9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Bereitschaft zum Widerspruch

12.09.2025. Ein politischer Mord stört das ohnhin hoch polarisierte Amerika auf - der junge und extrem populäre MAGA-Aktivist Charlie Kirk wurde in Utah erschossen. Der Täter ist bisher nicht gefasst. Kirk war ein Extremist, resümieren die Medien, aber man kann nicht leugnen, dass er die Debatte suchte. Die taz findet den neuen SPD-Vorschlag für das Bundesverfassungsgericht - die Richterin Sigrid Emmenegger - eher feige.

Die Ferien sind heilig

11.09.2025. Russische Drohnen im polnischen Luftraum zeigen vor allem eins: Putin glaubt, den Westen ohne die USA nicht fürchten zu müssen, meint die SZ. Die Streichung von zwei Feiertagen war der Kardinalfehler der Regierung Bayrou, erklärt Pascal Bruckner in der Welt: Das galt als Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Michael Elgort wüsste gern, was der spanische Premierminister Pedro Sanchez gern mit Atomwaffen gegen Israel machen würde. Die Zeit bringt das Dilemma des Nahostkonflikts auf den Punkt: Die Zweistaatenlösung ist out, aber eine Alternative gibt es nicht. Die taz fragt, ob die NYT eigentlich überhaupt noch recherchiert.

Nationale Nabelschau

10.09.2025. Während Polen einige russische Drohnen abgeschossen hat, versucht heute die Bewegung "Blockiert alles" Frankreich lahm zu legen. Nachdem die Franzosen den König geköpft und die Republik säkularisiert hatten, blieb ihnen nur noch die Ideologie, versucht im Spiegel der Soziologe Gérald Bronner die allgemeine Blockadewut zu erklären. Kompromisse gehören nicht zum Habitus der Fünften Republik, meint die SZ. Die FAZ fragt, was das neue Leuchtturmprojekt "Zukunftszentrum Deutsche Einheit und Europäische Transformation" in Halle an der Saale eigentlich will, außer Jobs für Wissenschaftler schaffen?

Fortwährende innerdeutsche Selbstbespiegelung

09.09.2025. In der taz analysieren Claus Leggewie und Daniel Cohn-Bendit die trübe Suppe aus linken und rechten Parolen, mit der die französische "Bloquons tout"-Bewegung auftritt. In der Welt schreibt Marko Martin über DDR-Nostalgie nicht nur der Linken. Auch Hunde sind im Iran ein Symbol, informiert hpd.de. Und was wird Bari Weiss wohl bei CBS machen, fragt die FAZ.

Dass alles irgendwann auseinanderfällt

08.09.2025. Die Ukraine braucht keine Friedenstruppen in der Zukunft, sondern mehr Hilfe jetzt, ruft die NZZ angesichts der schweren Angriffe auf Kiew. taz, FAZ und SZ blicken nach Britannien, wo Nigel Farages rechtspopulistische UK Reform in den Meinungsumfragen inzwischen stärkste politische Kraft ist. In Frankreich sieht es nicht besser aus, dort gibt es inzwischen eine linke neue Bewegung, die auch keine Lösung verspricht: Bloquons tout. Die FAS besucht Deutschlands erstes Dokumentationszentrum zum NSU in Chemnitz.

Eindrucksvoller als die ganzen Radikal-Rhetoriker

06.09.2025. Leila Slimani ruft in Telquel zur Solidarität mit der marokkanischen Feministin Ibtissame Lachgar auf, die wegen eines T-Shirts zu dreißig Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Greta Thunberg bricht erneut nach Gaza auf. Wenn sie Pech hat, trifft sie dort laut FAZ auf Itamar Ben-Gvir. In der NZZ erzählt der Journalist vom  katastrophalen Niedergang Kubas - und von der einstigen kubanischen Demokratie. In der taz warnt der finnische Militärexperte Joel Linnainmäki, dass sich die Dynamik im Ukraine-Krieg zugunsten Russlands dreht.

Die Sauerei des Sterbens beenden

05.09.2025. Bei Wladimir Putin wird es wohl auf Unsterblichkeit hinauslaufen - im Gespräch mit Xi Jinping bei der Militärparade in Peking hat er laut FAZ über seine diesbezüglichen Hoffnungen geplaudert. Damit greift er sowjetische Traditionen auf, schon damals riet man zu Transfusionen von jungem Blut, informiert Zeit online. Die SZ erklärt mit Ezra Klein, was Wachstum ist. Der Genozidvorwurf gegen Israel wird weiterhin bekräftigt und bestritten.

Lauter ratlose Linke

04.09.2025. Donald Trump ist das Beste, was Europa passieren konnte, freut sich Pascal Bruckner in der NZZ und hofft auf eine Emanzipation Europas. In der Zeit kann es die Philosophin Manon Garcia nach dem Pelicot-Prozess nicht fassen, wieviele Männer bereit sind zu vergewaltigen. In der Zeit erinnert Michael Thumann an das Pogrom gegen die Griechen von Istanbul vor siebzig Jahren. Wer selbst nicht an die Wissenschaftsfreiheit glaubt, kann sich schlecht beschweren, wenn sie angegriffen wird, meinen Alexander Bogner und Caspar Hirschi in der FAZ mit Blick auf die US-Unis.

Abwägungen zwischen moralischen Gütern

03.09.2025. In der Financial Times ruft Fania Oz-Salzberger die gemäßigten Israelis und Palästinenser auf, sich gegen die Radikalen auf beiden Seiten zu stellen. Die FAZ ist nicht ganz einverstanden mit Anne Rabes These, die Verächtlichmachung der Moral sei schuld am Rechtsruck in Deutschland. Ebenfalls in der FAZ stellt der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn fest, dass sich linker und rechter Antisemitismus inzwischen vermischt hat. Die "International Association of Genocide Scholars" bestätigt den Genozid-Vorwurf gegen Israel: Endlich, meint die taz. Times of Israel kritisiert hingegen unseriöse Methoden bei der Abstimmung. 

Zwei Denkfehler im Westen

02.09.2025. Der größte Feind der Demokratie ist Langeweile, lernt die Welt aus einem alten Buch von Francis Fukuyama. Frust mit der Demokratie diagnostiziert auch der belgische Autor David Van Reybrouck in der FR. Sein Rezept: mehr Referenden und Bürgerräte. Und Absicherung der Bundeszentrale für politische Bildung, fordert deren Chef in der SZ. In der NZZ fragt der Historiker Andreas Rödder, wie sich die Weltlage nach dem Fall der Mauer wieder derart verkrampfen konnte. Außerdem fürchtet die NZZ einen Auftrieb extremistischer Kräfte weltweit, wenn Indonesien seinen religiösen Pluralismus aufgibt.