Ereignissen nach dem Hamas-Terrorangriff auf Israel erheblichen Zulauf, Angriffe auf Menschen jüdischen Glaubens sind in der Hauptstadt stark angestiegen."
"Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grüne und Linkspartei, kritisiert der Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel-Interview mit Blick auf das Attentat. Dabei gehe von Islamisten im Moment die größte Gefahr für Homosexuelle aus: "Es gibt eine fatale Neigung, Islamismus als Reaktion auf Diskriminierungserfahrungen kleinzureden. Da ist analytisch zwar ein Stück weit etwas dran, aber oft wird das Problem auf diesen einen Aspekt reduziert. Das bedeutet, Islamismus ein Stück weit zu entschuldigen, als würden die Ursachen nicht beim Täter liegen, sondern bei der Gesellschaft. Das halte ich für fatal, zumal es auch die Integrationsleistung von so vielen Muslimen kleinredet. Vor allem aber nimmt es dem Täter die Verantwortung für seine Tat."
"Als Schwuler habe ich auf der Straße keine Angst vor Rechten oder gar AfD-Wählern", schreibt auch in der Welt Ali Utlu in einem Artikel, der allerdings am Abend vor dem Attentat in Berlin erschien. Auch Utlu, Mitglied im Zentralrat der Ex-Muslime, wirft den politischen Parteien links der Mitte vor, die Gefahr zu verharmlosen: "Es ist eine völlig falsche Prioritätensetzung: Diesen politischen Kräften ist der Schutz einer angeblich diskriminierten Religion wichtiger als der ganz konkrete Schutz von uns Homosexuellen vor körperlichen Übergriffen. Um ihr multikulturelles Wunschbild nicht zu gefährden, opfern sie unsere Sicherheit. Uns wird die Solidarität entzogen, damit man nicht über die Schattenseiten der Migration reden muss."
Passend zu den Geschehnissen ein paar hundert Meter weiter diskutierten im Haus der Kulturen Didier Eribon, Edouard Louis und Eva von Redecker über die Frage, wie man als Queerer den Faschismus werde verhindern können. Gabrielle Meton berichtet für die taz: Eribons Rezept: "'Allianzen lassen sich nicht verordnen', sagt Eribon. Aber könnte sich eine Allianz zwischen antirassistischen Kämpfen und der neuen Arbeiterklasse mit Migrationshintergrund bilden? Vielleicht durch gemeinsame Forderungen, etwa nach einer besseren Finanzierung öffentlicher Dienstleistungen und des Sozialstaats sowie nach dem Recht auf ein selbstbestimmtes Leben."
Wissenschaft
Die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake machen sich auf Zeit Online Gedanken zum Zustand ihres Fachs: Der amerikanische Wissenschaftler James Manzi hat eine Studie vorgelegt, die zeigt, dass die Sozialwissenschaften politisch stark überwiegend durch linke Positionen geprägt sind (unser Resümee). Nassehi und Saake sehen das Problem im "modernen Gleichheitsversprechen", aus dem sich viele soziologische Theorien speisen. Die Fokussierung auf Ungleichheit in der Welt führe aber zu vereinfachtem Schwarz-Weiß-Denken. Gleichzeitig fehle die Fähigkeit, die eigenen Fragestellungen kritisch einzuordnen: "Die eigentümliche Form der Politisierung der Soziologie liegt nicht in politischen Stellungnahmen - das gibt es auch, aber es ist nicht der Normalfall. Es ist nicht nur eine linke Soziologie, die dieses Problem hat. Es sind auch nicht nur die vielfältigen Studies - Gender Studies, Postcolonial Studies, Queer Studies, Disability Studies, Human-Animal Studies -, die das Thema ihres politisierten Engagements schon im Namen ausweisen. Auch die quantitative Forschung ist anfällig für diese Art der Betroffenheit, wenn sie meint, ohne Reflexion ihrer begrifflichen Grundlagen auskommen zu können. Und es ist auch die ganz gewöhnliche sozusagen Wald- und Wiesensoziologie, die dankbar dafür ist, etwas bieten zu können, was als innovativ erscheint. Mit Gleichheitsversprechen kann man jungen Leuten, die die Welt verbessern wollen, etwas anbieten, was nicht so sehr nach akademischer Anstrengung aussieht. Dabei wäre gerade das hilfreich und eigentlich auch das Kriterium für die Unterscheidung von einerseits politisierter öffentlicher Debatte und andererseits dem, was eine Soziologie ausmacht, die an einer Universität angesiedelt."
Jannis Koltermann hatte in der FAZ am 28. Mai (von uns übersehen) James Manzis Methode dargestellt. Der Oxforder Doktorand hat per KI 600.000 Abstracts soziologischer Arbeiten bewerten lassen - und kam zu dem Ergebnis, dass "neunzig Prozent links" seien. Manzis Studie ist "Open Access". Hier kann man sie als pdf-Dokument herunterladen.
Jannis Koltermann hatte in der FAZ am 28. Mai (von uns übersehen) James Manzis Methode dargestellt. Der Oxforder Doktorand hat per KI 600.000 Abstracts soziologischer Arbeiten bewerten lassen - und kam zu dem Ergebnis, dass "neunzig Prozent links" seien. Manzis Studie ist "Open Access". Hier kann man sie als pdf-Dokument herunterladen.
Gesellschaft

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