9punkt - Die Debattenrundschau

Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Die letzten Reste von Freiheit

19.05.2025. Die Grünen fordern einen Untersuchungsausschuss zu Angela Merkels Gaspolitik - an der waren allerdings mehr Kräfte beteiligt als Merkel, meint der SPD-Politiker Michael Roth auf Twitter. Die NZZ ist erleichtert, dass der Pro-Europäer Nicusor Dan die rumänischen Wahlen gewonnen hat. Die SZ zeichnet den Niedergang der Washington Post unter Jeff Bezos nach. Es wird weiter über die "Jerusalemer Erklärung" gestritten.

Ein gutes Klima unter Putin?

17.05.2025. Das "Zeitalter einer neuen Wirklichkeit" ist angebrochen und es wird beherrscht von "Panzermenschen" wie Trump und Musk, meint der Kulturwissenschaftler Klaus Theweleit im Zeit-Online-Interview. Der Osteuropa-Historiker Oliver Jens Schmitt fragt in der NZZ, warum die massiven Proteste in osteuropäischen Ländern keinen dauerhaften politischen Wandel herbeiführen. FAZ und taz blicken auf die morgigen Wahlen in Rumänien und Polen.

Dieses Vakuum aus Phrasen

16.05.2025. Am Sonntag könnte ein Rechtsextremist zum Präsidenten Rumäniens gewählt werden - die taz erklärt, was die unaufgearbeitete Vergangenheit des Landes damit zu tun hat. In der NZZ schreibt Richard C. Schneider über die Krise der jüdischen Identität angesichts des rasenden Antisemitismus weltweit und einer israelischen Regierung, die zugleich zentrale Elemente dieser Identität preisgibt. hpd.de fragt bei deutschen Islamverbänden nach: Betrachten Sie die Fatwa der "International Union of Muslim Scholars (IUMS)", die zum Dschihad gegen "das zionistische Gebilde" aufruft, als bindend? Keine Antwort.

Begründeter Alarm

15.05.2025. Big Data hat viel Ähnlichkeit mit großen Kolonialunternehmen wie der Britischen Ostindien-Kompanie, meint in der taz der Afrikanist Joel Glasman. In der NZZ flirtet der rumänische Ultranationalist und Favorit bei den Präsidentschaftswahlen George Simion mit dem Gedanken einer Monarchie in Rumänien. Die taz begutachtet den faschistischen Kampf gegen den Faschismus, der Serben und Russen eint. Bei uns träumen nicht nur Rechtsextreme von einem besonderen Verhältnis zu Russland, warnt Gerd Koenen in der Zeit. Die Bauernkriege vor 500 Jahren wären ohne neue Medien nicht möglich gewesen, schreibt Uta Ruge im Perlentaucher.

Besser als Puschkin

14.05.2025. Bestimmen die Hohenzollern die öffentliche Geschichtspolitik mit, fragt die SZ. Die taz empfiehlt der Koalition die gerade in Österreich erprobte Rhetorik der Vernünftigkeit als Mittel gegen Rechts. Der Spiegel fragt die Linke, warum sie lieber über Antisemitismusdefinitionen spricht als über Antisemitismus. Rupture-mag.fr erzählt, wie Algerier in Frankreich vom algerischen Geheimdienst unter Druck gesetzt werden. Nius veröffentlicht das Gutachten des Verfassungsschutzes über die AfD.

Die schiere Menge leuchtender Punkte

13.05.2025. Offenbar zeichnet sich ein Kompromiss im Hohenzollern-Streit ab. Die Familie darf genug Memorabilien verscherbeln, um damit Millionen zu machen - wenn auch nicht den Watteau -  und dafür in künftigen Ausstellungen über die deutsche Geschichte kräftig mit kuratieren, resümiert die FAZ. In Zeit online kritisiert Martin Puchner den Begriff der "kulturellen Aneignung". Nochmal die FAZ thematisiert mit Deborah Schnabel und Eva Berendsen von der Bildungsstätte Anne Frank die allseitige Relativierung des Holocaust. Und hpd.de stellt fest: Die Bundesregierung ist weitaus  frommer als ihr Volk.

Sogenannte dunkle Fabriken

12.05.2025. Das Treffen von Emmanuel Macron, Friedrich Merz, Keir Starmer und Donald Tusk in der Ukraine war denkwürdig. Damit es historisch wird, müssen die Politiker allerdings auch ihre Drohungen gegen Putin wahrmachen, falls er  nicht reagiert, meinen taz und SZ. Die Linkspartei hat sich bei ihrem Parteitag zur "Jerusalemer Erklärung" bekannt - Andrej Hermlin ist in der Jüdischen Allgemeinen empört darüber. Die SZ zeichnet den Weg Roger Koeppels von einem als seriös geltenden Journalisten zum haltlosen Putin-Groupie nach.

Build, baby, build

10.05.2025. Der Spiegel hat das 1.108 Seiten lange Verfassungsschutzgutachten zur AfD gelesen. Die bisher nur bekannte Pressemitteilung hatte es demnach gut zusammengefasst. Nun stellt sich die Frage des AfD-Verbots, das von einer Mehrheit der Deutschen laut Tagesspiegel befürwortet wird. Die Medien arbeiten sich an Kulturminister Wolfram Weimer ab: Wird es eine konservative Wende geben? Er hätte zu tun, denn "Kultur ist zu einer Leerstelle in unser Gesellschaft geworden", klagt der E-Musik-Blogger Axel Brüggemann in Backstageclassical. Die FAS hat unterdessen eine linke Antwort auf die neue rechte Hegemonie: nicht "Degrowth", sondern "Abundance".

Risiko einer unbeabsichtigten Eskalation

09.05.2025. Noch glaubt der vom Spiegel befragte Politologe Chietigj Bajpaee  zwar nicht, dass sich der Konflikt zwischen Indien und Pakistan zum großen Krieg auswächst - aber die Situation ist brenzlig. In der New York Times kritisiert Bill Gates scharf die Streichung humanitärer Gelder durch die Trump-Regierung: Das Leben von Millionen Kindern sei gefährdet. Wir sind Papst, rufen die Amerikaner, aber nicht Päpstin, kritisieren einige. In hpd.de fordert die SPD-Politikerin Lale Akgün auch in Deutschland Trennung von Staat und Religion. Zeit und RBB haben herausgefunden: SPD- und CDU-Politiker pflegen weiterhin den "Petersburger Dialog". Zur Not auch heimlich.

Frei zu sein

08.05.2025. Heute ist Tag der Befreiung. Oder doch nicht? Fühlen sich AfD-Wähler befreit, fragt Zeit online. Doch, die meisten Deutschen waren froh, glaubt der Historiker Peter Longerich in der FR. In der NZZ mahnt der Historiker Norbert Frei eine Änderung der deutschen Erinnerungskultur an. In der SZ sieht Herfried Münkler das vorläufige Ende einer Ära des Friedens und Wohlstands. Wir müssen über die angeblich unvermeidliche Aufrüstung reden, forderten kürzlich sechs Autoren in der Zeit. Gern, aber nicht so, antworten ihnen heute ebendort Carlo Masala und Armin Nassehi.