9punkt - Die Debattenrundschau

Und auf diese Weise Geborgenheit erfahren

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
15.09.2026. Alle fragen, wie der Erfolg der AfD zu erklären sei und wie man sie am besten bekämpft. Ganz einfach, sagt Carolin Amlinger in der taz, mit "antifaschistischer Politik", und natürlich indem man Wohnungen zum Zehnfachen des Preises zurückkauft, zu dem man sie einst verkauft hatte, ergänzt der Historiker Uwe Fuhrmann ebenfalls in der taz, und mit "mehr Teilhabe, keiner Kapitulation der Politik vor der Ökonomie", fordert Ingo Schulze in der NZZ. Außerdem: KI muss nicht das Ende der Demokratie bedeuten, erklärt Taiwans Ministerin für Digitales Audrey Tang in Zeit Online.
Efeu - Die Kulturrundschau vom 15.09.2026 finden Sie hier

Europa

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Die Basler Literatursoziologin Carolin Amlinger gehört mit ihren mit Oliver Nachtwey verfassten Büchern zu den wichtigsten linken Theoretikern des Rechtspopulismus. Im Gespräch mit Tobias Bachmann von der taz versucht sie wie so viele, den Erfolg der AfD zu ergründen, den sie mit "einer langfristig ausgelegten antifaschistischen Politik" bekämpfen will. Ihre Erklärungen sind rein wirtschaftlich - Stichworte wie "Migration" oder "Putin" fallen nicht - , kombiniert mit einer Soziologie des Neids: "Der Nachteil des anderen ist mein Vorteil. Diese affektive Klammer hält die sehr heterogene Wählerbasis der AfD zusammen: ökonomisch tatsächlich benachteiligte Menschen, insbesondere aus der Arbeiterklasse, die sich von einer gesellschaftlichen Schließung mehr Wohlfahrtschauvinismus versprechen. Selbstständige und Kleinunternehmer, die sich selbst als leistungsstark wahrnehmen und eine verletzte Reziprozität des Gemeinwesens beklagen, die Leistungsschwache vermeintlich bevorteilen würde. Menschen aus der oberen Mittelklasse, die sich in ihren unternehmerischen Freiheiten eingeschränkt fühlen durch Gleichstellungsprogramme, Sozialreformen, Klimapolitik." Die von ihr vorgeschlagene "antifaschistische Politik" besteht in einer Eindämmung der Vermögensungleichheit und einer subventionierten Zivilgesellschaft, die "soziale Orte des Miteinanders" schafft, "offene Treffpunkte, in denen soziale Gruppen zusammenkommen, und auf diese Weise Geborgenheit erfahren können".

Der Berliner Senat hat unter Beteiligung der Linkspartei in den nuller Jahren gut 100.000 kommunale Wohnungen privatisiert. Allein der GSW-Verkauf umfasste 65.000 Wohnungen. Diese Wohnungen verkloppten die SPD und Linkspartei für etwa 500 Euro pro Quadratmeter. Jetzt möchte die Linkspartei große Wohnungskonzerne vergesellschaften und will dabei einen Preisnachlass "bis zu 40 Prozent" erreichen, wie die Linkspartei-Kandidatin Elif Eralp neulich sagte - das heißt, sie würde die Wohnungen zum Acht- bis Zehnfachen des Preises zurückkaufen, den sie einst erzielt hatte. Der Historiker Uwe Fuhrmann hält die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne in der taz trotzdem für eine gute Idee. Direkte Argumente nennt er jenseits der Sozialbindung von Eigentum nicht, ist sich aber sicher: "Sowohl konkrete materielle Eigeninteressen der Berliner Bevölkerung als auch die erwünschte Rettung eines demokratischen Gemeinwesens sprechen vielmehr für die Begrenzung der wirtschaftlichen und politischen Macht von großen Konzernen, auch im Wohnungssektor. Genau dafür hat 2021 mit knapp über 59 Prozent die deutliche Mehrheit der Berliner*innen gestimmt."



Die taz macht auch im Berlin-Teil weiterhin Werbung für die Linkspartei: "Mit Elif Eralp für eine Stadt, die alle schützt", ist ein Artikel Erik Peters überschrieben. Sie sei "eine Stimme gegen Rassismus und Antisemitismus".

In Berlin läuft es jedenfalls auf eine rot-grün-rote Koalition hinaus, vermutet Stephan Klenner in der FAZ: "Die Skepsis der Sozialdemokraten gegenüber den Linken ist immer noch da. Trotzdem haben sich die Chancen für Rot-Grün-Rot verbessert: Für Schwarz-Rot wird es diesmal kaum reichen. Die CDU hat wahrscheinlich nur dann eine Chance, wieder den Regierenden Bürgermeister zu stellen, wenn auch die Grünen mitregieren."

Was zählt da schon der Aufruf Volker Becks von der Deutsch-israelischen Gesellschaft an SPD und Grüne, eine Brandmauer gegen die Linkspartei hochzuziehen. Karin Christmann berichtet darüber im Tagesspiegel: "'Die Linke duldet und fördert Antisemitismus in ihren Reihen und sammelt im Wahlkampf gezielt die Stimmen des antisemitischen Ressentiments ein', argumentiert Beck. Er verweist unter anderem auf den Auftritt des Rappers Dahabflex beim Wahlkampf in Neukölln und dessen Parolen 'Yalla Yalla Intifada' sowie 'Death to the IDF' (Tod der israelischen Armee). Der Kreisverband Neukölln der Linken habe sich solidarisiert, statt sich zu distanzieren." SPD und Grüne wollten sich zu der Forderung laut Tagesspiegel nicht recht äußern.

Lange grübelt in der NZZ der Schriftsteller Ingo Schulze darüber, was die AfD bieten kann, was die etablierten Parteien nicht mehr bieten können und kommt auf einen Begriff: Hoffnung. Hoffnung auf ein anderes, besseres Deutschland. "Dass die AfD diese Hoffnungen enttäuschen wird, scheint mir so sicher wie das Amen in der Kirche." Aber gibt es nicht dennoch einen demokratischen Gegenentwurf zum Status quo, fragt Schulze. "Diese Diskussion ist in Deutschland schon seit dem 3. Oktober 1990 notwendig (...). Wäre es nicht naheliegend, statt über die AfD darüber zu sprechen, wie wir mehr sozialen Ausgleich, also mehr Gleichheit und soziale Sicherheit erreichen, ohne die Freiheiten einzuschränken, mehr Teilhabe, keine Kapitulation der Politik vor der Ökonomie? Hänge ich nicht immer noch jenen Hoffnungen und Ansprüchen vom Herbst 1989 nach, die wahrscheinlich unter kapitalistischen Besitzverhältnissen gar nicht einzulösen sind? Ich weiß nicht, ob der Taxifahrer einen anderen Gesellschaftsentwurf vermisst. Ich vermisse ihn. Und bei wem mache ich das Kreuz, wenn in einer Woche in Berlin Wahlen sein werden?"

Der türkische Präsident Erdogan bringt den Friedensprozess mit der PKK immer weiter voran, das hat für Bülent Mumay in der NZZ den bitteren Beigeschmack, dass er diesen Prozess so schnell wie möglich wieder abbrechen könnte, sobald die PKK ihm aufgrund seiner Friedensofferte eine zweite Amtszeit gewährt. "Dem Kurdenkonflikt liegt ja vor allem der Mangel an Demokratie im Land zugrunde. Lässt sich überhaupt von Frieden reden in einem Klima, da Erdogan die geerbte mangelhafte Demokratie nicht ausgebaut, sondern auf eine bloße Wahldemokratie reduziert hat? Wenn man einen Konflikt beendet, ohne für Demokratie zu sorgen, ebnet das dann nicht einem neuen Konflikt den Weg? Kann es wahren Frieden in einem Klima geben, in dem grundlegende demokratische Rechte ausgesetzt sind und Mitglieder der Zivilgesellschaft, Journalisten, Gewerkschafter, Schriftsteller und Komödianten inhaftiert werden? Kann in diesem Land Frieden werden, solange Erdogan die Urteile des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte nicht umsetzt" und seine Hauptkontrahenten verhaften lässt?. 

Während Erdogan oberflächlich Frieden will, übt er schon mal, wie er sich ohne Wahlen an der Macht halten kann, schreibt Raphael Geiger in der SZ. Beispielsweise in der Stadt Üsküdar, in der auch Erdogans "Palast" oder Wohnhaus steht, wo die Bürgermeisterin verhaftet wurde. "Wenige Tage vor der Nachwahl in Üsküdar nahm die Polizei drei Mitglieder des Bezirksparlaments fest, sodass sie, alle Oppositionelle, nicht an der Wahl hätten teilnehmen können. Die Opposition erzwang daraufhin mit einem Boykott, dass die Wahl verschoben werden musste. Gegen zwei der drei Festgenommenen erging aber Haftbefehl - am Dienstag, als dann schließlich gewählt wurde, fehlten sie. Wie üblich fand die Wahl geheim statt. Niemand weiß, wer die beiden weiteren Oppositionellen sind, die für den AKP-Kandidaten stimmten. Statt für ihre Kandidatin. Sie schenkten dem Mann aus Erdogans Partei den Sieg, der Partei, die 2024 in Üsküdar verloren hatte. Jetzt gewann sie nachträglich doch noch. Ohne eine Wahl gewinnen zu müssen."
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Ideen

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Die taz setzt ihre Reihe über Michel Foucault fort. René Aguigah, James-Baldwin-Biograf, geht im Geiste jene Orte durch, wo sich die beiden in Paris hätten begegnen können. Sie waren etwa gleich alt und verkehrten in den Pariser Schwulenbars - aber sie haben sich wohl nicht kennengelernt. Berührungspunkte aber gibt es in ihrem Werk: "Da ist vor allem die Sache mit der Macht. Je länger Baldwin über Black America und White Supremacy schreibt, desto deutlicher wird, dass seine Rassismuskritik eine Machtkritik betreibt, die die Macht wohl in Institutionen sieht, aber nicht dort fixiert; die sie noch in den feinsten zwischenmenschlichen Beziehungen aufspürt; eine Kritik, die die Macht als, im Prinzip, umkehrbar auffasst. All diese Punkte sind ein wesentlicher Teil davon, wie Foucault seine Vorstellung von Macht während der siebziger Jahre zu einer ganzen Analytik ausbaut. Das Gefängnis und die Polizei sind jene Institutionen, die Baldwin und Foucault jeder auf seine Weise analysieren und attackieren, mit Ausstrahlung bis heute."

Außerdem: In der Welt erklärt Angela Richter, warum Tech-Bros wie Peter Thiel den französischen Philosophen Rene Girard nicht missverstanden haben, sondern konsequent zu Ende denken. Girards Gedanken müssten also von links nicht verteidigt, sondern ein stärkerer Gedanke entgegengesetzt werden.
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Kulturpolitik

Deutschland kann seine großen Projekte immer häufiger nicht mehr realisieren, und Stuttgart geht dabei mal wieder wacker voran, meldet die FAZ: "Die Chancen, dass es zur geplanten umfassenden Sanierung der Stuttgarter Oper kommt, schwinden zusehends. Nun hat sich der Vorsitzende der CDU-Fraktion im baden-württembergischen Landtag kritisch zu den Plänen geäußert, die nach überschlägigen Schätzungen bis zu zwei Milliarden Euro kosten könnten. Tobias Vogt sagte im Interview mit mehreren Regionalzeitungen, angesichts der schwer angeschlagenen kommunalen Haushalte und drohender Krankenhausschließungen müsse die Politik die Kosten berücksichtigen."

Ebenfalls die FAZ zitiert aus eine Resolution deutscher Geisteswissenschaftler, die die deutsche Regierung auffordert, auf Kulturgüter, die im Krieg ins heutige Polen ausgelagert wurden, zu verzichten, etwa eine Sammlung wertvollster Autografen, die heute in Krakau liegt: "Anders als im Falle deutschen Kulturguts habe Polen sich dieser Kulturgüter nicht als Raubgut bemächtigt, heißt es in der Begründung der Initiatoren. Der Vernichtungskrieg NS-Deutschlands verpflichte seine Nachfahren 'zu fortwährender Verantwortung für eine Versöhnung mit Polen'. Nach der deutschen Kapitulation trugen Polinnen und Polen zum Schutz dieser Bestände bei und sicherten sie mitunter vor dem Raub durch sowjetische Soldaten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz hält dagegen an ihrem Eigentumsanspruch auf die Bestände fest."
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Digitalisierung

KI muss nicht das Ende der Demokratie bedeuten, erklärt Taiwans Ministerin für Digitales Audrey Tang im Zeit-Online-Interview mit Georg Diez. Dort setze man auf den Begriff "Reverse Alignment". "Anstatt alle Investitionen darauf zu verwenden, KI stärker zu machen oder sie zu kontrollieren, stellt Reverse Alignment die Frage, ob unsere Institutionen in der Lage sind, KI zu nutzen, ohne der Vision einer Superintelligenz zu erliegen. Das bedeutet, dass wir unsere Fähigkeiten, uns selbst zu regieren, neu gestalten. Dass wir Wohlstand teilen, anstatt blind der Produktivität hinterherzujagen. Die Leistungsfähigkeit unserer Technologie darf nicht die Leistungsfähigkeit unserer gesellschaftlichen Systeme dominieren." Das könnte auch dazu führen, dass der "ppm-Wert - Polarisierung pro Minute -" in der Gesellschaft abnimmt, wenn die Demokratien selber über den Einsatz von KI und Algorithmen bestimmen. "Ein gemeinsames Umfeld mit niedrigerem ppm-Wert, das überschüssige Polarisierung in ein gemeinsames Verständnis dessen umwandelt, worüber wir uns tatsächlich einig sind und worüber nicht, kommt allen zugute, unabhängig von ihrer Ideologie." In der SZ fragt sich Andrian Kreye derweil, wann die KI anfängt, massenweise Jobs zu verschlingen - bisher jedenfalls nicht.
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Medien

Der Deutschlandfunk plant bekanntlich eine ziemlich massive Programmreform. Fachsendungen werden aufgelöst. Alles landet im "langen ruhigen Fluss" eines Ablaufs, der vor allem für Autofahrer interessant sein soll. Der Gymnasiallehrer Michael G. Gromotka war entsetzt und hat eine Petition gegen die Reform gestartet. In der FAZ erzählt er, wie der Sender darauf reagierte und fordert mehr Publikumsbeteiligung: "Die Leitung scheut eine Auseinandersetzung mit der Reform im eigenen Radioprogramm und hat es nur wenige Male kurz zum Thema im Medienfachmagazin gemacht. Eine so grundstürzende Reform gehört aber in die Primetime (die 'Informationen am Morgen') und in die Sendungen mit Hörerbeteiligung, die der Deutschlandfunk angeblich stärken will. Auf meinen entsprechenden Vorschlag und meine Bereitschaft, als Petitionsvertreter in einer solchen Sendung aufzutreten, ging der Deutschlandfunk nicht ein."
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Stichwörter: Deutschlandfunk

Politik

Der Genozidvorwurf gegen Israel wird nicht selten von jenen vorgebracht, die zugleich die Singularität des Holocaust in Frage stellen. Beides dient der Delegitimierung des Staates Israel, schreibt Norman JW Goda, Professor für Holocaust-Studien an der University of Florida, in einem Essay für den Telegraph. Juristisch aber halten die Vorwürfe gegen Israel nicht stand, so Goda, anders als etwa bei dem jüngst prunkvoll beigesetzten Ratko Mladić, dem Massenmörder von Srebrenica, dem eine klare Absicht nachgewiesen wurde. "Im Fall Mladić umfasste das Urteil über die strafrechtliche Schuld mehr als 2.500 Seiten, die das Ergebnis von zwölf Jahren akribischer Arbeit von Richtern, Gerichtsschreibern, Staatsanwälten, Verteidigern, forensischen Sachverständigen und vielen anderen waren. Dieses Urteil zeugt zudem von einer ausgeprägten Demut angesichts der schrecklichen Ereignisse selbst sowie von der Verantwortung des Gerichts gegenüber dem Gesetz und der Geschichte. Bei allem Gerede über die Unantastbarkeit des Völkerrechts haben Israels Ankläger dieses rücksichtslos missbraucht und es dabei - vielleicht für alle Zeiten - zu einer Karikatur gemacht." Bereits vor über einem Jahr haben wir auf einen weit ausführlicheren Text Godas zum Thema verlinkt (unser Resümee).
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