9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
30.07.2026. Im Tagesspiegel erklärt der Verfassungsrechtler Hans-Jürgen Papier, wie man einer AfD-Landesregierung juristisch Grenzen setzen kann. In der Jungle World erklärt der Historiker Benjamin Zachariah, warum der Identitätsdiskurs der Postkolonialisten bei völkisch denkenden Autokraten beliebt ist. Die Zeit beschreibt Queerfeindlichkeit als globales Problem. In der Welt fragt Güner Balci: Wo bleiben die Regenbogenflaggen an den Moscheen?
29.07.2026. Während sich die westliche Kultur durch das Verlegen von Büchern auszeichnete, scheint sich Künstliche Intelligenz auf das Zerlegen von Büchern spezialisieren zu wollen, berichtet die NZZ. "Destruktiv gescannt" wird dabei vor allem das "Moderne Antiquariat", ergänzt die Welt. Das CSD-Attentat beschäftigt die Medien weiter - der Attentäter war einer von 9.110 Menschen, die in Deutschland dem "gewaltorientierten islamistischen Personenpotenzial" zugerechnet werden, so die FAZ. Die Erinnerung an den Gulag ist mit der Schließung des Moskauer Gulag-Museums in Russland nun endgültig abgeschafft, erzählt Hubertus Knabe in seinem Blog.
28.07.2026. Die Queer-Bewegung hat den Islamismus viel zu lange ignoriert, kritisiert die taz. Auch die deutschen Behörden verschließen die Augen vor einem institutionalisierten Islam hierzulande, der offen für Extreme ist, meint Güner Balci in der SZ. Ein Teil unserer Freiheit ist längst verlorengegangen, warnt Ahmad Mansour in der NZZ. In der taz wirft die britisch-bangladeschische Forscherin Zara Rahman den Deutschen vor, sie würden im Umgang mit den Muslimen ihre "schlimmsten Fehler wiederholen". In der Türkei wurde eine neue Partei gegründet, die Erdogan die Stirn bieten könnte - vorausgesetzt, ihre Mitglieder landen nicht alle im Gefängnis, berichtet die SZ.
27.07.2026. Das islamistische Attentat auf den Berliner CSD löst schockierte, ratlose und vorhersehbare Reaktionen aus. Der bei der Festnahme erschossene Täter ist in Berlin aufgewachsen und sozialisiert. "Islamistische Homofeindlichkeit" werde systematisch kleingeredet, vor allem von SPD, Grünen und Linkspartei, kritisiert Extremismusforscher Hendrik Hansen im Tagesspiegel. taz und SZ warnen vor eine Instrumentalisierung des Attentats von rechts. Die Soziologen Armin Nassehi und Irmhild Saake fragen in Zeit online nicht, ob Soziologe generell gesehen links sei - sondern warum das so ist.
25.07.2026. Die Zeitungen diskutieren weiter über Leihmutterschaft: Die amerikanische Soziologin Heather Jacobson plädiert bei Zeit Online dafür, Leihmutterschaft als Arbeit zu begreifen, der Rechtswissenschaftler Klaus Ferdinand Gärditz legt in der FAZ dar, wie das Recht auf Selbstbestimmung über den eigenen Körper an die Grenzen von Gemeinwohlbelangen stößt. In der FAS erkennt Götz Aly Parallelen zwischen den Methoden Hitlers und der AfD. Der will Wolfram Weimer in der Welt mit einer Rückbesinnung auf die "großen Traditionslinien Deutschlands" entgegentreten. Und in der NZZ setzt sich Sergej Gerassimow für den Erhalt der russischen Sprache in der Ukraine ein.
24.07.2026. Es will hier zwar niemand hören: Aber auch Russland war und ist eine Kolonialmacht, stellt die taz fest. In Frankreich treiben es linke Antisemiten so weit, dass selbst Linke dagegen protestieren, notiert Nora Bussigny in Le Point nach einem Angriff auf die DJane Barbara Butch. Die NZZ klopft Pierre Bourdieu, die FR Hannah Arendt auf ihre Aktualität ab. Die EU hat eine Strafe gegen Google verhängt, richtig so, findet die SZ, aber die europäische Abhängigkeit ist damit nicht beendet.
23.07.2026. Sind Leihmütter überhaupt Mütter? In den USA sind sie nur noch Surrogatträger, berichtet die FAZ. Die größte Sorge für Leihmütter sei nicht, das Kind abgeben zu müssen, sondern es nicht abgeben zu können, informiert die Familientherapeutin Petra Thorn in der Zeit. Weniger Bürokratie für die Wirtschaft, aber mehr Bürokratie für die Armen? Das ist ein autoritärer Staatsumbau, kritisiert der Soziologe Dominik Piétron in der taz. Ähnlich sieht das in der FAZ der Staatsrechtler Friedrich Schoch bei der geplanten Änderung des Informationsfreiheitsgesetzes. In Frankreich fragt Le Point: "Warum stimmen unsere Kinder für Mélenchon?"
22.07.2026. Navid Kermani fordert in seiner Rede zum feierlichen Gelöbnis die Rekruten auf, sich - anders als Bundeskanzler Friedrich Merz - immer ans Grundgesetz zu halten. In der SZ kritisiert die Verfassungsrechtlerin Sophie Schönberger den Graubereich, den die Altparteien bei der öffentlichen Finanzierung von Parteienstiftungen und der politischen Bildungsarbeit geschaffen haben, und den jetzt auch die AfD nutzt. In der New York Times sieht Omer Bartov schon eine Armee entrechteter palästinensischer Sklaven in Gaza die Häuser reicher Amerikaner und Juden putzen. Die taz schildert, wie sich die queere Community zerlegt: Und immer geht es um Israel.
21.07.2026. "Man darf Frauen nicht gegen ihren erklärten Willen vor sich selbst schützen", sagt die verhinderte Bundesverfassungsrichterin Frauke Brosius-Gersdorf in Zeit online und plädiert darum für eine Zulassung von Leihmutterschaft. In Le Point staunt Kamel Daoud über eine Rede des burkinischen Junta-Chefs Ibrahim Traoré, der in einer Rede die Geschichte des arabischen Sklavenhandels anprangerte. Die FR blickt auf Jürgen Habermas' Eröffnung des "Historikerstreits" vor vierzig Jahren zurück. Die taz fragt, ob die "Baseballschlägerjahre" in Sachsen-Anhalt je vorübergingen.
20.07.2026. Das Vertrauen der Europäer in die Nato war ein Maginot-Linie-Denken, konstatiert Ivan Krastev in der NZZ - aber die Zeit der Kriege war nie vorbei. Der Rücktritt Jens Spahns als Fraktionsvorsitzender der CDU ist richtig, finden die meisten Zeitungen. Der Holocaust lässt sich nicht aus dem Kolonialismus erklären, insistiert Richard Evans in der NZZ. In der SZ erklärt Matthias Brandt seinen Abscheu vor Uwe Steimles Stauffenberg-Vergleichen. Wenn die Nazis bei Sachsens Jugend wieder en vogue sind, liegt das auch am Bildungssystem, sagt die Autorin Manuela Müller im Tagesspiegel.