9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Der Zusammenbruch unserer semantischen Kategorien

07.10.2025. Der 7. Oktober hat die Begriffe zerstört, schreibt Eva Illouz in der SZ. "Links, Rechts, Rassismus, Kolonialismus, Antisemitismus - all diese Begriffe haben ihre Bedeutung verloren." Viele Artikel versuchen heute das Datum zu reflektieren - viel Kritik an der israelischen Regierung ist dabei. Herfried Münkler erklärt - ebenfalls in der SZ - , wie der "asymmetrische Krieg" mit "bildgestützten Erzählmustern" funktioniert. Außerdem: Was ist los in Frankreich?

Bezüge zu Dschingis Khan

06.10.2025. Das Attentat von Manchester war vorhersehbar, und es geschah in einem gesellschaftlichen Umfeld, das den Täter nur ermutigen konnte, schreibt der Historiker Simon Sebag Montefiore im Jewish Chronicle. Auch in Deutschland kursieren Morddrohungen, warnt die taz. Der Spiegel erzählt, warum die mongolische Kultur in China jetzt nur als "Kultur der Nordgrenze" bezeichnet wird. In der SZ erklärt die Reporterin Natalie Amiri, warum sie auch Hoffnungen in Benjamin Netanjahu setzt. Welt-Autor Thomas Schmid sucht nach der eigentlichen Erklärung für den Erfolg der AfD

Vision von einem Land für alle

04.10.2025. "Wir befinden uns längst mitten in einem Kalten Cyberkrieg", behauptet im Interview mit der Zeit die amerikanerische Hackerin Chris Kubecka. In der FAZ erzählt der tschechische Schriftsteller Jaroslav Rudiš von der bedrückten Stimmung in Tschechien vor den Parlamentswahlen an diesem Wochenende. Die taz erinnert an die Geiseln der Hamas, fordert aber zugleich, den 7. Oktober nicht als Auslöser für den Gaza-Krieg sehen, sondern als Ergebnis eines israelischen Siedler-Kolonialismus. In der FAS erzählt die russische Investigativ-Journalistin Jelena Kostjutschenko vom schwierigen Verhältnis zu ihrer Putin ergebenen Mutter.

Ein Naher Osten ohne Hamas

02.10.2025. Am Wochenende wird in Tschechien gewählt und die Aussichten für die EU- und Nato-kritischen Rechtspopulisten um den Milliardär Andrej Babiš stehen gut, fürchtet die taz. Unterdessen ist Britannien trotz Labour-Regierung fest in der Hand von Nigel Farage, behautet A.L. Kennedy in der SZ. In der NZZ fühlt sich der Historiker Christian Osthold angesichts von Putins Krieg in der Ukraine an stalinistische Gewaltmuster erinnert. Deutschland blockiert sich selbst mit seiner Verklärung der alten Bundesrepublik, warnt der Historiker Frank Trentmann in der FR. In der taz erklärt der Ökonom Martin Gornig, wo in Deutschland das wirkliche wirtschaftliche Gefälle liegt: Nicht zwischen Ost und West, sondern zwischen Stadt und Land.

Blockhüttenheimeligkeit

01.10.2025. Viel gibt's noch nicht zum neuen Friedensplan für Gaza. Für den Nahostexperten des BND Gerhard Conrad (Jüdische Allgemeine) steht allerdings fest: Die Hamas hat verloren. In der FAZ sehen Saba-Nur Cheema und Meron Mendel vor allem die Lücken im Plan. In der SZ hätte sich die deutsch-palästinensische Schriftstellerin Joana Osman einen nachhaltigeren Frieden mit mehr sozialer Gerechtigkeit gewünscht. Außerdem zeichnet der Historiker Alexey Tikhomirov in der FAZ ein rabenschwarzes Bild des russischen Überwachungsstaates. Bei Zeit online hofft Aleida Assmann auf eine Stärkung des kritischen Bewusstseins, um die Demokratie zu verteidigen.

Viele verunsicherte Männer

30.09.2025. Donald Trump und Benjamin Netanjahu haben einen Friedensplan für den Gaza-Krieg vorgestellt - wir verlinken auf ihn und bringen allererste Reaktionen.  Aus Moldawien kommen endlich mal gute Nachrichten, freut sich die FAZ nach dem proeuropäischen Ausgang der Wahlen.  In der SZ erklärt Politikwissenschaftlerin Birgit Sauer , wie Rechtsextreme mit den Frustrationen junger Männer spielen. Und Holger Friedrich möchte zunächst mal die Zeitungen der DDR wiederbeleben, berichtet die Welt.

Das Trauma reicht nicht aus

29.09.2025. In der FAZ fragt Sönke Neitzel: Kann eine Bundeswehr funktionieren, die 10.000 Oberstleutnants hat - und gleichzeitig nur 10.000 Obergefreite? Die SZ ist empört: Wenn Comedians wie Dave Chapelle und C.K. Louis eine Gage von 1,6 Millionen Dollar bekommen, dann treten sie auch in Saudi Arabien auf. Für die NZZ liest der niederländische Schriftsteller Arnon Grünberg Hitlers "Mein Kampf", das vor hundert Jahren erschien, und bescheinigt dem Buch eine unheimliche Aktualität. taz und Spiegel online berichten von der Berliner Gaza-Demo.

Das Leben selbst wurde zur Story

27.09.2025. In der FR fragt Giuliano da Empoli: Wenn wir die Azteken sind, wer sind dann die Männer mit den FeuerstäbenTimothy Snyder weist in seinem Blog auf einen ziemlich unheimlichen Vorgang hin: Der amerikanische Verteidigungsminister hat sämtliche Generäle aller Streitkräfte nach Virginia einbefohlen. Warum? Mit Blick auf die Zukunft Europas warnt die FAZ: Vieles hängt von Gagausien ab. Queernations fragt: Warum identifiziert sich eigentlich ausgerechnet die queere Szene so verzückt mit dem blutigen Machismo der Hamas?

Mit deinen Sachen zum Ausgang

26.09.2025. Tayyip Erdogan ist es nie gelungen, die türkische Kulturszene auch nur im mindesten auf seine Seite zu ziehen. Dafür bestraft er sie nun mit immer neuen Festnahmen, erzählt Bülent Mumay in seiner FAZ-Kolumne. Politischen Gefangenen in Russland ergeht es noch schlimmer, erfahren wir in der SZ. Der ehemalige französische Präsident Nicolas Sarkozy ist zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt worden, und das ist richtig so, meint Lejournal.info. In den 683 Tagen seit dem 7. Oktober 2023 gab es in Berlin 865 Demonstrationen gegen Israel. Aber das reicht laut taz nicht aus - morgen folgt die größte aller Zeiten.

Das Schicksal Amerikas selbst

25.09.2025. Die Welt druckt aus unklaren Gründen die Rede Donald Trumps vor der UN-Generalversammlung. Die SZ benennt, was man aus dieser Rede schließen kann: nichts, gar nichts. Ebenfalls in der SZ legt Timothy Snyder dar, dass es jetzt auf die demokratischen Bundesstaaten in den USA ankommt, falls man dort die Demokratie noch retten will. Die taz hat eine entsetzliche Entdeckung gemacht: Es gibt Linke, die für Israel sind, aber das "passt einfach nicht zusammen". In der NZZ ruft Karl Schlögel die Europäer auf, "Abschied zu nehmen von einer Welt, die es so nicht mehr gibt".