Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Verlischt und bleibt ewig

31.03.2026. FAZ und SZ applaudieren einer grandiosen Anna Netrebko in Rafael R. Villalobos "Maskenball"-Inszenierung in Berlin - die Welt ist nicht glücklich. Die SZ taucht in einer vor fünfzig Jahren gecancelten Ausstellung in Dortmund in das Leben griechischer Gastarbeiter ein. Der wahre Horror besteht darin, sterblich zu sein, verrät die Regisseurin Julia Ducournau im Filmdienst-Interview. Die Schauspielerin Kim Novak lehnt es ab, in einem Biopic von Sydney Sweeney gespielt zu werden, weiß die SZ: "zu sexy".

Frisch aus dem Reliquienschrein

30.03.2026. Alle strömen zu den Osterfestspielen in Salzburg, um Kirill Serebrennikows Inszenierung des "Rheingold" als rauschendes Klangfest zu erleben. Für James Blake hat Musik, die von Menschen geschaffen wurde und nicht von KI, etwas Widerständiges, sagt er im Zeit-Interview. Die taz taucht tief in die frühen Alben von Popol Vuh ein. Harry Lightons Langfilmdebüt über eine BDSM-Affäre überzeugt NZZ und Standard mit seiner Offenheit für eine ganz eigene Szene. Im frühen 19. Jahrhundert war der Künstler Joseph Kyselak sowas wie ein früher Sprayer, erfahren wir aus dem Standard.

Geld und Liebe

28.03.2026. So arbeitet man DDR-Vergangenheit auf, ruft eine amüsierte taz mit Blick auf Philipp Ladages Clipserie "DDR Mondbasis". Die Welt lässt sich von Thomas Ostermeier erklären, warum Molières "Der Geizige" so gut in die Gegenwart passt: Denn hier geht es um einen Egozentriker, der es nicht rafft. Die FR staunt über Sachar Prilepins Vorschlag für einen russischen Literaturnobelpreis - natürlich als "antikoloniales" Projekt. Die NZZ erzählt die Geschichte des Museums für zeitgenössische Kunst in Teheran. Die SZ versucht die Anziehungskraft der US-Indieband Geese zu verstehen: Ist es das menschlich Analoge?

Konzert der Intelligenzen

27.03.2026. Die Feuilletons trauern um Alexander Kluge, den vielleicht letzten Renaissance-Menschen unserer Gegenwart. Die Salzburger Festspiele steuern nach dem Absägen des Intendanten Markus Hinterhäuser auf die größte Krise der Nachkriegszeit zu, befürchtet die FAZ. Überhaupt steckt das "Theater zwischen Krisen", erfährt die nachtkritik aus einem gleichnamigen Forschungsband. Der Guardian lernt in Cambridge von Frank Bowling, dass auch abstrakter Expressionismus politisch sein kann.

Ausnahmsweise etwas lauter feiern

26.03.2026. FR und SZ applaudieren einmal mehr Richard Linklater, der Ethan Hawke in "Blue Moon" den weltbesten Anbeter von Schönheit spielen lässt. Die taz blickt in Berlin mit der schwedischen Fotografin Klara Lidén in Gullys, Mülleimer und unter Teppiche. Der Tagesspiegel dankt dem Berliner HKW, dass es an das Schicksal der Tirailleurs erinnert. In der FAZ befürchtet die Komponistin Charlotte Seither eine Übernahme der GEMA durch die Fraktion der Unterhaltungsmusik. Außerdem hat die FAZ dank Richard Brunels Inszenierung von Brittens "Billy Budd" in Lyon wieder Hoffnung in die Zukunft der Oper.

Verwandt seltsam

25.03.2026. Die FAZ staunt, dass Rapper plötzlich Mädchenpop gut finden. Die taz lernt in einer Grönland-Ausstellung in Bern ein Land voller Gegensätze kennen.  Will das Wiener Burgtheater wirklich nicht mehr als ein besseres Stadttheater sein, fragt die Welt. Der Standard fühlt sich von dem metaphysischen Trübsinn der Heavy-Metal-Band Neurosis verstanden. Backstage Classical überlegt, warum einige Journalisten unbedingt übergriffige Intendanten und Musiker verteidigen wollen. 

Herzige kleine Geschichten

24.03.2026. Russland will in seinem Biennale Pavillon einen "Raum für Dialog und Austausch" schaffen: Die taz findet das ziemlich zynisch. Die FAZ ist in der Den Haager Ausstellung "Birds" ein wenig orientierungslos, erfreut sich aber am exquisiten "Distelfink" von Carel Fabritius.  Die Zeitungen diskutieren das Ballett "Nurejew" an der Deutschen Oper: Warum hat sich Choreograf Yuri Possokhov nie zu seinen Engagements in Russland geäußert, fragt die taz. Die FR ist begeistert von der Opulenz, die FAZ findet die Inszenierung altmodisch. 

Göttliches Unwetter der Extraklasse

23.03.2026. Die Kritiker resümieren die Leipziger Buchmesse: Die SZ hofft, dass die Debatten um Weimer zu weiterer Reflexion über rechts und links anregen, die FAZ hätte sich gewünscht, dass mehr über KI und weniger über Weimer gesprochen wird. Meredith Monks rhythmische Körperbeherrschung begeistert den Tagesspiegel. Mit Rem Koolhaas' Erweiterungsbau des New Museum blicken FAZ und Zeit in die Zukunft. Die Wiederentdeckung des Komponisten Walter Braunfels bringt die Kritiker zum Jubeln. Die FAZ eröffnet eine Debatte über die Relevanz deutscher Bühnen.

Zumutungen der Gegenwart

21.03.2026. Die SZ ist hin und weg von Kirill Serebrennikovs und Yuri Possokhovs Ballett "Nurejew", das in Moskau vom Spielplan genommen wurde und nun in Berlin zu sehen ist. Die Zeit hört beim Literaturfestival LIT:potsdam gerne Salman Rushdie zu, der erklärt, warum Diktatoren so viel Angst vor Künstlern haben. Im Gespräch mit der FAS erzählt die Regisseurin Maryam Touzani, wie sie die Sinnlichkeit des Alterns in ihren Filmen festhalten will. Durch die Enttarnung von Banksy werden alle ärmer, meint die NZZ: Er selbst, seine Fans und die Medien.

Fest des Negativraums

20.03.2026. Die Preise der Leipziger Buchmesse wurden verliehen: Belletristiksiegerin ist Katerina Poladjan mit ihrem Roman "Goldstrand". Vielleicht weil sich Poladjan den Themen Krieg und Flucht märchenhaft nähert, glaubt die Welt. Aber Mut zur Politik hat sie auch, sekundiert die FAZ. Nach dem jüngsten offenen Brief, der Israels Ausschluss von der Biennale in Venedig fordert, fragt die Welt die Unterzeichner: Regimetreue Kunst aus Katar und Saudi-Arabien ist aber okay? Die FAZ stellt in Amsterdam genervt fest: Die Zukunft der Oper ist nur noch politisch, queer und of colour. Die SZ erlebt dank Omer Meir Wellber in Hamburg einen ganz neuen Mozart.