Efeu - Die Kulturrundschau

Die besten Kritiken vom Tage. Wochentags um 9 Uhr, sonnabends um 10 Uhr.

Der kollektive Boyfriend des Internets

07.03.2026. Im Gespräch mit der Literarischen Welt bekennt Michel Houellebecq, wie wenig er vom Konzept der Freiheit hält. Das Frankfurter Städel sammelt jetzt Spenden, um eben jene Freiheit zu behalten. Kann das gelingen, fragt sich die FAZ. Die NZZ bewundert an der Sagrada Familia den höchsten Kirchturm der Welt, der pünktlich zu Antoni Gaudis hundertstem Todestag fertig geworden ist. Der Standard verpasst sich einen Serotonin-Schub mit dem neuen Album von Harry Styles

Woher kommt dieser Aufbruchsgeist?

06.03.2026. Die NZZ lernt im Kunsthaus Zürich dank Kerry James Marshall, wieviele Schwarztöne es gibt. Artechock und FAZ applaudieren Kristen Stewart, die in ihrem Regiedebüt "The Chronology of Water" wahre Wunder vollbringt. Die FAZ betrachtet in Kopenhagen die frühen Schädel von Jean-Michel Basquiat. Und die Feuilletons trauern um den großen Schriftsteller António Lobo Antunes

Das Wimmern eines Theremin

05.03.2026. Tricia Tuttle darf bleiben, muss aber künftig mit einem "beratenden Forum" arbeiten und sich an einen Verhaltenskodex halten. Es bleibt dennoch ein Drahtseilakt, wie in Zukunft mit Antisemitismus auf der Berlinale umzugehen ist, glauben Welt und taz. Gegenwartskunst in den USA strahlt vor allem Trauer und Verzweiflung aus, bemerkt die FAZ auf der Whitney Biennale in New York. Die Zeit ravt zu Harry Styles' kosmischen Unterwasserortungsgeräuschen. Und alle trauern um Peter Schneider, der die jungen Linken aus dem eisernen Gehäuse der Theorien befreite, wie die Zeit schreibt. 

Christus in der Weinpresse

04.03.2026. Tricia Tuttle will bleiben, aber damit ist die jüngste Berlinale-Aufregung noch nicht vorbei. Die FAZ warnt Wolfram Weimer vor einem allzu rigiden Verhaltenskodex, auch die taz stellt sich hinter Tuttle. Die Welt schimpft über Theaterstücke, die sich in selbstgerechter AfD-Kritik gefallen. Die FAZ bejubelt eine hochkomische Wiener Gassmann-Oper, die das Publikum zum Zahnarzt schickt. Die SZ weiß, warum keiner mehr nach Berlin will. Peter Schneider ist tot - wir verlinken erste Nachrufe.

Mit entwaffnender Zärtlichkeit

03.03.2026. Was früher Charlie Parker in der Musik leistete, könnte heute die KI übernehmen, ist Gitarrist Pat Metheny in der SZ überzeugt. Tricia Tuttle hält an ihrem Posten als Berlinale-Leiterin fest, verrät sie nicht etwa den Feuilletons, sondern der dpa. SZ und NZZ feiern den Tabubrecher Gustave Courbet in Wien. Die FR schaudert genussvoll in George Benjamins Oper "Written on Skin" beim Anblick einer Frau, die unwissentlich das Herz ihres Liebhabers verzehrt. Die Welt verliebt sich in die dem Tastsinn schmeichelnden ökologischen Bauten Anupama Kundoos.

Auf dem Plüschsofa des Dr. Freud

02.03.2026. In der Rheinischen Post erklärt Wolfram Weimer, Berlinaleleiterin Tricia Tuttle habe ihre Position selbst infrage gestellt - wegen der vergifteten Atmosphäre. Die Theaterkritiker lassen sich in Essen von Shirley Jacksons "The Lottery" in der Regie Marie Schleefs in den Bann ziehen. Sarah Engels wird Deutschland beim ESC vertreten, meldet der Tagesspiegel, die Welt räumt ihr durchaus Chancen ein. Die FAZ bestaunt im Jüdischen Museum Wien Arten und Kunstwerke des Vergessens. Dieter Rams ist für Design das, was Kraftwerk für die Musik ist, ruft die SZ.

Rot macht high

28.02.2026. Alles Farbe hier, staunt die FAZ in der Hagener Rupprecht-Geiger-Retrospektive. In Ulm erliegt sie Donizetti und zwei Stimmwundern. Die taz stellt den Schauspieler Thomas Schmauser vor, der auf der Bühne zwischen sieben Tiger springt. Die FAS fragt sich, warum Nelio Biedermann bei den Kritikern so beliebt ist: Weil er als Schriftsteller aus der Gen Z old school schreibt? Die NZZ wünscht sich eine Berlinale ohne Realpolitik, und in der FAZ warnt Roland Weißmann, Generaldirektor des ORF: Der Eurovision Song Contest ist kein politisches Tribunal.

Ort einer stillen, selbstbestimmten Verwandlung

27.02.2026. Tricia Tuttle ist nicht von Wolfram Weimer abgesägt worden, wie die Bild behauptete. Sollte sie gehen, hätten die Gesinnungsprüfer gewonnen, meint die FAZ. Die Kunstkritiker widmen sich den Übersehenen: Die FAZ hofft, dass die Surrealistin Leonora Carrington dank einer Schau in Paris auch in Europa anerkannt wird. Monopol entdeckt in London ganz unbekannte queere Surrealisten. Und der Tagesspiegel lernt in Potsdam: Es gab auch deutsche Impressionistinnen. Spätestens 2032 soll auch die Berliner Philharmonie zwecks Sanierung die Pforten schließen, stöhnt der VAN.

Das Resultat von kleinen Unendlichkeiten

26.02.2026. Muss Tricia Tuttle nach dem Berlinale-Eklat gehen? Das wäre das Ende des Festivals, finden unter anderen Artechock und FR. Die Zeit wird in Zürich süchtig nach den "Sudokus in Farbe" des Schweizer "Konkreten" Richard Paul Lohse. Die FAZ ist überwältigt von der "Urwut" in Anne Haugs Basler Adaption von Fritz Zorns Buch "Mars". Die Musikkritiker trauern um die Komponistin Eliane Radigue, die mit ihrer Drone-Musik "Räume von transparenter Tiefe" schaffte. 

Eindeutig dunkles Wissen

25.02.2026. In der SZ erzählt Judith Hermann, wie sie sich auf die Spuren ihres Nazi-Großvaters in Polen begab und mit leeren Händen zurückkam. Der Guardian bestaunt in London das makabre Werk der kolumbianischen Künstlerin Beatriz Gonzalez, die die blutigen Verbrechen ihrer Heimat auf Bettlaken bannte. Die FAZ gratuliert Lloyd Riggins, der die Ballettkompanie in Hamburg ins 21. Jahrhundert führt. Und die Zeitungen huldigen Franz Xaver Kroetz zum Achtzigsten, auch wenn der nichts davon wissen will.