9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
11.08.2026. Leider könnte es bei den französischen Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr dazu kommen, dass sich eine Rechtsextreme und ein Linksextremer gegenüberstehen, fürchtet Daniel Cohn-Bendit in Le Point - und dann "ist der Sieg von Marine Le Pen sicher". Die Russen verfolgen die Einwohner Charkiws inzwischen mit "first person view"-Drohnen, erzählt Sergei Gerasimow in der NZZ, ein "Wandel von der allgemeinen Massenvernichtung hin zum individualisierten Mord". Zornig schreibt John McWhorter im City-Journal über den Fall Jason Arday. Und Navid Kermani kriegt in der FAZ eine Standpauke von einem Generalleutnant.
10.08.2026. Soziologie ist gar nicht so links, allenfalls sozialdemokratisch, erwidern Stephan Lessenich und Sarah Nies in Zeit online zur jüngsten Soziologiedebatte. Warum werden eigentlich so viele Hoffnungen auf humanoide Roboter gesetzt, fragt die FAZ auf ihren Wirtschaftsseiten. Die Medien untersuchen weiter das woke Münchhausen-Syndrom an der Uni Cambridge. In der NZZ erklärt Susanne Schröter, wie das "Dritte Geschlecht" in vielen muslimischen Ländern die Machtverhältnisse eher zementiert.
08.08.2026. Die französische Philosophin Joëlle Zask erklärt in der NZZ, warum "Megafeuer" wie in Frankreich nicht nur auf die Ausbeutung der Natur zurückzuführen sind, sondern auch auf den Verlust "traditioneller Feuerkulturen". Erzählungen wie die der angeblichen "Sarajevo-Safari" verbreiten sich so schnell, weil sie ein Bedürfnis nach Elitenhass und Geschichtsrevisionismus bedienen, meint der bosnische Schriftsteller Miljenko Jergović in der FAS. Die taz berichtet, wie sich Kulturinstitutionen in Sachsen-Anhalt auf eine AfD-Regierung vorbereiten. Die FR gratuliert Arno Widmann zum Achtzigsten.
07.08.2026. Die bewaffnete Drohne auf dem Leipziger Flughafen ist nur ein letzter Beweis, meint Zeit online: Deutschland muss verstehen, dass Russland es als Feind betrachtet. In Südasien protestiert die Jugend, beobachtet die FAZ - aber dieser Protest ist Ausdruck einer Hoffnung. Im Gazastreifen gibt es durchaus Proteste gegen die Hamas - aber wo ist die propalästinensische Bewegung außerhalb von Gaza, die eine Anknüpfung ermöglicht, fragt die Jüdische Allgemeine. Das ganze englischsprachige Netz ist voll mit der Geschichte des Hochstaplers Jason Arday, dem jüngsten schwarzen Professor in Cambridge, dem alle alles glaubten.
06.08.2026. Das neue Asylrecht der EU steht vor allem für mehr Zwang und De-facto-Haft für Asylsuchende, kritisiert in der taz Katharina Grote vom Bayerischen Flüchtlingsrat. Marokko erhebt eigentlich schon immer Anspruch auf Spaniens Exklaven Ceuta und Melilla, erinnert die NZZ. Lukaschenko schläft nachts schlechter als ich, ist der belarusische Oppositionelle Mikalaj Statkewitsch in der Zeit überzeugt. Ebenfalls in der Zeit warnt der Rechtsphilosoph Christoph Möllers: Es ist ganz einfach, Kunst- und Wissenschaftsfreiheit einzuschränken.
05.08.2026. Die Schriftstellerin Natalja Kljutscharjowa liest für die SZ im "Wörterbuch des Krieges" von grausigen Verbrechen innerhalb der russischen Armee. Irina Scherbakowa erzählt in der taz, wie in Russland die Kategorie der "Rechtlosen" wieder eingeführt wird. Der Politikwissenschaftler Monty Ott sucht in der FAZ nach einem linken Zionismus. Außerdem fordert die FAZ den Historiker Götz Aly auf zu erklären, warum er nun doch für ein AfD-Verbot wäre. KI regiert uns schon seit dem 18. Jahrhundert, behauptet Peter Sloterdijk im Tagesspiegel: Man nannte sie nur anders. Der neue Antisemitismus ist der alte Neid auf Juden, meint Michael Wolffsohn in der NZZ.
04.08.2026. Warum hat sich Europa immer noch nicht entschlossen, russische Oligarchen konsequent zu sanktionieren, fragt sich ein entgeisterter Garri Kasparow in der Welt. In der FAZ stellt der Politologe Christian Stecker angesichts einer fragmentierten Politiklandschaft die Fünfprozentklausel in Frage. In Zeit online schildert der Germanist Steffen Martus die immer weiter zunehmende Macht der Literaturagenten. Und die FAZ hat herausgefunden: Man kann bei den öffentlich-rechtlichen Sendern zwar Programmbeschwerde einlegen - aber es wird nix bringen.
03.08.2026. Die Briten erinnern sich mit Schrecken an den Skandal um die Mohammed-Karikaturen, wie eine Szene mit Jacob Rees-Mogg im Oxford Union Club zeigt. In Zeit online schlägt Thomas Piketty eine globale Vermögenssteuer für Milliardäre vor, mit der man nachhaltige Energie finanzieren könnte. Die Krise von Ceuta ist beendet - es gibt Dutzende Tote und die Frage, was die politischen Akteure trieb. Zeit online fragt, ob die Flüchtlinge nicht das Recht gehabt hätten, politisches Asyl zu beantragen. Die taz staunt über die Seelenverwandtschaft von Heidegger und Beuys. Und kontext fragt: Wie steht's um den Qualitätsjournalismus um Ulm herum.
01.08.2026. Die FAZ besucht das ehemalige Gulag-Museum in Moskau, das nun einer ganz neuen Geschichtserzählung gewidmet ist - der Sowjetunion als Opfer eines westlichen Genozids. Die Menschen in der DDR wollten vor 1989 nicht unbedingt Freiheit und Demokratie - sie wollten nur ein Ende der DDR, sagt Ilko-Sascha Kowalczuk in der taz. Es wäre falsch, die Verbindungslinie zwischen Islam und Islamismus zu leugnen, mahnt der Blogger Murat Kayman im Tagesspiegel.
31.07.2026. Warum versucht niemand, endlich ein Verbotsverfahren gegen die AfD einzuleiten, fragt in der SZ der Historiker Norbert Frei. Die Welt fragt hingegen, wie islamistische Gefährder aus Deutschland vertrieben werden könnten. Das ZDF hat laut FAZ kräftigen Ärger mit der Deutschen Bahn - wegen einer Reportage, die für diese recht peinlich ist. Wie politisch Archäologie ist, erfährt man ebenfalls in der FAZ von Harald Meller, Direktor des Museums für Vorgeschichte in Halle, der erklärt, warum Otto der Große kein "deutscher" Kaiser war, auch wenn die AfD es gern so hätte. In der NZZ fordert Richard C. Schneider mehr Selbstbefragung von der deutschen Gesellschaft.