9punkt - Die Debattenrundschau
Kommentierter Rundblick durch die Feuilletondebatten. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
07.05.2025. In der SZ ist der israelische Historiker Amir Teicher sehr, sehr müde vom Protestieren gegen seine immer absurder agierende Regierung. In Le point geißelt Kamel Daoud den wachsenden Rassismus in Algerien. Die FAZ denkt darüber nach, wie die Erinnerungspolitik in Deutschland durch Linke und Rechte verändert wird. In der taz erklärt Sachsens Innenminister Armin Schuster, warum es trotz Rechtsextremismus-Siegel, schwierig ist, die AfD zu verbieten.
06.05.2025. Der Marathon zum 8. und 9. Mai ist noch nicht zu Ende. Heute erzählt Irina Scherbakowa in der taz, dass der 9. Mai in der Sowjetunion ein stiller Gedenktag war, bevor er 1965 von Breschnew zum offiziellen Feier- und Triumphtag umgeformt wurde. In der FR hofft Aleida Assmann auf migrantische Impulse im deutschen Gedenken. In der Welt appelliert Garri Kasparow an Friedrich Merz, eine schärfere Politik gegen den Putinismus durchzusetzen. Die FAZ freut sich sehr: Unser neuer Kanzler kann sprechen.
05.05.2025. Das Gedenken geht weiter - von wegen "Befreiung". Die Alliierten wollten besiegen, nicht befreien. Auch weil die Deutschen den Nazis bis zum Schluss treu ergeben waren, konstatiert Hubertus Knabe in der FAZ. In diesem Moment hatten die Westalliierten Mittelosteuropa bereits an Stalin ausgeliefert, ergänzt Jüri Reinvere ebenfalls in der FAZ. Über das Gutachten des Verfassungsschutzes zur AfD wird weiter diskutiert: Wird es in den Neuen Ländern irgendetwas ändern, fragt David Begrich in der taz. Michel Friedmann befürwortet in der Welt ein Verbot der AfD.
03.05.2025. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat die AfD als "gesichert rechtsextremistisch" eingestuft und begründet die Entscheidung mit islam- und muslimfeindlichen Äußerungen der Partei. Die Zeitungen versuchen die Konsequenzen dieser Meldung auszuloten. Einfach die Krim aufgeben und dann ist Frieden? Nikolai Klimeniouk erklärt in der NZZ mit einem Beispiel aus weit entlegenen Weltgegenden, warum das nicht funktionieren wird. Achtzig Jahre Befreiung: Es gibt eine Flut von Gedenkartikeln - einige zitieren wir. Und über Wolfram Weimer und Joe Chialo wird auch weiter diskutiert. Die taz gibt schließlich eine Reiseempfehlung: Vielleicht läuft es ja auf dem Planeten namens K2-18b besser.
02.05.2025. Die Russen haben dem Leichnam der ukrainischen Journalistin Victoria Roshchyna Augen und Kehlkopf entnommen und ihn als männlichen Leichnam deklariert, bevor sie ihn an die Ukrainer zurückgaben - ein Rechercheteam von Forbidden Stories hat diese Lüge aufgedeckt, die FAZ berichtet. Die taz erklärt, warum des Massakers von Dersim nur in Deutschland gedacht werden kann. Mehrere Medien beklagen den Kulturkampf der Trump-Regierung gegen die amerikanische Linke. Aktualisiert um 11.20 Uhr: Joe Chialo tritt als Berliner Kultusenator zurück.
30.04.2025. Die Zeitungen werden der Flut der Jahrestage kaum mehr Herr. In der FAZ erinnert der Historiker Manfred Kittel an die Vertreibung von Millionen Deutschen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg - und die sowjetische Rolle bei dem Geschehen. In der FR lotet Wolfgang Kraushaar das Trauma des Vietnamkriegs aus. In der Zeit fordern Svenja Flaßpöhler, Hartmut Rosa, Frauke Rostalski und Juli Zeh, doch erstmal längere Zeit nachzudenken, bevor man gegen Putin aufrüstet. Bei hpd.de stellen sich säkulare Sozialdemokraten gegen die grüne Idee, das Kopftuch in der Polizei zuzulassen.
29.04.2025. Sie haben sich zerstritten und wieder versöhnt: In einem gemeinsamen Text für die SZ hoffen Navid Kermani und Natan Sznaider auf die Zivilgesellschaften in Israel und Gaza und haben einen Rat für die neue deutsche Regierung. Der designierte Kulturminister Wolfram Weimer erschreckt die Feuilletons nach wie vor - Zeit online und Welt machen allerdings auch Positives aus. Die SZ weiß außerdem, warum Merz Weimer so gern hat. In der NZZ legt Viktor Jerofejew einen niederschmetternden Essay über die Lage der Ukraine und Europas vor.
28.04.2025. Für Befremden, ja Empörung in den Feuilletons sorgt die Entscheidung Friedrich Merz', ausgerechnet den Journalisten Wolfram Weimer zum Staatsminister für Kultur zu küren, der bisher nicht durch kulturpolitische Taten, dafür aber mit unseriösen reaktionären Traktaten hervorgetreten ist. Das Wiener Haus der Geschichte soll aus jenem Haus, in dem die Geschichte gemacht wurde, ausziehen, berichtet die NZZ. Außerdem warnen wir in diesen späten April- und und frühen Maitagen vor einem äußerst dichten Cluster historischer Gedenktage: Die FAZ erinnert zunächst mal an 75 Jahre Montanion und fünfzig Jahre Ende des Vietnamkriegs.
26.04.2025. In der FAZ erklärt der amerikanische Verfassungsrechtler Bruce Ackerman, dass die Gerichte in den USA Donald Trump nicht werden stoppen können: Das können nur die Wähler 2026. In der SZ erklärt Timothy Snyder, warum Trump obsolet werden könnte, wenn seine digitalen Oligarchie-Kameraden das Ruder übernehmen. In der FAS erzählt der Medienwissenschaftler Roland Meyer, wie KI von ebendiesen Oligarchen benutzt wird, Geschichte umzuschreiben. In der taz erklärt der Politologe Marc Saxer, wie ein neuer Westfälischer Frieden aussehen könnte: ganz ohne demokratische Missionierung.
25.04.2025. Trumps Verachtung für die Ukraine ist Verachtung für Demokratie, die sich im klaren sein sollte, was ihr blüht, wenn er mit seinem "Friedensplan" durchkommt, schreibt Richard Herzinger im Perlentaucher. Trump will sich de facto die Ukraine mit Russland teilen, meint auch Thomas Avenarius in der SZ. Unter dem Beifall von Putins fünften Kolonnen im Westen verabschieden sich die USA von ihrer Rolle als Führer der freien Welt, konstatiert Laurent Joffin in lejournal.info. Außerdem geht's in FAZ und SZ nochmal um Omri Boehm.