9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die Schwächung der Gegengewichte

20.03.2026. Giorgia Meloni hat zwei Gesichter, stellt die SZ fest, und eines davon ist nicht so nett. Die von ihr geplante Justizreform soll die italienische Demokratie schwächen, fürchtet auch die taz. In Zeit online erklärt Andreas Büttner, Antisemitismusbeauftragter in Brandenburg, warum er aus der Linkspartei ausgetreten ist: wegen Antisemitismus. Wolfram Weimer liefert den Feuilletons zuverlässig weiter Stoff - die taz sieht in der Affäre um den Buchhandlungspreis einen Kulturwandel, die Welt gerade nicht.

So unerträglich kompliziert

19.03.2026. Die taz schildert das Massaker der sudanesischen Miliz RSF in El Fasher, das  langsam auch den Internationalen Strafgerichtshof bewegt. Wenn ein Staat von einem anderen in seinem Existenzrecht bedroht wird, dann hat er auch das Recht sich zu verteidigen, erklärt der Völkerrechtler Jürgen Bröhmer in der FAZ. Einen Vernichtungskrieg führt aber Israel, eine iranische Gefahr gibt es nicht, versichert  Bahman Nirumand in der taz. Bei den Salonkolumnisten blickt Ilko-Sascha Kowalczuk von Osten auf Habermas - das ist aber nicht seine vorteilhafte Seite. Er wolle keinen Kulturkampf, erklärt Wolfram Weimer in der Zeit, wo Thea Dorn auch fragt, ob der Verfassungsschutz wirklich die Hauptwaffe gegen Extremismus sein sollte.

Solches Digitaldenken ist toxisch

18.03.2026. Ekrem İmamoğlu soll nach dem Willen der türkischen Staatsanwaltschaft zweitausend Jahre in Haft. Im Briefinterview mit der SZ gibt er sich optimistisch: Die Türkei könne noch eine demokratische Vorreiterrolle in der Welt spielen. Im Libanon überlebt die Hisbollah, weil die Schiiten keine demokratische Alternative finden, meint in der taz der politische Ökonom Joseph Daher. In der FR sieht WDR-Redakteur Arnd Henze Heilige Krieger des Christentums für die US-Armee marschieren. Im Guardian fürchtet die Autorin Ana Schnabl, dass es nach den Wahlen in Slowenien eine rechte Regierung mehr in Europa geben wird.

Und dabei Protestlieder singen

17.03.2026. Der Libanon hat es auch wegen der Hisbollah und der daraus resultierenden ständigen Kriegsdrohung nicht geschafft, seine internen Konflikte zu bewältigen, sagt der Autor Charif Majdalani in der FAZ. Die Linkspartei hat ein Antisemitismusproblem, meint taz-Autor Nicholas Potter nach dem Antizionismusvotum des Landesverbands Niedersachsen. Die SZ unterbreitet der Welt publizistische Ideen: Wie wär's mit einer Kolumne von Wladimir Putin? Driftet die "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" ab, fragt die FAZ. Im Standard diagnostiziert Navid Kermani eine deutsche Neurose im Blick auf Israel.

Ein solches intellektuelles Erbe

16.03.2026. Jürgen Habermas ist tot. Aus der Überfülle der Texte wählen wir einige Highlights aus: Le Grand Continent bringt ein letztes Interview, in dem Habermas nochmal die Ideen der Aufklärung verteidigt. Michael Krüger  veröffentlicht in der FAZ eine sehr persönliche und liebevolle Erinnerung.  Viele erinnern wie Arno Widmann in der FR oder Thomas Schmid in der Welt  an den Historikerstreit. Außerdem Statements von Eva Illouz, Herfried Münkler, Stefan Müller-Doohm und Seyla Benhabib. In Frankreich waren Kommunalwahlen: Laurent Joffrin fürchtet in Lejournal.info ein Schreckensszenario für die Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr.

Sauber in zwei Blöcke

14.03.2026. Was wird aus der Islamkonferenz, fragt die FAZ und zitiert Kritik an Beratern, die nicht gegen Säkularismus sind. Nach wie vor große Aufregung in den Feuilletons über Wolfram Weimer: taz und SZ bleiben bei ihrer Kritik. In der FAS benennt Buchautor  Nicholas Potter die unguten Kontinuitäten zwischen dem einstigen Antiimperialismus und heutigem linken Antisemitismus. Erst wenn Philosophie sich aus ihrer Akademisierung löst, wird sie wieder relevant, meint Wolfram Eilenberger in der FR

Wer definiert, was Apologie ist?

13.03.2026. Mit 135 Ja-Stimmen, drei Enthaltungen und keiner Gegenstimme hat das senegalesische Parlament die Strafen für homosexuelle Beziehungen auf fünf bis zehn Jahre verdoppelt. Dafür werden "kulturelle" Gründe geltend gemacht. Dieses Gesetz tritt die senegalesische Verfassung mit Füßen, meint Ousseynou Nar Gueye in Seneweb. In der SZ lobt Güner Balci die Gelassenheit Cem Özdemirs und der baden-württembergischen Wähler in identitätspolitischen Fragen. Die FAZ wirft einen bangen Blick auf die Frankfurter Kommunalwahlen und die Kulturpolitik der Stadt.

Es ist eine erlernte Hilflosigkeit

12.03.2026. In der FR kritisiert Maryam Rajavi, vom in Paris sitzenden "Nationaler Widerstandsrat Iran", die Bombardierung des Irans: Das Volk müsse sich selbst erheben. In der taz hofft die iranische Filmemacherin Narges Kalhor hingegen, dass die Bomben genau dabei helfen. In der Zeit will die Menschenrechtsaktivistin Swetlana Gannuschkina die Russen nicht aus ihrer Verantwortung für den Ukrainekrieg entlassen. In der FAZ erinnert Volker Meyer-Guckel vor normativen Überformungen der Wissenschaften: Das kann bei neuen Machtverhältnissen nach hinten losgehen. Und: Die Wolfram-Weimer-Debatte geht weiter. Jetzt soll der Kulturstaatsminister in der Affäre um den Buchhandelspreis auch noch gelogen haben, stöhnen FAZ, SZ und taz.

Chaotische Desaster-Show

11.03.2026. In der Welt kritisiert der iranische Regisseur Ali Abassi das Versagen der islamischen Zivilisation im Nahen Osten. Im Tagesspiegel hofft der Dichter Ali Abdollahi auf einen Kollaps des ganzen islamistischen Diskurs- und Bedeutungssystems. In der FAZ widersprechen Hanna Radziejowska und Mateusz Fałkowski vom Pilecki-Institut in Berlin Grzegorz Rossoliński-Liebes These vom "transnationalen Völkermord" im besetzten Polen. Die Kritiker in FAZ, FR, SZ und taz fragen, wie Wolfram Weimer nach dem Desaster um den Deutschen Buchhandlungspreis als Kulturstaatsminister noch weitermachen will. Die Welt plädiert für eine Abschaffung des Preises - im Interesse der Unabhängigkeit des Buchhandels, versteht sich.

Irgendeine hegemoniale Geschichte

10.03.2026. Modschtaba Khamenei ist also zum neuen Führer der Islamischen Republik Iran ernannt worden - Gutes ist von ihm nicht zu erwarten, ist sich etwa die FAZ sicher. Von den Russen in Russland ist keine Opposition zu erwarten, fürchtet die NZZ. Ebendort versucht Katajun Amirpur zu erklären, warum so viele im Iran einst auf Khomeini setzten. Irland hat sich nach dem 7. Oktober als einer der europäischen Hotspots des israelbezogenen Antisemitismus entpuppt - ein Essay auf Twitter erzählt, wie es dazu kam. Die Debatte um die Buchhandlungspreise geht weiter.