9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
09.03.2026. Modschtaba Khamenei, der Sohn, ist zum neuen geistlichen Führer Irans ernannt, meldet unter anderem die New York Times - wird er nun noch den schönen Blick auf die israelische Botschaft aus seinem Londoner Luxusappartment genießen können, fragt die Daily Mail. Die deutschen Feuilletons sind noch sehr stark mit den linken Buchhandlungen und Wolfram Weimer befasst. In der FAZ schreibt Ute Frevert über die "soft exclusion" israelischer Wissenschaftler, die fast schlimmer ist als der offene Boykott. Der Wahlsieg Cem Özdemirs in Baden-Württemberg ist eine dreifache Sensation, freut sich die taz.
07.03.2026. In der FAS macht sich die israelische Schriftstellerin Zeruya Shalev Sorgen um Israel, das nicht nur von außen, sondern auch von innen bedroht wird. Morgen ist Internationaler Frauentag: Die taz macht sich Gedanken über weibliche Solidarität. Sie hofft außerdem, dass die iranischen Frauen nach dem Sturz des Regimes die politische Zukunft des Landes mitgestalten. Die NZZ blickt auf den Kampf der VAE gegen Islamismus. Europa ist out, meint im FR-Gespräch der Historiker Peter Frankopan.
06.03.2026. Die Beschwörungen des Völkerrechts sind ja rührend, schreibt der iranische Künstler Saleh Rozati im Standard, aber wo waren die sorgenvollen Experten, als der Iran seine Bevölkerung massakrierte? Die taz verabschiedet sich liebevoll vom Stuttgarter Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann, obwohl dieser Rostbraten liebt. Für die Zeit besteht Hoffnung für eine europäische Konkurrenz zu Tiktok und Instagram: Da ist das Start-up Crags, das Kletterer zusammenbringt. Alle Feuilletons kritisieren die Überprüfung linker Buchhandlungen durch den Verfassungsschutz.
05.03.2026. Der Angriff auf den Iran ist in jeder Hinsicht eine Verletzung des Völkerrechts, erklärt der ehemalige Verfassungsrichter Andreas Paulus in der FAZ. "Wo war eure Sorge um das Recht, als die Islamische Republik ihr eigenes Volk massakrierte?", fragt in der NZZ die im Exil lebende iranische Aktivistin Masih Alinejad zurück, die außerdem daran erinnert, dass die UNO die Islamische Republik in beratende Positionen im Menschenrechtsrat berufen hat. In der Welt hat der Reporter Scott Anderson wenig Hoffnung auf einen regime change - das sei durch Luftangriffe allein noch nie gelungen. Vergesst die Politik, Ingenieure, Chemiker und Physiker werden die Menschheit retten, verkündet frohgemut der Wirtschaftsnobelpreisträger Joel Mokyr in der Zeit. Die taz freut sich schon auf ihren Pflegeroboter.
04.03.2026. Wer beim Angriff auf den Iran die Verletzung des Völkerrechts beklagt, muss auch erklären, warum die Welt jahrzehntelang zu den Verbrechen der Mullahs geschwiegen hat, meint in der Zeit der Philosoph Reza Mosayeb. Das ist eine andere Rechtsfrage, hält in der FR Nicole Deitelhoff dagegen. In der SZ glaubt Timothy Snyder, dass Trump sich mit dem Angriff nur bereichern will. Vergesst die Ukraine nicht, ruft in der SZ Francis Fukuyama. In der Jüdischen Allgemeinen streiten die Historiker Jan Grabowski und Stephan Lehnstaedt über Grzegorz Rossoliński-Liebes Buch "Polnische Bürgermeister und der Holocaust" und die Frage der Kollaboration - auch in der FAZ geht die Debatte weiter.
03.03.2026. Das Völkerrecht darf als Argument nicht nur gegen Amerika und Israel verwendet werden, sagt der Politikwissenschaftler Ali Fathollah-Nejad in der FAZ, die größte völkerrechtliche Katastrophe in dem Spiel sei der Iran: "Solch ein Staat hat seine Existenzberechtigung verwirkt." Die Zeitungen fragen, wer der neue starke Mann im Iran ist: Ali Laridschani heißt er, einerseits ein Pragmatiker, andererseits einer der Organisatoren des Massakers an der eigenen Bevölkerung. Berlin plant einen "Aktionstag gegen Islamophobie". Ist das wirklich im Moment das größte Problem, fragt die Grüne Eva Quistorp in starke-meinungen.de. Und: Die FAZ meldet Panik bei CNN, wo man jetzt den Kumpeln von Trump gehört.
02.03.2026. Was ist Trumps Plan, fragt Anne Applebaum in Atlantic nach dem israelisch-amerikanischen Schlag gegen das Mullah-Regime. Das bleibt unklar, den Iranern helfen hat jedoch keine Priorität, fürchtet sie, das war schon unter Obama so. Khamenei war nicht gerade ein Charismatiker, schreibt Hussein Aboubakr Mansour in seinem Blog, aber ein sehr erfolgreicher Architekt des letzten Systems, das er in der Nachfolge der Nazis sieht. In der FR warnt Olivier Roy vor der gefährlichen Illusion, der Iran sei ein fragiler Staat. Die taz ist entsetzt über den "MAGA-Imperialismus". In Le Point fragt Kamel Daoud: "Warum zieht die globale Linke einen lebenden Khamenei einem freien Iran vor?"
28.02.2026. Israel und die USA haben den Iran angegriffen. Laut NZZ warten die iranischen Ayatollahs bisher vergeblich auf die Ankunft des Mahdi. Woher kommt eigentlich linker Antisemitismus? Die taz und die SZ suchen nach Antworten. In der NZZ hofft Herfried Münkler, dass Europa nach den Kopfnüssen durch Putin und Trump endlich aufwacht, und zwar kräftig. In der taz erzählt eine Kiewerin, wie ihr Kriegswinter verlief.
27.02.2026. Wie verhalten sich Menschen in Diktaturen? "Millionen Leute schauen weg", ist die deprimierte Erkenntnis des belarusischen Autors Sasha Filipenko in der NZZ. Seine Studenten können ihn mit KI nicht betupsen, versichert Markus Gabriel in der FAZ. Gegen die KI ist nur ein Kraut gewachsen meint hingegen die FR: ein bedingungsloses Grundeinkommen. Einst war die "Dritte Kultur" in der FAZ das ganz große Ding, nun steckt sie sie in die Konkursmasse der Epstein Files. Die Warner Brothers und damit auch der Trump-kritische Sender CNN gehen jetzt doch an den Trump-Kumpel Larry Ellison, meldet unter anderem golem.de.
26.02.2026. In einem Offenen Brief fordern Deutsch-Iraner die Bundesregierung auf, strafrechtlich gegen die iranische Regierung zu ermitteln. Die Welt rätselt, was die Folgen für Nigel Farages Partei "Reform UK" sind, nachdem sich ein Rechtsaußen-Zweig als "Restore UK" abgespalten hat. In der NZZ erklärt Anna Schor-Tschudnowskaja, wie Putin mit dem Uni-Fach "soziale Architektur" eine vollkommen zufriedene Bevölkerung heranziehen will. China will das auch, mit der "Xi-Jinping-Lehre", informiert Zeit online. Keine Ausweispflicht im Netz, fordert der Kommunikationswissenschafter Christian Pieter Hoffmann in der NZZ.