9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
18.10.2025. "Was ist das für eine Welt, in der es eines Trumps bedarf, um einen Krieg zu beenden", fragen sich Doron Rabinovici in der FAS und Zeruya Shalev in der NZZ. Rabinovici fragt allerdings auch, was die eigentlichen Motive jener pro-palästinensischen Aktivisten sind, die jetzt plötzlich schweigen. In Polen haben pro-palästinensische Aktivisten derweil dafür gesorgt, dass Herta Müller bei einem Festival nicht auftreten wird, berichtet die Welt. Es gibt durchaus Proteste gegen Trump in den USA, sie werden nur von den Medien ignoriert, versichert in der FAZ die amerikanische Anwältin Rachel Cohen. Und die taz erzählt, wie die Taliban in Afghanistan gegen das Internet vorgehen.
17.10.2025. In der Türkei bitte nicht lachen - darauf stehen viereinhalb Jahre Gefängnis, berichtet Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Die taz verabschiedet sich von der, äh, taz: naja jedenfalls im Print. Gut so, ruft Arno Widmann in der FR. In der SZ erzählt die Taiwaner Ex-Digitalministerin Audrey Tang, warum die Schüler des Landes jetzt länger schlafen. In der Jüdischen Allgemeinen schreibt Marko Martin einen Nachruf auf Richard Herzinger.
16.10.2025. In der FAZ kritisiert Kamel Daoud scharf eine westliche Linke, die einen Boualem Sansal in seiner Gefängniszelle vergisst, weil er sich nicht brav in die Rolle des Dekolonisierten fügt. In der SZ sucht Karl Schlögel nach Gründen, warum so wenig Russen gegen den Ukrainekrieg protestieren. Die Franzosen sind keine reife Gesellschaft, bedauert die Philosophin Corine Pelluchon im Interview mit der Zeit. Und: Der Perlentaucher resümiert Reaktionen auf den Tod Richard Herzingers.
15.10.2025. In der NZZ erklärt Richard C. Schneider das Prinzip des jüdischen Pikuach Nefesh, dem Yahya Sinwar seine Freilassung aus einem israelischen Gefängnis verdankt. Die Hamas tritt in Gaza derweil wieder in voller Waffenmontur auf, berichtet der Spiegel. In der FAZ erinnern sich ehemalige Schüler Karl Schlögels an Exkursionen gen Osten mit ihrem Professor. In der SZ fragt der israelische Rapper Ben Salomo, wie es nicht antisemitisch sein könne, seinem 5-jährigen Sohn "Free Gaza" hinterherzurufen. In der Zeit suchen die Soziologen Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey nach Erklärungen für den Erfolg der Rechtspopulisten.
14.10.2025. In der SZ schildert Zeruya Shalev ihre zwiespältigen Gefühle am Tag der Heimkehr der Geiseln - Euphorie darüber einerseits, Angst und Fragen andererseits: Denn zu den freigelassenen palästinensischen Gefangenen gehört auch der Attentäter, der sie im Jahr 2004 fast umgebracht hatte. In der FAZ lernt Heinrich August Winkler einiges über Konrad Adenauer und diese "lästige und unangenehme Sache" namens Berliner Mauer. In der FR fragt sich Karl Schlögel, ob die Europäer den Ernst der Lage begreifen. Und die Buchmesse beginnt: Die FAZ wirft einen Blick auf die Lage der Branche.
13.10.2025. Die Hamas hat die ersten sieben Geiseln freigelassen, meldet die Jüdische Allgemeine. Muss man Donald Trump nun dankbar sein, fragt Zeit Online. Solange die Hamas die Waffen nicht abgibt und Israel sich nicht aus Gaza zurückzieht, ist ein dauerhafter Frieden nicht in Sicht, fürchtet Politico. Die SZ vermisst auf einer Basler Konferenz ein lustmaximierendes Angebot der Linken für die Zukunft der Gesellschaft. In einer Leipziger Rede blickt Nino Haratischwili aus postkolonialer Perspektive auf Europa. In der FAZ fragt der Historiker Felix Ackermann, warum das Auswärtige Amt ausgerechnet beim Forum für historische Belarus-Forschung sparen will.
11.10.2025. taz und Zeit mäkeln über den Friedensnobelpreis für María Corina Machado, denn die Dame ist bürgerlich, ja, liberal. In gewisser Hinsicht hätte der skrupellose Trump den Preis verdient gehabt, findet Michael Wolffsohn in der FAZ. Die Welschen sind gekränkt, das Frühfranzösisch verkümmert, fürchtet die NZZ. "Frankreich ist ein ängstliches Land geworden", sagt Daniel Cohn-Bendit in der Zeit. Die taz bringt eine Hommage Gerd Koenens auf Karl Schlögel.
10.10.2025. Die Waffenruhe im Gaza-Krieg scheint zustande zukommen. Nach der Hamas hat auch die israelische Regierung zugestimmt, die Geiseln werden freikommen. Natürlich bleibt die Lage heikel. Wie heikel sie im Alltag ist, erzählt die israelische Psychologin Ayelet Gundar-Goshen im Gespräch mit der NZZ. In Europa wird unterdessen über den Antisemitismus der Linken diskutiert. Und über das Schwanken der Demokratien, das vor allem der Rechten angelastet wird.
09.10.2025. Es geschehen noch Zeichen und Wunder: Israel und Hamas habe sich auf eine erste Phase des US-Friedensplans geeinigt, melden die Zeitungen heute. Ein Zusammenleben von Israelis und Palästinensern muss die Friedlichkeit zum Prinzip erheben, dem alles untergeordnet wird, fordert in der Zeit der Historiker Tom Khaled Würdemann: die Selbstbestimmung der Palästinenser ebenso wie die Unverletzlichkeit eines jüdischen Staates. Die Welt fordert eine Abrechnung mit Angela Merkels Ostpolitik. In der SZ warnt Thomas Chatterton Williams: rechte Cancel Culture ist auch nicht besser als linke.
08.10.2025. In Frankreich herrscht politisches Chaos. Es riecht nach einem unrühmlichen Ende für Macron. Und: Le ridicule tue. In Amerika baut sich zugleich ein Regime der Schamlosigkeit auf, dem der in Zeit online befragte Slavoj Zizek sogar die Heuchelei vorzieht. Ein Video der New York Times liefert eine unheimliche Bestätigung dieser Beobachtung. Nick Cohen im Spectator und Eva Illouz im Spiegel reflektieren unterdessen den schamlosen neuen Antisemitismus der westlichen Linken.