Efeu - Die Kulturrundschau
Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.
24.04.2026. Die FR bewundert in Frankfurt die Werke von Fritz Scholder, der schon in den Sechzigern mit seinen Bilder von Indigenen aneckte. Wer zum Boykott von Literatur aufruft, schadet in allererster Linie der Kunst, ruft Etgar Keret in der SZ. Löst die Trennung von E- und U-Musik auf, rät der Filmkomponist Anselm Kreuzer auf Backstage Classical. Die NZZ ist genervt vom immer gleichen Haltungstheater gegen rechts, der Guardian von einer Turnerpreis-Liste mit den immer gleichen Positionen. Und die FAZ findet es geschmacklos, Frida-Kahlo-Wellness-Wohneinheiten für 1,6 Millionen Dollar anzubieten.
23.04.2026. Le Point kann es nicht fassen: Kamel Daoud wurde vom algerischen Regime zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, weil er es wagte, über das Schwarze Jahrzehnt zu sprechen, während tausende Terroristen durch das gleiche Gesetz freigesprochen wurden. Nach Orbans Abwahl setzen sich Ungarns Filmemacher für eine neue Ära ein, die wieder unabhängige Gremien über die Filmförderung entscheiden lässt. Los Angeles mausert sich zur neuen Kunstmetropole, staunt die Zeit. Die FAZ bewundert den Neubau V&A East Museums, der nach Röntgenaufnahmen von Balenciaga-Kleidern entworfen wurde. Und die Welt lernt Bernini als Erfinder des barocken Rom kennen.
22.04.2026. Antoine Fuquas Michael-Jackson-Biopic "Michael" beschäftigt die Feuilletons. Dass der Film das Leben des Stars als Heiligenvita erzählt und die Missbrauchsvorwürfe ausspart, gefällt der FAZ gar nicht. Laut SZ ist "Michael" obendrein zum Einschlafen langweilig. Einhellige Zustimmung findet hingegen eine Berliner Ausstellung zu Bauhaus-Fotografinnen, der Tagesspiegel zeichnet nach, wie die Künstlerinnen um ihre Bildrechte kämpfen mussten. Die nachtkritik setzt mit Blick auf Marta Górnickas "Kassandra" zu einer Wutrede wider banal aktivistisches Theater an.
21.04.2026. Die taz stellt den kurdisch-stämmigen Modedesigner Sezgin Kivrim vor, der mit der kurdischen Flagge auf einem Pulli einen Shitstorm ausgelöst hat. Die FAZ wandert durch die poststrukturalistisch angelegten Ausstellungsräume der neuen David Geffen Galleries in LA und überlegt, was Elitismus ist. Monopol feiert in Baden-Baden die so unheimliche wie schöne Kunst von Katharina Wulff. Die NZZ wirft jungen Schriftstellerinnen wie Sally Rooney und Caroline Wahl vor, nur sozialverträglich aufmüpfig zu sein.
20.04.2026. Das Gorki-Theater verabschiedet sich von Shermin Langhoff - die Kritiker sehen mit Marta Górnickas "Kassandra" ein Deutschland anklagendes, aber rauschhaftes Stück. Die FAZ pilgert in das von Christoph Mäckler entworfene Terminal 3 des Frankfurter Flughafens. Der Verbrecher Verlag beklagt im Freitag die Masse an antisemitischen Kommentaren, mit denen er sich in sozialen Medien herumschlägt. Warum wollen wir gerade jetzt Filme über den Iran sehen und aus welchem Blickwinkel, fragt der Filmdienst. Regisseur Markus Schleinzer wünscht sich in dem Standard Erlösung im Zwischenmenschlichen und nicht auf der Leinwand.
18.04.2026. Die NZZ feiert in Zürich die Wiederentdeckung der Künstlerin Marisol, die die indigene Schnitzkunst in die Pop-Art brachte. Außerdem porträtiert die NZZ bei ihrem Rundgang über die Diriyah-Biennale saudische Künstler, die sich nicht einschüchtern lassen. Die FAS wird sich nach einer Ausstellung in München beim Friseur künftig vorm Zähneziehen fürchten. Die SZ träumt nach dem Besuch der Mailänder Designwoche vom Leben im Eames House. Der große Teil der Literaturkritik verzichtet aufs Verreißen, weil der ein oder andere Kritiker bereits einen Buchvertrag unterzeichnet hat, glaubt die taz. Und der Perlentaucher erinnert mit Tete Loepers Roman "Shut up and hide!" an den Genozid an den Tutsi in Ruanda.
17.04.2026. Die Theaterkritiker verlieren sich beim Berliner FIND-Festival mit Katie Mitchell und Maggie Nelson im Mund einer Mohnblume in Suff, Sex und Trauer. So hinreißend ist Raffael nie entzaubert worden, freut sich die Welt in einer monumentalen Ausstellung im New Yorker MET. Monopol findet Balance dank Alexander Calder in Paris. Artechock stöhnt angesichts der neofeudalen Gremien, die darüber entscheiden, dass Kunst die Bürger nicht ärgern darf. Und Boards of Canada geben ihr erstes Lebenszeichen nach 13 Jahren.
16.04.2026. Die FAZ ärgert sich, dass die Feier der Sexarbeit in der Bonner Bundeskunsthalle alle Probleme der Prostitution ausblendet. Die SZ hat lange nicht so grandioses Musiktheater gesehen wie in Tobias Kratzers Hamburger Inszenierung "Frauenliebe und -sterben". Aber darf ein männlich gelesener Regisseur überhaupt den Feminismus ins Musiktheater tragen, fragt die nachtkritik. Außerdem feiert die SZ Michel Houellebecq als Nachtwächter der europäischen Kultur. Die NZZ staunt in Anna Rollers gleichnamiger Verfilmung, wie schnell Leif Randts Roman "Allegro Pastell" aus der Zeit gefallen ist.
15.04.2026. Sind spanische Literaturpreise zu hoch dotiert? Nein, eher deutsche zu niedrig, findet die SZ. Moses Pelham darf - wahrscheinlich - Kraftwerk samplen, entscheidet der Europäische Gerichtshof. Der Tagesspiegel glaubt allerdings, dass die Entscheidung künftig die Kunstfreiheit eher einschränken wird. Die FAZ schlägt Alarm: Das Chemnitzer Bühnenkulturangebot könnte bald halbiert werden, wenn es nach der örtlichen SPD geht. Ebenfalls die FAZ ist ergriffen von Lee Millers Buchenwald-Fotografien, die zur Zeit in Weimar ausgestellt werden.
14.04.2026. FAZ und FR erleben in Andrea Breths Inszenierung der Puccini-Oper "Turandot" den Alptraum eines zeitlosen totalitären Regimes. Monopol erfährt vom polnischen Künstlerduo Bogna Burska und Daniel Kotowski, die den diesjährigen Biennale-Pavillon gestalten, wie Gebärdensprache und Walgesänge zusammenhängen. Die taz sieht bei einer Retrospektive der Filme von Hara Kazuo verstörende Bilder von japanischen Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Die Welt freut sich über eine angenehm prunklose Performance von Justin Bieber beim Coachella-Festival.